Aktuelle Themenwoche

98. PRO LESEN-Themenwoche

Literarisches von Literaturpreisträgern

Eva Menasse, Gert Loschütz und Alois Hotschnig

 

12. – 17. Dezember 2022 im Bibliothekszentrum Frankfurt - Sachsenhausen
Buchausstellung und Donnerstagabend-Lesung

 

Literarisches erkennt man auch an den Auszeichnungen, die ihm zuteil werden. Vergeben von Kritikern, die sich nicht als Erfüllungsgehilfen des Verlags- und Verbandsmarketings verstehen.

 

Gert Lohschütz
Besichtigung eines
Unglücks

 

Ein schweres Zugunglück ereignete sich 1939, einige Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in der Kleinstadt Genthin. Trotz der fast 200 Toten war es lange vergessen. Gert Loschütz erzählt in seinem 2021 erschienenen und preisgekrönten Roman davon (Wilhelm-Raabe-Preis 2021).

Zuvor wurde ihm u.a. der Rheingau-Literatur-Preis (2005) und der Georg-Mackensen-Literaturpreis (1985) zuerkannt.

 

 

Eva Menasse
Dunkelblum

 

Auf den ersten Blick ist Dunkel­blum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassa­de der österreichischen Ge­meinde verbirgt sich die Ge­schichte eines furchtbaren Ver­brechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der na­hegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf ei­ner Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Ver­gangenheit, die sie längst für erledigt hielten.
Die Autorin erhält für ihren Ro­man den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch des Jah­res 2021. Auch der Jakob-Wassermann-Preis der Stadt Fürth für 2022 wurde ihr zuerkannt. Sie ist außerdem Trägerin des Heinrich-Böll-Preises (2013), des Friedrich-Hölderlin-Preises (2017) und des Ludwig-Börne-Preises (2019).

 

 

Alois Hotschnig
Der Silberfuchs meiner Mutter

 

1942 fährt eine Norwegerin nach Vorarlberg. Sie ist schwanger. Eigentlich wollte sie hier ein neues Leben beginnen mit ihrem Verlobten, einem Wehrmachtssoldaten. Doch alles kommt anders. Für sie und für ihren Sohn, Heinz. Schlimmer. Ein brillanter Roman über einen Menschen, der sich nicht brechen lässt. Und die berührende Liebeserklärung eines Sohnes an seine Mutter.

 

Alois Hotschnig wurde mit dem Christine-Lavant-Preis des Jahres 2022 ausgezeichnet. Zuvor erhielt er u.a. bereits den Anna-Seghers-Preis (1993), den Italo-Svevo-Preis (2002) und den Österreichischen Förderpreis für Literatur (2003). Er wird der Mainzer Stadtschreiber für 2023 sein.

 

Zu den einzelnenn Romanen

 

Gert Loschütz ist Träger des Wilhelm-Raabe-Preises 2021

 

Den von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk gestiftete Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhielt im Jahr 2021 Gert Loschütz für seinen Roman

Besichtigung einesUnglücks

 

Die Jury begründete ihre Entscheidung so:

„Auf fast 120 Seiten rekonstruiert der Erzähler Thomas Vandersee eines der schwersten Zugunglücke, die sich je in Deutschland ereignet haben, um dann noch ganz andere Geschichten Fahrt aufnehmen zu lassen, um Schicksale zu beleuchten, die von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts bestimmt wurden.“

 

Ein schweres Zugunglück ereignete sich 1939, einige Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in der Kleinstadt Genthin. Trotz der fast 200 Toten war es lange vergessen. Gert Loschütz erzählt in seinem neuen, preisgekrönten Roman davon.

 

In der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 1939 ereignete sich im Bahnhof Genthin (Sachsen-Anhalt) eines der schwersten Eisenbahnunglücke Deutschlands. Der Schnellzug D 10 nach Köln war pünktlich um 23:15 Uhr in Berlin (Potsdamer Bahnhof) abgefahren. Wegen des vorweihnachtlichen Verkehrsaufkommens, durch Fronturlauber noch zusätzlich verstärkt, war er völlig überfüllt. Dadurch verzögerte sich das Ein- und Aussteigen auf den nachfolgenden Bahnhöfen. Aber auch die kriegsbedingte Verdunkelung trug dazu bei, dass der Zug in Brandenburg bereits 12 Minuten Verspätung hatte. Wegen eines ihm vorausfahrenden langsamen Militärzugs erhöhte sich diese im Verlauf der nächsten Stunde auf 27 Minuten. Der nachfolgende D 180 nach Neunkirchen (Saar) verließ Berlin um 23:45 Uhr. Er kam ohne Verzögerungen voran. Vor dem Bahnhof Genthin trennte die Züge nur noch ein Blockabstand, also ein Sicherheitsabstand, der nur befahren werden darf, falls ein Signal dies ausdrücklich erlaubt. Ab der Blockstelle Belicke war dieser Abschnitt einschließlich des Bahnhofs Genthin mit dem D 10 belegt, der wegen des Militärzugs nur langsam vorankam. Der Lokführer des D 80, der hätte warten müssen, übersah jedoch Vorsignal und Hauptsignal und fuhr in den für ihn gesperrten Block ein. Die Induktionsbremse der Lok, Indusi, die beim Überfahren eines Stopp-Signals automatisch eine Vollbremsung ausgelöst hätte, war wegen einer Reparatur ausgebaut worden. Der Wärter der Blockstelle bemerkte das Eindringen des D 180 in die belegte Sicherheitszone und informierte unverzüglich den Wärter des Stellwerks Genthin-Ost. Dieser nahm eine sogenannte Winke-Lampe zur Hand und hielt diese rot leuchtende Laterne aus dem Fenster des Stellwerks. Das geschah vier Sekunden zu früh. Denn in diesem Augenblick passierte der langsame D 10 das Stellwerk. Dessen Lokführer bezog das Signal auf seinen Zug und leitete eine Notbremsung ein.

 

Noch trennten zwei Minuten die beiden Züge. Eine Zeitspanne, in der es dem Schrankenwärter an der Karower Straße nicht gelang, Knallkapseln an den Gleisen anzubringen, die den D 180 noch hätten warnen können. Ebenfalls gelang es dem Wärter nicht, das Einfahrsignal in den Bahnhof auf Halt zu stellen. Darum fuhr der Zug mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h auf den im Bahnhof wartenden D 10 auf.

 

Einer ersten Zählung zufolge verloren 186 Menschen ihr Leben, 106 wurden verletzt. Später wurden diese Zahlen auf 278 Tote und 453 Verletzte korrigiert. Lokführer und Heizer des D 180 überlebten. Der Lokführer wurde zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Beim Prozess kam auch zur Sprache, dass er bereits 1917, 1922 und 1931 Haltesignale missachtet hatte.

 

An dem historischen Unglück, über das er vor rund 20 Jahren bereits ein Hörspiel verfasst hat, interessiert Gert Loschütz „die Zufälligkeit, mit der so etwas geschieht, und auch die Sinnlosigkeit“. Denn: „Das Ganze hätte nicht zu passieren brauchen, wenn bestimmte Bedingungen ein bisschen anders gewesen wären.“ Man könne sagen: „Es ist das ‚Was wäre, wenn?‘, was mich daran interessiert.“ Und mit Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg fährt er fort: „Was sich später im Großen ereignet hat, ereignet sich hier bereits im Kleinen.“ Bei seinen Recherchen sei ihm klar geworden, dass dieser Krieg bereits zu diesem Zeitpunkt erhebliche Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse in Deutschland genommen hatte. „Ein Großteil der Lokführer war zum Kriegsdienst eingezogen worden, was zur Folge hatte, dass Lokführer, die eigentlich gar nicht geeignet waren für die Steuerung von Personenzügen, trotzdem im D-Zug-Betrieb verwendet wurden. Normalerweise hätte der Mann, der diese Lok gefahren hat, beim Güterverkehr bleiben müssen. Hinzu kommt das Verdunkelungsgebot: Die Bahnhöfe waren dunkel, die Züge waren dunkel, die Scheinwerfer an den Zügen waren abgedunkelt.“

 

 

Gert Loschütz wurde 1946 in Genthin geboren, dem Ort der Tragödie, von der er lange keine Ahnung hatte. Obendrein habe er als Zehnjähriger mit seiner Mutter die DDR verlassen und sich zwangsläufig von seiner Heimat entfremdet. Eher zufällig habe er von der Katastrophe Kenntnis bekommen. Zunächst widerstrebend, dann aber von einer großen Neugier gepackt und immer eifriger sich in die Sache vertiefend, habe er recherchiert. Auch die Gerichtsunterlagen aus dem Prozess gegen den überlebenden Lokführer sowie gegen die Bediensteten von Stellwerk und Schrankenposten habe er sich besorgt. Zusätzlich die Akten der Reichsbahn. Die von ihm sorgfältig recherchierten Umstände fügte er zu einem Roman zusammen, dessen erster Teil eine Tatsachenerzählung ist.

Seinem Ich-Erzähler gibt er den Namen Thomas Vandersee. Im zweiten Teil wandelt sich der literarisch abgefasste Bericht zu einer überwiegend fiktiven Geschichte, der er zunehmend eigene autobiografische Details unterlegt. So wendet er sich Carla zu, einer der schwerverletzt Überlebenden. Sie stammt aus Düsseldorf, versteht sich auf das Violinspielen und ist mit einem Juden verlobt, der im rheinischen Neuss lebt. Die Nazis haben ihn bereits in eine Sammelunterkunft verbracht, sodass seine Bewegungsmöglichkeiten bereits stark eingeschränkt sind. Vor der verhängnisvollen Zugfahrt nach Westen lernt Carla in Berlin einen Italiener kennen, mit dem sie die Reise gemeinsam antritt. Doch der überlebt das Unglück nicht. Im Krankenhaus gibt sie sich

als seine Ehefrau aus. Die Gründe dafür werden nicht genannt.

Möglicherweise ist sie gemäß den NS-Rassegesetzen „Halbjüdin“. Durch eine Eheschließung mit einem Juden würde sie der nationalsozialistische Unrechtsstaat als „Volljüdin“ einstufen, was letztlich einem Todesurteil gleichgekommen wäre. Es ist zu vermuten, dass sich das Paar mit Hilfe des Italieners ins Ausland absetzen wollte.

Eine weitere Erzählebene eröffnet sich mit Lisa, einem jungen Mädchen, das auf den Wunsch seiner Tante in einem Modegeschäft aushilft. Sie versorgt Carla und möglicherweise auch andere Verunglückte vor der Entlassung aus dem Krankenhaus mit neuer Kleidung. Lisa ist die Mutter des Journalisten und Ich-Erzählers Thomas Vandersee. Ähnlich wie das Leben von Carla verläuft auch ihres nicht gradlinig. Auch sie verfügt über musikalisches Talent, ist jedoch unentschlossen, ob sie daraus einen Beruf machen soll. Als junge Frau lernt sie einen Violin-Virtuosen kennen und lieben, der sie unterrichtet und ihr verspricht, sie mit in die USA zu nehmen, wo er eine Karriere in Aussicht hat. Doch dazu kommt es nicht. Sowohl Carlas Schicksal als auch das von Lisa könnte man mit dem Hinweis „zur falschen Zeit am falschen Ort“ überschreiben. Auf diese Weise lässt es sich in das Eisenbahnunglück einordnen, das von widrigen Gesamtumständen und falschen bis irrtümlichen Entscheidungen Einzelner verursacht wurde.

 

Gert Loschütz bricht die Akten einer Eisenbahnkatastrophe, die sich im Kontext des Zweiten Weltkriegs ereignet, herunter auf die kleinen und durchaus ebenfalls lebensgefährlichen Katastrophen der kleinen Leute. So wie das Zugunglück eine Verkettung unerwarteter Einzelereignisse war, so kann auch das normale Leben aus der Bahn geraten, wenn es hier und dort zufällig auf Wegmarken trifft, die völlig neue Entscheidungen notwendig machen, welche selten zufriedenstellend bewerkstelligt werden können.

Auf den Leser wartet ein spannendes und gleichermaßen tiefgründiges Buch, das als künstlerisch durchkomponierter und glänzend geschriebener Roman gelten kann.

 

 

Bibliografische Daten

 

Gert Loschütz
Besichtigung eines Unglücks
Roman

354 Seiten. Gebunden
Frankfurt 2021

Verlag Schöffling & Co
ISBN 978-3-89561-157-5
Ladenpreis 24,00 Euro

 

Gert Loschütz

Vita und Auszeichnungen

Geboren 1946 in Genthin (Sachsen-Anhalt). 1957 Übersiedlung mit den Eltern nach Dillenburg (Hessen), humanistisches Abitur. Von 1966 an Studium an der FU Berlin, daneben Arbeit als Verlagslektor.

Seit 1970 freier Schriftsteller. Wohnhaft in Berlin. Mitglied des P.E.N. und der Akademie für Darstellende Künste.

 

1973-74 Villa-Massimo-Stipendium, Rom
1985 Georg-Mackensen-Literaturpreis
1986 Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis
1988 Ernst-Reuter-Preis
1990 New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds
1993 Burgschreiber in Beeskow/Brandenburg
1996 Stadtschreiber in Minden
1999 Writer in Residence in Oberlin/Ohio
2000 Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung von 1859
2005 Rheingau Literaturpreis
2006 Hermann-Hesse-Stipendium, Calw
2006 Phantastikpreis der Stadt Wetzlar
2021 Wilhelm-Raabe-Literaturpreis

 

Eva Menasse
Dunkelblum

 

Auf den ersten Blick ist Dunkel­blum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassa­de der österreichischen Ge­meinde verbirgt sich die Ge­schichte eines furchtbaren Ver­brechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der na­hegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf ei­ner Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Ver­gangenheit, die sie längst für erledigt hielten.
Die Autorin erhält für ihren Ro­man den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch des Jah­res 2021.

 

Im Spätsommer 1989 setzt in Europa eine nachhalti­ge Veränderung ein. Zunächst langsam, uneinheitlich und nicht nur auf Seiten der direkt und indirekt Betei­ligten Unsicherheit hervorrufend. Obwohl die Tendenz der begonnenen Entwicklung noch in jede Richtung offen scheint, so wächst sie doch stetig, nimmt in der DDR die Züge einer Massenbewegung an. Bis schließ­lich am 9. November nicht nur die Berliner Mauer un­ter dem Druck der Menschen und der Verhältnisse zerbirst und sich mit deren Fall auch das Ende einer Epoche ankündigt.
 

Es war das dritte umwälzende Ereignis des zwanzigs­ten Jahrhunderts. Vorangegangen waren der Erste Weltkrieg und in dessen Folge die Restauration alter und die Herausbildung neuer totalitärer sowie men­schenverachtender Systeme. Die bedingungslose Ka­pitulation Nazi-Deutschlands 8. Mai 1945 war der zweite große Bruch, denn er eröffnete der Demokratie neue Chancen. Allerdings war dieser Aufbruch in den West-Ost-Konflikt eingebettet, der persönliche Selbst­bestimmung, die Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen, insbesondere der Eigentumsverhältnisse und die Möglichkeiten sozialer Teilhabe in den Blö­cken unterschiedlich einschränkte. Im Westen ver­schleierte der Massenkonsum die sich abzeichnende Verfestigung überkommen geglaubter Machthierar­chien. Im Osten hingegen führten materielle Defizite und nicht einklagbare Verfassungsrechte zu einer breiten gesellschaftlichen Destruktivität.
 

Die sich abzeichnenden neuen Entwicklungen mach­ten sich ab dem Sommer 1989 auch an der österrei­chisch-ungarischen Grenze, im Burgenland, bemerk­bar. Dort war der Eiserne Vorhang bereits durchlässi­ger geworden. DDR-Bürger nutzten die weniger strengen Kontrollen, um sich über Ungarn und Öster­reich in die Bundesrepublik Deutschland abzusetzen.

 

Diese historische Folie dient der österreichischen, aber in Berlin lebenden Schriftstellerin Eva Menasse, um in der fiktiven Kleinstadt Dunkelblum die damali­ge Gegenwart von 1989 mit den Schatten der Ver­gangenheit, speziell der des Jahres 1945, kollidieren zu lassen. Weniger im Sinn einer umfassenden Aufar­beitung des Historischen, sondern als Zustandsbe­schreibung eines kollektiven Verdrängens, Schwei­gens und bewussten Nichterinnerns. Denn Dunkel­blum erscheint als symptomatisch für überschaubare Ortschaften, vor allem in der Provinz, wo jeder jeden kennt und jeder vom jeweils anderen sehr viel weiß, privateste Dinge eingeschlossen. Den Lesern des Ro­mans erschließt sich nach und nach eine sehr illustre Gesellschaft. Da ist die Hotelbetreiberin, die sich im einst jüdischen Eigentum eingerichtet hat. Der Zufall, seinerzeit Arisierung genannt, hatte ihr das Anwesen, in dem sie ursprünglich Angestellte war, zugespielt. Sie hat es mit kauffraulichem Gespür erfolgreich wei­tergeführt und die Rechtmäßigkeit des Vermögens­übergangs nie infrage gestellt. Auch der Besitzer des Modehauses, der einst in der Nazi-Partei Karriere machte und in der Leugnung eigener und fremder Kriegsverbrechen geübt ist, beteiligt sich aktiv an der Verdrängung historischer Ereignisse, die tief in die Geschichte Dunkelblums einschneiden. Ebenso schweigsam und wenig die Sachverhalte reflektierend ist der Arzt, der seine Praxis von seinem jüdischen Vorgänger übernahm, als dieser vertrieben wurde. Er weiß um den braunen Schandfleck der Ortschaft, hü­tet aber sein Wissen.
 

Doch dann kommt ein Fremder in den Ort, nach eige­ner Auskunft aus den USA angereist, und stellt unge­wohnte Fragen. Nicht nur nach touristischen Sehens­würdigkeiten, sondern auch nach Einzelheiten aus der Geschichte der Kleinstadt. Unter anderem nach einem Massaker an jüdischen KZ-Häftlingen, das 1945, noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stattge­funden haben soll. Parallel zu seinen Erkundigungen kommen junge Menschen, überwiegend Studenten aus Wien, in die mittlerweile irritierte bis aufge­schreckte Gemeinde. Sie wollen den seit Jahrzehnten

 

vernachlässigten jüdischen Friedhof wieder herrich­ten. Mit jeder weiteren Seite ihres Romans blättert Eva Menasse in der verborgenen Chronik und legt Ungeheuerliches offen. Der mit den österreichischen Verhältnissen Vertraute merkt, auf was die Schrift­stellerin abhebt. Nämlich auf die Morde von Rechnitz im März 1945.
 

In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden etwa 180 jüdische Zwangsarbeiter am Ortsrand von Rechnitz erschossen; ihre Leichen wurden in einem Massengrab verscharrt. Sie gehörten zu einer Gruppe ungarischer Juden, die aus dem ungarischen Güns per Bahn nach Burg (Burgenland) deportiert worden war, um dort beim Bau des sogenannten Südostwalls eingesetzt zu werden. Etwa ein Drittel von ihnen war jedoch durch die ihnen bereits abgezwungene Skla­venarbeit extrem erschöpft, sodass sie nicht mehr ar­beitsfähig waren. Sie wurden daraufhin in das an der Strecke gelegene Rechnitz zurückgebracht. Auf dem nahe Rechnitz gelegenen Schloss Bátthyány fand zu diesem Zeitpunkt ein Kameradschaftsfest von höhe­ren NSDAP-Funktionären und „verdienten“ Gestapo- und SS-Angehörigen statt. Zu den Festgästen zählten zudem die Leiter des "Südostwallbaus" sowie Graf und Gräfin Bátthyány. Letztere hatten ihr Schloss zur Verfügung gestellt. Bis heute kann nicht ausgeschlos­sen werden, dass die Ermordung der Zwangsarbeiter von Teilnehmern des Fests initiiert worden war, quasi als Höhepunkt des völkisch-faschistischen Treibens. Gräfin Margit von Batthyány-Thyssen bestritt später die Beteiligung an diesem Verbrechen. Zeitzeugen trauten ihr das jedoch zu. Sie sei eine überzeugte Na­tionalsozialistin und eine Waffennärrin gewesen. Die Dramatikerin Elfriede Jelinek beschreibt sie in Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“, das 2008 uraufgeführt wurde, als dekadente Schützin, die sich auf Men­schenjagd begeben hätte.
 

Eva Menasse steht nicht allein, wenn sie diese Untat zum Anlass nimmt für ihr literarisches Psychogramm einer enthumanisierten Gesellschaft, die ethisch ab­gewirtschaftet hat(te). In der Romanhandlung tritt das Geschehen immer deutlicher zu Tage, als bei den Vorbereitungsarbeiten zum Bau eines Wasserspei­chers ein menschliches Skelett ausgegraben wird. In diesem Kontext erinnern sich immer mehr Dunkelblu­mer an jene Nacht des Massenmords bzw. geben wie­der, was sie von Augenzeugen gehört haben. Es sind vor allem die Außenseiter, die Randständigen in der Bevölkerung, etwa der jüdische Krämer, der schwule Hobby-Historiker und zwei vermeintlich verrückte alte Frauen.
 

Der Roman endet mit dem lakonischen Satz „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“ Zwar ist die Hand­lung abgeschlossen, aber das Nachdenken wird wei­tergehen. Und exakt dieses Reflektieren ist offen­sichtlich das Hauptmotiv der Geschichte, die von Eva Menasse in virtuoser Weise komponiert und im bes­ten Sinn literarisch vermittelt wird. Erneut fällt ihre präzise, aber auch fantasiereiche Sprache auf, in wel­cher Details plastisch und große Zusammenhänge zeitlos deutlich werden. Für Ähnliches wurde der ös­terreichische Schriftsteller Heimito von Doderer ge­rühmt, dessen Werk von Eva Menasse immer wieder gelobt wird.
 

Sie selbst äußerte sich zu ihrem jüngsten Buch so: „Das Massaker ist deswegen so eine Leerstelle, weil es mir ja gar nicht unbedingt darum geht. Es ist ge­schehen. Das reicht. Mir geht's ja genau darum, was das mit einer Gemeinschaft macht, mit einer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt, wo jeder ungefähr weiß, wie der andere drauf ist, oder auf welcher Seite er stand im Zweiten Weltkrieg.“

 

 

Bibliografische Daten:

Eva Menasse
Dunkelblum
Roman
523 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
ISBN 978-3-462-04790-5

Ladenpreis 25,00 Euro

 

 

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Geschichte und arbeitete zunächst als Redakteurin beim Wiener Nachrichten­magazin „Profil“, später schrieb sie auch für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Seit 2003 lebt sie in Berlin-Schöneberg.

 

Mit ihren Reportagen über den im Jahr 2000 abge­schlossenen Prozess in London gegen den Holocaust-Leugner David Irving wurde sie einem größeren Publi­kum bekannt. 2005 erschien ihr erster Roman „Vienna“, für den sie den „Rolf-Heyne-Debutpreis“ erhielt. Es folgten weitere Romane und Erzählungen (»Lässliche Todsünden«, »Quasikristalle«, »Tiere für Fortgeschrittene«), für die sie vielfach ausgezeichnet wurde. So mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Friedrich-Hölderlin-Preis, dem Jonathan-Swift-Preis, dem Ös­terreichischer Buchpreis, dem Mainzer Stadtschreiber-Preis und mit dem Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Für ihre Essays erhielt sie 2019 den Ludwig-Börne-Preis.

Der Roman „Dunkelblum“ erschien im Frühjahr 2021.

 

Alois Hotschnig
Der Silberfuchs meiner Mutter

Roman

 

Ein großer Roman über Fremdsein und Selbstbehauptung und die lebensrettende Kraft des Erzählens.

 

1942 fährt eine Norwegerin nach Vorarlberg. Sie ist schwanger. Eigentlich wollte sie hier ein neues Leben beginnen mit ihrem Verlobten, einem Wehrmachtssoldaten. Doch alles kommt anders. Für sie und für ihren Sohn, Heinz. Schlimmer. Ein brillanter Roman über einen Menschen, der sich nicht brechen lässt. Und die berührende Liebeserklärung eines Sohnes an seine Mutter.

 

 

Alois Hotschnig, 1959 geboren in Kärnten, lebt als freier Autor in Innsbruck. 1992 wurde er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet, im selben Jahr erschien sein Roman »Leonardos Hände«, für den er den Anna-Seghers-Preis erhielt. 2000 erschien sein zweiter Roman »Ludwigs Zimmer«. 2002 wurde ihm der Italo-Svevo-Preis verliehen. Neben seinen Romanen verfasste er mehrere Erzählbände, zuletzt »Im Sitzen läuft es sich besser davon« (2009). Für »Die Kinder beruhigte das nicht« wurde er mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet, für sein erzählerisches Werk mit dem Gert-Jonke-Preis. 2022 erhielt er den Christine-Lavant-Preis. Die Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 

 

Bibliografische Daten

Alois Hotschnig
Der Silberfuchs meiner Mutter
Roman

224 Seiten. Hardcover
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erschienen im September 2021
Ladenpreis 20,00 Euro
ISBN 978-3-462-00213-3