Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Von „Kulturschaffenden“ und „Arbeitern der Stirn“

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Die Grünen am Scheideweg

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Das blau-braune Milieu stilisiert sich zum Opfer

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Vom Geist der Zeit

Paraguay

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I Das Weltgericht – die Fresken von Landasberg

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Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels am 28. November 2020

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Gedicht von Ernst Hilmer

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Erinnerung an Otto Flake, der am 10. November 1963 starb

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Buchtipps

Ausgrenzung und Stigmatisierung

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Warum wir eine neue Wirtschaft brauchen

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Gotthold Ephraim Lessings letzte Tage

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In Lutz Büges Thriller „Evan“ befindet sich die amerikanische Demokratie am Rand des Abgrunds

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Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten

Von Peter-André Alt

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SchreibWerkstatt

Neue Texte Frankfurter Autoren

Johannes Haan
Giganten stürzen tief
Polit-Thriller

Die Themenplanungen für das erste Quartal 2021

Lutz Büge & Susan Szabo & Heimito von Doderer & Hermann Sinsheimer

 

Autorenlesung
Doppelmord an der Uni
In den Abgründen des grauen Medikamentenmarkts
Kriminalroman von Susan Szabo

 

Autorenlesung
VIRENKRIEG-Zyklus von Lutz Büge
Band 4: Evan
Band 5: McWeir

 

Heimito von Doderer
Ein Mord, den jeder begeht

 

Hermann Sinsheimer
Was ich lebte, was ich sah

Briefe und Theaterkritiken

 

Die endgültige Themenauswahl und deren Terminierung kann erst Ende Dezember 2020 erfolgen

 

 

 

 

 

 

 

Amerikanische Sagen – amerikanische Tragödien

Von Patrioten, Populisten, Präsidenten

 

Liebe Leserinnen und Leser,
 

der Mann, von dem hier zunächst die Rede ist und dessen Name Wyatt Earp lautete, ging vielen Berufen, aber stets einem Prinzip nach, dem des eigenen Vorteils. Er war Postkutschenfahrer, Büffeljäger, Saloonbesitzer, Teilhaber eines Bordells, Eigentümer einer Goldmine und Revolvermann („Gunman“). Regelmäßig verdiente er am Glücksspiel und versah häufig parallel dazu das Amt eines Polizeichefs (Marshal) bzw. das eines vereidigten Polizisten (Deputy-Marshal) in mehreren Städten des „wilden“ Westens der USA. Earp verstand diese Positionen, zu denen er trotz seiner vielfach halbseidenen Betätigungen gelangte, als die Fortsetzung seiner Geschäfte mit anderen Mitteln.
 

Im Sommer 1890, in der Mitte seines durchaus erfolgreichen Lebens, schrieb Wyatt Earp mit Hilfe eines Ghostwriters seine Memoiren, die zur allmählichen Verklärung seiner Person beitrugen. Auf dieses Buch folgten unzählige Heldengeschichten um den Westmann Whyat Earp, zumeist in der Form der „Dime Novel“ (Trivialromane, Heftromane). Bereits ab den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts galt er vielen seiner amerikanischen Landsleute als untadelig und integer. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog er nach Hollywood, wo er die Bekanntschaft einiger berühmter Schauspieler machte. Im Jahr 1926 traf er bei Dreharbeiten mit dem Nachwuchsschauspieler Marion Robert Morrison zusammen, der später unter dem Namen John Wayne bekannt wurde.
Am 13. Januar 1929 starb Wyatt Earp im Alter von 80 Jahren in Los Angeles. Die Westerndarsteller William S. Hart und Tom Mix waren unter seinen Sargträgern.
 

John Wayne gestand später ein, dass das Zusammentreffen mit Earp sein Selbstverständnis als Westerndarsteller geprägt habe. Inwieweit sich seine politische Einstellung an der seines Vorbilds Wyatt Earp orientierte, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Earp bezeichnete sich zumindest in seinen späteren Jahren als amerikanischer Patriot. Mutmaßlich, um dadurch seine kriminelle Karriere zu verschleiern und seine Geschäfte zu befördern.
 

Bei John Wayne äußerte sich der Patriotismus beispielsweise daran, dass er 1960 der rechtsgerichteten John Birch Society beitrat und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater unterstützte, der als reaktionärer Hardliner galt und 1964 dem Amtsinhaber Lyndon B. Johnson unterlag. Außerdem setzte er sich noch kurz vor seinem Tod für den ebenfalls rechtsgerichteten Schauspielerkollegen Ronald Reagan ein, der 1980 Präsident der USA wurde.
 

Wayne, der den Vietnamkrieg rechtfertigte, hatte auch kein Problem mit dem Genozid an den Ureinwohnern, den Indianern. „Ich denke nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben, als wir ihnen dieses große Land weggenommen haben. Da waren eine Menge neuer Menschen, die viel Land brauchten. Die Indianer waren egoistisch und wollten es behalten“ äußerte er in einer öffentlichen Diskussion. Seine rassistischen Vorbehalte gegenüber Schwarzen gab er unumwunden zu: „Ich glaube so lange an die weiße Überlegenheit, bis die Schwarzen gebildet genug sind, Verantwortung zu übernehmen.“
 

Donald Trump, der am 20. Januar 2017 nach seinem deutlichen Wahlsieg über Hillary Clinton in das Präsidentenamt eingeführt wurde, fiel bereits vor dem Wahlkampf durch Verhaltensweisen auf, die weder mit der Idealvorstellung von einem US-Präsidenten noch mit dem von ihm proklamierten „America first“ übereinstimmten. Vielmehr aber mit der inoffiziellen und insgeheim verkündeten Parole „Trump first“. Dieses besondere Verständnis von Amt und den dazu gehörenden Pflichten zog sich durch seine gesamte vierjährige Präsidentschaft. Als um den 10. November dieses Jahres herum seine Niederlage gegen den Demokraten Joe Biden feststand, gebärdete er sich trotzköpfig wie ein einsamer Cowboy, der gegen das ihm zugefügte Unrecht ankämpfen müsste. Ein Opfer von Betrug und Missgunst, das seinen eigenen Untergang nur zusammen mit dem Untergang des Landes, gar der gesamten Welt würde ertragen können. In diesem Punkt erinnern sein Egoismus, seine Unbeherrschtheit und Unbelehrbarkeit an die Filmrollen und Überzeugungen von John Wayne.
 

Für diese Haltung findet er Beifall. Nicht nur in den USA, sondern auch bei anderen Autokraten. Und ganz offensichtlich schlagen auch in Deutschland die Herzen von AfD-Anhängern und quersinnigen Querulanten für ihn und seinesgleichen.
 

Bleiben Sie kritisch gegenüber dem allzu Populären,
Ihr Klaus Philipp Mertens