Einzelartikel aus „https://bruecke-unter-dem-main.de - Frankfurter Netzzeitschrift“

Das kritische Tagebuch

Queer = realitätsfern und sprachlos?

Das islamistische Attentat auf den Christopher Street Day in Berlin zeigt, dass Lesben, Schwule und Transgenderpersonen nach wie vor auf Verständnislosigkeit, Vorurteile, sogar auf Hass stoßen. Letzterer kommt vorwiegend aus rechten und dogmatisch-islamischen Milieus. Es ist längst an der Zeit, dass in der Gesellschaft eine umfassende Aufklärung über das Thema einsetzt. Die könnte sich an der gleichnamigen Epoche des 18. Jahrhunderts orientieren. Also rationales Denken, staatsbürgerliches Bewusstsein und ein säkulares Gesellschaftsverständnis propagieren müsste.

 

Wenige Tage nach dem Anschlag äußern sich dazu zwei Vertreterinnen vom Frankfurter „Verein Lesben Informations- und Beratungsstelle“ in einem Interview der „Frankfurter Neuen Presse“. Doch die Stellungnahmen von Ly Ernst und Julia Mensendiek wirken verstörend. Den Aktivistinnen geht es offensichtlich nicht um die Emanzipation einer Minderheit, sondern um den Export ideologischer Deutungen inklusive Sprachcodes in die Mehrheitsgesellschaft. In dieser findet man aber nur dann Gehör, wenn man dieselbe Sprache spricht. Nämlich präzises Hochdeutsch. Wer das ablehnt, will keinen Dialog. Sondern gibt sich der unrealistischen Erwartung hin, dass im Lauf der Zeit alle Deutschen die synthetische Privatsprache des queeren Establishments übernehmen.

 

Aus diesem Anlass sei an Folgendes erinnert:

 

In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, die sich in Jahrtausenden vollzog, dominiert die Heterosexualität. Sie sichert die Selbsterhaltung der Art. Diese Präferierung ist typisch für die gesamte Evolution der Lebewesen. Dennoch gibt es auch gleichgeschlechtliche Sexualität. Darüber hinaus Menschen, die sich im falschen Körper fühlen und ihr Geschlecht wechseln (wollen). Die Gesamtheit dieser Tatsachen lässt sich als empirische Normalität deuten. Engführungen durch Religionen und ideologische Weltanschauungen, die sich in Hass und Verfolgung manifestieren, ist darum mit aller Kraft entgegenzutreten. 

 

In der Bundesrepublik Deutschland bezeichnen sich 95 Prozent der zwischen 1946 und 1964 Geborenen als heterosexuell. Bei denen, die zwischen 1995 und 2012 auf die Welt kamen, sind es 87 Prozent. Da in den Jahren nach 1964 keine evolutionären Veränderungen der menschlichen Biologie wissenschaftlich feststellbar sind, dürfte es sich bei dem Zuwachs um ideologische Zustimmungen handeln. Man solidarisiert sich mit einer Gruppe, ohne deren Merkmale vollständig zu teilen. In der Szenesprache kennt man die Ausdrücke „bewegungslesbisch“ und „bewegungsschwul“. Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch eine Minderheit darf für ihre Interessen trommeln.

 

Damit sie ernst genommen werden kann, sollte sie grundsätzlich gesprächsbereit bleiben mit der Mehrheitsgesellschaft. Dazu zählt vorrangig der korrekte Gebrauch der deutschen Sprache, wie sie durch Grammatik und Regelwerk der Rechtschreibung definiert ist. Denn auch eine offene Gesellschaft erträgt keine zwei Sprachen (von Regionaldialekten abgesehen). Es bedarf eines gemeinsamen Sprachcodes, damit jeder jeden versteht. 

 

Wenn ich mir für unnatürliche Abkürzungen und Wörter wie QuB, QuT, TIN*Raum, trans*-Personen, nicht-binär, bi+sexuell, Cis-Personen, Questioning Personen oder dey erst ein Wörterbuch beschaffen muss, das jedoch in keinem inhaltlichen Zusammenhang stehen kann mit dem offiziellen des Leibniz-Instituts für deutsche Sprache, ist Kommunikation zwangsläufig nicht möglich.

 

Ähnlich wie der größte Teil der aufgeklärten deutschen Gesellschaft ziehe auch ich die Plattform „Instagram“, auf der Ly Ernst und Julia Mensendiek veröffentlichen, nicht zu meiner Meinungsbildung heran. Weiß ich doch, dass sie rein kommerziellen Zwecken dient, von Trump & Konsorten gefördert wird und Falsch- und Nullinformationen zum Ziel hat. Ganz abgesehen davon, dass sie neben TikTok als Einfallstor für sexuellen Missbrauch Minderjähriger gilt. Sie ist ein Instrument in Donalds Dealer-Universum, in der die Welt nach seinen Vorstellungen geformt wird. Und ständig „eindimensionale Menschen“ hervorbringt (Herbert Marcuse)›.

 

 

Klaus Philipp Mertens