Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Philosophie und Theologie

Leitkultur

Das Leiden an einer Kultur, die man nicht versteht

Der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing

Kultur gestaltet sich als ein dynamischer Prozess, der sich im Spannungsverhältnis zwischen geistesgeschichtlicher und politisch-historischer Entwicklung vollzieht. So muss jede Kultur ihre Quellen sowohl eindeutig benennen als auch infrage stellen können und gleichzeitig betonen, dass eine Weiterentwicklung auf der Basis des Erreichten nicht ausgeschlossen werden kann, vielfach sogar notwendig ist. Und dass es kein Zurück in überwundene Stadien geben kann. Dabei darf der Blick nicht auf den nationalen Tellerrand beschränkt sein.

Zu meinem Kulturverständnis gehören Sprache, Literatur, das Nachdenken über das Wesen des Menschen und soziale Theorien. So ist für mich die Bibelübersetzung Martin Luthers ins Deutsche eine epochale Errungenschaft, die bis heute weiterstrahlt und dies mutmaßlich noch lange und weit über die Gegenwart hinaus. Seine Theologie hingegen war der unzureichende Versuch, tragfähige Antworten auf den disparaten Geist der Zeit zu geben, der sich um das Verhältnis von Gott und Mensch rankte und parallel die hierarchischen Strukturen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft rechtfertigte. Ein perspektivischer Blick über die engen Grenzen des christlichen Glaubens hinaus war Luther nicht möglich. Auch deswegen nicht, weil dieser Glaube gesellschaftlich und politisch akzeptiert war und seine Grundlagen kaum in Zweifel gezogen wurden.

Das änderte sich mehr als 200 Jahre später, als sich Gotthold Ephraim Lessing als Vertreter der deutschen Aufklärung vehement gegen jeden Buchstabenglauben wandte. Er vertraute auf die menschliche Vernunft, die einer göttlichen Offenbarung nicht bedürfe.

Bekräftigt wurde diese Sicht durch Immanuel Kant. Da weder Gott noch die Existenz und Unsterblichkeit einer Seele bewiesen werden könnten, sei die Annahme eines absoluten Wesens ausschließlich eine Glaubensfrage. Die Vernunft sei zwar nicht dazu in der Lage, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen. Allerdings könnte nur durch das Beiseiteschaffen des Wissens Platz geschaffen werden für den religiösen Glauben.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat wenige Jahrzehnte später und unter dem Eindruck der Französischen Revolution in seiner „Phänomenologie des Geistes“ die Vernunft als das bestimmende Element in der menschlichen Geschichte bezeichnet. Gleichzeitig klammerte er sie an das Vorhandensein einer Idee, quasi an den Geist der Vernunft. In dieser Idee würde sich jene Ethik manifestieren, die bislang als Wesensäußerung des Göttlichen betrachtet wurde („Alle Vernunft ist wirklich und alle Wirklichkeit ist vernünftig“). Philosophie ist nach Hegel deswegen auch Theologie, weil letztere die Vernunft im Nachdenken über Gott zu beweisen habe. Allerdings relativierte er diese Gedanken im Hinblick auf die christliche Religion, die er für die fortgeschrittenste hielt. In ihr sieht er einerseits den Glauben an ein allgemeines Prinzip (also den Weltgeist) bestätigt und andererseits den Glauben an ein göttliches Handeln in der Geschichte. Als solches verstand er die Person Jesu, von dessen tatsächlicher Existenz gemäß den Überlieferungen er überzeugt war.

Die klassische deutsche Philosophie fand ihren Abschluss, eigentlich sogar ihr Ende, mit den Links- oder Junghegelianern. Zu ihnen zählten Ludwig Feuerbach (Hauptschrift „Das Wesen des Christentums“) und Karl Marx. Der eine sah in Gott die Projektion menschlicher Wünsche auf eine metaphysische Ebene, von der aus Ethik und Zukunftshoffnung quasi aus höherer Warte bestimmt würden. Der andere hielt die tatsächlichen Verhältnisse in der menschlichen Gesellschaft, also Herkunft, Bildung, Eigentum und Herrschaft, für den Urgrund jeder Idee und ebenso Anlass für die Entwicklung der jeweiligen Widersprüche. Diese Sicht war in Hegels Dialektik bereits angelegt.

Folglich bestimmen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Säkularisierung und die diversen Entwürfe für eine gerechte Gesellschaft (bis hin zu Sozialismus und Kommunismus) das geistige und politische Handeln in diesem Land. Und sie prägen zwangsläufig die entsprechenden Auseinandersetzungen einschließlich des Rückfalls in die Barbarei während der NS-Herrschaft. Dies spiegelt sich in den Theorien, die auf die materialistischen Ansätze in der Philosophie folgten, beispielsweise in den Thesen Adornos. Ebenso in der modernen Theologie, die von der historisch-kritischen Erforschung der Bibel geprägt ist und im akademischen Bereich einer dynamischen Gottesvorstellung folgt. Und nicht zuletzt in der Literatur, in der Musik und im Theater. Unsere Kultur verfügt somit über multiple Erscheinungsformen. Aber sie verfügt ebenso über das mehr oder weniger direkt ausgesprochene Verdikt gegen das allzu Schlichte, in welcher Gestalt dies auch immer daher kommen mag.

Die unreflektierte Hingabe an religiöse Aussagen, die erzwungene Unterordnung unter andere Menschen, die Akzeptanz von nicht legitimierter Herrschaft und deren Ideologie - all das steht im Widerspruch zu unserem kulturellen Erbe. So sind Religionen, wenn man sie wie Lessing, Kant und Hegel im Sinn von Vernunft definiert, nicht der Kitt einer Gesellschaft, wie immer wieder behauptet wird, sondern der Sand im Getriebe des Selbstverständlichen. Letzteres vermag der fundamentalistische Islam, der aus totalitär regierten Staaten importiert wird, in seinen nichtreformierten Formen nicht zu leisten. Aber auch der römische Katholizismus und der Biblizismus der Evangelikalen sind mit unserer Kultur unvereinbar. Die so genannten konservativen Parteien müssen sich fragen, welche Elemente ihres Selbstverständnisses konservativ im Sinn einer Werteerhaltung sind und wo ihre Weltanschauung beginnt, reaktionär und demokratiefeindlich zu werden.

Benötigen wir aber deswegen eine Leitkultur? Ich denke nein. Vielmehr bedarf es einer ethisch motivierten Vernunft und des Willens, diese überall und verbindlich zu propagieren. Im Elternhaus, in der Schule, am Arbeitsplatz und im gesellschaftlichen Diskurs. Andernfalls degeneriert der Mensch zu einem Hammel, der auf einen Leithammel fixiert ist.

Klaus Philipp Mertens

02. Mai 2017