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Sternchen, Doppelpunkt und Strich sind der Sprach‘ nicht förderlich

Sprachgeschichtliche Aspekte zu einer aktuellen Kontroverse

Wenn sich die Sprache in genuiner Weise aus ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte heraus weiter entfaltet, bedarf es keiner Sternchen, Striche oder Doppelpunkte, um ihre Anwender und Bezugspersonen als männlich oder weiblich zu identifizieren.
 

Solche Veränderungen setzen allerdings einen Prozess gesellschaftlicher Bewusstwerdung voraus, der sich infolge einer Spannung zwischen Normen und auftretenden Widersprüchen selbst entzündet, um notwendige Neuschöpfungen (Beschreibung neuer Tatsachen) zu kreieren. Denn alles andere wären künstliche und anorganische Maßnahmen, die gegen die gewachsene Semiotik und gegen die Sprachregeln (Grammatik) verstießen. Sprache ist auch nicht per se gerecht oder ungerecht, nur weil sie unterschiedlichste Epochen von Herrschaft und Unterdrückung durchlaufen hat und von ihnen mitgeprägt wurde. Sprache hat jedoch u.a. die Aufgabe, Ungerechtigkeit zu beschreiben. Ich will das an einer Sammlung von Schriften verdeutlichen, deren Wurzeln über 3.000 Jahre zurückreichen.
 

Den Ausdruck „Gerechte Sprache“ lernte ich am Anfang der 2.000er Jahre kennen, als ein Kreis von Theologen und Sozialwissenschaftlern an einer "Bibel in gerechter Sprache“ arbeitete. Das Projekt weckte meine Neugier, da ich damals im Auftrag eines Verlags ein thematisch ähnlich gelagertes Projekt betreute: „Der Aussagewert religiöser Sprache im Horizont von Linguistik, Sprachphilosophie und analytischer Philosophie“. Als die neue Bibelübersetzung 2006 vorgestellt wurde, war ich bitter enttäuscht. Hatte ich mir doch vorgestellt, dass der historische Kontext der biblischen Bücher genauer herausgearbeitet würde, insbesondere die Herrschaftsverhältnisse der jeweiligen Zeit. Schließlich hofften vor allem die Entrechteten und Leidtragenden des jüdischen Altertums auf den weltlichen und geistigen Befreier, den Messias. Stattdessen wurde bei zentralen Begriffen in synthetischer Weise und anlasslos dem grammatikalischen Geschlecht, falls es männlich ist, eine weibliche Form hinzugefügt. Oder die eigentlich abstrakte Vokabel Gott wurde zur Gottheit, versehen mit der Fußnote „Göttin“. Letzteres war faktisch eine Rückwärtsbewegung hin zu vermenschlichten Gottesvorstellungen (Mann/Vater, Frau/Mutter, Sohn, Tochter wie in der altgriechischen Mythologie). Außerdem wurden (vorrangig im Neuen Testament) Personengruppen erfunden, für deren Existenz es keine historischen Belege gibt, etwa Jüngerinnen und Pharisäerinnen. Faktisch bedeutete dieses Machwerk eine Abkehr von der historisch-kritischen Forschung und die Infantilisierung der wissenschaftlichen Theologie. Zusätzlich hatte es Folgen für die feministische Theologie, die unkritisch diesen Trend zur vermeintlich gerechten Sprache unterstützte. Sie verlor ihre Seriosität und letztlich ihre Bedeutung.
 

Die Literaturgeschichte des Alten Testaments zeigt, dass es den jüdischen Gelehrten bei der Redaktion des frühen Schrifttums und der endgültigen Zusammenstellung des Kanons (nach dem babylonischen Exil – ab 538 v. Chr. - und zuletzt bei der Synode von Jawne im Jahr 100 n. Chr.) keineswegs um die Vereinheitlichung von sprachlicher Bedeutung und theologischer Aussage ging. Vielmehr war es ihre Absicht, anhand der bewusst übernommenen Widersprüche (beispielsweise in puncto Gerechtigkeit, an die sich weder der geglaubte Gott noch die Menschen gehalten hatten) den dynamischen Charakter der Bibel zu unterstreichen, der nie abgeschlossen sein würde. Allein die Entwicklung der Gottesvorstellung vom mitunter rachsüchtigen und strafenden Patriarchen hin zum namenlosen und geschlechtslosen Gott, der von sich sagt, er sei der „Ich bin der Ich bin da“ (Exodus 3,14) zwingt religiöse Sprache zur sprachlichen Disziplin und zur Formulierung haltbarer Aussagen. Die Bibel kennt keinen Gott, der ein Mann ist, keinen, der eine Frau ist und auch keinen, der menschliche Züge trägt. Vielmehr sind Gläubige und Ungläubige zum Weiterdenken aufgerufen. Zu einem Weiterdenken, das sowohl Neudeutungen (wie sie in Walter Benjamins „Passagenwerk“ durchscheinen, das die Bibel als Reden über eine erinnerte Zukunft und eine erhoffte Vergangenheit versteht) als auch die völlige Infragestellung alles Religiösen beinhalten kann. Auch Nicht-Theisten und vom Glauben Abgefallene können die Bibel deswegen als Sammlung weisheitlicher Erfahrungen aus über 1.300 Jahren Menschheitsgeschichte verstehen.
 

Dieses in der Welt des Menschen verankerte Denken, Nachdenken und Weiterdenken äußert sich in der geschriebenen und gesprochenen Sprache. Die Sprache hat sich im Verlauf von einigen Tausend Jahren entwickelt. Um die Komplexität der Welt abzubilden, musste sie in gleichem Maße abstrakt und präzise werden. Das grammatikalische Geschlecht der Begriffe, das sich in allen Sprachen herausgebildet hat (vermutlich analog zu den herrschenden Gesellschaftsformen), ist dem Zwang zur Abstraktion geschuldet und erweist sich nur auf den ersten Blick als ein Hindernis. Denn wenn man die Subsumtion auflöst und in die Konkretion übergeht, tritt das tatsächliche Geschlecht zutage. Und das ohne Sternchen, Bindestrich oder Doppelpunkt. Eine lebendige Sprache muss im Unterschied zur auf Interpretation angewiesenen Bildersprache ohne Einschränkung sprechbar sein. Willkürlich eingefügte Symbole sind das nicht.
 

Gerecht ist Sprache dann, wenn mit ihrer Hilfe Ungerechtigkeit, Ausbeutung oder Diskriminierung beschrieben wird. Dies ist mit der überkommenen deutschen Grammatik ohne Abstriche möglich. Ich denke beispielsweise an Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und andere Schriftsteller und Denker.
 

Wie gefährlich die unreflektierte Benutzung von Symbolen wie Sternen, Runen, Strichen oder Punkten sein kann, zeigen die Ideologien von Germanenorden und Rassisten, die auf das völkische Neuheidentum (Neopaganismus) des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Die in Deutschland am stärksten verbreitete Gemeinschaft dieser Art ist der Wicca-Glaube. Er ist gekennzeichnet durch das Nebeneinander von einem Gott und einer Göttin, was auch Auswirkungen auf die interne Sprachregelung hat. Ähnliche Spekulationen finden sich im Denken des Psychologen Carl Gustav Jung, der von einem Mutterarchetyp und einem Vaterarchetyp als Bestandteile der menschlichen Seele ausging. Der österreichische Esoteriker Guido von List und der katholische Priester und zeitweilige Mönch Jörg Lanz von Liebenfels entwickelten um die vorletzte Jahrhundertwende die so genannte Ariosophie, die germanische Mythologie, Rassismus und Antisemitismus verband. Lanz von Liebenfels gründete 1905 die bis 1917 erschienene Zeitschrift „Ostara“, die zu den übelsten rassistischen Publikationen ihrer Zeit zählte und angeblich auch von Hitler gelesen wurde. Typisch für deren frauenfeindliche Haltung ist das Heft Nr. 21 aus dem Jahr 1908, das später in überarbeiteter Form mehrere Neuauflagen erzielte. Sein Titel lautete: „Rasse und Weib und seine Vorliebe für den Mann der minderen Artung“. Hierin werden Männer und Frauen rassisch kategorisiert und ihnen Unterscheidungszeichen beigefügt, die fatal an die Symbole der aktuell proklamierten „gerechten“ Sprache erinnern.

 

Klaus Philipp Mertens