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Das PRO LESEN-Sommerthema

Neubegegnungen mit Heimito von Doderer

(C) Verlag C. H. Beck, München

Die Strudlhofstiege
oder Melzer und die Tiefe der Jahre

Der 1951 erschienene Roman ist ein Gesellschaftsroman über das Wien der Jahre 1923 bis 1925, in welchen ausführliche Rückblenden auf die Zeit zwischen 1910 bis 1911 eingeflochten sind. Die Handlung besteht aus einer Vielzahl raffiniert ineinander verflochtener, von Zeitsprüngen durchbrochener, beim ersten Lesen schwer zu überblickender Erzählstränge. Zusammengehalten wird das Buch vor allem von seinem Hauptort, der Gegend um die Strudlhofstiege:

Die meisten Szenen spielen im 9. Wiener Bezirk, dem Alsergrund, zwischen dem Althanplatz (heute Julius-Tandler-Platz) am Franz-Josefs-Bahnhof (der von Doderer als „Böhmischer Bahnhof“ bezeichnet wird) und dem Schottentor. Die Protagonisten des Romans begegnen sich auf oder im engeren Umfeld der Strudlhofstiege, einer Treppenanlage, welche die obere und untere Strudlhofgasse zwischen Währinger Straße und Liechtensteinstraße verbindet. Sie war 1907 im Jugendstil erbaut worden und überwindet seither den beträchtlichen Höhenunterschied.

Die Hauptfiguren sind der ehemalige Leutnant Melzer, der am Ende des Ersten Weltkriegs als Major verabschiedet und mit einer Stelle als Amtsrat in der staatlichen Tabakregie versorgt wird, und der Student und spätere Historiker René von Stangeler. Der Lebensweg von dessen Schwester Etelka, der auf einen Suizid hinausläuft, wird genauso ausführlich erzählt. Auch Renés Verlobte, die Pianistin Grete Siebenschein, und die nymphomane Editha Pastré sind tragende Charaktere der miteinander verwobenen Handlungen.

Die zu Beginn des Romans erwähnte Mary K. hingegen, die 1925 einen schweren Verkehrsunfall erleidet, taucht erst am Ende wieder auf. Auf den ersten Seiten wird der Leser noch darüber informiert wird, dass es 1910 eine Liebesverbindungen zwischen ihr und Melzer gab. Wäre es zu einer Eheschließung gekommen, hätte Melzer seinen Abschied von der Armee einreichen müssen. Denn Mary K. war Jüdin, was aber lediglich zwischen den Zeilen deutlich wird.
Die attraktive und interessante Frau bildet eine unsichtbare Klammer um die unübersichtlich erscheinenden Handlungsträge und Ereignisse. Der erste Teil des Buch beginnt geheimnisvoll wie ein Kriminalroman:

"Als Mary K.s Gatte noch lebte, Oskar hieß er, und sie selbst noch auf zwei sehr schönen Beinen ging (das rechte hat ihr, unweit ihrer Wohnung, am 21. September 1925 die Straßenbahn über dem Knie abgefahren), tauchte ein gewisser Doktor Negria auf, ein junger rumänischer Arzt, der hier zu Wien an der berühmten Fakultät sich fortbildete und im Allgemeinen Krankenhaus seine Jahre machte.“

Der Leser muss ca. 800 Seiten warten, bis er die näheren Umstände von Marys Unfall erfährt.

Im Vordergrund der umfangreichen Erzählung stehen weitschweifende Gedankengänge um bestimmte Personen und Ereignisse, die einem typischen Wiener Kaffeehausgespräch entnommen sein könnten und mutmaßlich dort ihre literarische Geburtsstunden hatten. Heimito von Doderer verkehrte wie viele andere Künstler im bekannten Café Hawelka.

Die Titelfigur des Romans, Melzer, wird als eher farblose Randperson eingeführt. Es hat den Anschein, dass Doderer ihn als eine Art Türschließer zu den verschiedenen Erzählsträngen konzipiert hat. Melzer ist immer irgendwo präsent und verbindet dadurch die zum Teil schwer durchschaubare Handlung. Das Erlebte, welches bei ihm die Züge von Erlittenem aufweist, gibt ihm die Chance zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Nicht ohne Grund lautet der Untertitel des Buches „Melzer oder Die Tiefe der Jahre“. Doderer nennt diesen Prozess „Menschwerdung“. Die partielle Unentschiedenheit Melzers, aber auch die teils euphorischen, teils resignierenden Lebensphasen der anderen Personen, erweisen

sich als Spiegel der Zeitläufe. Da ist zum einen das sehr authentische k&k-Österreich der Jahre 1910 und 1911, und zum anderen das Jahr 1925, als die neue Republik sich ihrer Bestimmung als Rest des ehemaligen Vielvölkerstaats nicht sicher ist.

Doderer selbst trat schon 1933 in die damals illegale NSDAP Österreichs ein und huldigte den Vorstellungen eines "Dritten Reiches", die es ihm erlaubten, über die konkreten politischen Vorstellungen der Nazis hinwegzusehen. 1939 verbrannte er sein Parteibuch und beantragte die Streichung aus der Mitgliederkartei. Dieser Sinneswandel hatte für ihn keine politischen Folgen.

Der Schriftsteller wollte die landläufige Politik wie auch individuelle psychische Prozesse als unerheblich ansehen, weil er sich nur dann in der Lage sah, die Phänomene zu beschreiben - für ihn gehörte all der Tand der Alltagswahrnehmung und der gesellschaftlichen Umstände einer "zweiten Wirklichkeit" an, die es zu durchdringen gelte, um zu der maßgeblichen "ersten Wirklichkeit" vorzustoßen. Dieser theoretische und weltanschauliche Hintergrund vermag selten zu überzeugen, er wirkt elitär-verblasen und sogar häufig reaktionär.

Merkwürdigerweise hat diese Haltung seinem literarischen Schaffen nicht geschadet. Denn sie führte dazu, dass Doderers Texte von der Dichte der Augenblicke leben, von überraschenden Beiläufigkeiten und genau beobachteten Details. Ähnlich wie Marcel Proust suchte der Autor eine verlorene Zeit und eine verlorene Sprache. Worum es ihm eigentlich ging, zeigt sich auch darin, dass er die experimentellen Autoren der "Wiener Gruppe" seit Mitte der Fünfzigerjahre, etwa H.C. Artmann und später auch Ernst Jandl, über alles schätzte, selbst der bissige Österreich-Analytiker Helmut Qualtinger gehörte seit damals zu seinen engsten Freunden.

 

Die Wasserfälle von Slunj

Ein Kauz und ein in mancher Hinsicht unsympathischer Zeitgenosse sei Heimito von Doderer gewesen, sagte Eva Menasse 2016 in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk über den österreichischen Schriftsteller. Aber für sie war er auch ein „Gott der Literatur“. Zum Einstieg empfiehlt sie ihren Lieblings-Doderer-Roman „Die Wasserfälle von Slunj“: „Es ist idyllisch, es ist schön, es ist bewegend und es ist wahnsinnig lustig und unterhaltsam.“

Die „Wasserfälle“ sind der letzte Roman, den Doderer vollenden konnte. Er war als erster Teil des vierteiligen „Romans No. 7“ geplant (die Bezeichnung ist eine Reverenz vor Beethovens „7. Symphonie“) und spielt zeitlich früher als „Die Strudlhofstiege” (1910/11 und 1923/25) und „Die Dämonen” (1926/1927), nämlich zwischen 1877 und 1910.

 

Das frisch vermählte englische Paar Robert und Harriet Clayton ist auf seiner Hochzeitsreise, die sie an einige sehenswerte Orte der Donaumonarchie („Kakanien“) führt. Ihr End- und Höhepunkt sind die Wasserfälle von Slunj in Kroatien. Dort empfängt Harriet ihren Sohn Donald. Die Wasserfälle werden so zu einem bedeutungs-vollen Ort, der die dramaturgische Klammer um das drei Jahrzehnte umfassende Geschehen bildet. Hauptschauplatz aber ist Wien, daneben Städte und Landschaften des Balkans und Englands. In Wien bereitet Roberts Vater derweil die Eröffnung einer Zweigniederlassung des in England ansässigen Familienunter-nehmens vor, deren Leitung dann Robert übernimmt. Auch Donald wird zu einem talentierten Ingenieur, der zum Erfolg des Unternehmens beiträgt. Vater und Sohn sind sich auch äußerlich ähnlich. Da Donald früh ergraut, werden sie bald die "Clayton bros." genannt. Doch dem Jüngeren mangelt es an der Vitalität und Ausstrahlung des Älteren. Das gilt insbesondere für Donalds Beziehungsunfähigkeit gegenüber Frauen. So gelingt es ihm nicht, der vier Jahre älteren Monica, die ebenfalls Ingenieurin ist, seine Liebe zu zeigen. Deren Signale, ihr ins Schlafzimmer zu folgen, vermag er nicht zu entschlüsseln. Die Romanze endet, noch ehe sie richtig begonnen hat.
Monica indessen fühlt sich immer mehr zu Robert hingezogen. Die Anzeige über die bevorstehende Heirat erreicht Donald während einer Geschäftsreise durch die südlichen Landesteile. Auf dem Heimweg nach Wien werden die Wasserfällen von Slunj besucht. Dort schließt sich der Kreis durch ein verhängnisvolles Geschehen.

Der unterhaltsame und über viele Strecken spannende Roman weist weniger Personen auf als die „Strudlhofstiege“ und die „Dämonen“, obwohl zahlreiche Nebenepisoden, die sämtlich miteinander verbunden sind, zu einem sehr detailreichen und farbigen Zeitgemälde beitragen. Der Leser behält jedoch den Überblick, obwohl sein detektivischer Spürsinn immer wieder gefordert wird. Auch unvermittelte Zeit- und Ortssprünge sind die Ausnahme. Hingegen ist die in ihren unterschiedlichen Facetten dargestellte österreichische Gesellschaft für den Autor Anlass, sie mit Witz und Bissigkeit zu kritisieren. Hier ist Doderer in seinem Element. Und er kommt dabei schneller zum Punkt als in den bereits erwähnten Romanen.

Den geplanten vierbändigen Zyklus konnte er jedoch nicht vollenden. Bei seinem Tod am 23. Dezember 1966 lag erst der unvollendete zweite Band („der zweite Satz“) vor, der 1967 als Fragment unter dem Titel „Der Grenzwald“ erschien.

 

Ein Mord den jeder begeht

Doderers 1938 veröffentlichter Roman ist weniger ein Krimi, was der Titel nahelegen könnte, sondern vor allem ein Entwicklungsroman. Er erzählt die Lebensgeschichte des Conrad Castiletz, einziges Kind wohlhabender Eltern. Der Vater ist Tuchhändler, herrischer Natur, neigt zum Jähzorn und ist zwanzig Jahre älter als die Mutter.

Der Sohn besucht eine gute Schule, ist aber nur ein mittelmäßiger Schüler. Ohnehin scheint Mittelmäßigkeit seine typische Eigenschaft zu sein. Er ist weder besonders klug noch besonders fleißig. Er eckt nie an, absolviert die Schule ohne besondere Auszeichnungen, aber auch ohne Tadel. Er wird Textilingenieur, was eine gute Berufswahl zu sein scheint. Denn alle Umstände deuten auf eine Karriere hin.
Andererseits vermag sich Conrad nicht von dem befreien, was seine frühen Jahre prägte und letztlich sein gesamtes Leben bestimmt. Der Leser wird bereits auf der ersten Seite des Romans darauf eingestimmt:
„Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.“

 

Ein Ereignis erweist sich für den Jugendlichen als ein nachhaltiges Erlebnis. Mit fünfzehn Jahren soll er allein seine Tante im Württembergischen besuchen. Für Conrad ist diese Reise in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1921 sehr aufregend. Er benutzt einen Nachtzug. Das Abteil teilt er sich mit einigen jungen Leuten, die sehr ausgelassen sind. Solche Lockerheit ist nicht nach Conrads Geschmack. Einer der Mitreisenden kommt auf die Idee, der Dame, die allein im Nebenabteil sitzt, einen Streich zu spielen. Ein anderer aus der fröhlichen Runde, ein Medizinstudent, packt daraufhin aus seinem Koffer einen Totenschädel aus. Der soll mit Hilfe eines Spazierstocks vor das benachbarte Abteilfenster gehalten werden, in dem die nicht näher beschriebene Dame sitzt. Conrad übernimmt es, eher widerwillig als begeistert, den Stock zu halten. Das ist nicht ungefährlich; denn der Zug fährt gerade in einen engen Tunnel ein. Im Nebenabteil aber bleibt es still. Conrad glaubt allerdings, einen leisen Schrei gehört zu haben. Mangels feststellbarer Reaktion verlieren die jungen Herren das Interesse. Auch Conrad denkt schon bald nicht mehr daran.

 

Nach dem Abschluss der Reutlinger Handelsakademie empfiehlt ihn sein Vater einem württembergischen Textilunternehmen, zu dem er seit langem in geschäftlicher Verbindung steht. Dort soll Conrad Berufserfahrung sammeln. Von der Fabrikantenfamilie Veik wird er freundlich aufgenommen. Sie sorgt dafür, dass er auf seine künftige Leitungsaufgaben vorbereitet wird. Dabei stellt er sich geschickt an, möglicherweise zum ersten Mal in seinem bisherigen Leben. In dieser Zeit lernt Conrad die Nichte des Fabrikanten, Marianne Veik, kennen. Sie gefällt ihm, aber auch die Aussicht auf eine gute Partie befördert seine Leidenschaft. Die Heirat findet bald statt.

 

Als er eines Tages das Bild eines Mädchens in der Bibliothek seines Schwiegervaters, des Landgerichtspräsidenten Veik, sieht, nimmt es ihn in seinen Bann. Er erfährt, dass es die Schwester seiner Frau darstellt, Louison Veik. Sie wurde während einer Zugfahrt ermordet und ihres kostbaren Schmuckes beraubt. Die Behörden haben den Fall mittlerweile als unaufklärbar abgelegt.
 

Conrad überkommt eine tiefe und unerklärliche Zuneigung zu dieser Frau, die er nie gekannt und erlebt hat. Er versucht, von diesem Zwang getrieben, das Verbrechen selbst aufzuklären. Die Spuren, denen er nachgeht, erweisen sich jedoch als Sackgassen. Das Verschieben persönlicher und beruflicher Prioritäten bleibt nicht ohne Folgen. Er vernachlässigt seine Frau und gefährdet seine berufliche Existenz. Doch wie ein Fanatiker lässt er nicht von seinem Vorhaben ab. Er will den Mörder finden.
 

Bei seinen Privatermittlungen spielt schließlich ein Eisenbahntunnel eine wichtige Rolle. Dieser existiert tatsächlich. Es handelt sich um den 584 m langen Tunnel mit zwei getrennte Fahrröhren zwischen Kirchheim am Neckar und Lauffen am Neckar, der bis heute in Betrieb ist.

 

Am Ende lässt sich der Fall auflösen. Aber Conrad Castiletz steht vor einer Katastrophe.