SchreibWerkstatt
Neue Texte Frankfurter Autoren
132. PRO LESEN - Themenwoche 18.5.2026 – 23.5.2026 im Bibliothekszentrum Sachsenhausen, Obergeschoss
Büchertisch und Lesung am Donnerstagabend
Logbuch Deutsch
Die präzise deutsche Sprache und ihre Verächter
Denken, verstehendes Lesen, ausdrucksvolles Reden und Schreiben sind die Basis von Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe.
Donnerstag, 21.5.2026, 19.00 - 20:30 Uhr
Donnerstagabend Studio
Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich nur klar sagen
Wir lesen und erklären Texte von Roland Kaehlbrandt, Peter Eisenberg und Ludwig Wittgenstein.
Anschließend Publikumsgespräch
Eintritt frei

„Wir sollten alles daran setzen, dass in einem gesunden Körper auch endlich einmal ein gesunder Geist wohnt.“
Der Stellenwert des Sports scheint in der Gesellschaft groß zu sein. Selbst im fortgeschrittenen Alter wird man gefragt, wie man sich fit hält. In der Regel gehe ich auf gutgemeinte Ratschläge nicht ein. Hin und wieder jedoch ist es notwendig, das eine und andere klarzustellen.
Bereits als Grundschüler wurde ich zum überzeugten Fußgänger. Der morgendliche Schulweg war 1,5 km lang, der Rückweg am Nachmittag genauso. Ich benötigte dafür jeweils 11 bis 12 Minuten. Bevorzugtes Ziel in der Freizeit war der Volkspark im Nachbarort mit Schaukeln und Klettergerüsten; die Entfernung betrug etwa 2 km. Auch allfällige Besorgungen (Schreibwarengeschäft, Zeitschriftenkiosk, Stadtbücherei) erledigte ich ausschließlich zu Fuß. Normalerweise ließ ich mir auf sämtlichen Pfaden und Wegen ausreichend Zeit. Denn ich wollte bei diesen Gelegenheiten meine Umgebung genau kennenlernen. Ähnlich wie der Bergsteiger Reinhold Messner kann ich behaupten, mir die Welt erschritten zu haben.
Als ich aufs Gymnasium kam, wurden die Wege länger. Zunächst musste ich mit dem Zug aus der Vorstadt zum Hauptbahnhof in der Innenstadt fahren. Den musste ich morgens um 7:20 Uhr unbedingt erreichen - und er war stets pünktlich. Das galt damals eigentlich für die gesamte Deutsche Bundesbahn. Es änderte sich erst, als politische Ideologen sie zur Privatisierung freigaben. In der Innenstadt angekommen, musste ich einen Fußweg von knapp zwei km zum Gymnasium zurücklegen . Das war unter günstigsten Bedingungen im Dauerspurt in zwölf Minuten zu schaffen. Durch das Training auf dem täglichen Schulweg wurde ich zum Schnellgeher, gar zum Läufer, der auch im Schulsport, vor allem in der Leichtathletik, erfolgreich war. Zunächst beim 75-Meter- und später beim 100-Meter-Lauf. Ebenso beim Weitsprung und beim Dreisprung. Bei den Bundesjugendspielen 1963 lief ich die 100 Meter in 11,3 Sekunden. Damit erzielte ich 48 Punkte, ab 40 Punkten gab es eine Siegerurkunde. Beim Weitsprung (4,75 m) kamen um 20 Punkte hinzu. Beim Kugelstoßen versagte ich wegen technischer Unbeholfenheit. Dennoch war mir eine Ehrenurkunde sicher. Das setzte sich fort bis in die Unterprima.
Mein Jugendfreund Heinz, der mit Begeisterung Leichtathletik betrieb, überredete mich dazu, seinem Sportverein beizutreten. Dort konnte ich mir tatsächlich viele Techniken aneignen, sodass bei maximal gleichem Kraftaufwand die Ergebnisse noch besser wurden. Das Klima im Verein war durchaus kameradschaftlich. Doch die Gespräche zwischen den Übungen waren aus meiner Sicht einseitig: Leistung, Leistungsverbesserung, Bezirksmeisterschaft, Landesmeisterschaft. Ich hingegen habe mir Themen gewünscht, die mir näher lagen: Bücher, Vorgänge in der Stadt und in der Politik. Doch ich fand in diesem Milieu keine Gesprächspartner. Zufällig stieß ich auf einen Satz des römischen Satiriker Juvenal: „Wir sollten alles daran setzen, dass in einem gesunden Körper auch endlich einmal ein gesunder Geist wohnt.“ Er beflügelte mich, dem institutionalisierten Sport zu entsagen. Seither beschränke ich mich auf das zügige Gehen.
Meine Wahlheimat Frankfurt bietet dafür ideale Voraussetzungen: ein Netz an Gehwegen, Fußgängerzonen mit direkter Anbindung an Straßenbahnen, Bussen, U- und S-Bahnen. Wenn ich mir mal wieder eine Kiste neuer Bücher kaufe, ist ein Taxi zur Stelle. Fahrräder, E-Scooter oder Autos sind entbehrlich. Irgendwie wirken sie wie Zeugen aus der frühindustriellen Zeit. Genauso wie ihre politischen Befürworter.
Bleiben Sie standhaft.
Ihr Klaus Philipp Mertens

