Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Hanns - Martin Dorenkamp: Aus der Zeit gefallen

Aus dem zweiten Teil des biografischen Romans "Der Jakobiner-Klub"

Aus der Zeit gefallen

 

Ich hatte lediglich einen fünfminütigen Fußweg zum Restaurant zurücklegen müssen und saß bereits mehr als eine Viertelstunde vor der vereinbarten Zeit in dem mir gut vertrauten Lokal. Die meisten Teilnehmer hingegen reisten von weither an, aus Karlsruhe, Mannheim, Saarbrücken, Mainz, Duisburg, Dortmund, Wuppertal und Weimar. Im Frankfurter Hauptbahnhof mussten sie noch in eine S-Bahn oder Regionalbahn umsteigen zum Südbahnhof.

 

Als mir der Wirt den bestellten Prosecco servierte, entdeckte ich Siegfried Kowalski, der draußen vor der Gaststätte stand und angestrengt hinein spähte. Ich erhob mich kurz und deutete ihm per Handzeichen an, er möge trotz des Schilds »Geschlossene Gesellschaft« eintreten. Wir begrüßten uns mit Handschlag und Umarmung, denn es war ein Wiedersehen nach langer Zeit. Siegfried hatte zwei Jahre nicht an den Treffen teilnehmen können.
 

Beim Ausstieg aus dem Berufsleben hatte ihm sein Arbeitgeber, der DGB, Steine in den Weg gelegt. Statt wie von ihm vorgeschlagen, eine insgesamt fünfjährige Altersteilzeit zu vereinbaren, wollte man ihn zum 60. Geburtstag mit einer schmalen Abfindung loswerden. Das hätte einen Rentenabschlag von 16 Prozent bedeutet. Nach einem Prozess vor dem Arbeitsgericht, der sich über zwei Instanzen und 1 ½ Jahre hinzog, erhielt er Recht. Aber die Auseinandersetzung hatte Spuren hinterlassen. Siegfried war verbittert geworden. Und seine Skepsis gegenüber dem Staat trug gelegentlich Züge von Hass und Verzweiflung. Ich hatte das seinen E-Mails und Anrufen entnehmen können.

 

Als wir uns zuprosteten, fiel ich schlagartig aus der Zeit, war mit meinen Gedanken im Juni 1968. Damals saß mir Siegfried Kowalski im Franz-Mehring-Haus in Leipzig gegenüber.

 

Es war der 4. Juni 1968, 10:00 Uhr. Im Büro der Abteilung „Agitation und Propaganda“ der FDJ-Bezirksleitung Leipzig trafen wir uns: Dagmar Wagner, Siegfried Kowalski und ich. Damals benutzte ich für meine politischen Aktionen den Decknamen Moritz. Wir Westdeutsche waren Delegierte aus linken Gruppen, die im Ruhrgebiet aktiv waren. Und wir diskutierten nicht zum ersten Mal und gewöhnlich kontrovers mit Ost-Funktionären über die Zukunft des Sozialismus in Deutschland.

 

Vordergründiger Anlass waren die Ergebnisse des 9. Arbeiterjugendkongresses beider deutscher Staaten und West-Berlins, der am Vortag in Halle-Neustadt zu Ende gegangen war.

 

Wir standen noch spürbar unter dem Eindruck des Abschiedsfeuerwerks im Amselgrund an der Saale am Abend zuvor, dessen Ausklang von einem ungeplanten Ereignis gestört worden war.

 

Eine kleine Gruppe von SDS-Mitgliedern aus der Bundesrepublik hatte sich Zugang zu einer der Bühnen auf dem Festgelände in der Saaleaue verschafft und „Freiheit in der DDR“, „Weg mit der Mauer“ und „Waffen für den SDS“ in die Mikrofone gebrüllt. Kaum hatten die Verantwortlichen realisiert, was dort Umstürzlerisches artikuliert wurde, hat­ten sie den Strom abgeschaltet.

 

Misslicherweise hatten sie dabei offenbar den Hauptschalter erwischt, so dass auf dem gesamten Festplatz alle Lichter und elektrisch betriebenen Geräte ausgingen. So standen einige Tausend Teilnehmer, überwiegend der FDJ zugehörig, in zwar sternenklarer, aber finsterer Nacht und begaben sich, nachdem das Licht nicht wieder aufflammte, stumm und niedergeschlagen auf den Weg in ihre Quartiere.

 

Wir waren nach Leipzig in unser Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs zurückgefahren worden. Erst am nächsten Morgen, beim gemeinsamen Frühstück, diskutierten wir lebhaft über unsere Eindrücke. Dann hatten wir uns mit Wut im Bauch und vielen Fragen auf den Weg ins Franz-Mehring-Haus begeben, vorbei an der Stelle, wo vor wenigen Tagen die Augustinerkirche gesprengt worden war. Um die abgesperrte Baugrube, die noch mit Wasser besprengt wurde, versammelten sich immer wieder Menschen, die stumm in die Trümmer starrten, argwöhnisch beäugt von Volkspolizisten.

 

Peter Braun, Referent im Westbüro der SED, und Wolfgang Fischer, der Leiter der Abteilung Agitprop der FDJ-Bezirksleitung Leipzig, hatten unsere kritischen Fragen offensichtlich erwartet.

 

„Wir wollen nichts beschönigen“ eröffnete Peter Braun das Gespräch. „Unser Staat hat sich von seiner schwächsten Seite gezeigt. Und leider müssen wir davon ausgehen, dass er auch in der nächsten Zukunft immer wieder einmal so panisch reagieren wird wie gestern in Halle. Zu viele in unseren Reihen können mit Provokationen nicht souverän umgehen.“

 

„Wenn das in Bochum, Essen und Dortmund bekannt wird, ist die Arbeit von Monaten dahin.“ Dagmar sagte es leise in den großen Raum hinein.

 

Ich unterstützte sie: „Es ist notwendig, eine Strategie zu entwickeln, die sich an den Realitäten orientiert. Wir haben es geschafft, Ostermarschierer, Kriegs­dienstverweigerer, Teile von ÖTV und IG Metall, sogar linke Sozialdemokraten und fortschrittliche Kirchenleute in einem lockeren Bündnis zu organisieren. Soweit waren wir seit den Protesten gegen die Wiederbewaffnung noch nie. Die Kugeln auf Rudi Dutschke, der Mord an Martin Luther King und die geplanten Notstandsgesetze haben der Sache noch einen ungewollten Auftrieb gegeben. Wenn sich die DDR jetzt querlegt, können wir völlig neu anfangen.“

 

„Ich werde noch in dieser Woche mit Ulrike Marie Meinhof von KONKRET telefonieren“, mischte sich Wolfgang Fischer ein, „sie soll im nächsten Heft kritisch, aber wohlwollend auf den Kongress eingehen und die studentische Linke im Westen auf ein breites Bündnis gegen Notstandsgesetze und Große Koalition einschwören.“

 

„Das wird nicht reichen“, wandte Peter Braun ein. „Karl–Eduard [gemeint war Karl-Eduard von Schnitzler, Chefredakteur des DDR-Fernsehfunks und Moderator der Sendung »Der schwarze Kanal«] will mir ein Gespräch mit dem Genossen Horst Sindermann ermöglichen; er hat mir das heute Morgen telefonisch versichert. Die Saaleaue ist die eine Sache, die Tschechoslowakei die andere und viel brisantere. Breschnew hat Ulbricht um Rat gebeten. Wir können uns ausmalen, was der Genosse Walter zum Besten gab. Jedenfalls ist Horst beun­ruhigt. Seine Wirtschaftsreformen tragen Früchte. Den Bürgern der DDR geht es von Jahr zu Jahr besser. Falls die Freunde in Prag einmarschierten, würde uns das auf Jahre enger an die SU binden und eine Marktwirtschaft im marxschen Sinn sowie eine stärkere Einflussnahme auf sozialistische Gruppen in Westdeutschland unmöglich machen. Aber nicht alle im Politbüro sehen das so.“

 

Siegfried Kowalski, der junge Gewerkschafter aus Unna, zeigte sich bestürzt: „Eine Besetzung der CSSR und die Gefangennahme von Dubcek wären absolut kontraproduktiv. Wir kämpfen auch um die Wiederzulassung der KPD und die Etablierung der SDAJ, die wir vor zwei Monaten gegründet haben; bei einem Ein­marsch können wir uns das abschminken.“

 

Kurzzeitig war es still geworden in dem großen, karg möblierten Raum, durch dessen hohe Fenster ein makellos blauer, von Sonnenlicht durchfluteter Himmel zu sehen war. Der Sonnenschein vermochte Dagmar Wagner jedoch nicht zu trösten, sie weinte seit einigen Minuten still vor sich hin. Wir Männer waren verunsichert, zeigten uns hilflos. Keiner fand ein geeignetes Wort. Wolfgang erhob sich abrupt und kündigte an, neuen Kaffee holen zu wollen. Peter legte seine Hand stumm auf Dagmars Schulter. Ich schlug die Tagungsmappe des Kongresses auf, blätterte in meinen diversen Notizen und wandte mich noch einmal an die Runde:

 

„Die Sache in der Saaleaue war im Vergleich mit dem, was möglicherweise kommt, eine Petitesse. Der Unmut darüber wird verfliegen. Aber in meinem Land, in der Bundesrepublik, marschiert das Kapital und erobert sich Stück für Stück Positionen aus der Zeit von vor 1945 zurück. Sein jüngstes Feigenblatt ist Willy Brandt, der Widerstandskämpfer und aufrechte Sozialdemokrat. In den Republikanischen Clubs in Bochum und Dortmund gibt es erste Stimmen, die eine Art Untergrundarmee fordern, quasi als militärischen Flügel der APO. Eine Armee, die sich nicht so sehr auf die Werktätigen stützt, sondern auf die Studenten allgemein und die Intellektuellen im Besonderen. Lasst uns diesen Vormittag nutzen und darüber beraten, was wir dem gemeinsam entgegensetzen wollen oder was wir in eine solche Bewegung einbringen könnten.“

 

Wolfgang, der mit frischem Kaffee hereingekommen war und diesen servierte, unterstützte mein Anliegen spontan.

 

„Ich war im März Gast der Ruhr-Universität in Bochum und habe mich etwas um­gehört. Moritz hat Recht. Die antiautoritäre Linke könnte uns entgleiten. Es gibt mittlerweile sehr viele, die interessiert der Sozialismus in der DDR nur am Rande. Die träumen von einem neutralen Weststaat, in dem das Großkapital verboten ist und in dem die Schlüsselindustrie und die Frauen Gemeineigentum sind.“

 

„Du reaktionärer Wichser!“ Dagmar hatte die letzte Bemerkung aus ihrer Lethargie in die Wirklichkeit zurückgeholt.

 

„Es geht um die freie Liebe, da ist niemand Eigentum eines anderen, die Frauen schon gar nicht!“

 

„Beruhigt euch!“ Peter Braun übernahm wieder die Gesprächsführung. „Noch im Juli, also in vier bis fünf Wochen, werden Manfred und der Genosse Hans-Jürgen Arendt vom historischen Seminar der Parteihochschule nach Dortmund fahren. Offiziell werden sie einen Rechercheauftrag im Institut für Zeitungswissenschaften durchführen. Während dieser Zeit sind Kontakte mit Leuten geplant, an deren Meinung uns gelegen ist. Moritz, du wirst Hans-Jürgen dabei im Rahmen deiner zeitlichen Möglichkeiten unterstützen. Ihr kennt euch seit deinem Besuch auf der Leipziger Buchmesse. Wir treffen ihn heute Abend in Auerbachs Keller, wo wir den Kongress im privaten Rahmen ausklingen lassen wollen. Um 13:00 Uhr ist aber noch ein gemeinsamer Besuch bei VEB-Montan vorgesehen, damit wir die Errungenschaften der werktätigen Bevölkerung nicht aus den Augen verlieren.“

 

Hans-Jürgen Arendt zählte zu den typischen Apparatschiks, wie sie die DDR damals in großer Anzahl hervorbrachte. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler, wo er politisch positiv aufgefallen war, hatte ihm die Partei ein Studium der Gesellschaftswissenschaften ermöglicht. Pflicht- und karrierebewusst hatte er die Offerte angenommen. Das Studium schloss er mit besonderer Auszeichnung ab; seit zwei Jahren arbeitete er als historischer Referent an der Parteihochschule Karl Marx in Ost-Berlin, wohnte aber mit seiner Familie weiterhin in Leipzig. Arendt verfügte über eine umfassende Allgemeinbildung, kannte sich in deutscher Literatur hervorragend aus, besaß aber nur wenig Phantasie und nach meinem Eindruck keine Moral.

 

Bereits mehrfach hatte er in offizieller Mission die Bundesrepublik besucht. Im März 1967 lernte ich ihn auf der Leipziger Buchmesse am Stand des Dietz-Verlags, des offiziellen Parteiverlags der SED, kennen. Der Besuch der Messe war mir durch die linke Jugendzeitschrift »Elan« sowie den Schallplattenverlag »Pläne« ermöglicht worden, die in Dortmund ihren Sitz hatten. Durch einen Aushang an der Uni war ich auf »Pläne« gestoßen, der eine mit redaktionellen Arbeiten vertraute Aushilfskraft für die Abfassung von Lizenzverträgen suchte. Dadurch hatte ich auch Kontakt zu »Elan« bekommen. Die politische Linie dieser kleinen Unternehmen bewegte sich zwischen KPD-Nostalgie und neo-marxistischem Aufbruch und hatte mir gefallen. Vielmehr als mein Nebenjob, nämlich Reportagen über die linke studentische Szene zu schreiben, die von der »Westdeutschen Allgemeinen Zeitung« gegen karges Zeilenhonorar veröffentlicht wurden. 

 

*

 

Siegfried schien bemerkt zu haben, dass ich mich gedanklich ganz woanders befand.

 

»Denkst Du an Leipzig und Halle 68?« wollte er wissen.

 

»Ja. Weil sich damals die Fragen, um die wir auch heute wieder diskutieren, sehr konkret, nämlich als Machtfragen, stellten.«