Einzelartikel aus „https://bruecke-unter-dem-main.de - Frankfurter Netzzeitschrift“

Aktuelle Themenwoche

133. PRO LESEN-Themenwoche 14. – 19. September 2026

Spannende Geschichten

Literarisch – realistisch - politisch

 

 

Die spannende Geschichte Nummer 1

 

NDR: „Packender Agentenroman zwischen Amrum und Moskau“

 

Andreas Pflüger weiß, wie Spannung geht. In seinem neuen Thriller "Kälter" tritt eine Frau gegen einen von Geheimdiensten beschützten Verbrecher an, jagt ihn in Zeiten des Mauerfalls durch Deutschland, halb Europa und Israel.

 

Der Roman beginnt auf Amrum. Zwei Inselpolizisten kämpfen gegen das Schietwetter und gehen in der Nebensaison harmlosen Fällen nach. Jörgen plant eine Überraschungsparty für seine Dienststellenleiterin Luzy Morgenroth, als ein Gast mit falschen Papieren im Hotel Deichgraf absteigt. Ebenso wie sich das Schietwetter zum ausgewachsenen Sturm entwickelt, entpuppt sich das vermeintliche Bagatelldelikt als Killerkommando und Luzy Morgenroth als weit mehr als eine einfache Beamtin in der kleinsten Polizeidienststelle Deutschlands.

 

Den langjährigen TATORT-Drehbuchschreiber Andreas Pflüger  "Mir hat der Gedanke gefallen, zu zeigen, wie ein Inselkrimi auch sein könnte, wenn man denn will. Aber vor allem mochte ich den Gedanken, ganz ruhig und still anzufangen. Ich war zur Recherche auf Amrum, und der Humor, der in den Amrum-Kapiteln ist, kam auch daher, dass ich diese Polizisten dort kennengelernt habe", sagt er lachend. Das sei so ein bisschen wie in der ARD-Serie "Neues aus Büttenwarder" gewesen: "Da teilen sich zwei Beamte wochenweise eine Laser-Pistole mit der Nachbarinsel Föhr. Das hat den ganzen Ton dafür vorgegeben."

Der wird dann im Laufe des Thrillers merklich kälter.

 

Zeitlich folgt die Handlung in "Kälter" auf den vorangegangenen Roman "Wie sterben geht". Wir treffen Figuren daraus wieder, der im Kalten Krieg spielt, und erleben konsequenterweise den Mauerfall - aus zwei Perspektiven: Ost und West. Für Andreas Pflüger ein Lebensthema: "Ich bin in der DDR geboren, im Alter von drei Monaten ins Saarland gekommen, in die Heimat meiner Mutter, dort aufgewachsen und habe 1986 meine DDR-Cousine Conny geheiratet. Das war eine Scheinehe, damit sie in die Bundesrepublik ausreisen konnte. Ich habe sehr viel Zeit in Ost-Berlin verbracht, hatte dort einen kompletten Freundeskreis und eigentlich zwei Leben: eines in Ost- und eines in West-Berlin. Dieses deutsch-deutsche Thema hat mich immer begleitet, deswegen ist das in gewisser Weise auch ein persönlicher Roman."

 

Und dazu einer, der uns nicht wenig abverlangt: Pflüger springt leichtfüßig durch Zeitgeschichte und Spielorte. Der Weg führt von der Polizeiwache Amrum zur BKA-Zentrale in Wiesbaden, in einem Rückblick zu den Ausbildungscamps des israelischen Inlandsgeheimdiensts Shin Bet und von der Lubjanka, wo der KGB sein Moskauer Quartier hat, zum Neusiedlersee, wo der sowjetische Geheimdienst ein Waffendepot unterhält. Dort rüsten sich Luzy Morgenroth und Ex-KGB-Agent Nika Trigorin für den Kampf gegen den Mann, der unter dem Namen "Babel" von Geheimdiensten geführt wird und der hinter den Morden auf Amrum steckt.

 

"Kälter" ist ein ebenso packender wie stellenweise humoriger Thriller und gleichzeitig ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte. Dass die Geheimdienstperspektive seiner Romane eine authentische ist, verdankt Pflüger auch dem ehemaligen BKA-Präsidenten Hans-Ludwig Zachert, mit dem ihn bis heute eine Freundschaft verbindet. Der öffnete viele Türen und erklärte ihm die Sicherheitsarchitektur unseres Landes so ausführlich, dass der Geheimdienst inzwischen von Pflüger lernt: "Man kann ganz gut erkennen, wie man meine Arbeit beim Bundesnachrichtendienst einschätzt, denn ich bin vor einigen Jahren eingeladen worden (…), um vor Führungskräften darüber zu berichten, wie ich meine Romane recherchiere."

 

Bibliografie:

Andreas Pflüger
Kälter
Roman
495 Seiten. Gebunden
Ladenpreis 25 €
ISBN 978-3-518-43258-7
Suhrkamp Verlag

 

 

Spannende Geschichte Nummer 2

 

Zum zweiten Mal ermitteln in Jan Costin Wagners neuem Roman die Wiesbadener Polizisten Ben Neven und Christian Sandner. Es geht um den Pädophilenring, auf den sie schon bei der Aufklärung ihres ersten Falles – 2020 in dem Roman Sommer bei Nacht – um den entführten kleinen Jannis gestoßen waren. Doch in Am roten Strand wird nicht nur intensiv gegen Pädophile ermittelt, sondern die Täter selbst müssen vor einem Mörder geschützt werden, der der Polizei offensichtlich nicht vertraut und deshalb das Recht in die eigenen Hände genommen hat.

 

»Delikte am Menschen« heißt die Abteilung der Wiesbadener Polizei, zu der Ben Neven und Christian Sandner gehören. Die beiden besaßen in Jan Costin Wagners Roman Sommer bei Nacht (2020) einen großen Anteil daran, dass pädophilen Tätern rund um den hessischen Campingplatz »Am roten Strand – Seeblickcamping« ihr schmutziges Handwerk gelegt werden konnte.

 

Ben Neven tat sich dabei besonders hervor, indem er, um das Leben eines kleinen entführten Jungen zu retten, einen der Entführer erschoss. Doch der Mann, den die Medien daraufhin als Helden feierten, ist selbst höchst gefährdet. Immer wieder muss der Familienvater gegen seine eigenen pädophilen Neigungen ankämpfen. Aber weil es zu seinem Job gehört, Abertausende von kinderpornographischen Fotos und Videos zu sichten, verliert er diesen Kampf auch regelmäßig.

 

Wagners neuer Roman Am roten Strand beginnt damit, dass die Untersuchung von Bens tödlichen Schüssen auf einen gewissenlosen Mann, der gerade dabei war, einen unschuldigen Jungen zu töten und auf einer Waldlichtung zu vergraben, durch eine interne Kommission keine strafbaren Verstöße des Polizisten ergibt. Also weitermachen da, wo man aufgehört hat, denn mit der Rettung eines Kindes ist eines der grausamsten und verstörendsten Verbrechen noch lange nicht aus der Welt geschafft. Gerade weil die Täter mitten unter uns leben, gut situierte und in der Regel eher harmlos wirkende Ehemänner sowie häufig genug selbst Väter kleiner Kinder sind, ist ihnen schwer auf die Spur zu kommen. Und die Kanäle, über die man miteinander in Kontakt kommt, sich austauscht und zu gemeinsamen Taten verabredet, sind in Zeiten des Internets und seiner dunklen Ecken gut versteckt und bedürfen zu ihrer Überwachung eines beständig wachsenden Personalaufwands, der in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen auch bei der Polizei stets auf’s Neue begründet werden muss.

 

Da hat es jener Unbekannte leichter, der die Szene genau kennt, weil es ihm mit Hilfe eines Freundes gelungen ist, in die Chaträume des pädophilen Netzwerks einzudringen, und der sein Insiderwissen dazu nutzt, Rache zu nehmen für einst erlebtes Unrecht. Zwei Tötungsdelikte innerhalb kürzester Zeit rufen die Wiesbadener Kriminalpolizei auf den Plan. Wo man bald erkennt, dass zwischen den geschickt arrangierten Morden an einem inhaftierten Sexualstraftäter und einem seine vierjährige Tochter im Internet anbietenden Biedermann sowie dem aktuellen Kampf gegen einen im Laufe der Ermittlungen immer größer werdenden Kreis von Sexualstraftätern ein enger Zusammenhang besteht. Aber soll man wirklich jemand zur Strecke bringen, der diejenigen umstandslos aus dem Verkehr zieht, gegen die man oft selbst keinerlei Handhabe besitzt? Eine geradezu paradoxe Situation – in der sich Neven, Sandner und die anderen aus ihren Team dennoch als Polizisten zu verhalten haben.

 

Am roten Strand ist – wie man das von den sechs Bänden von Jan Costin Wagners Kimmo-Joentaa-Buchreihe, erschienen zwischen 2003 und 2017, bereits gewöhnt ist – ein stiller Roman. Allenfalls einmal am Rande benutzt der Autor Action-Elemente. Ansonsten interessiert ihn mehr die psychologische Verfasstheit seiner Figuren, zwischen denen die Perspektive der vielen kurzen Szenen, aus denen der Roman gebaut ist, immer hin und her wechselt. Ben Neven mit seinem dunklen Drang, dem er auch in diesem Roman ganz nahe kommt, wenn er der Anziehungskraft eines Flüchtlingsjungen, der sich mit anderen auf einem Dortmunder Parkplatz prostituiert, nur knapp widersteht, Christian Sandner, der gegen seine Einsamkeit ankämpft und dabei jenen, nach denen er als Polizist sucht, näher kommt, als er ahnt, Landmann, der aus dem Dienst ausgeschiedene »ewige Mentor« Bens, der, sich selbst quälend, nach den Ursachen für den Suizid seiner Tochter Barbara sucht oder der junge Anwalt Torben Strate, dessen moralisches Dilemma darin besteht, dass seine Freundin Jennifer ein Kind erwartet, während er als Pflichtverteidiger einem Pädophilen zur Seite stehen muss – sie alle eint eine Weltsicht jenseits von Optimismus und Zuversicht.

 

Rezensenten hatten am Vorgängerroman Sommer bei Nacht bemängelt, dass bei den vielen Perspektiven, aus denen dessen Geschichte erzählt wurde, eine fehlt: die der Opfer. Die wird in Am roten Strand nun nachgereicht. Allerdings sehen die, welchen einst Gewalt angetan wurde, offenbar keine andere Möglichkeit, die Welt für sich und andere wieder in Ordnung zu bringen, als selbst zum Mittel der Gewalt zu greifen. Angesichts der Tatsache, dass sich sogar Polizisten wie Ben Neven, die man mit der Verfolgung dieser Straftaten beauftragt hat, unter jenen befinden, gegen die ermittelt wird, erscheint Selbstjustiz in der Tat fast wie ein letztes Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen. Das ist keine frohe Botschaft, nichts, das aufatmen lässt. Aber im Romankosmos von Jan Costin Wagner im Grunde auch nichts Neues.

 

Bibliografie

Jan Costin Wagner
Am roten Strand
Roman
304 Seiten. Gebunden
Ladenpreis 22,00 Euro
978-3-86971-209-3
Galiani Verlag 

 

 

Spannende Geschichte Nummer 3

 

Denis Scheck empfiehlt: 

„Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram“

 

Geschichte erscheint mitunter als ununterbrochene Kette von Blutbädern. Warum also nicht einmal die Antike nacherzählen wie einen John-Wick-Film – mörderisch spannend, brutal und voller Gewalt. Das dachten sich der furchtlose Althistoriker Michael Sommer und Stefan von der Lahr, legendärer Lektor für historische Sachbücher im Verlag C.H. Beck. Ergebnis ist ihr gemeinsames Buch „Die verdammt blutige Geschichte der Antike – ohne den ganzen langweiligen Kram“. 

 

Der barocke Titel hält Wort. Sommer und von der Lahr gelingt ein krass grausamer Rundgang durch 1500 Jahre griechischer und römischer Geschichte, die sie gründlich entstauben und als atemberaubende Nummernrevue von Giftmörderinnen, Schlagetots und Blutsäufern inszenieren. Dieses Buch löst die deutscheste aller Fragen aus: 

Darf man das? Darf man so flapsig und unverschämt unterhaltsam Geschichte erzählen? Man darf nicht nur, man muss! 

 

Bibliografie:

Michael Sommer / Stefan von der Lahr: 
Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram 
364 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
Ladenpreis 26,00 Euro
ISBN 978-3-406 83075-4
Verlag C.H. Beck