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Wolfgang Koeppen

Einzelgänger und heiterer Melancholiker

Dem literarisch interessierten Publikum wurde er bekannt durch seine „Trilogie des Scheiterns“, welche die Romane „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ umfasst. Entworfen wird darin ein vielschichtiges Tableau der restaurativen bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft, gezeigt werden die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Widersprüche der Zeit. Erzählform und Stil sind stark an den experimentellen Roman angelehnt. Charakteristisch sind innere Monologe, filmschnittartige Technik, Montage von Sprachjargon, Liedtiteln, Reklamesprüchen, literarische Zitate und Anspielungen auf Politiker, den Politikbetrieb der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, die in der ersten Hälfte der 50er Jahre fast durchgängig verdrängt wurde.

 

 

Koeppens schriftstellerisches Schaffen außerhalb der „Trilogie des Scheiterns“

 

In seinem ersten Roman „Eine unglückliche Liebe“ (1934) stellt Koeppen auf der psychologischen Ebene das Scheitern einer Liebe zwischen einem Studenten und einer Varieté-Schauspielerin dar. Dieser Gegensatz von Geist und Sinnlichkeit, dargestellt als rasch wechselnde traumatische Bilder, erinnert an romantische Motive des vorangegangenen Jahrhunderts, offenbart jedoch gleichzeitig die finsteren Verhältnisse jener konservativen Revolution, die in den Faschismus führt – ohne sie zu konkretisieren.
 

Der Roman „Die Mauer schwankt“ (1935, Neufassung unter dem Titel „Die Pflicht“, 1939) lässt die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg deutlicher erkennen. Ein Baumeister erkennt in einer zerstörten ostpreußischen Kleinstadt, dass das Vergangene und die von ihm vermittelte vermeintliche Sicherheit unwiederbringlich ist und dass sich ein neuer politischer und gesellschaftlicher Umbruch andeutet.
 

Nach der „Trilogie des Scheiterns“ verfasste Koeppen zunächst Reiseberichte über Russland, Amerika und Frankreich, in denen er seine Skepsis über die Reorganisation eines bürgerlichen Lebens artikuliert, das über die Schrecken der Weltkriege fast teilnahmslos hinweggeht.
 

In seinem autobiografischen Bericht „Jugend“ (1976) beschreibt er das Wagnis, als Außenseiter jenseits der Normen des bürgerlichen Lebens bestehen zu können.
 

Umstritten blieb sein Umgang mit den „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“, die Koeppen 1992 unter eigenem Namen veröffentlichen ließ. Postum stellte sich heraus, dass er weite Teile des Originalberichts des jüdischen Zeitzeugen Jakob Littner lediglich übernommen hatte. Koeppen hat die Vorlage aber auch nach eigener Aussage dazu benutzt, seine eigene (persönliche) Geschichte zu schreiben.

 

M.N.F.

 

 

 

Wolfgang Koeppen über sich selbst

 

Als ich zwanzig Jahre alt war, schrieb ich die Memoiren eines Neunzigjährigen. Das Manuskript verbrannte mit der deutschen Reichshauptstadt. Noch nicht neunzig und nicht mehr zwanzig sehne ich mich weiterhin nach dem Patriarchenalter und sehe mich als Kind.

Ich entstamme einer nach landläufiger Auffassung heruntergekommenen Familie. Zur Zeit meiner Geburt muss sie leider den tiefsten Stand ihres Ansehens erreicht haben. Meine Mutter liebte und hasste den Ort. In seiner Umgebung zeigte sie mir später und mit verhärmtem Stolz Rittergüter, die uns schon lange nicht mehr gehörten.

Ich wuchs im Hause eines Mathematikers auf. Er wollte mich für die Magie der Zahlen begeistern. Wenn er den Weihnachtsbaum schmückte, berechnete er vorher die Kurve der Erdumdrehung. Über jedem Tun wurde es Nacht, und meine Tante weinte. Ich fürchtete die Vernunft und misstraute den Gleichungen. Erst nach seinem Tode wusste ich, dass mein Onkel einsam gewesen war, und als ich de Broglie, Jeans, Rutherford, Einstein, Planck zu begreifen versuchte, bereute ich, die Gabe des strengen Mathematikers verschmäht zu haben.

 

Ich schwänzte die Schule. Ich versteckte mich hinter den Zäunen. Ich umarmte die Erde und empfand sie als einen Ball, der mich in rasender Fahrt durch ein unheimliches Universum trug. Ich wollte mit dem Zirkus fliehen. Ich bewunderte die anmutige Amazone, ich liebte ihr gehorsames Pferd; doch die bunte Nymphe enttäuschte mich, als ich ihr mein Leben anbot. Ich erkannte mit Pascal die Dummheit, aus dem Hause zu gehen. Ich blieb im Bett liegen, las Reclams Universal-Bibliothek, entdeckte den Geist, die Geschichte, die beschriebene Erde, die Realität von Kunst und Phantasie und höhnte der Pauker. Zu Kaisers Geburtstag sagte ich in der Aula das patriotische Gedicht auf. Das sicherte mir die Versetzung bei sonstiger Abwesenheit. Im Weltkrieg, den man nun den ersten nennt und damit den Schrecken permanent macht, sammelte ich Gold und Lumpen für den Sieg. Ich bekam ein Dankschreiben der Kronprinzessin und glitschiges Brot auf den Weg. Die Revolution spaltete uns in Rote und Deutschnationale. Da es auf dem Gymnasium zum guten Ton gehörte, Monarchist zu bleiben, vertrat ich die Ansichten der Republik. Mein Gesangbuch waren die schwarzen Hefte der expressionistischen Dichter im Jüngsten Tag. Die Familien lasen das schwarz-weiß-rote Provinzblatt oder den Lokalanzeiger. Ich kaufte am Bahnhof die Weltbühne, das Berliner Tageblatt, den Vorwärts, die Rote Fahne. Die Mitschüler marschierten im Ludendorff-Bund. Ich marschierte nicht. Ich jagte allein.

 

Ich lebte in einer Kleinstadt und verwünschte sie. Nach Berlin, von dem ich träumte, reiste ich über das Meer. Ich fuhr zur See und suchte Utopia. Die Matrosen blickten nach kleinbürgerlichen Küsten aus. Ich studierte und war sehr arm. Ich lebte von nichts und entwickelte mich zu einem Gespenst zwischen Charlottenburg und dem Bülow-Platz.

 

Ich liebte Berlin, ich liebte seine Wärme und seine Kälte, ich liebte die Schönheit seiner hässlichen preußischen Straßen, ich liebte die Menschen, das Kraftfeld der großen Stadt, ich liebte den Morgen und den Abend, die Tage und die Nächte, ich war heimisch in den Bibliotheken, den Theatern, den Redaktionen, den Ateliers, den politischen Phantasien, den philosophischen Konventen, den dialektischen Debatten, ich verkehrte mit den Ärmsten und den Reichsten, ich begehrte die Mädchen der Rummelplätze und des Kurfürstendamms, ich saß im Romanischen Café unter den Gescheiten, die dann der Teufel holte.

 

Ich war Dramaturg und wollte zu Brecht und Piscator. Ich wurde Feuilleton-Redakteur am Berliner Börsen-Courier. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war ich zu unbekannt, um verfolgt, doch bekannt genug, um versucht zu werden. Ich schlug das Angebot einer bedeutenden Pressestellung aus und schrieb, von Max Tau beflügelt, für Bruno Cassirer meinen ersten Roman, der einen damals braunen, heute christlichen Kritiker nach dem Arbeitslager rufen ließ.

 

Als man die Juden zu verfolgen begann, entdeckte ich, dass ich jüdische Freunde hatte. Da sie weggehen mussten, ging ich auch. Ich versuchte, im Ausland zu leben. Es gefiel mir in Holland, aber ich erkannte, dass man als deutscher Schriftsteller sich nicht aus dem Land der deutschen Sprache entfernen durfte. Ich war sehr unglücklich.

 

Das Grauen kam über die Welt. Ich stellte mich unter, ich machte mich klein, ich ging Eulenspiegels Wege, ich erlebte Grotesken und Verhängnisse, Freundschaft und Verrat, ich war ein Schaf unter Wölfen und ein Wolf unter Schafen, ich wollte das Ende der Tragödie sehen, und als der Vorhang fiel, war ich erschöpft. Ich wunderte mich über die vielen Unschuldigen, die auf einmal auftauchten und zur Krippe gingen, über die alten Schuldigen, die ihre Stellungen hielten oder verbesserten, über jeden, der nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewusst und nichts gelernt hatte. Ich lebte. Es ging mir schlecht. Ich hatte die Freiheit und die Freiheit zu verhungern. Das ist sehr viel wert!

Eines Tages kam Henry Goverts, der Verleger, zu mir. Er fragte mich: Warum schreiben Sie nichts mehr? Da fragte auch ich mich, worauf ich all die Jahre gewartet hatte und warum ich Zeuge gewesen und am Leben geblieben war.“

 

Aus „Umwege zum Ziel: Autobiografische Skizze“, 1961

© Suhrkamp Verlag

 

 

 

„Koeppens Werke sind existentielle, extrem individualistische und sich jeder ideologischen Vereinnahmung verweigernde, von der subjektiven Erfahrung der Vaterlosigkeit (»ein Emigrant bei meiner Geburt«), des wilhelminischen Gewaltsystems, von Krieg und Novemberrevolution, von der Großstadt Berlin in der Weimarer Republik und schließlich vom Faschismus geprägte Versuche zur Identitätsfindung. Die Rollenwechsel des sich in allen Werken hinter fingierten Ichs verbergenden Dichters verweisen auf die Identitätsproblematik des vorgeblich »heiteren Melancholikers« (so Koeppens Selbstcharakteristik). Sie lassen die Schwäche vor dem Leben als Kehrseite einer durch u. durch literarische Existenz (»Ich lebe in einem Roman«) erkennen, für die Schreiben Handeln ist.“

 

Wilhelm Haefs