SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Neue Lyrik und Prosa

Ernst Hilmer: Osterspaziergang; Frühling 2021; Coronakreise; Verwandlung

Osterspaziergang

Nicht mehr kann ich wandern
unbekümmert
des blühens und wachsens
der bäume und pflanzen
der tiere des meeres und der erde

angesichts der auslöschung
vierfünftel aller insekten
der hälfte der freien wirbeltiere
des lebens in den gewässern -
in meinem kurzen leben

angesichts der verknechtung
der menschen und
des leidens der stalltiere
des raubes an wasser und luft
der verbrennung der wälder

nicht mehr will ich wandern
unbekümmert
durch jahrhunderte der verheißung:
strahlende halden zwischen den fluten
markieren den weg in die zukunft.

fremd ist den strategen des grauens
kreatürliche vielfalt, entfaltung des lebens.
wüst und leer ist die erde
wenn ihr geist schwebt über dem plasma
und es wär abend und kein morgen

der siebte Tag sei mein erster:
ich verlasse das haus und gehe
zügig den weg, wenn im morgentau
das licht der sonne sich bricht.

März 2021

© Ernst Hilmer



 

 

Frühling 2021

Im kokon verschlossen noch
geballt das leben in der knospe.
hörst du das knistern im gebüsch
die enge die zum bersten drängt?

graue wochen noch der fröste
überfülle im korsett noch
unerfüllter wünsche.
ich möchte raus zur sonne.

hörst du das flüstern im gebüsch?
die ahnung längst vergangner tage
als ich der knospen hoffnung froh
erwachte und ich sah
die zarten triebe schwarz.
sie konnten nicht mehr warten
im trug des märzenlichts.

© Ernst Hilmer

 

 

Coronakreise

Allein bist du,
wenn weiße Kälte aufsteigt in deinem Körper,
allein, wenn du schreien willst
und deine Brust gewährt dir keine Luft.
Allein bist du,
wenn dich deine Beine nicht mehr tragen
und hilflos,
wenn du fällst im Treppenhaus.

Wem offenbarst du deine Bange,
wenn dich die Wörter schmerzen?
An welche Schulter lehnst du dich,
wenn es dunkel wird vor deinem Aug`?
Wo gehst du hin,
wenn Sehnsucht nach Liebe dich erdrückt?
Wem anvertraust du deine Angst
vor dem weißen Tod?

Wer zählt mit dir die Stunden
allein im weißen Zimmer?
Siehst du noch das freundlich Lächeln
hinter hundert weißer Masken?
Schätzt du dankbar noch
die täglich kleinen Gaben deines Nachbarn?

Die kleine Geste tausend mal gewährt
wird zeigen dir den Weg in neue Welten
und führen dich aus tausend Einsamkeiten
im Wärmestrom der Menschlichkeit.
 

Im Dezember 2020
© Ernst Hilmer
 

 

Verwandlung
(oder: Corona-Peak)

Vom Pass herab
wird Mal um Mal
das Land jetzt heimelig und weit,
und in der Börse
steht der Kurs schon hoch
zu dieser Zeit.
Vom Himmel fällt
das Geld
zum Gelde hin,
ein Glück,
das silbern ist und leicht.
Und für die Menschen,
die im Wege sind,
macht sich in ihren Staaten jetzt
der Milliardäre Übermut sich breit,
als Gläubiger sind sie erstarkt.
Der Staaten Schuld
der Schulden Zins,
das Volk, es trägt die Last.
Vergnügt, die Welt,
zu der wir uns gesellt,
in der wir jetzt zu Gast.

© Ernst Hilmer