Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Vom Geist der Zeit | Die Meinungsseiten

Am Tresen geh’n die Lichter aus

Vor 60 Jahren begann die Gründung der „Dortmunder Gruppe 61“

Förderturm der Zeche Gneisenau in Dortmund um 1960 © MRG

„Ein Schriftsteller und Journalist muss auf der Seite der Beherrschten stehen, nicht auf der der Herrschenden.“
 

Diese Forderung formulierte der Kleist-Preisträger des Jahres 1931, Erik Reger, der damals einen entlarvenden Roman über die Machtstrukturen der nationalkonservativen Ruhrindustriellen verfasst hatte („Union der festen Hand“). Deren Kampf gegen die Weimarer Republik mündete in ein Bündnis mit den Nationalsozialisten. Den Autoren, die sich im Frühjahr 1961 auf den Kongress "Möglichkeiten und Formen moderner Arbeiter- und Industriedichtung" vorbereiteten, wird Regers Mahnung bekannt gewesen sein. Zu der Konferenz eingeladen hatte Fritz Hüser, der Direktor der Dortmunder Stadtbücherei. Sie fand dort am 31. März 1961 statt. Noch am selben Tag ging aus der Tagung der "Arbeitskreis für künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt" hervor, der sich dreieinhalb Monate später, im Juli, den Namen "Dortmunder Gruppe 61" gab.
 

Es waren Industriearbeiter, Bergleute, Angestellte aus Büros und Verwaltung, die sich schreibend mit ihrem Alltag auseinandersetzten. Sie wollten ihn dokumentieren, literarisch erfassen und gemeinsam reflektieren. Und sie nahmen sich vor, den überkommenen Literaturbegriff zu verändern. Es galt, dem seit der Mitte der 1950er Jahre wieder feststellbaren Trend zur "neuen Innerlichkeit" eine Literatur entgegenzusetzen, die von sozialkritischer Wirklichkeitsnähe und Allgemeinverständlichkeit geprägt sein würde. Ein neuer sozialer Realismus sollte etabliert und einer spezifischen Industriedichtung sollte der Weg geebnet werden. Diese Ansprüche durften die literarische Qualität nicht mindern. Die Männer und Frauen der ersten Stunde waren u.a. Bruno Gluchowski, Max von der Grün, Wolfgang Körner, Angelika Mechtel, Josef Reding, Erika Runge und Günter Wallraff.

 

Ins Blickfeld der breiteren Öffentlichkeit geriet besonders Max von der Grün (geboren am 25.5.1926 in Bayreuth, gestorben am 07.04.2005 in Dortmund). Zwischen 1957 und 1960 hatte er tagsüber an seinem ersten Roman "Männer in zweifacher Nacht" geschrieben, nachts arbeitete er als Bergmann unter Tage. Die Kritik attestierte zwar literarisch-formale Unzulänglichkeiten, lobte aber die authentische Wiedergabe des Arbeitsalltags im Ruhrgebiet. Auch die politischen Sachwalter der Arbeitnehmer, also die Gewerkschaften, die SPD und die aus dem Untergrund heraus wirkende KPD, geizten nicht mit Beifall. Lob kam auch von jenseits der Grenze, aus der DDR.
 

Mit seinem zweiten Roman "Irrlicht und Feuer" löste von der Grün einen politischen Skandal aus. Mit einer bis dahin nicht gekannten ungekünstelten Direktheit schilderte er den Alltag auf einer Kohlenzeche und beschrieb einen tödlichen Betriebsunfall, der durch technische Sicherheitsmängel verursacht worden war. Arbeitgeber und Vertreter der Gewerkschaft „IG Bergbau und Energie“ kritisierten das Buch heftig. Es störte die herrschende Ideologie einer so genannten "Sozialpartnerschaft" empfindlich, ja, stellte sie grundsätzlich infrage. Das Fernsehen der DDR verfilmt den Roman, was dem erneut die Aufmerksamkeit der bundesdeutschen Öffentlichkeit, der Literaturkritik und der Politik sicherte. Im Jahr 1968, zwei Jahre nach seiner Produktion, wurde er von der ARD ausgestrahlt.
Max von der Grüns größter Erfolg wurde das 1976 erschienene Jugendbuch „Die Vorstadtkrokodile“, das auch verfilmt wurde.
 

Ein anderer und sehr typischer aus dieser Gruppe ist Josef Reding, geboren am 20. 03. 1929 in Castrop-Rauxel, gestorben am 10. 01. 2020 in Dortmund. Er galt als der literarisch Versierteste und hatte bereits Anfang der 60er Jahre literarische Auszeichnungen erhalten.
 

Im Mai 1981 schrieb er als Einleitung zu einer Sammlung seiner zahlreichen Geschichten diese bemerkenswerten Sätze:

 

"In Leserbriefen werde ich häufig gefragt: »Für wen schreiben Sie?« Diese Frage habe ich mir schon zu Beginn meiner schriftstellerischen Laufbahn gestellt. Als ich nach dem Zweiten Weltkrieg als I6-Jähriger in der Kriegsgefangenschaft mit »Literarischen Fingerübungen« begann, hatte ich mir über die Form, die Inhalte und die Adressaten meiner Texte klarzuwerden.

 

Die Frage nach der Form beantwortete sich mir am leichtesten. Ich hatte die Kurzprosa für mich entdeckt. Erzählungen, deren Personen und Plätze überschaubar waren. Kurzgeschichten, die im Volumen die Länge einer Straßenbahnfahrt zum Arbeitsplatz nicht überschritten. Auch die Inhalte mussten von mir nicht erst gesucht werden. Ich hatte als Kind und Heranwachsender während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland erlebt, wie die Ohnmächtigen den Mächtigen ausgeliefert sind, und ich wusste, dass es falsch wäre, den Mächtigen durch das geschriebene Wort Unterstützung und Lob zu geben.
Das galt nicht nur für die Macht, die ich erlebt hatte, und die früh schon ins Verbrecherische umgeschlagen war. Das galt für die Macht schlechthin.
 

Ich bin bis heute bei diesem Vorsatz geblieben. Die Mächtigen dieser Welt haben zahlreiche Möglichkeiten, sich darzustellen. Die Regierungen haben ihre Pressesprecher ebenso wie die Opposition. Die Unternehmen verfügen über Public-Relations-Abteilungen, in denen der Betrieb und seine Leitung gerühmt werden. Wer bei sportlichen Wettkämpfen auf den Podesten für Bronze-, Silber-, und Goldmedaillen steht, ist sich eines internationalen Echos sicher.
 

Wer aber kümmert sich um den Zukurzgekommenen? Wer spricht für den, der für die Öffentlichkeit am Rande, als Hinterherhinkender fungiert? Wer beschreibt die innere Verfassung der Gescheiterten, der Untüchtigen, der Kranken, der Versager? Viele meiner Geschichten befassen sich mit Menschen aus den Randgruppen unserer Gesellschaft.
 

Bleibt noch die Frage nach dem Adressaten meiner Arbeiten. Wenn ich schreibe, stelle ich mir einen Dialog-Partner vor, der mir über die Schulter schaut. Er mahnt mich, klar zu schreiben, Verzierungen wegzulassen, verständlich zu bleiben. Und ich beachte diese Mahnungen und gehe von diesem Text aus:

 

Aus dem fremden,
perforierten Himmel
fädelt sich müdes Wasser.
Schreib so nicht!
Schreib: es regnet;
das bekommt der Sprache.
Oder schreib: es regnet,
und der da hat kein Dach;
das bekommt dem,
der kein Dach hat.
Oder:
Schreib nichts mehr,
bau ein Dach!
 

Das heißt: ich möchte so schreiben, dass ich niemanden durch bewusste Sprachartistik daran hindere, meine Texte anzunehmen. Vielleicht gibt es daher ein Nebeneinander, ein Miteinander meiner Leser, wie ich aus Briefen und aus Begegnungen weiß. Da sind Jungarbeiter und Schüler, Rentner und Professoren, Bauern und Studenten; die Anzahl der Frauen und Männer etwa gleich groß.
Mir sagt dieses familiäre Miteinander meiner Leser zu. Die häufig propagierten »Zielgruppen« seitens der Gesellschaftslehrer sind nicht unbedenklich. Warum soll unbedingt der Zehnjährige zu den Zehnjährigen, der Behinderte zu den Behinderten, der Alte zu den Alten?
 

Schlussfrage: Was will ich mit den Geschichten? Die Welt verändern? Ich würde mein Schreiben schon nicht als vergeblich auffassen, wenn einige der Leser empfindsamer geworden sind, nachdenklicher. Wenn also nach der Lektüre einer meiner Geschichten ein Denken, ein Überlegen einsetzt. Vielleicht entsteht aus dem Überlegen ein Handeln?"
 

Josef Redings Menschenbild entsprang der katholischen Soziallehre; er agitierte nicht so holzschnittartig wie Max von der Grün, obwohl er die Marxsche Gesellschaftskritik für richtig hielt. Der langjährige Nestor der katholischen Soziallehre, Pater Oswald von Nell-Breuning, der in der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt-Sachsenhausen lehrte, begrüßte seine neuen Studenten stets mit den Worten "Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx". Das hätte auch Josef Reding unterschreiben wollen.

 

Ich kehre noch einmal zurück zum Selbstverständnis der "Gruppe 61".
 

Während es ihr zum Ende der 1960er Jahre hin stärker um die literarische Qualität der Texte und damit verbunden um eine geistige Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt ging, insbesondere mit der Technik, welche die Arbeit und die Menschen immer schneller veränderte, rief eine Minderheit die Grundsätze des "Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" und der Arbeiter-Korrespondentenbewegung der 1920er Jahre in Erinnerung.
Denen war es ebenfalls um die Darstellung der Situation abhängig Beschäftigter gegangen und als Konsequenz daraus um die Umgestaltung der Gesellschaft durch schreibende Arbeiter. Dieser Konflikt führt am 7. März 1970 zur Abspaltung einer Gruppe, die sich fortan "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" nannte.
 

Im Juni 1973 erschien im S. Fischer Verlag der erste Band der Werkkreis-Taschenbuchreihe: "Gehen oder kaputtgehen – Ein Betriebstagebuch" von Helmut Creutz. Es folgten jedes Jahr drei bis vier weitere Bände. Vor allem dieser Buchreihe verdankte der Werkkreis seinen lange Zeit hohen Bekanntheitsgrad. Bis 1988 lagen 60 Bände vor, die eine verkaufte Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren erreichten.
Doch bereits 1987 schien der Höhepunkt erreicht zu sein. Der S. Fischer Verlag kündigte den Vertrag wegen schlechter Absatzzahlen, es erschienen danach noch einzelne Bände im gewerkschaftseigenen Bund Verlag und in Selbstverlagen. Es wurde stiller um den Werkkreis, der zunehmend von internen Auseinandersetzungen erschüttert war. Letztere entstanden vor allem durch die Nähe vieler Führungspersonen zur DKP.
 

Aktuell bestehen noch Werkstätten in Darmstadt, München und Nürnberg/Fürth.
 

K.P.M.
 

(c) - Hinweis
Die zitierten Textpassagen von Josef Reding entnahm ich mit freundlicher Genehmigung des Friedrich Reinhard Verlags, Basel, dem Band „Die Stunde dazwischen“.