SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Neue Lyrik und Prosa

Ernst Hilmer: Der Strand von Belén / Drei Selfies / Die Heilige Dreifaltigkeit / Der weiße Mann / Als die Seuch' im zwölften Monat... / Kohlweißling / Versöhnung

 

Der Strand von Belén
Mosambik 1981

Verlassen ist der Strand
ausgeblieben die Touristen -
vor terroristischen Anschlägen
wird gewarnt, sagt die Botschaft.

High Noon, in der weiten Bucht
allein ist Davíz der Küstenwächter
 mit Marcelino, dem Bootsführer.
Wenige Worte der Solidarität
erschließen unsre Freundschaft.

Hart schlägt das Boot auf
die Wellen des Indischen Ozeans
und Gischt spritzt uns entgegen.
Auf des Küstenwächters Wink
drosselt Marcelino den Motor.

Freundlich und bestimmt fordert
Davíz mich auf, freizumachen
 meinen Platz am Bug, gibt mir
wortlos seine Jacke und weist
mich auf den neuen Platz.
Das Boot nimmt wieder Fahrt auf.

Des Ozeans kalte Wasser
peitschen gegen das kleine Boot,
während ich geschützt im Windes-
Schatten hinter Davíz großem Rücken
 räsoniere über Macht, Kontrolle
und über Bruttoregistertonnen.

Wir sind ein unabhängig Land,
sagt die Partei, auf dem Weg,
sagt Davíz, der Küstenwächter,
während wir die Kleidungsstücke
und die Worte tauschen, doch sag,
fragt er den weißen fremden Gast,
was ist und was bedeutet
Kommunismus?

© Ernst Hilmer

 

Drei Selfies
 

Ich trete in den halbdunklen Raum. Die auf einem Stuhl nach Art der Wiener Kaffeehäuser aufrecht sitzende Frau nimmt unmittelbar meine Aufmerksamkeit gefangen. Offenbar ist sie die Dame des Hauses. Sie scheint den Ankommenden nicht wahrzunehmen, ihr Blick ist nach innen gerichtet, wie im Augenblick einer schmerzhaften Erinnerung, unempfänglich für das, was außen vor sich geht. Die großen braunen, weit geöffneten Augen verraten Güte und zugleich Ergebenheit, die Blässe ihres Gesichts kontrastiert mit dem Rot der schmalen Lippen und dem Schwarz ihres Kleides. Der dezente V-Ausschnitt gibt eine weiße Bluse mit einer kleinen goldenen Brosche frei. Die vom Dunkel des Kleides heraustretenden fein gegliederten, in sich verschränkten Hände markieren den Schoß der Sitzenden, die linke Hand wölbt sich wie schützend über die rechte.

Ihr Kopf mit dem gescheitelten braunen Haar ist wie Zuneigung suchend nach rechts geneigt und berührt damit im Bild die breit ausladenden Schultern eines neben ihr stehenden Mannes. Auch dieser ist formal gekleidet: Gleichsam als schwarzer Block erscheint dem Betrachter dessen Anzug, nur gebrochen durch das vom Revers durchscheinende weiße Hemd mit der ebenfalls schwarzen Krawatte. Der Oberkörper des Mannes ist geneigt zu der vor ihm sitzenden Frau und stützt sich scheinbar auf deren Schultern, wo die schwarze Tracht beider die zwei Menschen in einem zweiten Punkt im Bild zusammenführt. Die Last seines Körpers wird jedoch nicht von den Schultern der Frau getragen, sein linker Ellenbogen   stützt sich ab auf der geschwungenen Stuhllehne hinter ihr. So bleibt das vorgeschobene linke Bein entlastet und lässig angewinkelt, was der Körperhaltung des Portraitierten etwas Patriarchales, fast Dandyhaftes verleiht.

Der Mann mag etwa Mitte dreißig sein. Er hält den Kopf aufrecht, im Gegensatz zu seiner Frau. Der Teint des Gesichts fleischlich rosa, wie auch seine aus dem Dunkel des Anzugs hervortretende lässig hängende Hand; sein blondes Kopfhaar ist sorgfältig gescheitelt. Auch dieser Blick geht and dem Betrachter vorbei, denkmalhaft und unbeteiligt, aber bestimmt und selbstbewusst. Die leicht vorgeschobene Unterlippe verstärkt den Eindruck des Widerständigen. Keine verbindliche Geste, kein mimisches Zeichen deutet auf das neben und unter ihm sitzenden Du.
Der Hintergrund es Bildes ist in einem dunkeln grün-variierenden unruhigen Pinselstich gehalten. Ein gelblicher Strich im Hintergrund des Paares, die Bodenleiste andeutend, gibt den Hinweis auf einen Raum, in dem sich beide aufhalten - und verbindet im Bild als drittes Element die dargestellten Solitäre. Eine unsichtbare Lichtquelle lässt alles Lebendige, Gesichter und Hände, schmerzhaft klar aus dem Dunkel des Raums hervortreten. Vorahnung auf ein leidvolles Schicksal.

Als wäre er durch ein Geräusch unterbrochen worden von seiner Arbeit, oder ein schreckliches Bild seiner Erinnerung hätte ihn plötzlich eingeholt. Der eiförmige Schädel eines Mannes, ein kahl geschorener Kopf und eine fein ziselierte Hand, ein Zigarillo haltend – oder ist es der Stiel des Malpinsels? – auf grau-violettem Hintergrund. Nichts sonst. Doch – der fast das ganze Bild einnehmende Kopf sitzt auf einer tiefgrünen Fläche, die kaum als Sanitätsuniform identifizierbar ist, wäre da nicht die Andeutung der Schulterklappen und das Emblem des Roten Kreuzes auf dem Revers. So als hätte der Kopf mit dem Körper in der zu kleinen, knabenhaft anmutenden Jacke nichts zu tun …

Das von der oberen rechten Bildecke einfallende Licht kontrastiert die Gesichtszüge des Mannes, schmerzhaft, wie in Ton geschnitten. Die hochgezogenen Augenbrauen verstärken die Magie der weit geöffneten Augen und vermitteln mit den nach unten weisenden Mundwinkeln die fast unerträgliche Spannung, in der sich der Portraitierte befindet. Der Blick des linken Auges ist nach innen gerichtet wie in einer plötzlichen Erstarrung– so als würde der Sanitäter auf das Feldbett eines tödlich verletzten hinabschauen, plötzlich wahrwerdend, dass sein Rettungsversuch vergeblich war. Nur der fragende, seltsam starre Blick des rechten Auges, aus der verdunkelten Gesichtshälfte heraus, ist direkt auf den Beschauer des Bildes gerichtet. Dieser geteilte Blick zieht letzteren gleichsam in den Sog der Verunsicherung, von der der Künstler selbst betroffen ist.
Es ist der Augenblick des Entsetzens, in der der Mund verschlossen bleibt, sich der Sprache versagt. Der Krankenpfleger Max Beckmann im Selbstportrait, hier sechs Jahre später. Im zweiten Kriegsjahr, 1915 in Straßburg.

 

Ein kantiges Gesicht, aus dem zwei skeptisch blickende Augen schauen. Eine hohe Stirn, vergrößert noch durch die zwei Ecken fehlenden Haars. Die Augenlieder verengt, die Brauen zusammengezogen, ein einer steilen Stirnfalte über der kräftigen, wurzelähnlichen Nase mündend. Die Mundwinkel nach unten gezogen, verdoppelt durch eine Linie am unteren Kinn, wo anderswo oft ein Grübchen sitzt. Der Kopf ruht auf breiten kräftigen Schultern, bekleidet ist der Maler mit einem offenen Hemd und einer ärmellosen Weste nach Art der Bauern oder Waldarbeiter.

Der Mann schaut direkt dem Betrachter in die Augen. Der Blick ist (noch) von dem Entsetzen geprägt, das der im Bild Portraitierte erlebt haben mochte. Es scheint noch unentschieden: Will er Anklage erheben, oder sich in Ekel von dem Geschehen und den Menschen abwenden? Misstrauisch, fast abweisend, betrachtet er mich. Mich, den Besucher einer Kunstausstellung, mehr als einhundert Jahre später, hundert Jahre nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs - die noch so viele Katastrophen nach sich ziehen sollte.

Max Beckmann, Selbstportrait, in Frankfurt am Main, 1918.


Hinweis: Die drei Bilder sind Teil der Ausstellung „Ich bin mein Stil. Künstlerbildnisse im Kreis von Brücke und Blauen Reiter. 2021 Kochel am See.


© Ernst Hilmer
 

 

 

Die Heilige Dreifaltigkeit

Was ist Kapitalismus
oder:
Die Heilige Dreifaltigkeit




Dem Vater -                          den Spaten und die Fabriken

Den Söhnen  -                       den Profit

Uns den heiligen Geist -      die heilige Konkurrenz
                                                 aller gegen alle und
                                                 jeder für sich
                                       

denn sein ist die Macht und die Glorie
in alle Ewigkeit

Amen

© Ernst Hilmer

 

Der weiße Mann
 

Um das Jahr, da der Buchdruck erfunden wurde,
entdeckte Kolumbus Amerika -
die Völker von Alaska bis Feuerland
entdeckten die Raubgier der Europäer.

Waren es nicht auch Europäer, die Bauern,
die für die Freiheit der Christen-
Menschen und gegen Knechtschaft kämpften
und wie tolle Hunde erschlagen wurden?

Zur Zeit, nachdem der imperialistische Krieg
das Leben von Millionen vernichtet hatte -
waren es etwa die Chinesen, die schossen
auf deutsche Arbeiter in den Straßen Berlins?

Wir feierten Barack Obama
als ersten schwarzen Präsidenten der USA- -
niemals wurden mehr Frauen und Kinder
durch Bomben getötet als in seiner Amtszeit.

Einer entriss die Decke dem Gesetz,
das da wärmet den Profit und
in Eiseskälte lässt den Mensch,
das Gesetz, das trennet Frau und Mann
den Flüchtenden vom Heimatland,
die dunkle Hand von der des Weißen,
und brutal entreißt den Spaten
aus der Hand von beiden.
Wer ist es, der das Feld bestellt
für der Menschheit Fortbestand?

© Ernst Hilmer
im September 2021

 

 

 

Als die Seuch` im zwölften Monat...

Als die Seuche im 12. Monat
gingen die Menschen auf die Straße
und schrien wutentbrannt
Schluss mit dem sozialen Mord.
„Mit Mundschutz“, ruft die Polizei

Ich hörte sie durchs offne Fenster
Wir lassen uns nicht schikanieren
Wir wollen leben frank und frei.
Die wollen nur, dass wir krepieren.
„Mit Abstand bitte“, sagt die Merkel

Und ich höre durch die dünnen Wände
wie die Kinder rumoren in der Wohnung
wie die Alten streiten um die Sendung -
wer am meisten lügt, Regierung oder ARD.
„Mit Corona-APP“ raten die Experten

Die Decke lastet schwer auf meinem Körper
die Luft zum Atmen wie ein zäher Brei
von alten Kumpeln nichts zu hören
ein zäher Brei die Zeit, vergraben der
Beginn, sie droht nicht aufzuhören.

Da – wie  aus äonenweiter Ferne twittert
die schon längst vergessne Freundin:

Heute war ich bei der Coiffeuse,
ein Highlight endlich in der Welt,
jemand hat mich berührt – und morgen
berührt mich jemand wieder – die erste
Impfung steht bevor -

nach 15 Monaten der Pandemie
im hoffnungsvollen Monat Mai.

© Ernst Hilmer
(im Mai 2021)

 

Kohlweißling

Es hatte geregnet. Die Sonne
brach plötzlich durch regenschweres
Gewölk. Es war, als wäre er
wieder da, der Schöpfung erste Tag.

Und die Cosmea fingen an
zu leuchten wie aus einem innern
Licht, pink und weiß, und die
Wassertropfen an den Gräsern
glitzerten wie Diamant.

Und siehe: ein leichter Wind erhob
sich und die weißen Blütenblätter
fingen an zu schwingen, begannen von
den Stängeln sich zu lösen, tänzelnd
schwerelos kreisten sie um die Rabatten

Kohlweißlinge – wie Blütenkinder um -
schwebten sie Cosmeas Wunder -Nograta!
Hier habt ihr nichts verloren: Frech von unsrem
 Kohl ernährt ihr eure garstig Brut, den Kohl,
den Menschenkinder brauchen groß zu werden

Ich sprang auf zu töten,
wie einst Mutter es befahl dem kleinen
Jungen, der alsdann bald, mit Groll und Lust
 verfolgte all die zarten Flieger
samt der Brut, die fraß der armen Kinder Kost.

Plötzlich war die Sonne weg – und ebenso
das Spiel der frohen Erdbewohner. Und traurig -
und doch frohen Sinns - gelobt ich mir:
Einen Kohlkopf unter fünfen will ich lassen
für deine Brut, Kohlweißling – und noch mehr.

Dies sei mein Zoll und mein Tribut
für eine neue Welt – und zum Überleben,
für unsereins und deine Artgenossen.


© Ernst Hilmer
(Sommer 2021)

Versöhnung
oder: Zeitenwende


Das Bild ging um die Welt:
die Anthropologin liegt im Gras
erschöpft und mit Entsetzen
im Gesicht -  hebt in Abwehr
beide Hände,

da im gleichen Augenblick
sich die Wand des Dschungels öffnet
und es brechen durchs Gehölz
brüllend schwarze Kraftkolosse

Ein dunkler Schatten schiebt sich
über sie – doch Peanut, der Gorilla
 stutzt, hält inne - und zärtlich
nähert sich die Hand

des Primaten der des Menschen -
und Tränen freudiger Erregung
leuchten auf wie Perlen
im Gesicht der Forscherin.

Und mich, dem Betrachter
dieses göttlich Bildes, erfasst
ein anderes: ich sehe nackt
in bloßer Schönheit liegend
Adam, ruhen auf der Erd`
und der Schöpfergott reicht
seinem Ebenbild die Hand,
zu vollenden das begonnen
Werk.

 

© Ernst Hilmer