Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Vom Geist der Zeit | Die Meinungsseiten

Die Gräber und Grabmäler Gottes

Zur Austrittswelle aus evangelischer und katholischer Kirche

Berliner Dom 1956

Die Leitungsebenen der evangelischen und der katholischen Kirche wirken hilflos angesichts der Massenaustritte im letzten Jahr (2018), die den bereits seit den 1970er Jahren bestehenden Trend fortsetzen. Die Missbrauchsfälle haben diese Entwicklung zusätzlich befördert, reichen aber nicht aus, um ihre Ursachen ausreichend erklären zu können.
 

Das Kirchenamt der EKD veröffentlichte bereits 1986 eine „Studie zum Weg der Kirche“ unter dem Titel „Christsein gestalten“ (erschienen im Gütersloher Verlagshaus). Darin findet sich zum Thema Kirchenaustritt u.a. diese Aussage: „Die Wahrscheinlichkeit ist am höchsten bei Kirchenmitgliedern mit folgenden Merkmalen: Alter 25 bis 40 Jahre, höhere formale Bildung, alleinstehend, berufstätig, in der Großstadt lebend.“

Sie weist eine hohe Übereinstimmung auf mit der gesellschaftlichen Situation zur Zeit der Reformation. Damals hieß es: Stadtluft macht frei. Unter anderem befreite diese vor dem Totalitätsanspruch der katholischen Kirche und setzte Hoffnungen auf die protestantische Erneuerung. Doch auch letztere hat die Erwartungen während der vergangenen 500 Jahre nicht erfüllt, zumindest nicht die der Nachdenklichen, die sich nicht von Dogmen und Denkverboten einengen lassen wollen.

Jede weltanschauliche Gemeinschaft ist auf die Innovations- und Zugkraft ihrer intellektuellen Avantgarde angewiesen. Doch eine solche ist im kirchlichen Raum weithin nicht mehr auszumachen. In ihren einstigen Hochburgen, den Städten, scheint sie resigniert zu haben. Demgegenüber blüht in der Provinz der unhistorische Fundamentalismus, sofern überhaupt noch etwas gedeiht. Jedenfalls bietet der Querschnitt der von mir gesammelten Gemeindebriefe keinen Anlass zu Optimismus.

Theologische Erklärungsmuster zum Verständnis von Gott und Welt, wie sie einst von Paul Tillich, Rudolf Bultmann, Willi Marxen oder Herbert Braun formuliert wurden, scheinen im Gemeindealltag keine Rolle mehr zu spielen. Stattdessen tragen Pfarrerinnen und Pfarrer bunte Schals über ihren Talaren und predigen, als ob es weder eine historisch-kritische Erforschung der Bibel noch eine Leben-Jesu-Forschung gegeben hätte. Und auch talentierte Theologie-Erklärer wie Heinz Zahrndt („Die Sache mit Gott“) scheint es nicht mehr zu geben.

Was also haben die Kirchen den Menschen noch Substanzielles zu sagen? Selbst zu Dietrich Bonhoeffers aus der Verzweiflung des Konzentrationslagers geborenen Aufforderung „zu leben, als ob es Gott nicht gäbe“ (eine Formulierung in Anlehnung an die des Juristen und Theologen Hugo Grotius aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs: „Etsi deus non daretur“) scheint sie nicht in der Lage zu sein. Und so erstickt sie an der Infantilisierung der ursprünglichen Botschaft (aus dem jüdischen Erweckungsprediger Jesus wird in Anlehnung an die altgriechischen Götter eine Kopf- bzw. Jungfrauengeburt) und an entleerten Riten (Weihnachten und Ostern als Glaubensmythen der Alten Kirche ohne theologische und historische Relevanz).
 

Eines der wenigen wissenschaftlichen Bücher, die sich mit christlicher Weltverantwortung angesichts fortschreitender sozialer Verwerfungen und neuer totalitärer Ideologien beschäftigen, erschien bereits 1981. Der Baseler Theologe Eduard Buess hat es verfasst und es trägt den Titel: „Gottes Reich für diese Erde“ (Neukirchener Verlag). Buess‘ Gottesverständnis schließt nicht nur die Hoffnung für die Welt der lebendigen Menschen ein, sie ist für ihn sogar der zentrale Punkt des Glaubens. Der verkündigte Jesus ist Menschensohn, rechtmäßiger Erbe eines jüdischen Geschichtsverständnisses, das den Erlöser immer als weltlichen und geistlichen Befreier gesehen hat. Die Systemkritik des Nazareners steht derjenigen von Karl Marx und Friedrich Engels näher als der Rechtfertigung weltlicher Gewalt durch Martin Luther.

Verabschiedet hat sich die Evangelische Kirche auch von ihrer einst angesehenen Publizistik. Die Wochenzeitung „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ wurde aufgrund betriebswirtschaftlicher Überlegungen (dauerhafter Zuschussbedarf) aufgegeben. Legte die Kirche denselben Maßstab an ihre Verkündigung und Seelsorge an, hätte sie schon lange geistliche Insolvenz anmelden müssen; denn ihre Erfolgsbilanz ist miserabel. Ein ähnliches Schicksal wie das Sonntagsblatt, das in der ebenfalls dauerhaft bezuschussten Lifestyle-Illustrierten „Chrismon“ einen unwürdigen Nachfolger fand, ereilten die „Evangelischen Kommentare“, die mit drei anderen inhaltlich Entkernten („Die Zeichen der Zeit“, „Reformierte Kirchenzeitung“ und „Lutherische Monatshefte“) zur Monatszeitschrift „Zeitzeichen“ zusammengelegt wurden. Die evangelische Publizistik behauptete im „Publizistischen Gesamtplan der EKD“ von 1979 noch, dass sie es sich leisten könne auszusprechen, was andere verschwiegen und dass sie dadurch denen eine Stimme geben würde, die sonst stimmlos blieben. Mittlerweile vermittelt sie den Eindruck, vielfach noch nicht einmal das öffentlich zu machen, was andere längst in den gesellschaftlichen Diskurs eingegeben haben.

Und ausgerechnet vor dem Hintergrund der neuen Medienwelt (Internet, Mobiltelefonie, kommerzielle Netzwerke) entzog die Evangelische Kirche ihrer medienpädagogischen Fachzeitschrift „medien praktisch“ 2003 die finanzielle Existenzgrundlage. In ähnlich unüberlegter Weise hatte sie sich bereits 1996 mit der Aufgabe der Zeitschrift „medium“ aus der allgemeinen Mediendiskussion verabschiedet. Und beklagt seither Entwicklungen, an deren Zustandekommen sie durch Enthaltung und Dilettantismus mitbeteiligt war.

Bei der katholischen Publizistik sieht es nicht besser aus. Die Wochenzeitung „Publik“ wurde 1971 im vierten Jahrgang eingestellt, weil die Diözesen kein Geld mehr in ein Blatt investieren wollten, das ihnen zu kritisch geworden war. Die daraufhin aus einer Leserinitiative hervorgegangene Zeitschrift „Publik Forum“ genießt unter Katholiken und Protestanten sowie an deren säkularen Rändern viel Zuspruch. Aber eine theologische Revolution hat sie bislang nicht befördern können. Dies gilt auch für mit ihr verbundene Initiativen wie „Kirche von unten“, denen man die Eindeutigkeit und Rigorosität des jüdischen Wanderpredigers Jesus wünscht, auf den sich unablässig berufen.

Für die Öffentlichkeit sichtbar sind evangelische und katholische Kirche vor allem durch ihre Hilfswerke „Diakonie“ und „Caritas“. Möglicherweise werden diese in einhundert Jahren ihre religiösen Grundlagen gar nicht mehr kennen, geschweige denn an sie erinnern – weil die Kirchen sich spätestens seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bewusst oder unbewusst als Gräber und Grabmäler Gottes auf Erden begriffen haben (um Nietzsches diesbezügliche Kritik aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ zu zitieren).

KPM