Blaise Cendrars,
geboren 1887 als Frédéric Louis Sauser in La Chaux-de-Fonds (Kanton Neuenburg / Westschweiz / Romandie). Mit sechzehn lief er von zu Hause weg und kam nach längeren Reisen durch Russland, die Mandschurei und China 1910 erstmals nach Paris. Freundschaft mit vielen Künstlern der Zeit.
Als freiwilliger Soldat in der französischen Fremdenlegion nahm er am Ersten Weltkrieg teil. 1915 wurde er schwer verwundet und verlor den rechten Arm.
Spätere Reisen führten den Schriftsteller u.a. nach Rom (1921), Brasilien (in den Jahren 1924 bis 1928) und Spanien (1931). Ab 1950 lebte Cendrars in Paris, wo er 1961 starb. Er hinterlässt ein Gesamtwerk von nahezu vierzig Bänden, für das er wenige Tage vor seinem Tod mit dem „Grand Prix Littéraire de la Ville de Paris“ ausgezeichnet wurde.
Der Autor schrieb nicht unter seinem richtigen Namen, sondern gab sich einen Kunstnamen. Den leitete er von den französischen Worten „Braise“ (Glut) und „Cendres“ (Asche) ab. Daraus wurde Blaise Cendrars.
Der Brief an seinen Freund Édouard Peisson, einen französischer Schriftsteller, leitet das Buch „Signatur des Feuers“ ein, den ersten Teil seiner Autobiografie. Peisson schrieb vor allem Romane über die Seefahrt.
Mein lieber Edouard Peisson,
heute Morgen hast Du mir erzählt, der deutsche Offizier, den man bei Dir auf dem Lande einquartiert hat, sei am Abend vorher zu Dir in die Küche gekommen, weil er Dir eine schöne Mondfinsternis zeigen wollte, habe Dich dann aber stehenlassen, um mit einem elenden Flittchen, das er aus Marseille mitgebracht, in seinem Zimmer zu verschwinden, und Du hättest spät nachts allein auf Deiner Terrasse gestanden und an die Niederlage gedacht. Und hast hinzugefügt: „Es war unfassbar: diese Nacht, dieser Mondschein, die Olivenhaine silberschimmernd und schwarz, die warme, von den Kräutern und den Kiefern auf den umliegenden Hügeln duftende Nacht, diese Augustnacht ... dieser sternenübersäte Himmel ... diese durchscheinende Nacht ... dieser Friede ... diese Stille ... Und der Besatzer treibt es in meinem Haus mit einer Nutte. Was für eine Demütigung!"
Als Du gegangen warst, ich weiß nicht, warum, lieber Peisson, ließ mich der Gedanke an diesen Vorfall nicht mehr los, und Deine nächtlichen Betrachtungen riefen in mir die Erinnerung an andere, ebenso atemberaubende Nächte wach, die ich in den verschiedenen Breiten des Erdkreises erlebt habe, darunter die grauenvollste, die ich -allein - an der Front erlebt habe, 1915 war das ...
Es war ebenfalls Sommer und eine klare Sternennacht, nicht unter dem durchscheinenden Himmel der Provence, nein, sondern vor Roye, in einer Ebene des Nordens; überall nur seit über einem Jahr wucherndes Unkraut in den brachliegenden Feldern, aus denen ein milchiger, ziemlich dichter Dunst aufstieg ... und sich in Fetzen auflöste ... den die Sterne durchlöcherten wie Tintenkleckse ein zerrissenes Fließpapier ... und alles wirkte zusehends gespenstischer. Es stand auch kein Mond am Himmel ... Und die Finsternis, die ich damals beobachtete, war - ich erwähne das vorweg - eine Verfinsterung meiner Persönlichkeit, und ich frage mich, wie es kommt, dass ich noch am Leben bin. Die Angst! Ich habe nie mit jemand darüber gesprochen, und wärst Du noch hier gewesen, hätte ich Dir aus dem Augenblick heraus alles erzählt. Ich lehnte mich aus dem Fenster; Du bogst mit Deinem Fahrrad gerade um die Straßenecke. Und anstatt dir nachzulaufen - ich hätte Dich ohnehin unmöglich eingeholt -, zog ich meine Schreibmaschine hervor, befreite sie vom Staub und begann auf der Stelle, die folgende Geschichte für Dich zu tippen; Du kannst Dir vorstellen, wie ergriffen ich war, mein lieber Peisson, weil Du weisst, dass ich seit Juni 1940 und trotz Deines wiedeholten freundschaftlichen Drängens und aller eigennütziger Aufforderungen der Verleger, der Wochenmagazine und Tageszeitungen — ganz zu schweigen von meiner Verbitterung, die, was mich betrifft, von meiner Untätigkeit herrührt - keine Zeile geschrieben habe.
Mein lieber Peisson, weil Du, obwohl Du es nicht weißt, der Anlass dafür bist, dass ich das Schreiben wiederaufgenommen habe, erlaube mir, Dir nicht nur diese erste Erzählung zu widmen, sondern dich überdies von heute an als den Paten meines künftigen Schaffens zu betrachten, und ich hoffe, dass Du mir die Freude machst, diesen Titel anzunehmen, der nicht nur rein ehrenamtlich ist, beinhaltet er doch einen großen Teil Verantwortung.
Weil ich aber diese Verantwortung mit Dir teilen möchte frage ich mich, warum Dein kurzer Besuch von heute Morgen einen solchen Schock in mir auszulösen vermochte, dass ich auf der Stelle angefangen habe zu schreiben, und warum ich gleich heute wieder angefangen habe zu schreiben, doch ich weiß keine Antwort darauf. Was Du mir von Deiner Nacht, vom Himmel, vom Mond, von der Landschaft, von der Stille erzählt hast, muss in mir ähnliche Reminiszenzen geweckt haben, vom Widerhall des Krieges angefacht, der in Deinen bitteren Betrachtungen mitschwang, und dass Du, allein auf Deiner Terrasse, bis spät nachts über den bei Dir einquartierten deutschen Oberleutnant nachgedacht hast, der auf schändliche Weise Dein Haus missbraucht und nicht eine gemeine Hure schändet, sondern Dein Dichterrefugium. Und da habe ich in meiner Einsamkeit Feuer gefangen, denn Schreiben bedeutet sich verzehren.
Der Akt des Schreibens ist ein Brand, der ein großes Gedankengewühl in Flammen aufgehen lässt und Bilderassoziationen in Funkenlohen verwandelt, um sie dann in knisternde Glut und Asche sinken zu lassen. Doch wenn auch die Flamme den Feueralarm auslöst, die Spontaneität des Feuers bleibt geheimnisvoll. Denn Schreiben bedeutet lebendigen Leibes verbrennen, bedeutet aber auch aus der Asche wiedergeboren werden.
Oder ist es vielleicht nicht ganz einfach so, dass die Seeleute wie auch die Dichter viel zu empfänglich sind für die Magie einer Mondnacht und für das Schicksal, das uns von den Sternen bestimmt zu sein scheint, ob auf See, auf Erden oder zwischen den Seiten eines Buches, wenn wir schließlich den Blick senken und uns vom Himmel abwenden, Du, der Seemann, ich, der Dichter, Du, der schreibt, und ich, der schreibe, von einer Zwangsvorstellung besessen oder Opfer unserer Berufs?
Mit meiner Freundeshand Blaise Cendrars
Aix-en-Provence, den 21. August 1943

