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Auf Nimmerwiedersehen!

Flucht aus dem „Netz“ und warum einige sich erst gar nicht darin verfangen

„Der Grünen-Politiker Robert Habeck verabschiedete sich im Januar 2019 mit einem Blogbeitrag »Bye bye, Twitter und Facebook« aus beiden sozialen Netzwerken. Und scheint bisher mit seiner Entscheidung zufrieden zu sein.“
 

Das schrieb die Kolumnistin und Schriftstellerin Kathrin Passig am 15. August in der »Frankfurter Rundschau«. Diese ehe untypische Trennung war für die Autorin Anlass, sich mit dem lautstarken Abschiednehmen im Netz zu beschäftigen, das nach ihrem Eindruck aber vielfach nicht von langer Dauer sei. Mit Netz meint sie jene lukrativen Geschäftsmodelle, die Foren zur Selbstdarstellung und Binnenkommunikation bereitstellen und sich diese Dienstleistung mit dem Verwertungsrecht an personenbezogenen Daten bezahlen lassen. Die Aufnahmekriterien sind niedrigschwellig, sodass sich die Nachbarschaft bei Facebook, Whatsapp oder Instagram aus einem illustren Gemisch aus vielfach unvereinbaren Gegensätzen zusammensetzt. Den Intelligenteren unter den Nutzern fällt das häufig nach einer Einstiegsphase unangenehm auf und sie verlassen, peinlich berührt, die synthetische Welt des Social Media. Unter unfreiwilliger Zurücklassung ihrer Spuren.
 

Dieses Miteinander im Netz ist u.a. dadurch gekennzeichnet, dass man virtuell Tür an Tür auch mit solchen Leuten lebt, zu denen man sich im Gasthaus nicht an einen Tisch setzen würde. Oder deren parteipolitische Präferenzen und religiöse Wahnvorstellungen man grundsätzlich nicht teilt. Ganz zu schweigen von diversen erotischen Leidenschaften, deren öffentliches Bekennen unter Umständen strafrechtliche Konsequenzen nach sich zöge. Andererseits üben solche Passionen auch eine Anziehungskraft aus und können gemeinschaftsbildend wirken (Päderasten, Waffenfanatiker, politische Extremisten). Vorsorglich folgt die Fortsetzung krimineller Neigungen dann im so genannten Dark-Net, wo die Daten höher verschlüsselt sind.
 

Üblicherweise ist die von Algorithmen auf der Basis von Persönlichkeitsprofilen vorgenommene Zuordnung zu bestimmten Interessensgebieten (die eigentliche Geschäftsidee) mit dem pausenlosen Beschuss durch E-Mails und SMS verbunden. Hoch im Kurs stehen beispielsweise Angebote wie die Marschlieder der SS, Filme von paradierenden Wehrmachtseinheiten beim Überfall auf die Sowjetunion, das interaktive Parteiprogramm der AfD, Videos sowohl über nackte reife Frauen als auch über Teens („alle über 18“), Adressen von Swinger-Clubs, Warngeräte vor Radarkontrollen, Broschüren mit Aufklärung über das „Merkel-System“ oder Ernährungsratgeber rund um die Heilkraft der Früchte aus urdeutschem Boden. Es ist nur allzu verständlich, dass daraufhin einige Social Media-Enthusiasten die Tür laut zuknallen. Allerdings weiß ich das nur vom Hörensagen, überwiegend von Marketingfachleuten, die sich mit diesem Phänomen beruflich beschäftigen.
 

Denn ich kenne niemanden, der Accounts bei Facebook, Instagram oder Whatsapp unterhält. Wenn ich meine Freunde und Bekannten sowie meine beruflichen und ehrenamtlichen Kontakte zusammenzähle, ergibt sich ein in über 40 Jahren entstandener Kreis von regelmäßig miteinander Kommunizierenden, der im Jahresdurchschnitt aus ca. 800 hochinteressierten Zeitgenossen besteht (es waren mal mehr – Memento mori). Alle haben Tageszeitungen abonniert (teils Print, teils E-Paper, teils kombiniert) und bevorzugen die öffentlich-rechtlichen Sender. In die Welt der Elektronik sind wir bereits Mitte der 60er Jahre eingetreten, weil Berufe und Studium das erforderten (Stichworte: Rechnen und Sortieren). Wir schreiben einander per E-Mail oder informieren uns per Telefon (überwiegend am Festnetz). Beim Austausch von Büchern und vertraulichen Texten nutzen wir die Deutsche Post AG. Auch der handgeschriebene Postbrief ist mehr als ein Ritual, das an vergangene Zeiten erinnert. Ein kleiner Teil unterhält eine Homepage, wo man Nachrichten, Berichte und Kommentare platzieren kann.
 

Mit den Kolleginnen und Kollegen, die mich bei der „BRÜCKE unter dem MAIN“ redaktionell unterstützen, denke ich derzeit über die Installation eines Blogs nach. Denn täglich erreichen uns Anfragen nach einem (zwangsläufig) öffentlichen und tagesaktuellen Austausch von Ideen und Meinungen (über Politik, Kultur und Wissenschaft) außerhalb und völlig unabhängig von der so genannten Social Media. Es besteht der Wunsch nach einem Forum, das sich unübersehbar von den Infiltrationsversuchen der Neuen Rechten abgrenzt. Denn während demokratische Parteien und Initiativen im Internet dilettieren, wälzt sich eine braune, braun-blaue und verschwörungsideologische Welle durch das Netz. Ganz zu schweigen von der Entmündigung des Bürgers zum Dauerkonsumenten durch Amazon, eBay, Zalando & Co.
 

Möglicherweise lässt sich aus diesen Erfahrungen eine Spaltung der Gesellschaft herauslesen. Auf der einen Seite die an höchster Informationsqualität Interessierten, auf der anderen jene, für die Kommunikation mit Events verbunden ist und deswegen oberflächlich sein darf. Auch die diversen rechten Nostalgiker sind nicht zu unterschätzen; denn ihre Vorlieben, darunter die Erinnerungen an den organisierten Massenmord des NS-Staats, bedürfen der besonderen Aura aus Blut und Hass, die nur „soziale Medien“ nahezu unbeschränkt bieten.
 

Diese Gesellschaft ist nach meiner Wahrnehmung bereits hochgradig digitalisiert, trotz weißer Flächen auf der Mobilfunk-Landkarte. Aber es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Technik und Inhalten. Die Form der technischen Vermittlung ist eigentlich von untergeordneter Bedeutung. So bedurfte es anscheinend der Corona-Krise, um die Rückständigkeit des deutschen Bildungssystems in Erinnerung zu rufen. Trotz Georg Pichts Mahnung von 1964 („Die deutsche Bildungskatastrophe“) hat man nichts hinzugelernt.
Immer noch sind die Schulen von zu großen Klassenräumen, von zu vielen Schülern pro Lehrer/Lehrerin und von zu vielen untauglichen Lehrmitteln bestimmt. Die Umformatierung eines pädagogisch schlecht aufbereiteten gedruckten Buchs zu einem elektronischen ist zwar die einfachste, aber gleichzeitig auch die schlechteste Lösung. Digitalisierung bedeutet die technische Vervollkommnung der Instrumente, keineswegs aber die Verflachung der Inhalte. Wer nichts zu sagen hat bzw. sich nicht artikulieren kann, wird nicht verstanden. Nicht mit und nicht ohne Smartphone/Notebook/PC.

 

KPM