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86. PRO LESEN - Themenwoche

Ein Frankfurter Autor wird vorgestellt: Andreas Heinzel

(c) mainbooks, Frankfurt a.M.

86. PRO LESEN-Themenwoche
Ein Frankfurter Autor wird vorgestellt: Andreas Heinzel

Mit einer Lesung aus seinem neuesten Roman
„Herr Neumann will auf den Olymp“

 

Vorgestellt: Andreas Heinzel

Andreas Heinzel wurde 1962 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaften und Geschichte und arbeitet als Texter, Sprecher und Kreativdirektor.
Seine Karriere als Autor satirischer Romane begann er 2016 mit seinem im Frankfurter Mainbook erschienen Debütroman Die Monarchos. Darin erzählt er die schräge Geschichte einer außer Kontrolle geratenen Community, die in der Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland gipfelt.
Im Frühjahr 2019 veröffentlichte Andreas Heinzel mit Herr Neumann will auf den Olymp ebenfalls bei Mainbook seinen zweiten Roman, in dem ein ebenso charismatischer wie größenwahnsinniger Frankfurter Oberbürgermeister die Sommerspiele an den Main holen will, dabei aber auf wild entschlossenen und völlig grotesken Widerstand stößt.
Im Oktober 2019 steuerte er zur im Charles Verlag erschienenen Anthologie Ein Viertelstündchen Frankfurt 3 die Kurzgeschichte Fahrt ins Glück bei, in der er die prekäre Frankfurter Wohnungssituation satirisch aufs Korn nimmt.
Andreas Heinzel hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau in Frankfurt.

 

Stichworte zum Roman:

Höher. Schneller. Köstlicher. Ein charismatischer Oberbürgermeister, der sich unsterblich machen will. Ein skrupelloser Organisator, der mit allen schmutzigen Tricks arbeitet. Eine tapfere Elfe, die zum Widerstand aufruft. Ein zu allem entschlossener Rentner, der mit Biss sein Haus verteidigt. Und ein mächtiger Gegner im Verborgenen, der nur eines will: Rache.In dieser schrägen Provinzposse treffen Sportsgeist auf Kampfgeist, lokale Interessen auf die Jugend der Welt und Frankfurt auf Offenbach. Auf den olympischen Geist wird gepfiffen, von Fairplay kann keine Rede sein, und ob das am Ende gut ausgeht, steht in den Sternen. Was wäre, wenn Frankfurt die Sommerspiele bekäme? Davon handelt dieser tolldreiste Roman und qualifiziert sich so locker für eine der amüsantesten Sportgeschichten aller Zeiten.

 

Und hier Details:

Frankfurt, die stolze Wirtschaftsmetropole am Main mit ihrer beeindruckenden Skyline und ihrem internationalem Publikum: in Wirklichkeit ein Dorf, in dem jeder jeden über zwei, drei Ecken kennt. Keine halbe Stunde mit dem Rad und man steht auf einem Acker, also nicht zu vergleichen mit echten Metropolen wie New York oder Tokio. Eine Tatsache, die Balthasar Neumann, den Helden des Romans Herr Neumann will auf den Olymp über alle Maßen stört. Denn Neumann, Oberbürgermeister Frankfurts und nicht verwandt mit dem gleichnamigen Baumeister, hat andere Pläne. Ihm schwebt ein Frankfurt vor, das sich vom Rhein bis nach Hanau und von Darmstadt bis zum Taunus erstreckt. Eine Metropole mit vielen Millionen Einwohnern, die sich erst dann den Namen auch verdienen würde und mit der Neumann zum GröBaZ, zum größten Bürgermeister aller Zeiten aufstiege.
 

Als ersten Schritt dorthin überrumpelt Neumann den Magistrat, die Stadtverordneten und letztlich ganz Frankfurt mit dem Plan, die Olympischen Spiele an den Main zu holen. Da wird gar nicht erst diskutiert, das erledigt der parteilose Neumann, ein stadtbekannter Gastronom und politischer Seiteneinsteiger, im Alleingang: mit dem Charisma des Erfolgsmenschen und seinem weit über Frankfurts Stadtgrenzen hinaus berühmten Lächeln. Das allein verhilft der Stadt dann allerdings doch nicht zu olympischen Weihen. Da muss Neumanns lokaler Organisator Stefan Drosdorf, Chef des Frankfurter Olympischen Komitees, mit zwar originellen, jedoch ausgesprochen unsportlichen Mitteln nachhelfen.
 

Die Geschichte ist ebenso grotesk wie vergnüglich. Endlich bekommt nach Berlin, Hamburg und anderen Großstädten auch Frankfurt ein schwules Stadtoberhaupt und nicht nur das: auch sein Stuttgart 21, seinen Hauptstadtflughafen, sein Großprojekt, das aus dem Ruder zu laufen und die Kasse des Stadtkämmerers zu sprengen droht. So verwundert es nicht, dass sich neben den Befürwortern der Spiele auch die Olympiagegner formieren.
 

Zum einen gibt es da die Leiterin eines Bornheimer Kindergartens, der das verrostete Klettergerüst im Sandkasten zu kollabieren droht. Die Stadt jedoch teilt ihr mit, dass sie ihre Mittel bis auf weiteres auf das eine große Event konzentrieren werden, was die Erzieherin zur kampfbereiten Amazone mutieren lässt. Mitsamt Kinderschar und Elternschaft probt sie von Maintal bis in die Stadtwaldwipfel den gewaltfreien Widerstand.
 

Ungemach droht Neumann auch seitens eines Rentners, dessen Haus dem olympischen Dorf im Weg steht und der dem Frankfurter OB mit einem absurden Streik und der tatkräftigen Unterstützung einer Burgerkette den Appetit auf Olympia verderben will.
 

Der größte Widersacher des Frankfurter OB sitzt allerdings im Römer selbst – und der lässt sich nicht nur jede Menge einfallen, um Neumann das Leben möglichst schwer zu machen, er instrumentalisiert auch alle anderen Gegner für seinen privaten Rachefeldzug.
 

Quintessenz:

Herr Neumann will auf den Olymp ist eine amüsante Provinzposse, gespickt mit Übertreibungen, bei denen man sich zuweilen fragt, ob die Realität nicht noch viel absurder ist. Dem Romanhelden werden jede Menge kleine und große Knüppel zwischen die Beine geworfen; ob Oberbürgermeister Neumann am Ende darüber stolpert, wird nicht verraten.
 

Leseprobe:

Als der FOK-Chef im Römer erschien, bekam Neumann in der Tat auf Anhieb leuchtende Augen. Was da auf dem Tisch ausgebreitet in seinem Büro lag, war im Grunde viel zu schön und viel zu aufregend, um es nach kurzer Zeit wieder zu demontieren. Eigentlich eine Schande, aber was sollten sie tun? Die Frankfurter brauchten definitiv kein weiteres Stadion, nun, dann würde dieses Kunstwerk eben wie eine Eisskulptur oder eine meisterlich gebaute Sandburg ein einmaliges, nur für kurze Zeit zu bewunderndes Faszinosum werden. Neumann dachte an die Werke von Christo und daran, wie viele Zuschauer eigens dafür an die entlegensten Orte strömten. Vielleicht sollten sie es genauso handhaben. Wenn sie ein Stadion wie dieses nach den Spielen noch zwei, drei Monate, vielleicht ein weiteres Jahr stehen lassen würden, könnte sich die Besucherzahl derer, die die Gunst der Stunde nutzen wollten, um einen letzten Blick auf das Wunderwerk zu werfen, um ein Vielfaches erhöhen.

„Stefan, das ist es.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest“, lachte Drosdorf.

„Können wir uns das leisten?“

„Was heißt leisten, Balthasar? Umsonst ist der Tod. Das Stadion wird nicht teurer als andere Entwürfe, die ich gesehen habe. In einer ersten Kostenschätzung landen sie bei etwa 900 Millionen Euro. Natürlich werden sie ihr Budget überziehen, das würden alle Kandidaten. Aber auf Basis ihrer früheren Arbeiten bin ich zuversichtlich, dass sie es nicht übertreiben werden.“

„Und schaffen sie es zeitlich?“ Neumann wollte lieber jetzt als später erfahren, was ihm die Freude noch verderben könnte.

„Also, wenn ich es richtig verstanden habe, fertigen sie erst sämtliche Einzelteile, dann kommen die Kräne und setzen die Bausteine nach einem festgelegten Plan zusammen. So wie wir es als Kinder getan haben. Das ist ja das Raffinierte an dem Entwurf. Natürlich müssen später noch Strom, Wasserversorgung, Licht und Sitze und vieles mehr eingebaut und eingerichtet werden, aber das Stadion per se sollte sich ruckzuck zusammenfügen lassen. Wie ein Fertighaus.“

„Gut“, entschied der Oberbürgermeister kurzentschlossen. „Dann sollen die Hamburger von mir aus den Auftrag bekommen. Schick ihnen die Zusage und informiere die Presse. Danach gebe ich dem Magistrat Bescheid, und dann erfährt es auch der Stadtkämmerer. Der muss schließlich das Geld dafür locker machen.“

„In der Reihenfolge?“, versicherte sich Drosdorf.

„In der Reihenfolge. Wir beschleunigen die Prozesse ein bisschen.“

„Okay, du bist der Boss. Ach, äh, eins noch, Balthasar. Du erinnerst dich an die Bürgerinitiative dieser Kindergärtnerin?“

„Ja klar“, antwortete Neumann.

„Sie hat heute Morgen die Presse zusammengetrommelt, um gegen den Bauplatz am Monte Scherbelino zu demonstrieren. Dabei hat sie eine angeblich verseuchte Bodenprobe präsentiert.“

Neumann stöhnte auf. Er wusste, warum er mit Frauen nichts anfangen konnte. Immer nur Ärger, nichts als Ärger. „Na, herzlichen Dank. Und jetzt? Ist da was dran?“

„Ja und nein.“

„Stefan, bitte ...“

„Also, ja, wir haben die Probe in einem Schnelltest analysieren lassen, und sie steckt voller Schwermetalle. Und nein, sie stammen mit ziemlicher Sicherheit nicht aus dem Boden am Monte Scherbelino.“

„Sondern?“

„Sie wurden nachträglich in die Erde gebracht. Die Probe wurde manipuliert. Die Werte, die das Umweltamt im Boden gemessen hat, sind weitaus geringer.“

„Wie bitte?“ Neumann sprang auf und lief um den Tisch, während sich seine schlechte Laune mit jeder Umrundung weiter nach oben schraubte. „Hat die sie noch alle? Die zeig ich an. Das kann ja wohl nicht wahr sein.“

„Sie sagt, sie hätte die Probe zugeschickt bekommen.“

„Von wem?“

„Von einem besorgten Bürger. Das stand zumindest auf dem Zettel, der dabei lag.“

„Besorgte Bürger? So was gibt’s in Frankfurt nicht. Die Frankfurter haben keine Sorgen, denen geht es gut.“

 

Bibliografische Daten:

Andreas Heinzel
Herr Neumann will auf den Olymp
Die tolldreiste Geschichte, wie Frankfurt die Sommerspiele bekam
272 Seiten. Softcover
ISBN-13 9783947612451
Verlag MainBook
1. Auflage, erschienen am 08.02.2019
Ladenpreis 11,95 EUR