Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Philosophie und Theologie

Islamkonferenz statt Reformislam

Die Politik verpasst Chancen auf einen Neuanfang

Freitaggebet in der Ibn-Rush-Goethe-Moschee in Berlin

Die Neubelebung der Islamkonferenz durch eine Erweiterung von Teilnehmern erscheint auf den ersten Blick als ein Schritt in Richtung eines notwendigen religiösen Pluralismus. Zumal die bisher dort vertretenen Organisationen ohnehin das vorhandene Spektrum nicht repräsentieren. Vor allem liberale Strömungen werden kaum berücksichtigt.

Doch beim genaueren Hinsehen wächst die Skepsis. Denn die fehlende Akzeptanz des Islams in der deutschen Gesellschaft ist nicht auf dessen unzureichende Vertretung in einem politischen Gremium zurückzuführen. Vielmehr ist es die erkennbare Distanz der muslimischen Mehrheit gegenüber dem säkularen Selbstverständnis dieses Staats. Ein Staats, der zwar die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses schützt (Art. 4, Absatz 1 Grundgesetz), aber nicht im Sinn einer totalen Religionsfreiheit. Denn das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit darf die Rechte anderer nicht verletzten (Art. 2, Absatz 1 Grundgesetz).

Dort, wo sich unterschiedliche Bekenntnisse und Weltanschauungen zwangsläufig begegnen, also im gesamten öffentlichen Raum (einschließlich Behörden, Gerichten, Schulen etc.), muss sowohl die unterschwellige als auch die unmittelbare Herausforderung bzw. Verletzung anderer Auffassungen unterbleiben.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der unlängst die Anbringung der verfremdeten Form eines Hinrichtungsinstruments aus der spätrömischen Antike in den Eingangsbereichen von Behörden anordnete, wird sich über die Verfassungsfeindlichkeit seines Handelns demnächst höchstrichterlich belehren lassen müssen.

Im Gegensatz zu Markus Söder und kleinen Gruppen von Evangelikalen und konservativen Katholiken neigt das Gros der Christen in Deutschland längst nicht mehr dazu, die jeweilige religiöse Überzeugung außerhalb von Kirchen, Glaubensveranstaltungen und Privaträumen deutlich sichtbar zu demonstrieren. Die Muslime hingegen haben diesen Gleichklang mit der Moderne nicht mitvollzogen. Frauen mit Kopftuch und Verschleierung sind in manchen Städten alltäglich geworden. Faktisch gehört diese Form des Islams zwar zu Deutschland, aber nur als radikale Infragestellung von dessen Prinzipien. Denn mit den Symbolen gehen einher Vorbehalte gegenüber zivilisatorischen Errungenschaften bis hin zu deren Verneinung. So die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Freiheit der sexuellen Orientierung oder die an demokratische Wahlen gebundene und lediglich auf Zeit ausgeübte politische Macht.

Die christliche Freiheit folgte erst mit großer Verspätung auf die Proklamation der bürgerlichen Freiheit. Erst im Schatten von Lessing und Hegel wurde in der protestantischen Theologie die historisch-kritische Methode bei der Erforschung der biblischen Schriften angewendet. Ludwig Feuerbachs Schrift von 1841 „Das Wesen des Christentums“, in der das Göttliche als Selbstprojektion des Menschen beschrieben wird, inspirierte auch Karl Marx. Die Leben-Jesu-Forschung, deren Geschichte und Resultate 1906 von Albert Schweitzer in einem Standardwerk festgehalten wurden, belegte die Unmöglichkeit, die Persönlichkeit Jesu rekonstruieren zu können. Der Theologe Rudolf Bultmann ging in seinem 1941 verfassten Aufsatz „Neues Testament und Mythologie“, mit dem er (in Anlehnung an die Existenzphilosophie Heideggers) die Entmythologisierung des Neuen Testaments einleitete, noch einen Schritt weiter. Vom Glaube an Jesus und dessen Offenbarung blieb für ihn nur ein radikal neues Selbstverständnis des Menschen übrig. Letzteres war für den Theologen Herbert Braun der eigentliche Inhalt des Glaubens. Denn dieses frage nach dem Woher des je persönlichen Umgetriebenseins, orientiere sich dabei am Mitmenschen und leite vom Miteinander eine neue Ethik ab.

Die protestantische Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts ist gemessen am Glaubensverständnis der Alten Kirche geradezu revolutionär. Und sie geht weit über Martin Luthers Frage nach der Rechtfertigung des Menschen vor Gott hinaus, die trotz des Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr theologisch unzeitgemäß ist. Im Vergleich zu diesem, wenn auch spät in Gang gekommenen Entwicklungsprozess nimmt sich die derzeitige offizielle islamische Theologie extrem bescheiden aus.

Zu dieser Einschätzung kamen auch drei islamische Gelehrte, nämlich Ghaleb Bencheikh, Anwar Ibrahim und Tariq Ramadan. Sie meldeten sich vor drei Jahren in London zu Wort und rüttelten dabei an manchen Grundüberzeugungen. So forderten und fragten sie: „Wir müssen hart mit uns ins Gericht gehen: Warum haben wir zivilisatorisch versagt?“

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts habe die kritische Reflexion der Fundamente und Interpretationen des Islams an Fahrt verloren. Und die Gelehrten stellten fest: „Schuld daran ist die Dominanz eines sklerotischen, arabozentristischen Islam, der auf einer obsoleten Sicht der Welt basiert und oft geringschätzig und ablehnend gegenüber Nichtmuslimen ist. […] Unser Aufruf ist an all jene muslimischen Persönlichkeiten gerichtet, die sich zur Demokratie bekennen, seien sie politische oder religiöse Autoritäten, Intellektuelle oder Theologen.“ Es ginge nunmehr darum, ein für alle Mal die Umrisse eines fortschrittlichen Islam zu skizzieren, der fest im 21. Jahrhundert verankert sei. Und sie erinnerten an den algerischen Intellektuellen Malek Bennabi, der bereits vor einem halben Jahrhundert die Erneuerung der muslimischen Gesellschaft gefordert hat. „Seinen Fußstapfen folgend, müssen wir die romantisierenden, nostalgischen Vorstellungen hinterfragen, die in muslimischen Mehrheitsgesellschaften tonangebend sind.“

Und weiter: „Von zentraler Bedeutung wird sein, das an der undogmatischen islamischen Rechtstheorie, dem Idschtihad, orientierte Reformdenken von Muhammad Abduh, von Abd al-Rahman al-Kawakibi und von Muhammad Iqbal, das sie schon zur Wende zum 20. Jahrhundert formulierten, neu ins Bewusstsein zu rufen. Nämlich eine kompromisslose, kritische Analysen des Koran und der prophetischen Traditionen. Und es ist an der Zeit, kulturelle Engstirnigkeit als religiöses Dogma zu beenden: Weltweit sollten Muslime viel deutlicher begreifen, wo der Islam endet und regionale, kulturelle Riten beginnen.“

Mit einem deutlichen Fingerzeig auf die politischen Machthaber im Nahen und Mittleren Osten schreiben sie: „Es ist auch notwendig, die Legitimität bestimmter politischer und sozial rückständiger Länder infrage zu stellen, dass ausgerechnet sie darüber entscheiden, was islamisch ist und was nicht und wer ein guter Muslim ist und wer nicht. Niemals mehr dürfen Autokraten unsere Reputation als Muslime beschädigen, indem sie uns als Reformer diskreditieren und sich über die größte Sehnsucht der Muslime weltweit mokieren - in einer gerechten und demokratischen Gesellschaft zu leben. Wir Muslime müssen öffentlich unser Bekenntnis zu einer säkularen Politik kundtun. Lasst uns niemals vergessen, dass wir immer die ersten Opfer sind: Opfer der brutalen dogmatischen Interpreten, die behaupten, nur sie repräsentierten den Islam. Und Opfer der säkularen Autokraten, die immer behaupten, nur sie könnten uns vor Ersteren schützen. Sie gehören nicht zu uns so wie wir nicht zu ihnen. … Die Zeit ist reif, dem Islam eine neue Bestimmung und Richtung für das 21. Jahrhundert zu geben. Denn unsere Zukunft als friedliebende, muslimische Demokraten steht auf dem Spiel.“

Eine neukonstituierte Islamkonferenz bedarf neuer inhaltlicher Anstöße. Solche sind von Ahmadiyya oder Ditib nicht zu erwarten. Eher schon vom Liberal-islamischen Bund. Noch dringender als eine Konferenz ist jedoch die inhaltliche Neukonzeption des islamischen Religionsunterrichts, der völlig ohne Ditib & Co. auskommen müsste. Statt dessen sollte er sich an den Schwerpunkten des christlichen Unterrichts orientieren, also die Geschichte des Schrifttums und dessen Auslegung sowie die sich daraus ergebenden ethischen Konsequenzen in den Mittelpunkt stellen.

Die von Unwissen geprägte Forderung der Bundestagsabgeordneten Filiz Polat (Grüne), islamische Religionsgemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen, sollte hingegen auf den Tag verschoben werden, an dem Fereshta Ludin aus Überzeugung auf ihr Kopftuch verzichtet. Seit 20 Jahren klagt die Lehrerin vor mehreren Gerichten dafür, in einer öffentlichen Schule ein Kopftuch tragen zu dürfen. Konservative Organisationen haben ihr diese gerichtlichen Verfahren finanziell ermöglicht. Würden sie zu Körperschaften des öffentlichen Rechts, wüchse ihr Einfluss. Und sie könnten den ungeliebten Staat Bundesrepublik aus einer für sie noch vorteilhafteren Position angreifen.

Klaus Philipp Mertens