SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Neue Lyrik und Prosa

Ernst Hilmer: Die Heilige Dreifaltigkeit / Der weiße Mann / Als die Seuch' im zwölften Monat... / Kohlweißling

 

 

 

Die Heilige Dreifaltigkeit

Dem Vater -                                        den Spaten und die Fabriken

Dem Sohn  -                                       den Profit

und dem Heiligen Geist -                    die heilige Konkurrenz     

                                                           aller gegen alle und jeder für sich.

Denn dein ist die Macht und die Glorie

in Ewigkeit.

Amen

 

 

Der weiße Mann
 

Um das Jahr, da der Buchdruck erfunden wurde,
entdeckte Kolumbus Amerika -
die Völker von Alaska bis Feuerland
entdeckten die Raubgier der Europäer.

Waren es nicht auch Europäer, die Bauern,
die für die Freiheit der Christen-
Menschen und gegen Knechtschaft kämpften
und wie tolle Hunde erschlagen wurden?

Zur Zeit, nachdem der imperialistische Krieg
das Leben von Millionen vernichtet hatte -
waren es etwa die Chinesen, die schossen
auf deutsche Arbeiter in den Straßen Berlins?

Wir feierten Barack Obama
als ersten schwarzen Präsidenten der USA- -
niemals wurden mehr Frauen und Kinder
durch Bomben getötet als in seiner Amtszeit.

Einer entriss die Decke dem Gesetz,
das da wärmet den Profit und
in Eiseskälte lässt den Mensch,
das Gesetz, das trennet Frau und Mann
den Flüchtenden vom Heimatland,
die dunkle Hand von der des Weißen,
und brutal entreißt den Spaten
aus der Hand von beiden.
Wer ist es, der das Feld bestellt
für der Menschheit Fortbestand?

 

© Ernst Hilmer
im September 2021

 

 

 

Als die Seuch` im zwölften Monat...

 

Als die Seuche im 12. Monat
gingen die Menschen auf die Straße
und schrien wutentbrannt
Schluss mit dem sozialen Mord.
„Mit Mundschutz“, ruft die Polizei

Ich hörte sie durchs offne Fenster
Wir lassen uns nicht schikanieren
Wir wollen leben frank und frei.
Die wollen nur, dass wir krepieren.
„Mit Abstand bitte“, sagt die Merkel

Und ich höre durch die dünnen Wände
wie die Kinder rumoren in der Wohnung
wie die Alten streiten um die Sendung -
wer am meisten lügt, Regierung oder ARD.
„Mit Corona-APP“ raten die Experten

Die Decke lastet schwer auf meinem Körper
die Luft zum Atmen wie ein zäher Brei
von alten Kumpeln nichts zu hören
ein zäher Brei die Zeit, vergraben der
Beginn, sie droht nicht aufzuhören.

Da – wie  aus äonenweiter Ferne twittert
die schon längst vergessne Freundin:

Heute war ich bei der Coiffeuse,
ein Highlight endlich in der Welt,
jemand hat mich berührt – und morgen
berührt mich jemand wieder – die erste
Impfung steht bevor -

nach 15 Monaten der Pandemie
im hoffnungsvollen Monat Mai.

© Ernst Hilmer
(im Mai 2021)

 

Kohlweißling

Es hatte geregnet. Die Sonne
brach plötzlich durch regenschweres
Gewölk. Es war, als wäre er
wieder da, der Schöpfung erste Tag.

Und die Cosmea fingen an
zu leuchten rot und weiß, wie
aus einem innern Licht und
die Wassertropfen an den Gräsern
glitzerten wie Diamant.

Und siehe: ein leichter Wind
erhob sich und  weiße Blütenblätter
fingen an zu schwingen, begannen
sich zu lösen, tänzelnd schwerelos
umkreisten sie die  Rabatten

Kohlweißlinge – wie Blütenkinder
umschwebten sie Cosmeas Wunder.
Nograta! Hier habt ihr nichts verloren
Von unserm Kohl ernährt sich eure Brut, den
Menschenkinder brauchen groß zu werden.

Aufspringen wollt ich schon,
zu töten, wie einst Mutter es befahl
dem kleinen Jungen, der alsdann mit Groll
und Lust verfolgte all die zarten Flieger
samt der Brut, die fraß der armen Kinder Kost.

Plötzlich war die Sonne weg – und ebenso
die frohen Erdbewohner. Und traurig -
doch dann frohen Sinns gelobt ich mir:
Einen Kohlkopf unter fünfen will ich lassen
für deine Brut, Kohlweißling – und noch mehr.

Dies sei mein Zoll und mein Tribut
für eine neue Welt – und zum Überleben,
für mich und deine Artgenossen.


© Ernst Hilmer
(Sommer 2021)