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Vom Geist der Zeit | Die Meinungsseiten

Leben und Überleben in den Zeiten von Corona

Zur Gefahrenabwehr bedarf es auch intellektueller Gesundheit

Deutschland schließt die Grenzen nach Frankreich, Österreich und zur Schweiz (c) ARD

Das Coronavirus scheint die gesellschaftliche Dummheit zu beflügeln. In den Warteschlangen der Supermarktkassen treffe ich derzeit gehäuft auf Anhänger von Verschwörungsideologien. Insbesondere auf leichtgläubige Sympathisanten von Facebook, Whatsapp und Instagram. Und wie bei Einfältigen üblich, wird unreflektiert das Unwissen aus den Niederungen gesellschaftlicher Vorurteile kolportiert – selbstverständlich im Brustton der Überzeugung. Die nunmehr endgültig angeordnete Schließung von Schulen, Kindertagesstätten und öffentlichen Bibliotheken (Frankfurt am Main und Offenbach) bis nach dem Ende der Osterferien, die zunächst drei- bis vierwöchige Spielzeitunterbrechung beim Frankfurter Theater, das Aussetzen von Sportgroßveranstaltungen sowie die dringende Empfehlung, den Kontakt zwischen Kindern (die selbst selten erkranken, aber das Virus verbreiten können) und ihren Großeltern (einer Risikogruppe) einstweilen pausieren zu lassen, stoßen immer noch auf Unverständnis und Empörung.
 

Die junge Frau in der Schlange, die alle vor und hinter ihr Wartenden rücksichtslos anhustet, liest ihrer Begleiterin eine Whatsapp-Mitteilung auf ihrem Smartphone vor und kommentiert diese unüberhörbar:
An einer Grippe würden viel mehr Menschen erkranken und sterben. Davon würde nicht so viel Aufhebens gemacht. Was der/die Whatsapp-Informant/in anscheinend nicht erwähnt hat:
Laut Robert-Koch-Institut erkranken während einer saisonalen Grippewelle in Deutschland zwischen 2 und 14 Millionen Menschen an Influenza, in manchen Jahren sogar mehr. Da nicht jeder Infizierte tatsächlich erkrankt, wird die Gesamtzahl der Infektionen während einer Grippewelle auf 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Das wären in Deutschland 4 bis 16 Millionen Menschen.
 

Dasselbe Institut rechnet wegen der schnellen Verbreitung des Coronavirus und den bislang fehlenden medizinischen Gegenmitteln (Impfung, Medikamente) mittelfristig mit bis zu 70 Prozent Infizierten. Das entspräche ca. 50 bis 58 Millionen Menschen. Legt man die Erfahrungen aus China für eine Risikoabschätzung zugrunde, würden fünf Prozent aller Betroffenen so schwer erkranken, dass sie auf Intensivstationen behandelt werden müssten. Konkret würde das 2,9 Millionen Intensivpflegeplätze während der kommenden 12 bis 24 Monate in den Kliniken bedeuten. Die Kliniken in der Bundesrepublik verfügen derzeit über 28.000 Betten für Intensivpflege.
 

Auch an anderer Stelle hinkt ein Vergleich zwischen Corona und Influenza. Laut Robert-Koch-Institut wird die Zahl der mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle als die Differenz berechnet, die sich ergibt, wenn von der Zahl aller Todesfälle, die während der Influenzawelle auftreten, die Todesfallzahl abgezogen wird, die (errechnet aus Daten der Vergangenheit) aufgetreten wäre, wenn es in dieser Zeit keine Influenzawelle gegeben hätte. Von Oktober 2019 bis Mitte März 2020 wurden insgesamt ca. 120.000 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle gemeldet, davon endeten ca. 200 tödlich (0,17 Prozent). 87 Prozent der gestorbenen Patienten gehörten der Altersgruppe 60 plus an.

 

Weltweit wurden bis zum 17. März (11:00 Uhr) dieses Jahres 182.424 Corona-Infizierte nachgewiesen; 79.433 sind davon wieder genesen,7.155 Tote (3,92 Prozent) sind zu beklagen. In Deutschland lassen sich aktuell 7.200 Infizierte nachweisen; siebzehn Menschen (0,24 Prozent) sind an der Virusinfektion gestorben. In Italien und Spanien ist das Verhältnis zwischen Infizierten und Verstorbenen deutlich negativer.
 

Vor diesem Hintergrund sind die Einschränkungen, welche die Bevölkerung im täglichen Leben für zunächst einige Wochen hinnehmen muss, plausibel und erscheinen nach Meinung der Fachleute als unumgänglich. Neben dem aus medizinischen Gründen Gebotenen gibt es im privaten Sektor zusätzliche Unannehmlichkeiten und Probleme. Beispielsweise: Wie lassen sich die Kinder anleiten, die von zu Hause aus lernen sollen? Wer kümmert sich um jene, die wegen geschlossener Kitas auf besondere Betreuung angewiesen sind? Hier sind ganz schnell neue und überzeugende Konzepte gefragt. Aber es wäre ein schwerwiegender Fehler, die Betreuung von Kindern und Schülern mit der Gesundheitsvorsorge zu verrechnen. Er würde zudem gegen sämtliche logischen Ebenen des Denkens verstoßen.
 

Interessant sind vor diesen Hintergründen die Einschätzungen der Risikoforschung. Diese begreift die nächsten Wochen als Chance zur Entschleunigung. Menschen könnten sich wieder auf sich selber besinnen. Und das auch angesichts der unleugbaren Bedrohung. Denn etwas mehr Ruhe, etwas mehr Muße, etwas mehr Zurückhaltung täte uns allen gut.
 

Betroffene und Nichtbetroffene könnten im Umgang mit Corona lernen, mit der Angst vor dem Unbekannten umzugehen. In der Risikoforschung wird zwischen drei Verhaltensvarianten bei Angst unterschieden. Es gibt den Typus des Todstellens, des Einfrierens. Er ignoriert die Gefahr und tut so, als ob sie gar nicht bestünde. Dann gibt es den Fluchttypus, der jeden Kontakt mit anderen vermeidet. Und drittens den Kampftypus, der versucht, sich gegen die Bedrohung aktiv zu wehren. Als besonders entgleiste Form des irrationalen Kampfes gelten Hamsterkäufe von vermeintlich nicht mehr verfügbaren Lebensmitteln oder das Stehlen von Schutzkleidung aus Krankenhäusern. Die Zugehörigkeit zu einer Typengruppe scheint einerseits genetisch bedingt zu sein, andererseits wird sie aber auch durch Erziehung und Erfahrung mitbestimmt.
 

Die schnellen Maßnahmen der Politik (vor allem die Hilfen zur Existenzsicherung von Arbeitnehmern und Unternehmen) werden von der Risikoforschung gelobt und kommen offenbar bei der Bevölkerung überwiegend gut an, auch wenn nicht alle Milieus gleichermaßen überzeugt werden können. Zumindest aktuell herrscht nach Meinung der Forscher noch verbreitet Besonnenheit. Allerdings gelten nicht nur Viren als ansteckend, sondern auch die Furcht vor unüberschaubaren Entwicklungen. Solche Furcht kann in Panik umschlagen. Eine gewisse Solidarität mit Menschen, die älter oder in Quarantäne sind, ist eindeutig nachweisbar. Aber auch das Gegenteil. Letzteres findet in nicht begründbarer Leugnung von Gefahren und in der Raffke-Mentalität bei Hamsterkäufen Ausdruck.
Es besteht aber auch die Chance, dass sich zum Ende einer lange andauernden Pandemie alte Routinen des egoistischen Verhaltens durch neue, nämlich solidarische, ersetzen lassen.
 

KPM