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Das Paradies im Angebot

Können Kirchenläden die Akzeptanzprobleme der Kirchen lösen?

(c) J. F. Steinkopf Verlag / GEP BUCH

Der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, kann sich Kirchenläden in Einkaufszentren vorstellen. Dort ließen sich neue Kontaktmöglichkeiten zu Mitgliedern und Nichtmitgliedern schaffen, sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.
 

Ideen wie diese sind nicht neu. Wurden sie umgesetzt, waren sie jedoch selten erfolgreich. Die Gründe sind bekannt, aber die Verantwortlichen scheinen sie nicht verinnerlicht zu haben. Und handeln weiter so, als hätte es nie entsprechend negative Erfahrungen gegeben.
 

Räume für entsprechende Läden zu finden, war in den mir bekannten Fällen noch ein lösbares Problem, trotz hoher Mieten in gut frequentierten Lagen. Als richtig schwierig hingegen erwiesen sich andere Fragen. Beispielweise nach den Angeboten im Schaufenster, mit denen man Interessierte in den Laden locken könnte. Ebenso nach den Artikeln, die man in den Regalen publikumswirksam präsentieren sollte. Denn was hat die Kirche tatsächlich im Angebot?
 

Vielleicht das Paradies nach dem Tod? Ich fürchte, das würde eine Lachnummer werden. Denn derartige Verheißungen müssten ehrlicherweise den Hinweis tragen „Ohne Gewähr“. Blieben also paradiesische Zustände für die Lebenden übrig. Beispielsweise bezahlbare Mietwohnungen für Durchschnittsverdiener. Menschenleere Kirchen schreien doch geradezu nach Umwidmung, konkret nach Umbau. Für bedarfsgerechte Andachts- und Gottesdiensträume wäre darin noch ausreichend Platz.
 

Eine andere Möglichkeit für die Kirche, ihre Weltzugewandtheit unter Beweis zu stellen, wäre die Bezahlung für Tätigkeiten, die üblicherweise zu den Erwerbsberufen zählen und die mit so genannten Ehrenämtern nichts zu tun haben. Beispielsweise in der Kinder- und Jugendarbeit sowie bei der Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Diese Aufgaben sind viel zu wichtig, als dass man sie Laien (für Gotteslohn) überlassen dürfte.
 

In das Schaufenster eines Kirchenladens gehörte auch die Anpreisung einer noch zu erstellenden Aufklärungsschrift mit dem Titel „Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Christentum und Kirche“. In solchem Katechismus für Aufgeklärte ginge es zur Sache. Nämlich um das, was angehende Pfarrerinnen und Pfarrer im Studium lernen, aber später selten in ihren Gemeinden predigen (dürfen).
 

Exemplarisch zitiere ich aus dem Jesus-Buch von Rudolf Bultmann aus dem Jahr 1926, das bis heute viele Auflagen erlebte: „Freilich bin ich der Meinung, dass wir vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nicht mehr wissen können, da die christlichen Quellen sich dafür nicht interessiert haben, außerdem sehr fragmentarisch und von der Legende überwuchert sind, und da andere Quellen über Jesus nicht existieren. Was seit etwa eineinhalb Jahrhunderten über das Leben Jesu, seine Persönlichkeit, seine innere Entwicklung und dergleichen geschrieben ist, ist - soweit es nicht kritische Untersuchungen sind - phantastisch und romanhaft.“
 

Bei den von Bultmann erwähnten christlichen Quellen handelt es sich um die Evangelien und paulinischen Briefe, die ca. 30 bis 50 Jahre nach Jesu Tod aufgeschrieben wurden. Keiner ihrer Autoren hat Jesus persönlich erlebt. Folglich steht in ihrem Zentrum die Verherrlichung einer Person, die so wie beschrieben mutmaßlich nicht gelebt und gewirkt hat. Von einer Auferstehung nach dem Tod ganz zu schweigen.
 

Wer im Kirchenladen angesichts solcher Verunsicherungen Interesse an den Quellen zeigt, sollte auf Klaus Kochs Standardwerk „Das Buch der Bücher“ verwiesen werden (erste Auflage 1963). Und auf wissenschaftliche Auslegungen der Texte, beispielsweise auf die von Bultmann, Herbert Braun, Gerhard Ebeling, Ernst Käsemann oder Willi Marxen.
 

Auch die Bekanntschaft mit den Werken von Theologen, welche die Weltverantwortung der Christen als vorrangig herausgestellt haben, halte ich für ein adäquates Angebot. Ich denke an Hans-Joachim Kraus (lange Ordinarius in Göttingen) oder Eduard Buess (ehemals Hochschullehrer in Basel).
 

Gegen den Aushang eines Posters mit Dietrich Bonhoeffers Zitat „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“ ist nichts einzuwenden. Aber es sollte ergänzt werden durch anderes aus seinem Nachlass. So dessen Beschäftigung mit der „billigen Gnade“ im Sammelband „Nachfolge“:
 

„Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade. Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleu­derte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenken­los und grenzenlos ausge­schüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, daß die Rechnung im Voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unend­lich groß daher auch die Möglichkeiten des Ge­brauchs und der Verschwendung.“ Für Bonhoeffer war die billige Gnade jene, mit welcher die Sünde gerechtfertigt wird, nicht der Sünder.
 

Solange die Kirche nicht begreift, dass ihr Grundproblem nicht die bestmögliche Form der Kommunikation ist, sondern der offene Umgang mit nicht beweisbaren Offenbarungen, die im günstigsten Fall den Rang weisheitlicher Erfahrungen besitzen, kann sie Einkaufszentren und Jahrmärkte mit Kirchenläden zupflastern oder pausenlos auf Facebook, Instagram und YouTube senden. Sie wird damit keinen Erfolg haben (auch wegen der nicht kongruenten Zielgruppen). Denn eine Weltanschauung wird nur dann von Teilen der Gesellschaft akzeptiert, falls sie zu ethischen Aussagen in der Lage ist, die für das Leben der Menschen von tatsächlicher Relevanz sind.

 

Klaus Philipp Mertens