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„Das Leben ist der Güter höchstes nicht...“

Moralische Aufrüstung im Angesicht von Corona

(c) DBP

Der katholische Stadtdekan von Frankfurt nahm eine Anleihe bei Friedrich Schiller. Allerdings zitierte er den Schluss der „Braut von Messina“ nur unvollständig. Denn den Folgesatz unterschlug er: „Der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Ohnehin wäre es besser gewesen, wenn der Geistliche einen Vers aus dem Matthäus-Evangelium als Beispiel für ethische Orientierung genommen hätte: „Folge du mir und lass die Toten ihre Toten begraben“ (Kapitel 8, Vers 22).
 

Nun ist das Neue Testament bekanntlich kein Geschichtswerk (Jesus als historische Person lässt sich mangels Zeitzeugnissen ohnehin nicht verifizieren) und erst recht kein Paragrafenbuch. Vielmehr muss es als Reflexion religiöser Überzeugungen im Kontext eines innerjüdischen Konflikts um den richtigen Weg zwischen geglaubtem Gott und von Menschen verfassten Gesetzen begriffen werden. Im Vordergrund dieser Auseinandersetzung, die auf weisheitlichen Erfahrungen aus mehreren Jahrhunderten fußt, steht das Leben und dessen Schutz. Denn ohne sein Leben existiert der Mensch nicht. Es ist das höchste Gut und seine Infragestellung, gar Vernichtung, ist die höchste Schuld. Das sollte mittlerweile auch die offizielle katholische Theologie begriffen und verinnerlicht haben. Trotz Johannes Paul II und Benedikt XVI.
 

Wenn Stadtdekan Johannes zu Eltz angesichts der zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassenen Versammlungs- und Veranstaltungsverbote vor einer „Sehnsucht nach dem Durchgreifen“ warnt, klingt in dieser Mahnung die christliche Sehnsucht nach der Überwindung des irdischen Jammertals und des Todes an, die beide auf eine Geringschätzung des Lebendigen hinauslaufen.
Seine Aufforderung zu Rücksicht durch jeden einzelnen und die Erinnerung an die Verantwortung jedes Menschen für den anderen sind zwar richtig. Er entwertet sie jedoch durch seine Klage, dass die Begegnung mit anderen (mutmaßlich im Gottesdienst) nicht mehr als Bereicherung angesehen werde. Wenn „freiwillig Freiheit und Selbstverantwortung“ aufgegeben würden, sei das „nicht mehr staatsbürgerlich“. Und vor allem nicht mehr katholisch – was er zwar so nicht sagte, allem Anschein nach aber meinte.
 

Er könne sich dem Ruf nach weiteren einschneidenden Maßnahmen und Verboten nicht anschließen. Die Absage aller Gottesdienste im Bistum Limburg bis zum 4. April bedauerte er tief. Und er setzte sogar noch eins drauf. Er habe keine Angst vor dem Virus. „Weil eh jeder krank wird und weil am Ende aller Tage auch das Leben nicht der Güter höchstes ist.“ Der Gottesdienst sei für ihn keine verzichtbare Kulturveranstaltung, sondern spirituelle Daseinsvorsorge: „Das ist systemrelevant für eine Gesellschaft, aus der die Solidarität nicht verschwinden soll.“ Ja, aber die Solidarität aller Sterblichen bei der Vermeidung von Ungerechtigkeit, Elend und Tod.

 

In seiner Predigt am letzten Sonntag im Frankfurter Dom verwechselte der zwar gelehrte, aber inkonsequent handelnde Mann eindeutig die Reihenfolge in der christlichen Nächstenliebe. Es geht um die Lebenden, um die Leidenden, um die am Leben Zweifelnden. Das Schicksal der Toten darf er getrost in die Hände übernatürlicher Mächte in einer anderen Welt legen.
 

Die Äußerungen von Johannes zu Eltz erwecken den Eindruck, dass der Stadtdekan sich vor der Welt fürchtet. Obwohl es für die Kirche kein anderes Handlungsfeld gibt als eben diese Welt, die zunehmend säkular wird. Letzteres auch, weil Katholiken und Protestanten offenkundig nicht dazu in der Lage waren und sind, mit einer menschennahen Spiritualität zum konkreten Heil der Menschheit beizutragen. Wenn Eltz als hoher Repräsentant des Katholizismus dem Leichtsinn das Wort redet, also der leichtfertigen Unterschätzung von Corona, beraubt er Christentum und Kirchen noch um die letzten Argumente, die ihre Fortexistenz rechtfertigen.

KPM