Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Vom Geist der Zeit

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82. PRO LESEN - Themenwoche Mai 2019

Religionsfreiheit contra Freiheit von Religion?
Plädoyers für die Säkularisierung des Religiösen

 

Ausstellung / Büchertisch
20. – 25. Mai 2019
im Bibliothekszentrum Sachsenhausen

 

Donnerstagabend-Lesung
mit Publikumsgespräch
am 23. Mai, 19:00 – 20:30 Uhr:

Wir lesen Ausschnitte aus:

Horst Dreier: Staat ohne Gott

Ahmad Mansour: Klartext zur Integration

Philipp Möller: Gottlos glücklich

 

 

Eintritt frei

Konservierung von Vergangenheit oder Einlösung vergangener Hoffnung?

 

Liebe Leserinnen und Leser,
sehr geehrte Damen und Herren,

 

religiöse Menschen jeglicher Konfession sollten sich Zurückhaltung bei der öffentlichen Zurschaustellung und Proklamation ihres Glaubens auferlegen. Auch falls sie selbst uneingeschränkt von dessen Inhalten überzeugt sind, werden sie nie einen Wahrheitsbeweis antreten können. Denn die heiligen Schriften der Juden, Christen, Muslime und aller anderen Religionen sind allesamt von Menschen verfasst worden. Diese mögen in besonderer Weise inspiriert gewesen sein. Vielleicht durch ein jahrelanges intensives Nachdenken über den Sinn menschlicher Existenz; vermutlich auch, weil sie dabei an Grenzen gestoßen sein dürften, die sich mit dem Verstand nicht überwinden lassen. Der Ersatz des Verstands durch einen hypothetischen Gott ist jedoch keine Lösung des Erkenntnis-Problems.
Zudem waren alle schreibenden Zeitzeugen und Propheten auch Kinder ihres jeweiligen Zeitalters. Und sie haben dessen Wertvorstellungen übernommen – und sei es, um diesen ihre eigenen – vermeintlich besseren – entgegen zu stellen.
 

Die Hebräische Bibel, also das Alte Testament der Christen, ist im Verlauf von mehr als eintausend Jahren entstanden. Selbst historisch belegbare Ereignisse wurden darin unterschiedlich dargestellt. Die Legende von der Schöpfung der Welt existiert in zwei Fassungen, die sich in wesentlichen Punkten voneinander unterscheiden. Die späteren Redakteure der Bibel (nach Rückkehr der Israeliten aus dem Babylonischen Exil – etwa ab 539 vor Christi) haben diese Abweichungen bewusst stehen gelassen. Damit wollten sie den jahrhundertelangen dynamischen Prozess andeuten, innerhalb dessen diese Schriften entstanden waren. Ebenso wie sie auch den Gottesbegriff für nicht festschreibbar hielten. Der zwar für real gehaltene Gott Israels bezeichnete sich in der Überlieferung als „Ehjeh ascher ehjeh“ – „Ich bin der Ich bin da“ (Exodus 3, 14). Das klingt nicht nach einem allmächtigen Schöpfer aus dem Gestern, eher nach einem Wesen, das aus der Zukunft spricht. Möglicherweise ist damit der Mensch gemeint, der auf einer bestimmten Stufe seiner Entwicklung die positiven Charakterzüge einer Gottesvorstellung annehmen wird. Adorno und Horkheimer äußerten in diesem Zusammenhang: „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“ (Dialektik der Aufklärung).
 

Das aus einem innerjüdischen Konflikt entstandene Christentum beruft sich einerseits auf eine Heilsgeschichte, die bereits im Alten Testament bezeugt sei, und andererseits auf die Person Jesu, der wahrer Mensch und wahrer Gott gewesen sein soll. Der protestantische Theologe Rudolf Bultmann (1884 - 1976) gab jedoch zu bedenken: „Freilich bin ich der Meinung, dass wir vom Leben und der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen können, da die christlichen Quellen sich dafür nicht interessiert haben, außerdem sehr fragmentarisch und von der Legende überwuchert sind, und da andere Quellen über Jesus nicht existieren“ (Rudolf Bultmann: Jesus; zitiert nach der dritten Auflage, Tübingen 1977). Bultmann gilt in der Theologie als der Initiator der Entmythologisierung des Neuen Testaments, bei der er die Methoden zur historisch-kritischen Erforschung der Bibel konsequent anwendete („Neues Testament und Mythologie“, Marburg 1941).
 

Es ist unschwer zu erkennten: Religionen können die ethischen Überzeugungen der Menschen positiv beeinflussen und dadurch spirituellen Halt geben. Beim alttestamentlichen (!) Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ handelt es sich zweifellos um den kategorischen Imperativ des Altertums, der für alle Zeiten gültig ist. Manch andere religiöse Regeln hingegen greifen in die Gestaltungsfreiräume so tiefgreifend ein, dass sie den Menschen faktisch für unmündig erklären. Ihr Entstehen war zeitbedingt, die Zeiten jedoch haben sich erheblich verändert. Zu denken ist an Bekleidungs- und Speisevorschriften, an die Stellung der Frau, an die Gleichstellung der Homosexuellen, an sexuelle Moral überhaupt, aber auch die Anerkennung weltlicher Herrschaft. Solche Gesetze konservieren lediglich uralte und längst überholte Vorstellungen. Mit der Entwicklung der Menschheit und der Gesellschaft konnten sie nicht Schritt halten. Die europäische Aufklärung hat sich diese Auffassung im Wesentlichen zu eigen gemacht. Das Reformjudentum sowie die protestantische und katholische Theologie haben das prinzipiell akzeptiert, zumindest im akademischen Raum. Im Gemeindealltag ist hat sich das leider nicht durchgängig ausgewirkt.
 

Im öffentlichen Raum ist dennoch das Plakativ-Religiöse kaum noch zu bemerken. Eine Ausnahme bilden Muslime, die seit 50 Jahren und mehr in Deutschland einwandern. In der Kombination mit der Einhaltung fundamentalistischer religiöser Vorschriften (Kopftuch, Verschleierung), Bildungsferne und unkritischem Vertrauen auf weltliche und geistliche Autoritäten erwächst daraus ein gesellschaftliches Problem.
 

Zwar schützt das Grundgesetz die religiöse Überzeugung – bis hin zu der Grenze, wo die schützenswerten Überzeugungen anderer beginnen. Die Freiheit für Religion kollidiert immer häufiger mit dem legitimen Anspruch Andersdenkender, vor Religion im öffentlichen Raum geschützt zu werden.
 

Darum geht es beim PRO LESEN-Thema im Mai.
 

Bitte bleiben Sie neugierig, kritisch und uns gewogen.
Klaus Philipp Mertens