Einzelartikel aus „https://bruecke-unter-dem-main.de - Frankfurter Netzzeitschrift“

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Literatur und Kultur

Nachrichten aus dem Literaturhaus

Die Ankündigung des Winterprogramms sorgt für Irritationen

 

Als die E-Mail mit dem Winterprogramm des Literaturhauses Frankfurt in der Vorschau erscheint, initiiert die Texterkennung meines Netzwerks ein Alarmsignal: „Dummdeutsch“. 

Ein prüfender Blick auf die noch nicht heruntergeladene Nachricht zeigt, dass es sich um einen Fall ideologischer Legasthenie handelt. Also um hierarchisierende Wortkonstruktionen jenseits von Grammatik und Rechtschreibung, in denen das Weibliche stets dem Männlichen angehängt und untergeordnet wird – mittels Asterisk oder Doppelpunkt. 

Ich verschiebe die elektronische Post in den Junk-Mail-Ordner, damit ich sie gefahrlos lesen kann. 

 

 

Ideologische Legasthenie

 

Das Titelblatt des Programms ist ansprechend gestaltet; der Inhalt aber seltsam. Bei der Mehrzahl der angekündigten Autorinnen und Autoren, deren neue Bücher demnächst vorgestellt werden sollen, vermute ich (bei einigen weiß ich es genau), dass in ihren Erzählungen und Romanen nicht gegendert wird.

Der soeben gekürten diesjährigen Georg Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel würde es im Traum nicht einfallen, die deutsche Sprache zu verunstalten. Weder in ihrem neuen Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“ (Vorstellung am 26. August) noch in „Landgericht“ oder im Gedichtband „Stimmen aus dem harten Kern“ stolperte ich über synthetische und nicht-genuine Wortbildungen, die der Logik der deutschen Sprache nicht entsprechen.

 

Sind die Adressaten, die mit „liebe Freund:innen und Besucher:innen“ angesprochen werden, möglicherweise gespaltene Persönlichkeiten? Müssen sie mit Codes aus einer nicht gesellschaftsfähigen Privatsprache geködert werden, damit sie überhaupt zu einem Buch greifen? 

Tatsächlich ist das verstehende Lesen literarischer Texte eine den Intellekt herausfordernde Anstrengung. Der Literaturkritiker Denis Scheck äußerte unlängst in seiner Dankesrede für den ihm verliehenen „Friedrich-Perthes-Preis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels“: „Lesen ist entgegen eines landläufigen Missverständnisses nicht Wellness.“ 

 

 

Vorbotin vom Ende der Kultur: New Adult

 

Diese Ermahnung scheint in dem schönen Haus nördlich des Mains, das sich der Literatur verpflichtet fühlt, nicht angekommen zu sein. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Ratschläge dort grundsätzlich nicht willkommen sind. Denis Scheck beklagte in der erwähnten Rede auch das „Abreißen von Bildungsbrücken“ und das „Schleifen von Kultureinrichtungen“. Es gibt sogar noch weitere Indizien für eine solche Mutmaßung. 

 

Am 3. September wird es einen „New Adult - Abend“ geben. Veröffentlichungen der Autorinnen Yvy Kazi und Gabriella Santos de Lima sind angekündigt. Ich zitiere noch einmal Denis Scheck: »Nichts auf dem Teller und alles auf der Rechnung!« - „Mit diesen wirkmächtigen Worten versetzte Paul Bocuse einst der Nouvelle Cuisine den Todesstoß. Ich wünschte, ich fände eine ähnlich potente Zauberformel für jene Hirnpest in Buchform, die unter dem Rubrum Romantasy und New Adult die Regale unserer Buchhandlungen und Bestsellerlisten verstopft und gewaltige Lesewut in mir auslöst.“

 

 

Einfache Sprache – Sprache der Untertanen

 

Nicht besser steht es um die „Literatur in Einfacher Sprache“. Charlotte Gneuß und Christian Dittloff stellen am 4. September sogenannte einfachsprachige Texte vor. Immer wenn ich dieses Schlagwort höre, frage ich mich: Wie kann aus „einfacher Sprache“ eine klare, logisch aufgebaute und reflektierende Sprache werden? Ein literarisches Schreiben erwarte ich gar nicht, denn das fällt unter Kunst und setzt besonderes Können voraus. Und wie schafft es der bedauernswerte Mitmensch, der von selbsternannten Vorbildern zum Bürger dritter Klasse erklärt wird, sich aus den Fesseln des Einfachen (gemeint ist das allzu Schlichte) zu befreien? Oder ist er von vornherein zum Untertanen bestimmt? Damit er die Drecksarbeit machen kann, die andere verschmähen, reicht es offenbar aus, Befehle zu verstehen und auszuführen.

 

 

Aus dem Wörterbuch des Unmenschen

 

„Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen“ urteilten die Journalisten Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Walter E. Süskind, die sich in ihrer sprachkritischen Untersuchung „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ kurz nach dem Ende des Dritten Reichs mit der synthetischen und menschenverachtenden Sprache des NS-Regimes auseinandersetzten. Davon wird in der 124. Pro Lesen-Themenwoche (15. - 20.09.2025) die Rede sein.

 

 

Klaus Philipp Mertens