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Ein Laufsteg für Hohlköpfe

Was dem Frankfurter Schauspiel blühen könnte

Historische Postkarte mit dem Frankfurter Schauspiel von 1902

Die neue Frankfurter Altstadt sollte eigentlich die letzte Warnung an den ungeschulten Geschmack sein, so etwas nicht noch einmal zu versuchen. Schon gar nicht im Hinblick auf das Schauspielhaus, dessen Sanierung unumgänglich ist.
 

Denn eine „Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus“ möchte sich der noch ungeklärten Zukunft der Doppelanlage annehmen. Diese Interessengemeinschaft stinkt bereits aus der Ferne verdächtig nach Immobilienspekulation. Sie plant, das Theater an der bisherigen Stätte am Willy-Brandt-Platz neu zu bauen, aber im Stil des Seeliger-Baus von 1902. Die Oper hingegen will sie entweder an den Sitz der Frankfurter Sparkasse auf der Neuen Mainzer Straße oder auf das Raab-Karcher-Areal im Osthafen verfrachten. Die Kosten veranschlagt sie mit 420 Millionen Euro, wobei nahezu zwei Drittel durch private Investoren (!) und Zuschüsse des Landes Hessen und des Bundes aufgebracht werden sollen. Bei der Stadt Frankfurt verbliebe ein Anteil von 139 Millionen Euro. Wer das für realistisch hält, muss nach Lage der Dinge die höchste Stufe von Naivität erreicht haben.
 

Unter finanziellen Aspekten würde das Projekt nach Einschätzung seiner Entwickler ein Schnäppchen sein, denn die Machbarkeitsstudie des Hamburger Büros PFP geht von Kosten von mehr als 800 Millionen Euro für Sanierung oder Neubau von Schauspiel und Oper aus. Derzeit untersucht eine „Stabsstelle Städtische Bühnen“ dafür die technischen Voraussetzungen. Sie wird geleitet von Michael Guntersdorf. Der Architekt ist auch Geschäftsführer der städtischen Dom Römer GmbH, der die Frankfurter Bürger das Disney-Land „neue Altstadt“ samt allen Fehlplanungen zu verdanken haben.
 

Angesichts so viel geballten Unverstands ist es notwendig, sich die Realitäten in Erinnerung zu rufen.
 

Frankfurts ehemaliger Schauspielintendant Günter Rühle (1985 – 1990) schrieb im Jubiläumsband zum 50jährigen Bestehen der Städtischen Bühnen einen überdenkenswerten Satz:

„Am 14. Dezember 1963 war der siebenjährige Kampf für das neue Theater in Frankfurt zu Ende. Prächtig stand das gläserne Haus, Hülle für Oper und Schauspiel, am prominenten Platz – unter den Neubauten im Land ein Glanzstück. Fassadenlose Moderne.“
 

Ja, und alles andere, das Eigentliche, das Wesentliche, spielt sich seither auf den Bühnen von Schauspielhaus, Kammerspielen und Oper ab. Nicht zu vergessen die Box, die frühere Spielstätte Schmidtstraße und das Bockenheimer Depot.
 

Auf all das kommen die Nostalgiker, insbesondere die Spekulanten, die sich eine vollständige Wiedergeburt des Baus von 1902 wünschen, nie zu sprechen. Die Aufführungen scheinen sie nicht zu interessieren. Und es bemängelte nach meiner Kenntnis auch niemand, dass eine bestimmte Inszenierung scheiterte, weil das Gebäude die künstlerische Entfaltung dessen, was auf der Bühne zur Sprache kam, einengte, gar verhinderte.

 

Wobei die Beschaffenheit der Bühne üblicherweise in keinem Zusammenhang steht mit der Gebäudefassade. Oder mit der Großzügigkeit des Foyers. Vor allem ein solches scheinen jene zu vermissen, die ein Theater mit einem Laufsteg der Eitelkeiten verwechseln, gar mit einer Schaubühne für Hohlköpfe.

 

Das 1944 stark zerstörte Theater wurde nach dem Krieg als Übergangslösung wieder hergerichtet. Der 1963 eröffnete Neubau ruht in Teilen auf den alten Fundamenten. Dieser Kompromiss hat Folgen.

So ist es in den Zuschauerräumen während der letzten Jahre im Sommer häufig zu warm und im Winter zu kühl. Aber diesen technischen Missständen könnte man beikommen, hätte es längst können, wenn es seitens der Politik gewollt gewesen wäre. Ähnliches gilt für die Isolierung des Gebäudes, das Leitungssystem und den Brandschutz.

 

Aber Kultur schien und scheint für den Magistrat (mit der Ausnahme von Hilmar Hoffmann) eine Nebensache gewesen und geblieben zu sein. Bei öffentlichen Äußerungen aus diesem Kreis neige ich zum Fremdschämen und assoziiere das Operettenlied „Ja, das Schreiben und das Lesen ist nie unser Fall gewesen…“.

 

Und wenn ich mich ganz besonders ärgere, fällt mir Max Frischs „Graf Öderland“ ein, der es in bestimmten Konstellationen für notwendig hält, mit der Axt drein zu schlagen. Die zweite Fassung dieses Stücks wurde übrigens am 4. Februar 1956 im Kleinen Haus der Städtischen Bühnen, also im Provisorium, uraufgeführt, die Regie führte Fritz Kortner. Das könnte Anlass sein, ein saniertes, aber nicht neugebautes Schauspiel mit diesem Drama wieder zu eröffnen. Um ein Zeichen zu setzen.