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Das PRO LESEN-Schwerpunktthema im Januar 2022

Nicht das Ende einer Geschichte


Eva Menasses brillanter Roman „Dunkelblum“

 

Im Spätsommer 1989 setzt in Europa eine nachhaltige Veränderung ein. Zunächst langsam, uneinheitlich und nicht nur auf Seiten der direkt und indirekt Beteiligten Unsicherheit hervorrufend. Obwohl die Tendenz der begonnenen Entwicklung noch in jede Richtung offen scheint, so wächst sie doch stetig, nimmt in der DDR die Züge einer Massenbewegung an. Bis schließlich am 9. November nicht nur die Berliner Mauer unter dem Druck der Menschen und der Verhältnisse zerbirst und sich mit deren Fall auch das Ende einer Epoche ankündigt.
 

Es war das dritte umwälzende Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts. Vorangegangen waren der Erste Weltkrieg und in dessen Folge die Restauration alter und die Herausbildung neuer totalitärer sowie menschenverachtender Systeme. Die bedingungslose Kapitulation Nazi-Deutschlands 8. Mai 1945 war der zweite große Bruch, denn er eröffnete der Demokratie neue Chancen. Allerdings war dieser Aufbruch in den West-Ost-Konflikt eingebettet, der persönliche Selbstbestimmung, die Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen, insbesondere der Eigentumsverhältnisse und die Möglichkeiten sozialer Teilhabe in den Blöcken unterschiedlich einschränkte. Im Westen verschleierte der Massenkonsum die sich abzeichnende Verfestigung überkommen geglaubter Machthierarchien. Im Osten hingegen führten materielle Defizite und nicht einklagbare Verfassungsrechte zu einer breiten gesellschaftlichen Destruktivität.
 

Die sich abzeichnenden neuen Entwicklungen machten sich ab dem Sommer 1989 auch an der österreichisch-ungarischen Grenze, im Burgenland, bemerkbar. Dort war der Eiserne Vorhang bereits durchlässiger geworden. DDR-Bürger nutzten die weniger strengen Kontrollen, um sich über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik Deutschland abzusetzen.
 

Diese historische Folie dient der österreichischen, aber in Berlin lebenden Schriftstellerin Eva Menasse, um in der fiktiven Kleinstadt Dunkelblum die damalige Gegenwart von 1989 mit den Schatten der Vergangenheit, speziell der des Jahres 1945, kollidieren zu lassen. Weniger im Sinn einer umfassenden Aufarbeitung des Historischen, sondern als Zustandsbeschreibung eines kollektiven Verdrängens, Schweigens und bewussten Nichterinnerns. Denn Dunkelblum erscheint als symptomatisch für überschaubare Ortschaften, vor allem in der Provinz, wo jeder jeden kennt und jeder vom jeweils anderen sehr viel weiß, privateste Dinge eingeschlossen. Den Lesern des Romans erschließt sich nach und nach eine sehr illustre Gesellschaft. Da ist die Hotelbetreiberin, die sich im einst jüdischen Eigentum eingerichtet hat. Der Zufall, seinerzeit Arisierung genannt, hatte ihr das Anwesen, in dem sie ursprünglich Angestellte war, zugespielt. Sie hat es mit kauffraulichem Gespür erfolgreich weitergeführt und die Rechtmäßigkeit des Vermögensübergangs nie infrage gestellt. Auch der Besitzer des Modehauses, der einst in der Nazi-Partei Karriere machte und in der Leugnung eigener und fremder Kriegsverbrechen geübt ist, beteiligt sich aktiv an der Verdrängung historischer Ereignisse, die tief in die Geschichte Dunkelblums einschneiden. Ebenso schweigsam und wenig die Sachverhalte reflektierend ist der Arzt, der seine Praxis von seinem jüdischen Vorgänger übernahm, als dieser vertrieben wurde. Er weiß um den braunen Schandfleck der Ortschaft, hütet aber sein Wissen.
 

Doch dann kommt ein Fremder in den Ort, nach eigener Auskunft aus den USA angereist, und stellt ungewohnte Fragen. Nicht nur nach touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern auch nach Einzelheiten aus der Geschichte der Kleinstadt. Unter anderem nach einem Massaker an jüdischen KZ-Häftlingen, das 1945, noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stattgefunden haben soll. Parallel zu seinen Erkundigungen kommen junge Menschen, überwiegend Studenten aus Wien, in die mittlerweile irritierte bis aufgeschreckte Gemeinde. Sie wollen den seit Jahrzehnten vernachlässigten jüdischen Friedhof wieder herrichten. Mit jeder weiteren Seite ihres Romans blättert Eva Menasse in der verborgenen Chronik und legt Ungeheuerliches offen. Der mit den österreichischen Verhältnissen Vertraute merkt, auf was die Schriftstellerin abhebt. Nämlich auf die Morde von Rechnitz im März 1945.
 

In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden etwa 180 jüdische Zwangsarbeiter am Ortsrand von Rechnitz erschossen; ihre Leichen wurden in einem Massengrab verscharrt. Sie gehörten zu einer Gruppe ungarischer Juden, die aus dem ungarischen Güns per Bahn nach Burg (Burgenland) deportiert worden war, um dort beim Bau des sogenannten Südostwalls eingesetzt zu werden. Etwa ein Drittel von ihnen war jedoch durch die ihnen bereits abgezwungene Sklavenarbeit extrem erschöpft, sodass sie nicht mehr arbeitsfähig waren. Sie wurden daraufhin in das an der Strecke gelegene Rechnitz zurückgebracht. Auf dem nahe Rechnitz gelegenen Schloss Bátthyány fand zu diesem Zeitpunkt ein Kameradschaftsfest von höheren NSDAP-Funktionären und „verdienten“ Gestapo- und SS-Angehörigen statt. Zu den Festgästen zählten zudem die Leiter des "Südostwallbaus" sowie Graf und Gräfin Bátthyány. Letztere hatten ihr Schloss zur Verfügung gestellt. Bis heute kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Ermordung der Zwangsarbeiter von Teilnehmern des Fests initiiert worden war, quasi als Höhepunkt des völkisch-faschistischen Treibens. Gräfin Margit von Batthyány-Thyssen bestritt später die Beteiligung an diesem Verbrechen. Zeitzeugen trauten ihr das jedoch zu. Sie sei eine überzeugte Nationalsozialistin und eine Waffennärrin gewesen. Die Dramatikerin Elfriede Jelinek beschreibt sie in Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“, das 2008 uraufgeführt wurde, als dekadente Schützin, die sich auf Menschenjagd begeben hätte.
 

Eva Menasse steht nicht allein, wenn sie diese Untat zum Anlass nimmt für ihr literarisches Psychogramm einer enthumanisierten Gesellschaft, die ethisch abgewirtschaftet hat(te). In der Romanhandlung tritt das Geschehen immer deutlicher zu Tage, als bei den Vorbereitungsarbeiten zum Bau eines Wasserspeichers ein menschliches Skelett ausgegraben wird. In diesem Kontext erinnern sich immer mehr Dunkelblumer an jene Nacht des Massenmords bzw. geben wieder, was sie von Augenzeugen gehört haben. Es sind vor allem die Außenseiter, die Randständigen in der Bevölkerung, etwa der jüdische Krämer, der schwule Hobby-Historiker und zwei vermeintlich verrückte alte Frauen.
 

Der Roman endet mit dem lakonischen Satz „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“ Zwar ist die Handlung abgeschlossen, aber das Nachdenken wird weitergehen. Und exakt dieses Reflektieren ist offensichtlich das Hauptmotiv der Geschichte, die von Eva Menasse in virtuoser Weise komponiert und im besten Sinn literarisch vermittelt wird. Erneut fällt ihre präzise, aber auch fantasiereiche Sprache auf, in welcher Details plastisch und große Zusammenhänge zeitlos deutlich werden. Für Ähnliches wurde der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer gerühmt, dessen Werk von Eva Menasse immer wieder gelobt wird.
 

Sie selbst äußerte sich zu ihrem jüngsten Buch so: „Das Massaker ist deswegen so eine Leerstelle, weil es mir ja gar nicht unbedingt darum geht. Es ist geschehen. Das reicht. Mir geht's ja genau darum, was das mit einer Gemeinschaft macht, mit einer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt, wo jeder ungefähr weiß, wie der andere drauf ist, oder auf welcher Seite er stand im Zweiten Weltkrieg.“

Klaus Philipp Mertens

 

Bibliografische Daten:

Eva Menasse
Dunkelblum
Roman
523 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
ISBN 978-3-462-04790-5
Ladenpreis 25,00 Euro
 

 

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Geschichte und arbeitete zunächst als Redakteurin beim Wiener Nachrichtenmagazin „Profil“, später schrieb sie auch für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Seit 2003 lebt sie in Berlin-Schöneberg.
Mit ihren Reportagen über den im Jahr 2000 abgeschlossenen Prozess in London gegen den Holocaust-Leugner David Irving wurde sie einem größeren Publikum bekannt.
2005 erschien ihr erster Roman „Vienna“, für den sie den „Rolf-Heyne-Debutpreis“ erhielt.
Es folgten weitere Romane und Erzählungen (»Lässliche Todsünden«, »Quasikristalle«, »Tiere für Fortgeschrittene«), für die sie vielfach ausgezeichnet wurde. So mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Friedrich-Hölderlin-Preis, dem Jonathan-Swift-Preis, dem Österreichischer Buchpreis, dem Mainzer Stadtschreiber-Preis und das Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Für ihre Essays erhielt sie 2019 den Ludwig-Börne-Preis.
 

„Dunkelblum“ erschien im Frühjahr 2021.