Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Vom Geist der Zeit

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SchreibWerkstatt

Neue Texte Frankfurter Autoren

Hanns - Martin Dorenkamp: Der Jakobiner-Club

Das PRO LESEN - Thema

Heimito von Doderers Projekt „Roman No 7“

 

 

90. PRO LESEN-Themenwoche
Geplant für die Woche vom 14. – 19. September 2020 im Bibliothekszentrum Sachsenhausen unter der Voraussetzung, dass die Corona-Pandemie es zulässt

Heimito von Doderers Projekt „Roman No 7“
Das unvollendete Spätwerk

 

Lesung am 17. September, 19:30 - 22:00 Uhr
Heimito von Doderer: Die Wasserfälle von Slunj (Auszüge)

Anschließend Publikumsgespräch
Eintritt frei

Sämtliche Veranstaltungen stehen unter den Vorgaben des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt a. M. zur Corona-Gefahrenabwehr. Hierzu folgen Ende August/Anfang September detaillierte Informationen.

 

 

 

 

Einfache Sprache? Nein danke!

Anmerkungen zum Projekt „Einfache Sprache“ des Literaturhauses Frankfurt

 

Liebe Leserinnen und Leser,
 

um Sprache verstehen zu können, muss man sie vollständig, also einschließlich ihrer diversen Nuancierungsmöglichkeiten, erlernt haben. Wem das nicht möglich war, beispielsweise, wenn die schulischen und familiären Rahmenbedingungen schlecht waren, wird auch Probleme mit einer reduzierten Sprache haben. Denn was soll man weglassen, um vermeintlich verständlich zu schreiben und zu sprechen? Die literarisch gut Informierten können sich vermutlich noch an die „Reader’s Digest Auswahlbücher“ erinnern. Es waren Unterhaltungsromane, die sogar noch um ihre bescheidenen literarischen Bestandteile entkernt waren.
 

Falls Sprache einfach sein soll, müsste alles, was sie beschreibt, lediglich von einfacher Beschaffenheit sein. Denn andernfalls wären die Tatsachen des Lebens und die Sprache, in der sie wiedergegeben werden, von unterschiedlicher Essenz. Sprache soll ihrem Zweck nach das beschreiben, was tatsächlich vorhanden ist. Das Äußere und seine tiefergehende Bedeutung, alles, was die Welt ausmacht. Und zu dieser Welt zählen die Menschen, ihre Befindlichkeiten und Handlungen, die vielfältige Natur sowie die Entwicklungsgeschichte der Welt und ihrer Lebewesen samt der erhofften und zu gestaltenden Zukunft. Eine einfache Sprache hingegen müsste die Wirklichkeit auf das oberflächlich Verständliche reduzieren und dadurch die Gefahr heraufbeschwören, dass im Anschluss nicht weiter nachgedacht und nachgefragt würde. Sie müsste ohne Zwischentöne auskommen, nur ein Entweder – Oder zulassen. Ihre Aussagen müssten auf die notwendige permanente (selbstkritische) Reflexion verzichten.
 

Doch Sprache ist Kommunikation auf der Basis höchstmöglicher Abstraktion bei gleichzeitiger umfassendster Tiefführung. Damit sie die Komplexität alles real Vorhandenen, Gewesenen und Gedachten wiedergeben kann, muss sie selbst komplex angelegt sein. Denn sie ersetzt, was in frühen Stadien der Menschheitsgeschichte in Form langer Bildreihen gezeichnet wurde, um Ereignisse erzählbar zu machen. Doch der Erzähler, der sich dieser Bilder als Anschauungsmaterial bediente, konnte sie auch völlig anders deuten. Die Umwandlung der Bilder zu Bildzeichen und schließlich zu Wörtern und Wortverbindungen, deren Anwendung gewachsenen Regeln unterliegt, bedeutet auch die strikte Reduzierung von willkürlichem, also einseitigem und verfälschendem, Umgang mit Sprache. Unter identischen Voraussetzungen angewandt, verlieren ihre Worte, deren Synonyme, Wortverbindungen und ihre grammatikalischen Regeln nichts von ihrer Bedeutung. Sie sind klar ohne schlicht und dadurch manipulierbar zu sein. Ohne ihre Strukturgesetze ließen sich weder schöngeistige noch wissenschaftliche Texte verfassen.
 

Wenn Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, eine so genannte „Einfache Sprache“ fördern will, um bislang Ausgeschlossene (vermutlich Bildungsferne und Zuwanderer) für die Literatur zu gewinnen, schafft er exakt dadurch die Bedingungen für deren endgültige Deklassierung. Statt auch jenseits der allgemeinbildenden Schulen Voraussetzungen für das stufenweise Erarbeiten von Sprache und Literatur zu ermöglichen (und Sprache sowie die aus ihr hervorgehende Literatur müssen, wie ich noch einmal betone, gelernt werden), idealisiert er einen unerträglichen Zustand, nämlich eine Spracharmut, für die es keine Rechtfertigung gibt. Da hilft es auch nicht, wenn er Literatur in „Einfacher Sprache“ mit einem Federstrich zur Kunst erhebt.
 

Sein dazu bemühter Vergleich mit der Architektur des Bauhauses verkennt das Wesentliche der Ansätze von Henry van de Velde und Walter Gropius. Denn das Bauhaus verzichtete auf äußere Schnörkel nicht um einer vermeintlichen Einfachheit willen, sondern weil es innen ein Optimum an kreativer Arbeit ermöglichen wollte, konkret durch die Zusammenführung von Handwerk und Kunst. Der Grundgedanke des Bauhauses war die Abkehr von der unbegrenzten industriellen Reproduzierbarkeit und die neue Hinwendung zum präzisen Schaffen mit individuellen Akzenten. Und dieser Geist sollte sich auf die äußere Form übertragen, die unbegrenzte Offenheit assoziierte.
 

In Frankfurt erleben wir derzeit beim Streit um einen Neubau von Schauspielhaus und Oper, dass ein Axiom der Architekturtheorie, nämlich die Vermittlung des (künstlerischen) Innenlebens durch eine angemessene, also reflektierende, Gestaltung des Äußeren, nicht mehr beachtet wird. An seine Stelle tritt der Wunsch nach äußerem Schein bei gleichzeitiger Geringschätzung dessen, was auf der Bühne zur Sprache kommt.
 

Hauke Hückstädt bewegt sich mit seiner Art von Literaturverständnis auf dieser Ebene gesellschaftlich akzeptierter Sprachlosigkeit. Die Inschrift am Portal des Frankfurter Literaturhauses erinnert an die wiedererlangte Freiheit (nach den napoleonischen Kriegen). Es hat den Anschein, dass heutzutage damit die Freiheit zu jedweder Beliebigkeit gemeint sein könnte, sie muss nur schlicht genug sein.

 

 

Bleiben Sie kritisch, neugierig und uns gewogen.
Und achten Sie auf Ihre Gesundheit.
Ihr Klaus Philipp Mertens