Das Frankfurter Literaturhaus versendet allmonatlich Newsletter an Interessierte, die sich in den Online-Verteiler eingetragen haben. Die Adressaten werden mit „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freund:innen und Besucher:innen des Literaturhauses“ angesprochen. Das missfällt vielen, vor allem jenen Frauen, die sich nicht hierarchisieren lassen wollen, weil sie sich nicht als Anhängsel verstehen und sich als eigenständige Menschen definieren. Aber auch „Freunde“ fühlen sich durch das Unterschlagen des Endungs-E gegängelt.
Entsprechende Beschwerden sind zahlreich, doch darauf wird nicht eingegangen. Möglicherweise beherrschen die Verantwortlichen nicht das verstehende Lesen, haben generell Probleme mit der deutschen Sprache (von der Wort- und Satzkunde über die Fähigkeit zu treffende Aussagen bis zur Rechtschreibung) oder beanspruchen ohne jegliche Autorisierung die Deutungshoheit.
Es ist auch vorstellbar, dass im Literaturhaus eine Art Bekehrungswut tobt. Möglicherweise haben Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und Literaturhaus-Leiter Hauke Hückstädt die Devise ausgegeben: „Strömt aus in sämtliche Winkel dieser Stadt, macht Leser:innen ausfindig, fangt sie ein, mobilisiert sie für die Veranstaltungen des Literaturhauses. Und bekehrt sie zum Gendern.“
Da steter Tropfen bekanntlich auch den härtesten Stein höhlt, hofft man mutmaßlich darauf, dass aus den derzeitigen 15 bis 20 Prozent Gender-Befürwortern allmählich immer mehr werden. Sollte es gelingen, aus über 70 Prozent strikter Ablehnung eine gleiche Zahl an Zustimmung zu machen, wird sich die Literatur ändern müssen. Denn Sprachnormen ohne Rückhalt im literarischen Schaffen sind irrelevant.
Vermeintliche Randprobleme wie das generische Femininum und das generische Neutrum werden sich, so kann vermutet werden, nach Überzeugung der Ideologen (darunter überproportional viele Grüne) langfristig lösen lassen. Der Verzicht auf das Epikoinon (griechisch: epikoinos = gemeinsam), mit dem sich ohne Wechsel des grammatischen Geschlechts sowohl weibliche als auch männliche Individuen bezeichnen lassen, könnte zentraler Bestandteil eines künftigen Neudeutschs sein.
Andererseits würde dadurch die bisherige Präzision der deutschen Sprache aufgegeben. Hierzulande wird es dann kaum noch gelingen, präzise (abstrahierende, axiomatische, also allgemeingültige) Beschreibungen und Anweisungen zur formulieren. Zur Programmierung künstlicher Intelligenz ist sprachliche Höchstpräzision unumgänglich. Deutschland würde sich dadurch auf den letzten Platz der Weltrangliste der Digitalisierung katapultieren.
Auch die Dummheit hat bekanntlich zwei Seiten. Intellektuelle, die in Unkenntnis der Sprachlogik gendern, weil dadurch andere Geschlechter angeblich sichtbarer würden, füllen die eine Seite. Auf der anderen tummeln sich AfD und Gefolgsleute. Sie sind gegen das Gendern, können aber nicht begründen, warum.
Klaus Philipp Mertens

