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Offen innerhalb eines geschlossenen Denkens?

Die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin wirft Fragen auf

Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost von 1957 zum ersten Todestag von Rabbiner Leo Baeck © DBP

„Offen für Sie“ – so wird man auf der Internetseite des Jüdischen Museums Berlin begrüßt und eingeladen zu einer Dauerausstellung, die am 23. August eröffnet wird. Zu einer Dauerausstellung, die sich mit dem jüdischen Leben in Deutschland (sowie im deutschsprachigen Raum) speziell nach 1945 beschäftigt. An eine solche habe ich hohe Erwartungen und ich gehe von größtmöglicher Transparenz hinsichtlich der diversen Akzente jüdischen Lebens aus. Schließlich galt das deutsche Judentum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum NS-Terrorstaat als Vorreiter einer Reformbewegung. Deswegen möchte ich mehr wissen. Vor allem, welche Traditionslinien sich bis heute nachverfolgen lassen und wie sie für die Zukunft bewahrt werden können.
 

Im Ohr habe ich dabei Sätze von Leo Baeck (1873 – 1956), dem letzten und vermutlich bedeutendsten Rabbiner des liberalen deutschen Judentums. Im einleitenden Kapitel seines Buchs „Das Wesen des Judentums“ (erschienen 1905) heißt es: „Das Judentum blickt auf eine Geschichte von Jahrtausenden zurück. Es hat in dieser Zeit viel gelernt und viel erfahren. In seinen Gedanken lag immer der Zwang des Weiterdenkens, der gebietende Drang der Bewegung. […] Die Juden sind zudem stets die Wenigen gewesen, und eine Minderheit ist immer zum Denken genötigt. […] Der jüdischen Glaubenslehre merkt man es deutlich an, dass sie aus dem Kampfe um die Selbstbehauptung geboren ist. [...] Da sie im stetigen Ringen ums geistige Dasein erarbeitet werden musste, ist sie Religionsphilosophie geblieben. […] Man hatte die Philosophie, aber man musste dafür ein anderes entbehren: die Bestimmtheit einer umschriebenen und stetigen Glaubenslehre, den sicheren Aufbau der Bekenntnisformel.“
 

Also klickte ich die Internetseite des Museums an und versuchte, mir anhand der Themenliste eine Übersicht zu verschaffen. Doch ich wurde enttäuscht. Wichtige Persönlichkeiten, die für theologische, philosophische, soziologische, politische und literarische Richtungen im deutschen bzw. deutschsprachigen Judentum stehen, suchte ich vergeblich.
 

Beispielsweise Abraham Geiger (1810 – 1874), den Mitbegründer des Reformjudentums und wichtigen Vertreter der Wissenschaft des Judentums. Oder den Neukantianer Hermann Cohen (1842 – 1918), dessen Hauptwerk „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ (1919 posthum veröffentlicht) sowohl den innerjüdischen Diskurs als auch den Dialog mit Christen und Nicht-Theisten befördert hat. Ein Schüler Cohens war der Philosoph Ernst Cassirer (1874 – 1945), der einer jüdischen Familie entstammte, aber kein praktizierender Jude war. Erst der Rassenhass der Nazis reduzierte den Kultur- und Sprachanalytiker auf sein (für ihn nicht mehr relevantes) Judentum. Ähnlich erging es dem früheren hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903 – 1968), dem Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Der wies darauf hin, dass ihn erst Adolf Hitler wieder zum Juden gemacht hätte. Unterschlagen wird der Religionshistoriker und Erforscher der jüdischen Mystik, Gershom Scholem (1897 - 1982), der bereits in den 1920er Jahren die Assimilation der deutschen Juden als gescheitert betrachtete.
 

Ich entdeckte auch keinen Hinweis auf Erich Fromm (1900 – 1980), der sich aus einer modernen Perspektive, speziell vor dem Hintergrund der „Frankfurter Schule“, mit dem Judentum und seiner Geschichte beschäftigte („Ihr werdet sein wie Gott“, 1966). Ebenso kein Wort über die Intellektuellen-Organisation „B’nai B’rith“ (Söhne des Bundes) und dessen langjährigen Direktor, den Judaisten Ernst Ludwig Ehrlich (1921 – 2007). Auch der bedeutende Theologe und badische Landesrabbiner Nathan Peter Levinson (1921 – 2016) wird nicht erwähnt. Kein Wort über Schalom Ben-Chorin (Fritz Rosenthal, 1913 - 1999), den engagierten deutsch-israelischen Religionswissenschaftler und Wegbereiter des christlich-jüdischen Dialogs. Und obwohl die Ausstellung mit künstlerisch gestalteten Tora-Rollen nicht geizt, wird ein wichtiger Übersetzer der Hebräischen Bibel (Tanach) ins Deutsche, nämlich Naftali Herz Tur-Sinai (Harry Torczyner, 1886 – 1973), übergangen.
 

Vermutlich stehen die Werke dieser jüdischen Denker in der Bibliothek des Museums und warten darauf, dass gut Informierte sich unaufgefordert in sie vertiefen. Aber eine Ausstellung, die unausgesprochen einen enzyklopädischen Charakter für sich in Anspruch nimmt, müsste Schneisen in jede Richtung schlagen, nicht zuletzt Wegweiser zu den erwähnten Geistesgrößen sein.
 

Es sei denn, sie will bewusst das deutsche Reformjudentum als für historisch und theologisch erledigt erklären und der Wiedergeburt des orthodoxen und konservativen Judentums osteuropäischer und israelischer Prägung das Wort reden. Ein Indiz für diese Vermutung könnte sein, dass sich in dem Themenregister keine Hinweise auf Peter Schäfer, den früheren Direktor und anerkannten Judaisten, sowie auf Moshe Zimmermann, den emeritierten israelischen Historiker und international anerkannten Experten für deutsch-jüdische Geschichte, finden. Beide sind wegen ihrer Kritik an der Politik Israels in Ungnade gefallen.

 

KPM