Geheime Teilhaber
„Geheime Teilhaber“ steht als Titel und Motto über diesen Erzählungen. Es sind jedoch nicht nur die Figuren, die ohne dass sie es wollen, am Geschehen der Geschichte teilhaben, wie es beispielsweise in der Kurzgeschichte „Begegnung mit Naemi“ der Fall ist. Es sind nicht zuletzt auch die Leser, die stillschweigend teilhaben an den Protagonisten und deren Problemen und an den vielschichtigen, aktuellen wie zeitlos relevanten Themen dieser Erzählungen. Und besonders ist es das oft hintersinnig humorige, differenziert pointierte und immer eloquente Erzählen an sich, das diese Sammlung auszeichnet.
Robert Maxeiner, Jahrgang 1955, wohnhaft in Frankfurt am Main, ist neben seinem Beruf als Supervisor seit langer Zeit als Schriftsteller tätig. Seine frühen Reisen mit einfachsten Mitteln nach Nord- und Ostafrika, Pakistan, Indien, Nepal und seine unmittelbaren Erlebnisse mit Land und Leuten spiegeln sich wieder in seinen Reisebüchern „Kawaja“ und „Pepperland“. Und in seinen Romanen „Blick über den Fluss“ sowie in den Essays „Von Menschen, Hunden und Wölfen“ verarbeitet der Autor die Herausforderungen an den modernen Menschen.
Inhaltsverzeichnis
Der schwarze Sergio
Der Unfall
Klatsche Woi oder Und sie flogen doch
Flusslandschaft im Spätherbst
Begegnungen mit Naemi
Der Schweinehirt
Der Schmetterling
Kollas
Verlassener Ort
Ausflug
Aaron
Der Lyra-Spieler
Der Mausgraben
Ein neuer Wohlstand
Afghanistan
Jean
Sie würden also Hundefleisch essen?
Anders
Der Verwandler
Die Erscheinung
Blick in die Vergangenheit
Zwielichtigkeiten
Die letzte Prärie
Die Kritik
Oben in Michigan
Der Karl
Der Innerliche
A hard Rain
Schiffbruch
Firlefanz
Moderne Zeiten
Morgen
Die Westküste von Clare
Marc liebt Julia
Die wahre Geschichte von Kain und Abel
Der Französischlehrer
Ein Fenster in die Vergangenheit
Der Preis
Leseprobe
Der schwarze Sergio
Damals kamen sie jedes Jahr um dieselbe Zeit. Sie stellten ihre Wohnwagen immer auf der Wiese vom alten Bert ab. Er ging täglich dort vorbei und kassierte die Miete ab. Wasser holten sie vom Brunnen unten an der Hauptstraße. Die Leute im Ort nannten sie nicht Sinti oder Roma -diese Bezeichnung kannten sie gar nicht -, sondern Hare; ein Ausdruck, den ich nur aus unserem Dorf kannte und später nie wieder gehört habe. Sie nahmen die Wäsche von der Leine, denn sie behaupteten, die im Wohnwagen würden klauen wie die Raben.
Im ersten Schuljahr begann der Unterricht erst um zehn Uhr, und ich ging vorher an der Wiese vorbei. Die Männer waren meistens nicht da. Sie handelten mit Teppichen, alten Möbeln und Metallkram. Sie fuhren große Autos, meistens amerikanische Marken, wie damals üblich mit spitz zulaufenden Kotflügeln. Mein Vater fuhr nur ein altes Motorrad, und vor Kurzem hatte er unser Pferd verkauft und sich einen Traktor für die Feldarbeit zugelegt. Manchmal kamen Frauen aus den Wohnwagen, um Wasser zu holen oder Wäsche aufzuhängen. Einige trugen bunte Kopftücher und große, golden schimmernde Ohrringe. Andere sahen aus wie die Frauen im Dorf, nur waren ihre Haare besonders dunkel, und es fiel auf, dass sie wie die Männer Zigaretten rauchten. Ältere Kinder sah ich nie. Wahrscheinlich mussten sie wie wir auch zur Schule.
An einem Nachmittag klopften sie auch bei uns an. Mutter öffnete ihnen. Es waren drei Männer, zwei ältere und ein jüngerer. Wie sich später herausstellte, waren sie Brüder. Ich erinnere mich noch genau an die Szene, ob wohl es ein ganzes Leben her ist. Sie standen an der Tür, ich lehnte am anderen Ende des Raums am Sofa, während Mama Papa vom Hof holte, der dort die Deichsel des Wagens reparierte. Das Material war eher der Arbeit mit einem Pferd angepasst. Und Pferde sind natürlich vorsichtiger als Maschinen. Daran musste sich mein Vater erst noch gewöhnen.
Ich hatte keine Angst vor den Männern, eher war ich neugierig, was sie wollten. Sie blieben an der Tür stehen, lächelten höflich und sahen sich in der Küche um. Der Jüngere, dessen Haar, das er mit Pomade nach hinten gekämmt hatte wie die amerikanischen Musiker damals, bläulich schimmerte, wenn es ein Sonnenstrahl traf, der durch das kleine Fenster des alten Fachwerkhauses fiel, sah mich freundlich an und sagte:
»Na, Jungchen, gehst du noch nicht zur Schule?«
Ich beeilte mich, klarzustellen, dass die Schule erst später anfangen würde, und er nickte anerkennend.
Ich konnte es am Gesicht meines Vaters ablesen, als er mit Mama hereinkam, dass er sich unwirsch fühlte, wahrscheinlich, weil die Männer ihn von der Arbeit abgehalten hatten oder weil er sie einfach nicht im Haus haben wollte.
Der Älteste, der mit dem Oberlippenbärtchen, den die anderen Ivan nannten, erkundigte sich nach alten Möbeln. Mit Teppichen in unserem Bauernhaus rechneten sie erst gar nicht.
Papa winkte gleich ab. Er wollte wieder zurück zu seiner Arbeit. Die Männer warteten, als hätten sie die Reaktion meines Vaters gar nicht bemerkt. Mama hatte sich neben mich an das Sofa gelehnt. Der Jüngere mit der Entenschwanzfrisur beobachtete sie aus dem Augenwinkel.
»Wir haben noch den Tisch im Schuppen«, schien es Papa eben einzufallen, aber ich erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass er schon vorher daran gedacht hatte, denn er konnte sich überhaupt nicht verstellen. »Das ist ein gutes Stück. Er hat eine dicke Buchenplatte. Großvater hat ihn damals aus der Mühle mitgebracht.«
»Dürfen wir ihn mal sehen?«, fragte der mit dem Bärt-chen.
Papa war unschlüssig, weil er weder mit ihnen zum Schuppen gehen, noch den Tisch herholen wollte.
»Wir können ihn herüberholen«, schlug der Mittlere nach kurzer Zeit des Schweigens vor.
Papa zögerte noch, weil der Tisch im Schuppen nicht gut untergebracht und voller Staub war, eine schlechte Ausgangslage fürs spätere Feilschen. Ich weiß nicht mehr, was ich Knirps damals schon an nicht Ausgesprochenem verstand, und was ich mir später zusammenreimte.
Ich lief neben den Männern her, als sie über den Hof gingen. Ivan, der Ältere, sah das Werkzeug neben dem Wagen liegen.
»Sergio kann das machen«, sagte er. Der Jüngere nickte sofort zustimmend. Papa tat so, als habe er ihr Angebot nicht gehört.
Der Tisch hatte keine Beine, sondern stattdessen zwei Unterteile, nicht ganz so dick wie die Platte, die mit ihr verzapft wurden. Die Tischplatte und die beiden Unterteile waren auseinandergeschraubt. Die beiden jüngeren Brüder trugen die Platte hinein, Vater und Ivan nahmen jeweils ein Unterteil. In der Küche legten sie die Platte provisorisch auf die beiden Unterteile.
»Man muss die Holzverstrebungen neu machen, damit die Platte fest sitzt«, meinte der Ältere. »Sehen Sie, hier!«
Es klang, als wollte er auf eine entscheidende Wertminderung aufmerksam machen.
»Ja, ich weiß«, sagte Papa, jetzt wieder etwas unwirsch, als würde er es bereuen, sich mit ihnen eingelassen zu haben.
»Stochelo kann das machen«, sagte er höflich.
Der Angesprochene ging näher an den Tisch, sah es sich genauer an, wo zwei kleine Teile fehlten, und nickte bestätigend, obwohl er es vorher längst bemerkt haben musste.
»Also, wie viel?«, fragte Vater ungeduldig.
Ivan lächelte, der Mittlere, Stochelo, auch, während Sergio vor sich hinschaute und an etwas anderes zu denken schien. Mutter tat so, als habe sie mit allem nichts zu tun, obwohl der Tisch ihrem Großvater, dem Müller gehört hatte.
»Was wollen Sie haben?«, fragte der Ältere zurück. Stochelo lächelte noch immer. Dies schien ihn zu verraten, als besage das Lächeln, dass Papa nun in der Falle säße, indem er den Anfang machen musste.
Der hatte natürlich keine Ahnung, was ein solcher Tisch wert sein konnte, und dies schienen die Brüder genau zu wissen. Sie hatten jede Menge Erfahrung damit, den Bauern etwas zu für sie günstigen Preisen abzuschwatzen. Umgekehrt schien Papa zu ahnen, in welche Zwickmühle er da geraten war. Er setze alles auf eine Karte.
»Ich verkaufe nicht«, erklärte er lapidar.
Diese Behauptung war nicht nur ein Risiko, sie gab ihm auch eine Blöße, denn er hätte dies gleich sagen können, dann hätten sie sich erst gar nicht die Mühe machen brauchen, den Tisch aus dem Schuppen zu holen und hierher zu schaffen. Bei Männern im Dorf hätte er sich dies nicht erlaubt, das wusste schon ich kleiner Knirps, aber bei Hare machte dies angeblich nichts. Schließlich wollten die was von ihm.
Der Ältere schien zu ahnen, dass mein Vater stur genug war, bei seiner Meinung zu bleiben, wenn er kein Angebot machte. Also nannte er einen Preis. Dabei fuhr er mit der Hand über die Platte und wischte Staub weg, sodass winzige Haarrisse hie und da sichtbar wurden.
»Das ist viel zu wenig«, sagte Papa sofort. »Der Tisch ist ...alt.«
Diese Bemerkung meines Vaters verstand ich damals nicht, hatte doch ein alter Tisch einen geringeren Wert als ein neuer. Später wusste ich, dass er antiquarisch gemeint hatte, aber diese Bezeichnung war ihm nicht eingefallen.
Die Männer waren klug genug, ihn weder zu verbessern noch daraus Vorteile nehmen zu wollen, indem der Tisch nur alt war. Aber Ivan forderte ihn auch nicht noch einmal auf, seinen Preis zu nennen. Papa wand sich etwas und sagte dann: »Dreihundert!«
Das war glatt das Doppelte, das der Ältere ihm geboten hatte. Dieser lächelte und schüttelte leicht den Kopf. Stochelo grinste nach wie vor und im Gesicht von Sergio regte sich keine Miene.
»Nein«, sagte er schließlich, »diesen Preis werden Sie nirgendwo bekommen. Sie können sich erkundigen.«
Er wusste wohl, dass Papa dies nicht tun würde. Mama schien dies peinlich. Sie wurde plötzlich munter.
»Ich mache uns mal einen Kaffee«, schlug sie vor. »Dann ist das Feilschen leichter.«
Ich ahnte an der Betonung des Wortes, dass ihr das Feilschen unangenehm war.
Die Männer winkten freundlich ab.
© Robert Maxeiner
Auf Robert Maxeiners Essay-Band „Von Menschen, Hunden und Wölfen“ haben wir beim Erscheinen 2021 hingewiesen. Hier der Link zur Kurzbesprechung:
https://www.bruecke-unter-dem-main.de/archiv-buchtipp/robert-maxeiner
Am 14. Dezember 2017 las er bei PRO LESEN aus seinem in Frankfurt spielenden Roman „Blick über den Fluss“.



