Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Vom Geist der Zeit | Die Meinungsseiten

Die Hamsterer

Verse zur Lage der Nation

(c) Medien-Redaktionsgemeinschaft

Am Dienstagnachmittag dieser Woche traute ich meinen Augen nicht. Beim Einkauf in einem Supermarkt, in dem selbst noch am 24. Dezember die Schokoweihnachtsmänner in allen Varianten erhältlich sind, stand ich vor leeren Regalen. Küchenpapier, Toilettenpapier, Konserven, Nudeln, H-Milch, Obst – alles weg. Befinden wir uns im Krieg? Oder ist die DDR aus Ruinen auferstanden? Oder hat die Apokalypse eingesetzt?
 

Diese beklemmenden Eindrücke inspirierten mich zu den folgenden schlichten Versen:

 

Von Festungen aus Klopapieren
hallt Kampf gegen gemeine Viren,
die heimlich und seit langen Zeiten
in tumben Köpfen sich verbreiten.
 

Hinzu kam seit dem Januar
ein Virus namens Corona,
das stärker noch als je zuvor
die Hexerkunst heraufbeschwor.

 

Ein Alchimist von Instagram
erwies sich als brutal-infam.
Mischte ein Whatsapp-Molekül
mit Facebook und mit Googlelül.

 

Der Geist, der aus der Flasche wich,
beraubt den Menschen um sein Ich.
Verwandelt ihn zum Nagetier,
zum Hamster, der mit Heißbegier
des Tags durch Supermärkte hastet,
Regale räumt und niemals rastet,
bis er in seinem Ess-Ju-Wie
das Futter für ‘ne Hysterie
beisammen hat und lauthals fiept:
All‘ dor‘, wie’s euch beliebt!
 

So zeigt es sich in Krisenzeiten,
ob Anstand droht uns zu entgleiten,
ob wir zu uns’ren Werten stehen
oder in Selbstsucht untergehen.


KPM