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Ein Abgrund von Ignoranz

hr2-kultur hat im Rundfunkrat zu wenig Unterstützer

Auf den Dächern des HR in Frankfurt am Main (c) Deutschlandfunk

„Der Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks (HR) heißt den Kurs der Geschäftsleitung des Senders gut, digitale Angebote auch in der Kulturberichterstattung auszubauen.“
 

So konnte man es am 24. August in der Presse lesen. Und weiter wurde berichtet, dass es eine Debatte über die geplanten Änderungen bei der Radiowelle hr2-kultur gegeben habe. Diese sei nach Selbsteinschätzung des Senders „leidenschaftlich, aber fair und ernsthaft“ verlaufen. Die Mitglieder hätten aber schließlich „mit deutlicher Mehrheit die Initiative der Geschäftsleitung“ unterstützt.
 

Es ist nicht überliefert, wer Einwände erhoben hat. Ebenso fehlen Informationen, ob ausführlich über den Staatsvertrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wurde. Denn dieser gestattet keine Relativierung der verbindlich definierten Programmangebote zu Gunsten der Unterhaltung und zu Lasten der Bildung.
 

Von den insgesamt 32 Mitgliedern des Rundfunkrats vertreten 14 die Kirchen, die Wohlfahrtspflege, die Gewerkschaften, die Ausländerbeiräte, die SPD sowie die Bildungs- und Kultureinrichtungen. Deren Anliegen müsste bereits aus Eigeninteresse der Fortbestand von hr2-kultur mit seinem bisherigen Angebot innerhalb der gewohnten Sendezeiten und Sendefrequenzen sein. Ohne ein reflektierendes Kulturprogramm fehlte ihnen sowohl ein wichtiges Forum im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch in der internen Meinungsbildung.
 

Zwar sind sie in diesem Gremium, das von Beauftragten der Landesregierung und von Wirtschaftslobbyisten dominiert wird und zu denen die AfD hinzugestoßen ist, nur eine Minderheit, aber eben eine qualifizierte. Darum könnten und sollten sie ihr Wächteramt dazu nutzen, um öffentlich Alarm zu schlagen. Aber anscheinend haben sie nicht verstanden, worum es geht. Haben das irreführende Argument „Digitalisierung“ nicht durchschaut. Haben offensichtlich sogar die Interviews mit Intendant und Hörfunkdirektor nicht als unfreiwillige Selbstentlarvung empfunden. Und ihr Informationsstand über hr2-Kultur scheint gering bis nicht vorhanden zu sein; möglicherweise konsumieren sie in exzessiver Weise überwiegend seichte Angebote.
 

Denn hr2-kultur ist längst digital unterwegs: Es gibt eine übersichtlich gestaltete und sehr informative Homepage. Das Programm kann im Internet (per PC, Notebook, Tablet und Smartphone) gehört werden, viele Beiträge sind als Podcasts verfügbar. Die Hörer können tagesaktuelle E-Mail-Newsletter zur Sendung „Der Tag“ anfordern oder den allgemeinen Newsletter mit der 14-Tage-Vorschau. Dass Jüngere dieses ambitionierte Programm nur in geringem Maße nutzen, spricht nicht gegen dieses, sondern gegen die Qualität der schulischen Ausbildung. Es ist auch nicht auszuschließen, dass das „Durchhören“ von Dudelfunk-Angeboten in hr1 und hr3 die intellektuellen Ressourcen blockiert. Man verfolge mal aufmerksam die Artikulation mancher Jugendlicher und junger Erwachsener in U- und S-Bahnen, die permanent einen der angesagten Sender am Ohr haben und parallel Facebook & Co verfolgen. Das ist kein moderner Jugendsprech mehr, das ist Digitalisierung im Sinn von Einübung eines Untertanen- und Konsumsklavenbewusstseins.
 

Eine weitere Ausweitung der HR-Senderfrequenzen auf Facebook, Instagram und YouTube würde lediglich der oberflächlichen Statistik dienen. Tatsächlich aber zu einem giftigen Gebräu aus Bildungsferne, Rechtsradikalismus, Gewaltverherrlichung und Pornografie führen – schließlich sind letztere die typischen Merkmale der asozialen Netze.
 

In diesem Zusammenhang ist mir die Position der Evangelischen Kirche völlig unbegreiflich (Ähnliches gilt für die der anderen Konfessionen). Sie wird von Kirchenrat Jörn Dulige im Rundfunkrat vertreten, dessen stellvertretender Vorsitzender er ist (von 2009 bis 2017 war er Vorsitzender). Hauptamtlich leitet er das evangelische Kirchenbüro am Sitz der Landesregierung. Seine Kirche leidet zunehmend unter Austritten, fehlenden Eintritten und der Mortalitätsquote. Aus den Studien, welche die evangelische Kirche 1986 („Christsein gestalten“) und beide Kirchen 2019 („Projektion 2060“) veröffentlichten, wird er wissen, dass in der Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen die Austritte am höchsten sind. Diese ist weitgehend mit einer Elterngeneration identisch, die ihre Kinder nicht taufen und auch später nicht konfirmieren lässt.
Gleichzeitig wächst in dieser Altersstufe das berufsübersteigende Interesse an Kultur, auch wenn es nicht schichtenübergreifend ist. Man könnte auch sagen: Hier wächst die hr2-Kultur-Stammhörerschaft heran bzw. nach. Es gehört ein Höchstmaß an Ignoranz dazu, all dieses zu wissen, aber gegen die Demontage eines Kultursenders nicht öffentlich aufzuschreien.

 

Intellektuelle Inkompetenz scheint das Merkmal der Mehrheit im Rundfunkrat zu sein. Das passt zu den Phrasen, welche die HR-Geschäftsleitung von sich gibt. Diese erschöpft sich in Unsäglichem wie „Wir müssen jünger, digitaler und diverser werden“. Damit diskriminiert sie einerseits einen großen Teil der hr2-kultur-Stammhörer wegen derem Alter. Und zeigt andererseits, dass es ihr an kultureller Kompetenz und demokratischer Zuverlässigkeit mangelt.

 

Klaus Philipp Mertens