Aktuelle Themenwoche

97. PRO LESEN-Themenwoche

Erinnerungen an Vorgestern

Klaus Josts Roman "Papa im Schuhkarton - Aufwachsen zwischen Krieg und Frieden"

 

 

Epilog

 

Es ist mir nicht möglich zu sagen, ab wann ich mich erinnern kann. Zunächst sind es Erinnerungsfetzen, die auch nicht sicher in einen bestimmten Kontext gestellt werden können. Erst ab einem Alter von vier Jahren nehmen Erinnerungen immer mehr Erzählcharakter an. Sie sind zusammenhängender und haben einen Verlauf. Es sind Geschichten, die sich in ein Zeitgitter einordnen lassen.

Nach meinem Eindruck ist die allererste Zeit eine dunkle Bühne, die im Laufe der frühen Entwicklung immer heller wird, sodass Wahrnehmungen schließlich auch speicherbar werden. Auf der noch dunklen Bühne geschieht dennoch sehr vieles, was nicht gesehen, nicht verstanden und einzuordnen ist, aber sehr wohl emotional erfahren wird.

Freuds Annahme, das Vergessen der ersten Lebensjahre habe die Schutzfunktion, das Vordringen schmerzlicher Erinnerungen zu unserem Bewusstsein zu verhindern, kann ich nur eingeschränkt teilen. Aus früher Daseinszeit erinnere ich viele Gegebenheiten, die schmerzten und Angst erzeugten: Angst, wenn Mutter mich in den ersten Nachkriegsjahren immer wieder einmal alleine lassen musste, Demütigungen und Verletzungen während der Kinderverschickung. Auch das Fehlen des Vaters, den ich schließlich phantasierte, ließ mich in Verbindung mit dem Alleinsein in Trauer zurück. Situationen der Angst, des Schmerzes und der Trauer scheinen mir mit einer besonderen mnestischen Stärke verbunden und keineswegs ins Unbewusste verdrängt. Sie sind frühe Aufzeichnungen im autobiografischen Gedächtnis.

 

Erinnerungen sind freilich nie ein genaues Abbild dessen, was wir wahrgenommen und erlebt haben. Sie sind vielmehr stets auch das Ergebnis von Rekonstruktionen und Verarbeitungen dessen, was war. Einiges erinnere ich deshalb, weil später darüber gesprochen wurde und Mutter auch oft und gerne von früher erzählte. Sie fand in mir einen dankbaren Zuhörer. Manche Geschichten fand ich als Kind schon deshalb spannend, weil ich sie bereits kannte und nun aufmerksam war, ob etwas Neues hinzukam, was ich von Mutter bislang noch nicht gehört hatte. Heute - nach dem Tod beider Eltern - bleiben dennoch viele Fragen offen, zum Teil auch deshalb, weil sie nie gestellt wurden.

 

 

Als Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit ist die persönliche Lebensgeschichte in besonderer Weise mit historischen Ereignissen verbunden. Nicht wenige der erzählten Begebenheiten habe ich deshalb in den jeweiligen zeitgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Es war mir wichtig, die politischen Verhältnisse und den gesellschaftlichen Geist eines bestimmten Zeitabschnittes lebendig werden zu lassen, um so auch vielleicht einen kleinen Beitrag wider das Vergessen zu leisten.

 

Erinnerungen werden heute nicht mehr nur von herausgehobenen Personen der Zeitgeschichte und in einer Phase eines überschaubar verbleibenden Lebensabschnittes geschrieben, vielmehr auch in jüngeren Jahren. Dienen sie nicht der Selbstaufwertung und eigener Eitelkeit, hat das Niederschreiben des Erlebten durchaus eine förderliche Funktion, ähnlich den Tagebuchaufzeichnungen früherer Zeiten. Die Reflexion über die eigene Vergangenheit, wie man wurde, wer man ist, kann der Klärung und Aufarbeitung komplexer, mitunter bislang unverstandener Erfahrungen sowie dem Abschließen von Entwicklungen dienen. Sie vermag damit eine entlastende und reinigende, auch therapeutische Funktion übernehmen. Die sogenannte narrative Therapie hat sich dies zu eigen gemacht.

Mögen meine niedergeschriebenen Erinnerungen aus früher Kindheit, Jugend und dem anhaltenden Erwachsenwerden anderen eine Anregung sein, in gleicher Weise zu verfahren, um - in welcher Entwicklungsphase auch immer - Klarheiten und Einsichten ins eigene zurückgelegte Leben mit all seinen Beziehungen zu erlangen. Wie es der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard sinngemäß ausdrückt, leben wir das Leben zwar vorwärts, aber verstehen können wir es nur in der Rückschau.

 

Zum Inhalt der Biografischen Erzählung

„Papa im Schuhkarton - Aufwachsen zwischen Krieg und Frieden“

 

„Papa im Schuhkarton“ ist eine der Geschichten, die erzählt werden müssen, solange sie noch erzählt werden können. In ihr spiegeln sich die Erfahrungen vieler Familien, deren Pläne, Hoffnungen und Wünsche ein sinnloser Krieg jäh zerstörte.

Der kleine Klaus ist ein aufmerksamer Beobachter. Er ist das Kind aus dem letzten Heimaturlaub seines Vaters, bevor sich dessen Spur an der Ostfront verliert. Früh lernt er, dass man die Erwachsenen, vor allem die Mutter, schonen muss, damit sie nicht noch trauriger werden. Seine eigene Traurigkeit, seine Gefühle von Angst, Trauer und Verlassenheit muss er mit sich ausmachen, auch die frühen Erfahrungen von Demütigung und Misshandlung im Kinder-Erholungsheim und später im katholischen Internat.

 

Er vermisst den Vater, den er nicht kennt und von dem niemand weiß, ob er noch lebt. Die Fotos im Schuhkarton trösten ihn und beflügeln seine Phantasie.

Als der Vater vier Jahre nach Kriegsende aus russischer Gefangenschaft nach Hause kommt, entspricht er so gar nicht diesem Bild. Es ist ein fremder Mann, der große Probleme hat, seinen Platz in der Familie und in der Gesellschaft wiederzufinden. Das Familienleben gestaltet sich schwierig, gemeinsame Augenblicke des Glücks sind selten. Fremdheit und Distanz bleiben, bis ins Erwachsenenalter hinein. Erst die zum Tode führende Erkrankung des Vaters bringt die lang ersehnte Nähe und Anerkennung.

 

Es ist eine Erzählung von Trauer und Schmerz, Hunger und Entbehrung, aber auch von großer Hoffnung und Zuversicht, Trost, Freundschaft und gelebter Solidarität in der Gemeinschaft, eine Erzählung auch voll Lebensfreude und ungewollter Komik. Die Kinder bleiben weitgehend sich selbst überlassen. Sie schaffen sich ihre eigene Welt, eine Welt voller Abenteuer und einer Freiheit, die sich der Kontrolle der Erwachsenen entzieht.

Ebenso wie die Familie kämpft sich die junge Bundesrepublik zurück in ein normales Leben. Die persönlichen Erlebnisse sind eingebettet in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang, der den gesellschaftlichen Geist des jeweiligen Zeitabschnittes erfahrbar macht, bis hinein in die 1968er Jahre, die der Autor als Student der Frankfurter Universität erlebt. Der Leser gewinnt so einen guten zusammenfassenden Überblick über die wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Ereignisse und einen anschaulichen, lebendigen Einblick in das Alltagsleben der Nachkriegszeit, welches uns heute wie aus einer fremden Welt erscheinen mag.

 

Bibliografie

Klaus Jost
Papa im Schuhkarton

Aufwachsen zwischen Krieg und Frieden
Biografische Erzählung

 

270 Seiten. Softcover
Erschienen 2020
Ladenpreis 12,95
Lehmanns Media (Verlag)
978-3-96543-168-3 (ISBN)

Lieferbar auch als E-Book (PDF)
Ladenpreis 9,99 Euro
ISBN 978-3-96543-180-5