SchreibWerkstatt
Neue Texte Frankfurter Autoren
135. PRO LESEN-Themenwoche 16. – 21. November 2026
Büchertisch und Lesung
Bibliothekszentrum Sachsenhausen, Obergeschoss
Autoren zu Gast bei PRO LESEN:
Robert Maier
den wir zum dritten Mal begrüßen.
19. 11. 26, 19:00 – 20:30 Uhr
Literarisches Donnerstagabend Studio
Rober Maier liest aus
„Handkäs Masala“
Mit Publikumsgespräch
Eintritt frei

Ist „Gen Z“ konterrevolutionär?
Der friedlichen Demonstration von „Gen Z“ folgte in Frankfurt am Abend des 31. Oktobers eine fürchterliche Randale. Nach Angaben der Polizei waren daran nur wenige Teilnehmer des ursprünglichen Marschs durch die Innenstadt beteiligt. Vielmehr nutzten Linksradikale und unpolitische Jugendbanden aus migrantischen Milieus die Gelegenheit zu gewaltsamen Krawallen. Die Eigenschaft „linksradikal“ wurde von den Innenministern Hessens und der Bundesrepublik nicht genauer definiert.
Wie kann es sein, dass eine politische Gruppe wie „Gen-Z“, die offiziell demokratische Regeln akzeptiert, so unterwandert werden kann? Liegt es an ihren inhaltlichen Konzepten? Oder an ihrer Organisationsstruktur, die tendenziell offen ist für alle?
Mein Eindruck verstärkt sich, dass politisch naive und im Kern antiintellektuelle junge Leute ihren Frust artikulieren. Denen es gleichgültig ist, wer sich ihrem Protest anschließt. Dabei hätten sie gewarnt sein müssen. Wenn Regierungsvertreter und die Spitzen der Parteien das Recht auf Demonstrationen zwar betonen, aber ihre eigene Politik nicht infrage stellen, ist das eine halbherzige Toleranz.
Diese Haltung erinnert mich an die Mitte der 1960er-Jahre, als die Studentenproteste in Gang kamen, die 1968 und 1969 ihre Höhepunkte erreichten. Damals haben wir, die seinerzeitigen jungen Wilden, Robert Paul Wolff, Barrington Moore und Herbert Marcuses Schriften über „reine Toleranz“ gelesen und unsere Aktionen selbstkritisch durchdacht. Sind der Frage nachgegangen, was Toleranz heißt und wo ihre Grenzen liegen. Was konnte in einer kapitalistischen Gesellschaft, die vom Ost-West-Konflikt eingerahmt war, toleriert werden und was nicht? War die Toleranz indifferenter politischer Weltanschauungen nicht bereits durch den Zweiten Weltkrieg fragwürdig geworden? Marcuse sah sie als Alibi einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die selbst zur Ideologie geworden sei. Um so radikaler müssten junge Menschen diese Gesellschaft infrage stellen und sich nicht mit einem kleinen Nein innerhalb eines großen Ja zufrieden geben.
Die von „Gen-Z“ proklamierten Forderungen wie bessere Bildung, bezahlbare Mieten, Klimaziele und gesicherte Alterseinkünfte sind legitim. Auffällig ist jedoch, dass die beklagten Defizite nicht dem herrschenden Wirtschaftssystem bzw. den maßgeblichen Parteien angelastet werden. Plakate, die das zügellose Gewinnstreben und die diffizile Ausbeutung von Menschen verurteilen, sind mir nicht aufgefallen.
Auch Spekulanten, die ihr Schwarzgeld zu Betongold waschen und das Wohnen zur Luxusfrage machen, wurden nicht konkret angesprochen.
In den Medien sind junge Menschen zu Wort gekommen, die befürchten, am Ende ihres Arbeitslebens ohne Rente dazustehen. Wer hat das der Jugend eingeredet? Vielleicht der CDU-Nachwuchs, die Junge Reaktion. Aber die darf man nicht ernst nehmen.
Kein staatliches Gemeinwesen kann ein Viertel seiner Bürger der Armut ausliefern. Außerdem: Renter geben den größten Teil ihrer Einkünfte für Wohnungskosten und Lebensmittel aus. Würde diese Nachfrage fehlen, brächen wesentliche Teile der Konsumwirtschaft zusammen. Mehrwert- und Gewerbesteuereinnahmen brächen dem Staat weg. Können die „Gen Z“-Protestieren nicht denken? Können sie nicht rechnen?
Die Ablehnung der allgemeinen Wehrpflicht ist nachvollziehbar. Der Tod fürs Vaterland ist tatsächlich weder süß noch ehrenvoll. Aber es gibt die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung (Grundgesetz Artikel 4, Absatz 3). Tut man sich mit dem verstehenden Lesen so schwer?
Das Bildungssystem liegt seit mindestens 60 Jahren im Argen. Im Jahr 1964 veröffentlichte der Pädagoge Georg Picht seine Denkschrift „Die deutsche Bildungskatastrophe“. Die Protestgeneration der 68er hat das aufgenommen. „Gen Z“ hingegen sieht lediglich marode Schulen, unzureichende Lehrpläne und überforderte Lehrer. Aber sie fragt nicht nach den Hintergründen. Fehlt den jungen Menschen die notwendige Perspektive? Sind sie nicht dazu in der Lage, kausal zu argumentieren?
Dieser „Gen Z“-Protest ist harmlos. Er erweckt den Eindruck, aus Bewusstlosigkeit und unzureichender Information entstanden zu sein. Für seine Kommunikation nutzt er ausgerechnet die Verdummungsinstrumente seiner Gegner, nämlich Instagram und TikTok. Und er lässt sich leicht von denen instrumentalisieren, die auf Brot und möglichst Gewaltspiele aus sind.
Die erwähnten Probleme, die leider nur unzureichend analysiert werden, müssen zum Nutzen aller Staatsbürger nachhaltig gelöst werden. Dazu benötigt man das Engagement und die Unterstützung aller Generationen. Und das wäre dann besonders glaubwürdig und wirksam, wenn die streitbare Jugend ein korrektes Deutsch spräche und sich nicht in hierarchisierenden Jargons (*in, *innen) und Grammatikfehlern wie Studierenden statt Studenten (Partizip Präsens) verhaspelte. Dann würde alles, was gesagt werden muss, und das ist sehr viel, auch verstanden werden.
Liebe Leserinnen und Leser, bewahren Sie bitte eine kritische Haltung gegenüber dem allzu Schlichten und tolerieren Sie nicht jeden Schwachsinn.
Ihr Klaus Philipp Mertens

