Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Philosophie und Theologie

Nicht vom Himmel gefallen

Die Literaturgeschichte der Bibel

Einer der Rollen von Qumran

In dieser Darstellung stehen die Literaturgeschichte der Bibel und ihre Wirkung auf die allgemeine Literatur, nicht zuletzt auf die deutschsprachige des 20. Jahrhunderts, im Vordergrund. Bei objektiver Betrachtung lässt sich die Bibel begreifen als eine Sammlung von Erzählungen, historischen Berichten, Briefen und Biografien, Gedichten und Liedern, in deren erstem Teil, dem Alten Testament, sich die Geschichte eines Volkes, der Israeliten, spiegelt. Alle Texte der Hebräischen Bibel (des Alten Testaments) sind Ausdruck einer einzigartigen Einheit von Volk, kultischer Ordnung (dynamischer Monotheismus) und einem Land, das von diesem Gott seinem Volk verheißenen wird. Und so beschreiben sie in literarischer Weise, vielfach unvollendet und inhaltlich disparat, ein Paradoxon. Nämlich das von Erinnerungen an die Zukunft (messianische Zeit), die sich aus einer erhofften, weithin lediglich in Gleichnissen und Sagen vorhandenen, Vergangenheit speisen. Über einen Zeitraum von über eintausend Jahren wurde an dieser Perspektive immer wieder neu festgehalten. Durch hinzugefügte Schriften oder durch die Bearbeitung älterer.

Das Neue Testament hingegen ist in weniger als einhundert Jahren entstanden. Es greift den Gottesgedanken des Judentums auf, konkretisiert die Erlösergestalt des Messias durch die Person Jesus, wobei der Anbruch des Gottesreiches von einer deutlichen Naherwartung geprägt ist. Und es belebt die Hoffnung auf eine lebensähnliche Existenz nach dem Tod.

Die Bibel erfüllt sämtliche Kriterien, die man üblicherweise an Literatur stellt. Und sie weist sogar eine eigene Literaturgeschichte auf. Denn sie ist nicht vom Himmel gefallen. Eine Vielzahl von Autoren und redaktionellen Bearbeitern haben zu diesem Werk aus 79 Einzelbüchern beigetragen (unter Berücksichtigung der alttestamentlichen Apokryphen und Pseudepigraphen, auf welche die Luther-Bibel verzichtet und darum lediglich 66 Einzelschriften zählt). Und gar nicht selten offenbaren sich Widersprüche in den Aussagen über die Schöpfung der Welt, über das Gottesbild, über ethische Maßstäbe, über die gesellschaftliche Ordnung oder über die Zukunft des Menschen. Zwar haben nachbiblisches Judentum und christliche Theologen vergangener Jahrhunderte durch die „Inspirationslehre" behauptet, dass die Bibel vom Heiligen Geist oder einem Engel den Propheten und Evangelisten wortwörtlich in die Feder diktiert sei (wie es mittelalterliche Buchmalerei in naiver Anschaulichkeit darstellt); die historisch-kritische Forschung hat uns aber eines anderen belehrt. Sie hat nicht nur den langwierigen Werdegang der einzelnen Schriften erforscht, sondern zugleich aufgedeckt, dass diese Inspirationslehre keineswegs dem Selbstverständnis der biblischen Schriftsteller entsprochen haben kann.

Um die biblischen Verfasser verstehen zu können, muss man sie als Interpreten bestimmter geschichtlicher und religiöser Vorgänge und Zusammenhänge be­greifen.

So muss man sich mit dem Umstand vertraut machen, dass weder das historische Judentum noch das Urchristentum den Begriff des „geistigen Eigentums" kannten oder auf „literarische Originalität" achteten. Verfassername und Entstehungszeit einer Schrift sind oft nicht vermerkt und nur indirekt aus der äußeren Form, den historischen Bezügen und zeitlichen Sprachgewohnheiten zu erschließen. Spätere Abschreiber und Überlieferer haben es für ihre Pflicht gehalten, den Bedürfnissen ihrer Zeit entsprechend Erklärungen und Verbes­serungen einzufügen, um das von Ihnen jeweils anders, weil neu verstandene „göttliche Wort" zu aktualisieren. Bisweilen lassen sich die Spuren einer jahrhundertelangen Bearbeitung verfolgen. Von den frühen Büchern des Alten wie von den Evangelien des Neuen Testaments ist uns jedoch keins in der Urform überliefert. Umfangreiche Bücher sind in mehrere kleine zerlegt, umgekehrt kleinere Schriften unterschiedlicher Herkunft zu einem größeren zusammen­gefasst worden. Wer die Bibel zunächst als Literatur begreift, wird sie deswegen chronologisch entsprechend ihrem Entstehen lesen und eine Lektüre gemäß dem Kanon, also der später vorgenommenen, heilsgeschichtlich motivierten Ordnung durch das Judentum (das geschah erst um das Jahr 100 n.Chr., also nach der Zerstörung des 2. Tempels durch die Römer im Jahr 70) und das Christentum (letzteres um das Jahr 400) zurückstellen.

 

II. Die frühen Erzählwerke

Um die Wende zum ersten vorchristlichen Jahrtausend entsteht auf dem palästinensischen Bergland aus selbständigen Stämmen und Städten der Staat Israel. Durch das strategische Geschick des Königs David (etwa in der Zeit von 1000 — 960 v.Chr.) gelingt es, die umliegenden Völker zu unterwerfen, sodass sich das Großreich Davids vom Ufer des Euphrats bis zum „(Grenz-)Bach Ägyptens" südlich von Gaza erstreckt.

Der schnell entstandene Staat zerfällt zwar rasch wieder. Bereits unter dem Davidsohn Salomo bröckeln die unterworfenen Randgebiete ab, und unter seinem Enkel Rehabeam kommt es 926 v.Chr. zur Spaltung, bei der sich der nördliche, größere Teil von der von David begründeten Dynastie löst und fortan den Namen Israel für sich allein beansprucht. Den Davididen verbleiben die Stadt Jerusalem und ihr Stammland Juda.

Dennoch hat die kurze Zeit der Staatsbildung den beiden Nachfolgereichen ihr Siegel unauslöschlich aufgedrückt. Die vordem unbekannte und noch unter David umstrittene Einrichtung des Königtums bleibt im Norden wie im Süden erhalten. Mit ihr sind bestimmte Organisationsformen verbunden, die tief in das Leben des Volkes eingreifen: ein stehendes Heer unter königlichem Oberbefehl, eine zentrale Verwaltung vom Palast des Monarchen aus und nicht zuletzt — was bei anderen altorientalischen Völkern selbstverständlich, in Israel aber vordem undenkbar war — die Ausübung bestimmter, für das Volksganze und das Staatswohl unerlässlicher Kulthandlungen in einem königlichen Heiligtum.

Zu den Auswirkungen des Königtums gehört auch die Entstehung der ältesten Bücher. Zwar war der Gebrauch der Schrift den Israeliten spätestens seit der Landnahme (1400 bis 1200 v. Chr.) bekannt. Für die Religion grundlegende Sprüche und Erzählungen waren zwar zahlreich vorhanden, aber seit Generati­onen nur mündlich im Umlauf. Im näheren oder weiteren Umkreis des höfischen Lebens, wo Schrift und Urkunden allmählich selbstverständlich wurden, entsteht nun überraschend schnell eine Literatur, und zwar eine religiös bestimmte. Sie unternimmt es, das Verhältnis Jahwes, des einen und einzigen Gottes, zu Israel und zum Königshaus erzählend darzustellen.

Als erstes entsteht das Buch von der Thronnachfolge Davids. Es wurde später in den letzten Teil des zweiten Samuelbuches und den Anfang des ersten Königsbuches eingearbeitet (2. Sam. 9 — 20; 1. Kön. 1 und 2). Der Verfasser ist mit geheimen Vorgängen am Jerusalemer Hof, mit Intrigen und Parteibildungen vertraut. Da seine Darstellung durchweg einen zuverlässigen Eindruck macht, kann er nicht lang nach den Ereignissen geschrieben haben und muss weithin Augenzeuge gewesen sein oder einen Augenzeugen als Gewährs­mann haben.

Jede Geschichtsschreibung setzt eine übergreifende „geschichtsphilosophische" Idee voraus, damit die Fülle von sehr unterschiedlichen Begebenheiten einen Zu­sammenhang und eine einheitliche Gestalt gewinnt. Worum also geht es in dem Buch von der Thronnachfolge Davids? Wie bei jeder guten Geschichtsdarstellung erforderlich, erklärt sie sich selbst. Diese beginnt mit der schicksalshaften Historie der Lade Jahwes, jenes altertümlichen Kultgerätes, das bei Kriegen mitgeführt wurde und den Beistand Jahwes gewährleisten sollte.

In den Kämpfen mit den Philistern, einem um 1200 von der Seeseite her in Palästina eingedrungenen Volk, das die Küstenebene besetzt hatte, geschieht das bis dahin Einmalige: Die Lade Jahwes fällt in die Hand des Feindes. Doch wo immer sie bei den Feldzügen auftaucht, scheint sie schwere militärische Niederlagen der Philister zu verursachen. So ist es kein Wunder, dass man sich von der unheilbringenden Beute nach kurzer Zeit wieder trennt und sie in israelitisches Gebiet zurück gibt.

Im zweiten Teil des Thronnachfolgebuchs wird vom Aufkommen des jungen David erzählt, der als Kriegsheld Erfolge feiert und die Herzen sowohl der Männer als auch der Frauen im Sturm gewinnt; aber dadurch den Argwohn und den Hass des amtierenden Königs und militärischen Führers Saul, eines Stammesfürsten, entfacht. So muss er bei Nacht und Nebel fliehen. Doch dann verlässt Saul das Kriegsglück und er verliert sein Leben in einer Schlacht gegen die Philister. Nach seinem Tod kann David in die Heimat zurückkehren, wo er zum ersten, nicht nur auf Zeit berufenen Königs über Juda gekürt wird. Er erobert das bis dahin noch von Kanaanäern bewohnte Jerusalem und bestimmt es zu seiner Hauptstadt.

Die neue Hauptstadt wird zugleich zur heiligen Stadt, zum religiösen Mittelpunkt des Volkes. Auf diese Umgründung der bereits lange bestehenden Stadt folgt die Nathanweissagung;sie istdas zentrale Kapitel des Werkes. Alles Bisherige läuft auf dieses Ereignis zu, alles Kommende ist nichts anderes als seine Auswirkung. Der Prophet Nathan kommt zu David und überbringt ihm ein Wort Jahwes, dessen wichtigste Sätze lauten (2. Sam. 7, 12, 14 — 16):

„Wenn einst deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, dann will ich deinen Nachwuchs aufrichten, der von deinem Leibe kommen wird, und will sein Königtum befestigen. Ich will ihm Vater sein und er soll mir Sohn sein. Wenn er sich vergeht, will ich ihn mit menschlicher Rute und mit menschlichen Schlägen züchtigen, aber meine Gnade will ich ihm nicht entziehen [   ] sondern dein Haus und dein Königtum sollen immerdar vor mir Bestand haben;dein Thron soll in Ewigkeit fest stehen.“

Der Dynastie Davids wird also im Namen Jahwes die Herrschaft für alle Zeiten zugesprochen und zugleich dem jeweiligen Regenten eine besondere religiöse Vorzugsstelle eingeräumt; er ist im übertragenen Sinn Sohn Gottes und damit weit über gewöhnliche Sterbliche hinausgehoben. Diese göttliche Legitimation des Hauses David war für ein frommes Volk wie Israel von kaum zu überschätzender Bedeutung. Hier liegen die Wurzeln für die Jahrhunderte später, vor allem nach dem Ende des Babylonischen Exils aufkommende Hoffnung auf einen zukünftigen Heilskönig, eines Messias (Maschiach = hebräisch: der Ge­salbte), des endgültigen geistlichen und weltlichen Befreiers, hervorgegangen aus Davids Stamm.

Aus der gleichen Zeit wie die Thronnachfolgege­schichte stammt der Grundstock des Büchleins Ruth. In ihm geht es ebenfalls um die Geschichte der Da­vididen während der Ära der Richter (vor der Institutionalisierung der Könige). Hiernach soll der Stammvater Davids in das verfemte Moab ausgewandert und dort, wie so viele männliche Israeliten, gestorben sein. Die Schwiegertochter Ruth kehrt zusammen mit ihrer Schwieger­mutter zurück nach Bethlehem und überwindet durch ihr per­sönliches Beispiel die Feindschaft der Stämme.

Das bedeutsamste Schriftwerk dieser ersten Epoche israelitischer Literatur ist jedoch das des so genannten Jahwisten. Er schreibt nicht Zeitgeschichte, son­dern entwirft eine Vergangenheit, ordnet die Entstehung Israels in die gleichnishafte Beschreibung von der Schöpfung der Welt ein. Sein Buch bildet die Grundlage der ersten vier Mosebücher.

Nach dem Schöpfungsbericht beginnt er mit der Paradies- und Sündenfallsage (1. Mos. 2 u. 3). Dann folgen die Überlieferungen von Kain und Abel (1. Mos. 4), der Sintflut-Mythos (Kap. 6 — 8), Sagen über die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob (Kap. 12 f., 15 f., 18 f., 24 — 35) und die Novelle von Josef und seinen Brüdern und ihren Weg nach Ägypten (Kap. 37 — 50). Der zweite Schöpfungsbericht, der im 1. Buch Mose (Genesis) kurz nach dem ersten folgt, ist erst während des Babylonischen Exils entstanden.

Aus der Familie der Erzväter bildet sich allmählich das Volk Israel, das in Ägypten unter harte Fron gerät, aber durch Mose nach wunderhaften Begebenheiten herausgeführt wird und am Sinai mit Jahwe einen Bund schließt bzw. dem von Jahwe ein Bund und ein besonderes Gottesrecht gewährt wird (2. Mos. 1 — 24). Unter harten Entbehrungen wandert es durch die Wüste bis an die Grenze des gelobten und verheißenen Landes (4. Mos. 10 — 32).

Von der Weltschöpfung bis zur Landnahme israelitischer Stämme wird also ein weiter Bogen gespannt. Und der Jahwist sieht seine Aufgabe darin, die kultischen Traditionen seines Volkes zu sammeln, aufzuschreiben und in einen fortlaufenden Zusammenhang zu bringen. An erzählerischer Begabung steht er dem Verfasser des Thronnachfolgebuches nicht nach. Aber es fällt auf, dass die einzelnen Abschnitte viel lockerer aneinandergefügt sind und bisweilen offensichtliche Widersprüche beinhalten. Sowohl bei der endgültigen Erstellung des Pentateuch, des Fünfbuches, um das Jahr 515 v.Chr. als auch bei der Kanonisierung im Jahr 100 n.Chr. (!) haben die theologischen Bearbeiter diese Disparatheiten bewusst nicht korrigiert. Mutmaßlich geschah das, um eine dynamische, immer wieder von unterschiedlichen Vorstellungen und Zielen geprägte Entwicklung deutlich zu machen. Eine Entwicklung, in der sich auch das Gottesbild verändert hat.

Dem Beispiel des Jahwisten folgt wenige Jahrzehnte später der Elohist, die zweite frühe Darstellung israelitischer Frühgeschichte im 1. — 4. Buch Mose. Das Buch wird so genannt, weil es für die Zeit vor Mose durchweg den Namen Jahwe meidet und dafür stets allgemein Gott — hebräisch: Elohim — setzt. Von diesem Werk sind nur Spuren vorhanden, die sich an einigen Stellen vom jahwistischen Erzählzusammenhang deutlich ab­heben (z. B. 1. Mos. 20 f.).

Der Elohist scheint seine Darstellung nicht mit der Schöpfung begonnen zu haben, sondern, kultischem Brauch folgend, erst mit der Berufung Abrahams. Der Gesichtskreis ist also auf die Volksgeschichte beschränkt, was auch aus dem eingeschränkten Gebrauch des Namens Jahwe für die Zeit nach Mose hervorgeht. Dieses Werk schließt ebenfalls, wie das jahwistische, mit der Landnahme der israelitischen Stämme; in beiden Schriften steht im Mittelpunkt die Einlösung der göttlichen Segenszusage des Anfangs.
Auf Thronnachfolgebuch, Jahwisten und Elohisten folgen neben Ruth, dem Psalter und ersten prophetischen Büchern noch viele weitere. Aber die Hauptthemen ändern sich kaum noch. Deswegen beschränkt sich diese Einleitung auf die ersten und wegweisenden Intentionen.

Das Alte Testament war zunächst in Aramäisch und Kanaanäisch sowie ihren Dialekten verfasst worden, nach dem Babylonischen Exil erfolgte die Anpassung ins Hebräische, der offiziellen Hochsprache Israels. Die heute verbreitete Fassung entstand erst endgültig im Verlauf der ersten zehn christlichen Jahrhunderte durch rabbinische Gelehrte. Im ersten Jahrhundert v.Chr. wurde es ins Altgriechische übersetzt; dies vor allem für die in Ägypten lebende jüdische Diaspora, die kaum noch Hebräisch verstand. Der Sage nach waren bis zu 70 Gelehrte an dieser Übersetzung beteiligt, deswegen wurde der Begriff Septuaginta (Griechisch: Siebzig) üblich. In der wissenschaftlichen Sekundärliteratur ist auch die Bezeichnung mit den römischen Ziffern LXX gebräuchlich.

 

Neues Testament

Zu Beginn unserer Zeitrechnung befand sich Palästina im Umbruch. Politisch gesehen war trotz der rebellischen Gesinnung einzelner israelitischer Kreise und kleinerer Aufstandsversuche die römische Herrschaft festgefügt. Umso unruhiger und unüberschaubarer aber war das geistige Leben - und das vollzog sich als dogmatische Bekräftigung oder mehr oder weniger deutliche Infragestellung des überkommenen religiösen Kults.

Ein eindrückliches und anschauliches Beispiel dafür bieten die erst 1949 aufgefundenen Schriften der Sekte von Qumran am Toten Meer. Hier hatte sich an abgelegenem Ort eine Gemeinschaft zusammengefunden, die, von fanatischem Eifer für das Gesetz des Mose getrieben, die Masse des israelitischen Volkes samt der priesterlichen Führungsschicht in Jerusalem als vom Glauben abgefallen und für das Heil verloren ansah und nun als Gemeinde eines „neuen Bundes" auf den baldigen Anbruch einer totalen Gottesherrschaft wartete.

Den Mitgliedern der Qumran-Bewegung steht eine Gestalt nahe, die im NT erwähnt wird: Johannes der Täufer. Dieser sonderbare Mann hauste ebenfalls abseits des besiedelten Landes in einem wüstenähnlichen Landstrich am Jordanufer zusammen mit einigen Anhängern.

Auch er erwartet den baldigen sichtbaren Anbruch des Reiches Gottes, dem ein Weltgericht vorangehen würde. Voraussetzung an der Teilhabe an diesem Reich Gottes auf Erden ist nach seiner Überzeugung die Bereitschaft zurBuße. Als Zeichen der Bereitschaft zur Umkehr (Griechisch: Mentanoia) verlangt Johannes von jedem, sich einem Taufbad zuunterziehen, das er im Anschluss an seine Predigten jeweils im Unterlauf des Jordans vornimmt.

Auch der aus dem nord­palästinensischen Nazareth stammende Handwerkersohn Jesus hatte sich offenbar um das Jahr 30 nach der Zeitenwende von Johannes taufen lassen und bald danach begonnen, selbst öffentlich zu predigen und zur Umkehr aufzurufen. Sein Wirken beschränkte sich wahrscheinlich nur auf ein einziges Jahr. Dann wurde Jesus durch die misstrauische, einem religiösen Dog­matismus verpflichtete Jerusalemer Führungsschicht vor dem römi­chen Statthalter Pilatus wegen angeblichen Aufruhrs gegen die politische Gewalt angezeigt und von diesem nach kurzem Prozess zum Tode verurteilt und am Kreuz hingerichtet.

Jesus selbst hat keine einzige Zeile niedergeschrieben bzw. etwas Eigenes hinterlassen. Nachdem die Ostererscheinungen die Apostel hatten annehmen lassen, dass ihr Meister in der Sphäre Gottes weiterleben und als Menschensohn und Weltenrichter alsbald wiederkehren würde, werden seine Worte und bald auch die Erzählungen über seine Taten als religiöses Vermächtnis gepflegt und zunächst mündlich überliefert.

Die ersten schriftlichen Berichte und Glaubenszeugnisse sind in Briefen dokumentiert, die an erste, noch überwiegend judenchristliche, Gemeinden adressiert sind. Der 1. Thessalonicherbrief aus dem Zeitraum 51/53 ist der erste dieser Briefe und das älteste schriftliche Dokument der Christenheit; in kurzen Abständen folgen weitere, darunter auch der berühmte Paulus-Brief an die Römer.

Erst für das Jahr 60 lässt sich eine erste Niederschrift von überlieferten Sprüchen und Erzählungen über Jesu Wirken, das Markus-Evangelium, nachweisen.Auf die Jahre 65 bis 70 lassen sich das Matthäus- bzw. das Lukasevangelium datieren, letzterem folgt zeitgleich die Apostelgeschichte.

Diese drei Evangelien stimmen sowohl im formalen Aufbau als auch weithin in der inhaltlichen Ausrichtung der Reden- und Erzählteile überein, auch wenn es unterschiedliche Akzentuierungen gibt. Die Forschung fasst sie unter dem Begriff Synoptische Evangelien zusammen, was vom griechischen Wort Synopsis „Zusammenschau" abgeleitet ist. Meist kann man einen Abschnitt aus einem dieser Evangelien neben den entsprechenden aus dem anderen Evangelium zum Vergleich anordnen. Durch den Seitenblick auf die Parallele wird oft die Überlieferungsgeschichte eines Abschnitts klarer und das Verständnis erleichtert.

Die Quelle für Matthäus und Lukas war zunächst das Markusevangelium. Es ist das kürzeste und älteste Erzählwerk über Jesus. Wo Matthäus oder Lukas vom Text des Markus abweichen, lässt sich fast immer ein besonderes schriftstellerisches Interesse nachweisen. Nämlich auf Erwartungen der Ge­meinden eingehen zu wollen und die Vorgänge um Jesus in einen heilsgeschichtlichen Kontext zu stellen. Doch nicht alles, was die beiden über Markus hinaus beinhalten, erklärt sich als eine „verbesserte und erweiterte Auf­lage" des Markusevangeliums.

Sowohl Matthäus als auch Lukas sind fast doppelt so umfangreich als Markus. Während Markus mit der Wiedergabe von Jesus-Reden sehr sparsam ist, finden sich solche bei den anderen viel häufiger. Diese Redepartien stimmen oft wörtlich überein und machen zudem einen altertümlichen Eindruck. Das führt zu dem zwingenden Schluss, dass das Markusevangelium nicht allein als Quelle benutzt wurde, sondern dass Matthäus und Lukas darüber hinaus eine Spruchquelle benutzt haben, eine aramäische Sammlung jesuanischer Aussprüche (auch Logienquelle Q genannt). Eingehende Untersuchungen haben nachgewiesen, dass die Spruchquelle noch früher abgefasst sein muss als das Markusevangelium. Leider lässt sie sich nicht mehr in ihrem gesamten Umfang rekonstruieren. Es gibt auch wissenschaftliche Zweifel, dass sie als selbstständige Quelle überhaupt existiert hat.

Das vierte Evangelium, dessen Autor als Johannes bezeichnet wird, bringt wenig Erzählstoff und gibt die Reden Jesu in einer sehr deklamatorischen, von einer göttlichen Offenbarung geprägten Sprache wieder. Das Judentum als religiösem Hintergrund des neuen Glaubens wird erkennbar als Gegner gesehen. Auch in seinem geplanten Aufbau (Prolog, Offenbarungen in Form von Reden, Wundern, Passion) unterscheidet es sich stark von den anderen Evangelien. Es ist höchstwahrscheinlich kurz vor oder nach dem Jahr 100 n.Chr. in der Umgangssprache der Spätrömischen Antike, in Koine-Griechisch, niedergeschrieben worden und orientiert sich stark an altgriechischen religiösen Vorstellungen. So wird im ersten Kapitel von einem präexistierenden Logos gesprochen, also einem von Beginn der Welt an existierenden göttlichen Wort, das in der Person Jesu Gestalt angenommen habe.

Die Texte des Neuen Testaments (mit Ausnahme des Johannesevangeliums) wurden mutmaßlich zunächst in aramäischer Sprache mündlich tradiert, danach erfolgte die schriftliche Fixierung in der altgriechischen Umgangssprache der Zeit (Koine-Griechisch). Bereits am Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts lag eine lateinische Übersetzung des NT vor, die ab 385 von Hieronymus bearbeitet wurde (unter Einschluss des AT). Diese Überarbeitung (Vulgata) wurde für lange Zeit die verbindliche Bibel der Katholischen Kirche. Die Übersetzung Martin Luthers basiert auf der griechischen Textrevision des Erasmus von Rotterdam vom Ende des 15. Jahrhunderts. Für die Übersetzung des AT benutzte Luther sowohl die Septuaginta als auch das hebräische Original.

Der Luthertext wurde im Verlauf der letzten fünfhundert Jahre mehrfach überarbeitet (revidiert). Gegenwärtig ist die Textrevision des Jahres 1984 sehr verbreitet. Wegen ihrer besonderen sprachlichen Kraft, die an die Urübersetzung erinnert, wird auch die Revision von 1912 geschätzt. Im evangelisch-freikirchlichen Bereich sind vor allem die Elberfelder Bibel und die Schlatter-Bibel verbreitet, die sich um Urtextnähe bemühen, was häufig zu Lasten der Verständlichkeit geht.
Im Katholischen Bereich gilt die Einheitsübersetzung (der katholischen Bistümer) von Altem und Neuem Testament als Standardbibel. Sie verbindet eine relative Nähe zum Urtext mit einem verständlichen Deutsch.

Die sowohl in evangelischen Landeskirchen als auch in der katholischen Kirche viel gelesene GUTE NACHRICHT versucht die Verbindung von Urtext und deutscher Alltagssprache, was nicht immer gelingt.

Im wissenschaftlichen Bereich hat sich die aus der reformierten Tradition der Schweiz hervorgegangene ZÜRCHER BIBEL überwiegend durchgesetzt.

Die Worte der Bibel haben nicht nur Religionsgeschichte geschrieben. Sie haben auch eine bedeutende Auswirkung auf das Schaffen von Dichtern und Schriftstellern gehabt. Auch auf solche, die weder das jüdische noch das christliche Glaubensbekenntnis würden mitgesprochen haben. Oder heute, zu unserer Zeit, mitsprechen würden.

Da ist der religiöse Skeptiker Bertolt Brecht zu nennen, der sogar ein Drama über Jesus verfasste und der die Frage nach seinem Lieblingsbuch so beantwortete: „Sie werden lachen, die Bibel“. Auch deutschsprachige Autoren jüdischen Glaubens wie Joseph Roth (Hiob) und Stefan Heym (Ahasver, König David Be­richt), die dem überlieferten Glauben eher distanziert gegenüber standen und doch seine Inhalte künstlerisch vollendet auszudrücken vermochten, sind besonders hervorzuheben. Oder Thomas Mann, den vor allem die Geschichten in den biblischen Büchern interessierten, was sich in seiner Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ nachvollziehen lässt.
Nicht zuletzt haben sich Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Marie-Luise Kaschnitz, Rainer Maria Rilke, Luise Rinser, Jean Paul Sartre, Reinhold Schneider oder Franz Werfel in unterschiedlicher Akzentuierung mit biblischen Themen beschäftigt.

Klaus Philipp Mertens

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