Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Zurück zu Frankfurts schlechten Vorbildern

Weiterlesen

Gerüchte aus dem Frankfurter Ratskeller. Eine Realsatire

Weiterlesen

Und alle Fragen sind offen

Weiterlesen

Vom Geist der Zeit

Die Frankfurter Kommunalwahl im Spiegel eines Lyrikers

Weiterlesen

Vor 60 Jahren begann die Gründung der „Dortmunder Gruppe 61“

Weiterlesen

Das Angebot von Wikipedia

Weiterlesen

Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels am 28. November 2020

Weiterlesen

Buchtipps

Klaus Jürgen Schmidts Rückblick auf seine bewegten Jahre im Hörfunk

Weiterlesen

Ausgrenzung und Stigmatisierung

Weiterlesen

Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten

Von Peter-André Alt

Weiterlesen

Kultur-Nachrichten

Gedenktage im März

Weiterlesen

Geschichten von Jung und Alt

Weiterlesen

SchreibWerkstatt

Neue Texte Frankfurter Autoren

Ernst Hilmer

Das PRO LESEN - Thema im März 2021

„O ewich is so lanck“ - Erinnerung an Georg von der Vring

 

Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen bleibt das Bibliothekszentrum Frankfurt-Sachsenhausen bis voraussichtlich Ende August geschlossen. Wir werden deswegen geplante Lesungen und Vorträge im monatlichen Rhythmus an dieser Stelle vorstellen und darauf hoffen, sie ab dem Spätsommer in gewohnter Weise in der Bibliothek durchführen zu können.
 

Im März erinnern wir an den Lyriker und Romancier Georg von der Vring, dessen Todestag sich am 1. März zum 53sten Mal jährt. Er zählt zu den fast vergessenen deutschen Dichtern, obwohl seine Naturlyrik mehr als sechzig Jahre die deutsche Literatur prägte.

 

Der Lockdown entlässt seine Kinder

Über eine herbeigeredete Katastrophe, die eine wirkliche verschleiern soll

 

Liebe Leserinnen und Leser,
 

der Lockdown entlässt seine Kinder - anscheinend ins Elend, wie systemimmanente Bedenkenträger meinen. Denn wegen der Corona-bedingten Auszeit drohe Schülern aller Altersstufen das Aus – psychisch und elementar. So auch die Meinung einiger Bildungsexperten, deren fachliche Reputation allerdings nicht erkennbar ist. Sie malen das Bild einer verlorenen Generation ohne Zukunft an die Wand.
 

Parallel dazu konkretisieren Forscher, die von mächtigen Wirtschaftsverbänden bezahlt werden, die angebliche Ausweglosigkeit. Nach einem knappen Jahr mit Homeschooling, permanentem Lüften beim Präsenzunterricht und drastischer Freizeitregulierung seien Karrierenachteile, Einkommensverluste und letztlich Altersarmut höchstwahrscheinlich. Die Apologeten des Neoliberalismus überbieten sich mit kaum belegbaren Prophezeiungen, die apokalyptische Ausmaße annehmen. Und kehren auf diese Weise die Grundprobleme der deutschen Bildungsmisere sowie des vielerorts herrschenden Arbeitsalltags unter den Teppich aus Schweigen.

Kein Wort über bewusst unterfinanzierte Schulen, mangelhafte Talentförderung, fehlende Rezepte gegen die bedrohliche Bildungsferne eingewanderter sowie traditionell benachteiligter Familien, befristete Arbeitsverträge trotz akademischer Qualifikationen und sklavenähnliche Leiharbeit. Ebenso wird verschwiegen, dass die Digitalisierung eines weitaus höheren Allgemeinbildungsniveaus bedarf, als es der Umgang mit Facebook & Co erfordert.
Man gewinnt den Eindruck, als hätten sich während des Lockdowns sämtliche nur denkbaren Katastrophen, von Verdun über Stalingrad, die NS-Vernichtungslager bis zu Hiroshima, binnen kürzester Zeit erneut ereignet und Millionen junger Menschen Leben, Gesundheit und Perspektiven gekostet.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Lockdown, also das Minimieren persönlicher Kontakte, war der Versuch, in öffentlichen und privaten Bereichen Achtsamkeit und Rücksicht einzuüben. Mit dem Ziel, dass angesichts einer pandemischen Seuche möglichst vielen Gesundheit und Leben erhalten bleiben sollten und sollen. Dieser Versuch ist noch nicht abgeschlossen. Denn das Virus grassiert weiter, vermochte sogar, noch ansteckendere und möglicherweise noch gefährlichere Mutanten hervorzubringen. Um die zivile Disziplin war und ist es zudem nicht gut bestellt. Sowohl menschenverachtende organisierte Querulanten als auch der unverantwortliche Leichtsinn eines nennenswerten Teils der Mitbürger haben bereits fast 60.000 Tote gefordert. Und die Anzahl derer, die unter gesundheitlichen Langzeitfolgen werden leiden müssen, lässt sich noch nicht quantifizieren. Menschenrechte und Freiheitsrechte, deren Fehlen während des Lockdowns von antidemokratischer Seite beklagt wurde und wird, sind mehr als jener banale Hedonismus, den schlichte Gemüter hervorbringen.

 

Im Gewirr sich widersprechender Informationen bzw. Desinformationen sind Schüler zweifellos in besonderer Weise belastet. Mangels Lebenserfahrung und häufig wegen unzureichender pädagogischer Anleitung vermögen sie nicht immer auf Anhieb alles zu durchschauen. Und wer bereits während der so genannten normalen Verhältnisse häufiger an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit geraten ist, zeigt in Ausnahmesituationen häufig Auffälligkeiten. Dem nicht seltenen Frust über Eltern, Lehrer und dissoziales Verhalten von Gleichaltrigen hat Corona jetzt noch eine Krone aufgesetzt. Das hat das Leben nicht einfacher gemacht.

Aber es gibt keinen Anlass zu Mutlosigkeit, Verzweiflung oder gar zur Kapitulation vor den Herausforderungen. Noch ist niemand verloren. Nicht die Schüler, nicht die Eltern, nicht die gesamte Gesellschaft. Und darum sollten sie sich keine Dummheiten einreden lassen.

 

Bleiben Sie wachsam,
Ihr Klaus Philipp Mertens