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Freiheit für Symbole der Unfreiheit?

Der Streit ums muslimische Kopftuch ist ein mindestens zweidimensionaler

Frauen protestieren gegen vermeintliche Einseitigkeit bei der Kopftuch-Konferenz in Frankfurt (c) MRG

Der Streit ums muslimische Kopftuch ist ein mindestens zweidimensionaler. Zum einen geht es um das Demokratieverständnis in der Bundesrepublik, das u.a. auf der Trennung von Staat und Kirche/Religion fußt. Zum anderen um einen innerislamischen Konflikt zwischen einer konservativen Mehrheit und einer reformwilligen Minderheit. Konkret um die Deutung religiöser Aussagen, die vor ca. 1.300 bis 1.400 Jahren von Menschen verfasst wurden, die sich als Instrumente göttlicher Offenbarungen verstanden haben. Letztere wurden und werden immer wieder politisch instrumentalisiert.
 

Man muss genauer hinsehen, um objektiv urteilen zu können. Schließlich sind alle Religionen von Irrationalität geprägt. Geglaubte Überzeugungen (Wahrheiten) lassen sich jedoch nicht mit Mitteln des Verstands beweisen. Man kann mit Hilfe der historisch-kritischen Methode lediglich die jeweiligen schriftlichen Zeugnisse ihrer Entstehung zuordnen und deuten. Bei genauer Analyse treten deren Bedeutung als Reaktionen auf politische und Gesellschaftliche Zustände einer bestimmten Zeit zu Tage. Diese äußern sich beispielsweise sowohl in Bekleidungs- und Speisevorschriften als auch in der rechtlichen Rangfolge von Männern und Frauen.
 

Angesichts einer von den so genannten Neuen Rechten und insbesondere der AfD entfachten Islamphobie erschien es höchste Zeit für eine sachliche Diskussion auf wissenschaftlichem Niveau. Zu einer solchen lud Professorin Susanne Schröter, Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam“ für den 8. Mai in die Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität ein.
 

Die Konferenz löste bereits vor Beginn Proteste aus. Die Rede war von anti-muslimischem Rassismus, von Unterdrückung islamischer Stimmen. Susanne Schröter wurde in den asozialen Netzen von einer anonymen Gruppe bedroht, die zudem ihre Ablösung forderte. Vielleicht deswegen war das Interesse sehr groß. Mehr als 700 Personen hatten sich angemeldet, der Raum fasste jedoch nur 150.
 

Zu den Referentinnen und Referenten zählten die Publizistinnen Alice Schwarzer Khola Maryam Hübsch und Nekla Kelec, die islamische Theologin Dina El Omari und der Islam-Wissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Während draußen junge Frauen protestierten und die Beteiligung von Gleichgesinnten auf dem Podium forderten, war die Stimmung im Saal eher ruhig. Allerdings kam – zumindest aus der Sicht von Sachkennern - auch nichts Neues zur Sprache.
Alice Schwarzer warnte erneut vor dem politischen Islam, dessen Flagge das Kopftuch sei. Dina El Omari votierte einerseits für eine zeitgemäße Auslegung des Korans, wollte andererseits aber dem Kopftuch nicht grundsätzlich absprechen, als Zeichen einer selbstbestimmten Spiritualität gelten zu können. Abdel-Hakim Ourghi hingegen bewertet das Kopftuch als Zwang, von dem die Frauen befreit werden müssten. Khola Maryam Hübsch, Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde, vertrat exakt die gegenteilige Auffassung. Kopftuch zu tragen sei kein Zeichen mangelnder Emanzipation, der westliche Feminismus liege da falsch. Nekla Kelec bezeichnete das Kopftuch als Zeichen einer „sexuellen Apartheid“. Das Publikum fühlte sich in seiner Sichtweise vor allem durch die Beiträge von Ourghi und Kelek bestätigt und zollte beiden großen Beifall.
 

Ein anwesender Redakteur des ZDF bekannte auf Nachfrage: „Ich bin kein Freund des Kopftuchs. Ich sehe es als Erfindung von muslimischen Männern, die Frauen auferlegt wurde. Und wenn Frauen sagen, sie tragen es selbstbestimmt, dann deswegen, weil männliche Theologen sie dazu konditioniert haben. Aber als Demokrat setze ich mich dafür ein, dass Frauen es tragen dürfen.“
 

Doch das mit der Demokratie ist nicht so einfach. Denn unser Grundgesetz schützt in Artikel 4 die Freiheit des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses. Es schränkt aber bereits in Artikel 2 diese Persönlichkeitsrechte ein, falls durch deren Wahrnehmung die Rechte anderer verletzt werden. Mit Artikel 140 werden die entsprechenden Bestimmungen der Weimarer Verfassung übernommen. Daraus lässt sich folgern, dass die Bürger dieses Landes im gleichen Maße Religionsfreiheit und Freiheit von Religion genießen.
 

Diese Gleichberechtigung betrifft im Wesentlichen den öffentlichen Raum, wo sich Menschen aller Überzeugungen zwangsläufig begegnen. Würde sich jede Religion und Weltanschauung anmaßen, ihre Kennzeichen plakativ zur Schau zu stellen, fände tagtäglich in Schulen, Behörden und Gerichten sowie auf Straßen und Plätzen ein verbaler Kampf der Systeme statt, dem man sich nicht mehr entziehen und der Konflikte heraufbeschwören könnte.