Aktuelle Themenwoche

114. Pro Lesen - Themenwoche 23. - 28. September 2024

Vorankündigung

Wer sich mit der deutschen Liedermacherszene beschäftigt, kommt an den Festivals auf der Burg Waldeck nicht vorbei. Im Folgenden einige Stichworte zu diesen Events sowie zu ihren maßgeblichen Protagonisten.

 

Ab dem Ende der 1950er Jahre politisiert sich die Popkultur. In den USA sind es Woodie Guthrie und Pete Seeger, die im New Yorker Greenwich Village das Zentrum einer neuen Bewegung bilden: Folk. Zu Traditionals, also überliefertem Liedgut, schreiben diese Singer und Songwriter neue Texte. Darin wird der Materialismus, aber auch die Kriegsbereitschaft der US-amerikanischen Gesellschaft angegriffen. Bob Dylan und Joan Baez werden weltweit als Protagonisten dieses agitatorischen, friedensbewegten Folk bekannt.

 

Die deutschen Liedermacher kennen sich überwiegend vom Festival „Chanson Folklore International", das 1964 erstmals auf der Burg Waldeck im Hunsrück organisiert wird. Es findet auch deshalb große Beachtung, weil die Burg bereits in den 20er Jahren ein Treffpunkt von Gruppen der Wandervogel-Bewegung gewesen ist. Diese Wandervögel werden auch als „erste musikalische Jugendbewegung in Deutschland" bezeichnet, da sie das Ideal des Durch-die-Welt-Ziehens propa­gierte.

Peter Rohland und Hein & Oss Kröher gelten als die Pioniere des Neubeginns in den 60er Jahren. Später folgen Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Walter Moßmann und Hannes Wader. Auch Hanns Dieter Hüsch trat bei den Festivals auf. Und selbst Wolfgang Niedecken von BAP bekennt sich zu seinen Waldecker Wurzeln.

Die hochpolitische Liedermacherszene der DDR war zu Beginn vor allem von Wolf Biermann geprägt, später auch von Stefan Krawzcyk, Gerhard Schöne und Bettina Wegner.

 

Wolf Biermann, geboren am 15. November 1936 in Hamburg. 1953 siedelte er in die DDR über. 1960 lernte er Hanns Eisler kennen, der ihn nach eigener Aussage maßgeblich prägte. Er begann, Gedichte und Lieder zu schreiben. Im April 1965 trat er mit seinen Liedern in einem Kabarett-Programm von Wolfgang Neuss in Frankfurt am Main auf. Im selben Jahr veröffentlichte er den Lyrikband Die Drahtharfe im westdeutschen Wagenbach Verlag. Im Dezember 1965 verhängte das ZK der SED ein totales Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR gegen ihn. Im September 1976 gelang es Biermann nach elf Jahren des Verbots ein einziges und letztes Konzert vor der Wende in der DDR zu geben. 1976 wurd Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Die Auftritte dienten dem Politbüro als Vorwand für die Ausbürgerung, die unmittelbar nach dem 13. November 1976 erfolgte.

 

Franz Josef Degenhardt wurde geboren am 3. Dezember 1931 in Schwelm/Westfalen und starb am 14. November 2011 in Quickborn. Im Hauptberuf war er Rechtsanwalt. Als Liedermacher war er eine Stimme der 68er-Bewegung, engagierte sich für den Ostermarsch, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen Notstandsgesetze und den Radikalenerlass. Seine ersten Auftritte hatte er auf den Burg-Waldeck-Festivals. 1965 erschien seine LP „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, deren Titellied ihn berühmt machte. 1967 produzierte er im Quartett mit Hanns Dieter Hüsch, Wolfgang Neuss und Dieter Süverkrüp die gemeinsame Platte „Da habt ihr es!“.

Degenhardt, der der DKP angehörte, war seit 1983 bis zum Ende der DDR korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Er verfasste auch mehrere Romane mit zum Teil autobiografischen Zügen. (u.a. „Zündschnüre“).

 

Hanns Dieter Hüsch wurde am 6. Mai 1925 in Moers geboren; er starb am 6. Dezember 2005 in Werfen (Rhein-Sieg). Er war Kabarettist, Schriftsteller, Kinderbuchautor, Schauspieler, Liedermacher, Synchronsprecher und Rundfunkmoderator. Mehr als 50 Jahre lang war er auf deutschen Bühnen präsent. Mit seinem dem „Volk auf's Maul“ schauenden, sprachjonglierenden Witz karikierte er Kleinbürger- und Spießertum. Ab Mitte der 1960er Jahre verlieh er seinen Kabarettvorträgen zunehmend politische Züge. 1968 begeisterte er während der allgemeinen Studentenunruhen (zusammen mit Degenhardt und Süverkrüp) auf den Essener Songtagen. Kurz danach aber kam es zum Bruch mit den 68ern, weil man ihm vorwarf, die Verhältnisse zu verniedlichen. In den 1970er Jahren gelang Hüsch der endgültige Durchbruch auf den deutschen Kleinkunstbühnen. In dieser Zeit entwickelte er seine Kunstfigur Hagenbuch, einen typischen Nörgler und Spießer. Sein Lied „Ich sing’ für die Verrückten, die seitlich Um­geknickten…“ war ein exemplarischer Ausdruck seiner nonkonformistischen Haltung.

 

Hein & Oss Kröher. Die Zwillingsbrüder Heinrich und Oskar Kröher wurden am 17. September 1927 in Pirmasens geboren. Hein starb am 14. Februar2016 in seiner Heimatstadt, Oss am 1. Juli 2019 in Rodalben. Sie bezeichnen sich beide als Volkssänger, waren Mitbegründer und regelmäßige Teilnehmer der Festivalreihe "Chanson Folklore International" auf Burg Waldeck. Ihr Repertoire umfasst Arbeiterlieder, Freiheitslieder der Heckerzeit von 1848/49, Lieder vom Hambacher Fest, Partisanenlieder und Soldatenlieder gegen den Drill, Seemannslieder und Cowboylieder, Lieder vom Wandern, vom Trinken und von der Unrast. Sie haben mehrere Liederbücher herausgegeben und sind auch als Autoren von Büchern in pfälzischer Mundart sowie von einer dreibändigen Autobiografie hervorgetreten. Bei Ihrem Auftritt im Juni 2011 auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz kündigten sie ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit an.

 

Reinhard Mey wurde am 21. Dezember 1942 in Berlin geboren. Er trat auch unter den Pseudonymen Frédérik Mey (vor allem in Frankreich), Alfons Wondraschek und Rainer May auf. Sein erstes Chanson „Ich wollte wie Orpheus singen“ erschien 1964. Im selben Jahr sang er zum ersten Mal auf dem Festival „Chanson Folklore International“ auf der Burg Waldeck. Seine Lieder zeichnen sich durch eingängige Melodien aus, erst seit den 1990er Jahren sind die Texte explizit politisch, obwohl sich Mey immer schon für Freiheit, Gewaltlosigkeit und Frieden einsetzte. Er ist befreundet mit Hannes Wader und Konstantin Wecker und ist mit ihnen auch gemeinsam aufgetreten.

 

Hannes Wader, geboren am 23. Juni 1942 in Bielefeld, zählt mit Reinhard Mey und Konstantin Wecker zu den überaus bekannten Liedermachern Deutschlands. Pfingsten 1966 hatte er auf der Burg Waldeck seinen ersten Auftritt, der ihn auch einem größeren Publikum bekannt machte. Doch erst in den frühen 1970er Jahren widmete er sich dem politischen Lied und trat 1977 der DKP bei, die er 1991 wieder verließ. An seiner sozialistische Grundüberzeugung hielt er fest, auch nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der DDR. Wader kritisiert/e in seinen Liedern nicht nur die sozialen Verhältnisse, er entwarf und entwirft auch Perspektiven einer neuen und gerechten Ordnung. Darüber hinaus widmete er sich immer wieder dem internationalen Volkslied und dem Kunstlied (Schubert).

 

Konstantin Wecker, geboren am 1. Juni 1947 in München, machte sich Ende der 1960er Jahre in der Kleinkunst-Szene einen Namen, war dann Schauspieler (u.a. in Sexfilmen), bis ihm 1977 mit dem Album „Genug ist nicht genug“ der Durchbruch als Liedermacher gelang. Kurz danach komponierte und spielte er die Musik zu Hüschs „Hagenbuch“-Album. Wecker hat mit vielen zeitgenössischen Musikern gespielt, nicht zuletzt mit seinen Freunden Hannes Wader und Reinhard Mey. Er engagiert sich politisch, u.a. unterstützt er Aktionen gegen Neo-Nazis. 2007 trat er beim Gründungsparteitag der Linken auf, 2013 setzte er sich bei der bayerischen Landtagswahl für die SPD ein. Einer Partei gehört er nicht an.

 

Bettina Wegner wurde am 4. November 1947 in Berlin (West) geboren. Zwei Jahre später siedelten ihre Eltern in die DDR über. 1966 begann sie ein Schauspielstudium an der Berliner Schauspielschule und war Mitbegründerin des Hootenanny-Klubs, in dem sich unabhängige Liedermacher trafen. Doch als dieser der FDJ unterstellt und in Oktoberklub umbenannt wurde, verließ sie ihn. In den folgenden Jahren geriet sie immer wieder mit den staatlichen Stellen der DDR aneinander. So 1968 wegen ihres Protests gegen den Einmarsch in Prag und 1976 gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Ihr Schauspielstudium musste sie aufgeben, kurzzeitig kam sie sogar in Un­tersuchungshaft. In der DDR wurde sie mit Auftrittsverbot belegt, durfte aber zu Konzerten in den Westen ausreisen. 1983 stellte man sie vor die Wahl Gefängnis oder Ausbürgerung. Zu ihrem bekanntesten Lied wurde „Sind so kleine Hände“ (auch Titel einer LP von 1979, die im Westen produziert wurde).