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Wenn man aus der Not eine Mode macht

„Contemporary Muslim Fashions“ ab dem 5. April im MAK, Frankfurt

Wenn Sklaven gelernt haben, ihre Ketten zu lieben, sie sogar in künstlerischer Weise zu verherrlichen, haben Unterdrücker und Ausbeuter gewonnen.

Solche „vergoldeten“ Ketten sind in unterschiedlichen Formen anzutreffen. Der Kapitalismus legt sie Konsumenten an, damit sie gegen ihre eigenen Interessen und zu Gunsten des Profits anderer handeln. In autoritären Regimen sind sie vielfach Mischformen aus Zuckerbrot und Peitsche; wobei das Brot rasch verdirbt und die Knute dann voll spürbar wird. Stark vertreten sind sie in den Vorschriften der so genannten Offenbarungsreligionen, allen voran im dogmatischen Islam. Der unterbindet konsequent die historisch-kritische Reflexion seiner Glaubensinhalte und Verhaltensgebote. Letztere betreffen vor allem Frauen, die sich als Dienerinnen des Mannes verstehen müssen und das u.a. durch ihre Kleidung deutlich zu machen haben. Sie dürfen ihr Gesicht nicht unverstellt zeigen und nicht als selbstbestimmende Person auftreten.
 

Wenn man Fernsehberichte aus dem „Gottesstaat“ Iran verfolgt, sieht man viele Frauen, die das Kopftuch nur noch als Andeutung tragen und bei denen zu erwarten ist, dass sie es ins Feuer werfen, sobald die politischen Verhältnisse das zulassen. Und auch im mit Abstand orthodoxesten islamischen Staat, in Saudi-Arabien, haben Frauen begonnen, sich zu wehren.
 

Doch selbst die rigideste Unterdrückung kann ins Erhabene gesteigert und von den Betroffenen verinnerlicht werden. Ein typisches Beispiel dafür ist die muslimische Mode. Dass es in Religionen, die sich als Teil der säkularen Gesellschaft verstehen, so etwas nicht gibt, ficht jene nicht an, welche die Benachteiligung von Menschen als kulturelle Identität hochstilisieren wollen. Oder denen es lediglich ums Geschäft geht.
 

Die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ ist sowohl Frauenrechtlerinnen als auch anderen freiheitlich und demokratisch Gesinnten ein Beleg dafür, dass religiöse und politische Unterdrückung mit den Instrumenten des Events salonfähig gemacht werden soll. Vom 5. April bis zum 15. September ist die Ausstellung auch in Frankfurt zu sehen. Das „Museum für Angewandte Kunst – MAK“ preist sie im Internet so an:
„Nachdem die Schau in den Fine Arts Museums of San Francisco für Furore sorgte, wird sie in Frankfurt als erste Station in Europa gezeigt. Die Ausstellung präsentiert eine Momentaufnahme aktueller muslimischer Kleidungsstile aus aller Welt, mit einem Schwerpunkt auf dem Nahen Osten und Südostasien sowie Europa und den USA. Dabei reflektiert sie, wie Kleidung dem Ausdruck der vielen Facetten individueller, religiöser und kultureller Identität dient – und wie sie Identität prägt.“
 

Der Direktor des Museums, Matthias Wagner K, hält das muslimische Kopftuch für „ein Zeichen dafür, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben“. Dessen Funktion in einer bis heute autoritären und ausschließlich von Männern bestimmten Religion, an der kulturelle, religionswissenschaftliche und theologische Diskurse und Reformbestrebungen spurlos vorübergegangen sind, scheint Matthias Wagner K nicht zu bekümmern. Für ihn sind Hidschab, Tschador oder Burka real vorhanden; das reicht als Begründung, ihnen eine Ausstellung zu widmen. Man darf darauf gespannt sein, ob den Exponaten Hinweise über jene Frauen beigefügt sind, die wegen Verstoßes gegen die Kleiderordnung in den muslimischen Staaten verfolgt oder ermordet wurden und werden.
 

Das Nebeneinander von Unterdrückung, Verfolgung und Zurschaustellung erinnert mich an das „Museum einer untergangenen Rasse“, das die Nazis 1942/43 in der „Alt-Neu-Synagoge“ in Prag einrichten ließen (während in Auschwitz-Birkenau die systematische Ermordung jüdischer Menschen stattfand). Es sollte nach dem Willen der SS „durch eine vollständige und durchdachte Sammlung von Material einen Überblick über die soziale, ökonomische und kulturelle Entwicklung des Judentums vermitteln“ (SS-Sturmbannführer Hans Günther bei der Eröffnung). Sein Zweck war die Schulung höherer SS-Kader und diente insbesondere Rechtfertigung der von den Machthabern so bezeichneten „Endlösung“.
 

Auch für Museen sollte es Tabus geben. Nicht alles, was existiert, ist es wert, öffentlich gezeigt zu werden.
 

Klaus Philipp Mertens