Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Aktuelle Themenwoche

80. PRO LESEN-Themenwoche März 2019

Entblößung und Verblödung durch (a)soziale Medien

(c) PRO LESEN e.V.

Es geht in dieser Themenwoche um die Pri­vatsphäre des Menschen. Genauer gesagt um das, was er davon preisgibt, also öffentlich macht. Und um das, was niemand anderen etwas angeht. Denn personenbezo­gene Daten sind im Zusammenhang mit der Entwicklung der digi­talen Medien, vor allem der so genannten sozialen Netz­werke, welche diese auf geschickte Weise erheben, zu einer Ware geworden. Deswegen ist diese Themenwoche überschrieben mit „Vorsicht! Persönlichkeitsverlust!“.
 

Mit dem Beginn der 1970er Jahre hielt hierzulande die Elektronische Datenverarbeitung Einzug in Produktion und Verwaltung größerer Betriebe. Prozessoren und Speicher dieser Geräte steckten in riesigen Schränken, die mit laut arbeitenden Kühlaggregaten auf einer bestimmten Tempe­ratur gehalten werden mussten. Die Speichermedien erin­nerten an übergroße Schallplatten, die sich auf einem ent­sprechend dimensionierten Plattenteller drehten. In der Ver­lagsbranche, wo ich damals meine ersten beruflichen Schritte machte, empfanden wir diese Technik als große Hil­festellung. Sowohl bei der redaktionellen Erstellung von Ka­talogen als auch bei Inhaltsverzeichnissen und Registern von Fach- und Wissenschaftsbüchern. Bei letzterer war die lückenlose Zusammenarbeit zwischen den typischen Ver­lagsabteilungen und den Programmierern Voraussetzung. Denn wir mussten die einzelnen Arbeitsschritte bis ins kleinste Detail hinein vordenken und formulieren. Danach wurden diese mit Hilfe einer geeigneten Programmierspra­che in ein Tabellenwerk umgesetzt, sodass daraus eindeu­tige Impulse für die elektronische Maschine entstanden. Al­len Beteiligten war klar, dass diese Prozesse umfassende Fachkenntnisse hinsichtlich der Waren und Dienstleistungen, der Produktionsabläufe und der Organisation sowie die per­fekte Beherrschung von Sprache und Sprachlogik erforder­ten. Wer nicht folgerichtig denken, nicht verstehend lesen und nicht korrekt schreiben konnte, war fehl am Platz. Diese Erkenntnis aus den Pionierjahren hat sich leider nicht im notwendigen Umfang durchgesetzt. Wenn ich die Diskussion um die Digitalisierung der Schule verfolge, fällt mir das be­sonders auf. Doch seit die­ser Zeit bin ich ein überzeugter Anhänger der digitalen Kommunikation. Diese Leidenschaft schloss und schließt das Bewusstsein für deren Gefahren mit ein.
 

Dateien mussten bis in die frühen 90er Jahre über beson­dere Telefonlei­tungen. die so genannten Standleitun­gen, übermittelt werden. Denn das Internet war für den zivilen Bereich noch nicht verfügbar. Zudem fehlte eine Program­miersprache, die sämtliche unterschiedlichen Texte, Tabel­len und Grafiken überall lesbar und bearbeitbar machte. Diese „Hypertext Markup Language“ (HTML) wurde erst vor 30 Jahren, 1989, im CERN – Institut in Genf entwickelt; seit 1992 ist sie brei­teren Anwenderschichten zugänglich. Sie machte das seit den frühen 80er Jahren gebräuchliche btx-System überflüs­sig, einen Bildschirmtext, der über Telefon­leitungen und Bildschirmtelefone zugänglich war und als Nachrichtenportal und als Bestellmedium für Versandhänd­ler in Gebrauch war.

 

Das Internet, das einen Massenzugriff erlaubt, war von An­fang an durch unterschiedliche Interessen bestimmt. Haupt­betei­ligte waren Firmen wie die international tätige IBM, die bereits seit den 1960er Jahren magnetische Speichermedien entwickelte, vor allem das „Disk Operating System (DOS)“, und dieses schließlich als Lizenz für den Kreis privater An­wender günstig an ein Kleinunter­nehmen veräußerte, das wenig später unter dem Namen Microsoft Weltgeltung er­langte und erste Schritte hin zur endgültigen Kommerzia­li­sierung des Netzes einleitete.
 

Diese Umwälzungen ermöglichten die Digitalisierung von vorhandenen Daten aller Art. Hierbei genießen die perso­nenbezogenen eine besondere Priorität, weil sie sich wirt­schaftlich schnell auswerten lassen und hohe Profiterwar­tungen erfüllen.
 

Denen, die diese Daten als Ware zubereiten und sie dann überwiegend an die Marketing- und Werbeabteilungen gro­ßer Konsumartikelproduzenten, aber auch an politische und religiöse Gruppen verkaufen, geht es um die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen, die im Warenmarketing und bei der Meinungsbildung eine große Rolle spielen.
 

Solche Profile bestehen vorrangig aus dem Alter der jeweili­gen Person, aus ihrem Geschlecht, aus dem Wohnort, aus Angaben zur beruflichen Tätigkeit, aus Hinweisen über Vor­lieben unterschiedlicher Art inklusive des Konsumverhal­tens, über den Bekannten- und Freundeskreis, über finanzi­elle Verhältnisse, Krankheiten und körperliche Behinderun­gen, aber auch über religiöse und politische Positionen.
 

Mit Hilfe spezieller Computerprogramme, die aus der Mathe­matik entlehnt sind, wo sie zur Problemlösung eingesetzt und als Algorithmen bezeichnet werden, können die oben genannten Eigenschaften je nach Fragestellung miteinander verbunden werden. Da die Datenqualität wegen der ver­deckten Erhebungsverfahren häufig Mängel aufweist, be­dient man sich auch der Heuristik. Mit dieser Methode wer­den unvollständige Informationen durch allgemeine Erfah­rungswerte ergänzt, um zu vorläufig schlüssigen Ergebnis­sen zu gelangen.

 

Noch bis vor 15 Jahren wurden solche Daten relativ offen er­hoben. Zumeist befragten Warenhäuser und Versand­händler ihre Kunden nach deren Kaufgewohnheiten bzw. werteten die Verkaufsunterlagen mit Hilfe der EDV minutiös aus. Be­reits seit den 1980er Jahren werden Kundenkarten mit com­puterlesbaren Chips ausgegeben, die denselben Zie­len die­nen. Eine beliebte Datenquelle für zusätzliche poten­tielle Kundengruppen sind von Vertriebsfirmen lancierte Preisausschreiben, die in Publikums­zeitschriften veröffent­licht wurden.

 

Vieles von dem änderte sich am Jahresbeginn 2004 mit dem Aufkommen der Internetplattform Facebook. Dort können die Nutzer ihre eigenen Profile erstellen und mit anderen Usern in Kontakt treten. Dieser Service ist nicht kostenlos; er muss in einer nicht herkömmlichen Währung bezahlt wer­den, nämlich mit dem Einverständnis, dass der Betreiber die Da­ten, die sich aus diesen Profilen ergeben, gewerblich nut­zen darf. Es ist davon auszugehen, dass das einem großen Teil der Nutzer nicht ausreichend klar ist. Und dass die da­mit verbundenen Gefahren, nämlich der Datenmissbrauch, völlig unterschätzt werden. Das Geschäftsmodell von Face­book, von Whatsapp und Instagram basiert auf dieser un­einge­schränkten Datenüberlassung, die im Kontext einer fa­talen Umsonst-Mentalität einhergeht.

 

Es gibt Menschen, die vermeintlich stolz darauf sind, nichts ver­bergen zu müssen. Meine Erfahrungen zeigen jedoch, dass sie bei sensiblen Daten wie solchen über ihre finanziel­len Ver­hältnisse oder über Erkrankungen sehr wohl auf Dis­kretion achten. Aber es gibt kein richtiges Leben im fal­schen. Gut programmierte Algorithmen können unter Ver­wendung der heuristischen Methode sehr wohl von dem ei­nen aufs andere schließen und liegen in den allermeisten Fällen mittlerweile dicht an den Fakten.

 

Ähnlich wie Facebook verfahren auch die großen Suchma­schinen Google und Bing. Sie fügen aus den Fragen ihrer Nutzer und den Spuren, die diese im Internet hinterlassen (z.B. die IP-Adresse), ein Mosaik zusammen, das nach wie­derholten Aufrufen zu einem sehr aussagefähigen Profil her­anwächst. Da Google die Antworten auf Suchanfragen auch nach bezahlten Werbeplätzen positioniert, entsprechen die ersten zehn bis zwanzig Suchergebnisse häufig nicht der ob­jektiven Tatsachenlage, sondern den Interessen der Fir­men oder politischen Gruppen, die sich diese Rangfolge et­was kosten lassen.

Es gibt aber auch Suchmaschinen, die ihre Nutzer nicht ver­folgen. Die PRO LESEN – Redaktion empfiehlt

https://www.startpage.com/

https://metager.de/

https://duckduckgo.com

 

Jaron Lanier, ein prominenter Vordenker des Internets, wirft Facebook, Google & Co. vor, dass sie die Menschen überwa­chen, ihr Verhalten manipulieren und zunehmend auch Poli­tik machten. „Social Media“ sei zu einem allgegenwärtigen Käfig geworden, dem man nicht entfliehen könne, wenn man diese kommerziellen Netze nutzt. Lanier regt an, das eigene Verhalten zu überdenken und sämtliche Accounts zu löschen.

Aktualität und Brisanz dieses Themas werden durch Presse- und Rundfunkmeldungen aus den letzten Wochen deutlich:

Datenmissbrauch und Fake News
Facebook als "digitale Gangster" angeprangert

Bewusste Verstöße gegen Datenschutz und Wettbewerbsrecht, fehlender Respekt für das Parlament und zögerliches Vorgehen gegen Fake News: Das britische Parlament hat schwere Vorwürfe gegen Facebook erhoben.
Facebook hat nach Einschätzung des britischen Parlaments "vorsätzlich und wissentlich" gegen Datenschutz- und Wettbewerbsrecht verstoßen. In einem Bericht fordern Abgeordnete eines Ausschusses zum Thema Desinformation und Fake News, dass Social·Media·Unternehmen für Inhalte, die auf ihren Seiten geteilt werden, Verantwortung übernehmen.
Unternehmen wie Facebook sollten sich nicht wie "digitale Gangster" in der Online-Welt verhalten dürfen, heißt es in dem Bericht. Social-Media·Unternehmen könnten sich nicht darauf zurückziehen, lediglich eine "Plattform" zu sein und behaupten, dass sie selbst keine Verantwortung für die Inhalte ihrer Seiten tragen. Daher empfehlen die Parlamentarier, eine neue Kategorie von Technologieunternehmen zu definieren, die sowohl "Plattform" als auch "Publisher" sind.
Seit 2017 untersuchten Parlamentarier, welche Rolle Fake News und Desinformation beim US-Wahlkampf sowie beim BrexitReferendum hatten. Sie fordern, die britische Regierung müsse eine weitere Untersuchung beauftragen, um das Unabhängigkeitsreferendum in Schottland 2014, das EU-Referendum 2016 sowie die britische Parlamentswahl2017 im Hinblick auf ausländische Eintlussversuche, Desinformation sowie Missbrauch von Daten aus sozialen Netzwerken zu analysieren.
Die Abgeordneten werfen Facebook in einem Kapitel des Berichts beispielsweise vor, die Öffentlichkeit und den Ausschuss absichtlich nicht über russische Einflussversuche bei Wahlen in anderen Staaten unterrichtet zu haben. Aus internen Papieren gehe hervor, dass Facebook bereits 2014 Hinweise vorliegen hatte, wonach russische Firmen Millionen Datensätze ausgelesen hätten. Die entsprechenden Papiere veröffentlichte das britische Parlament.
Der Bericht befasst sich auch mit dem Datenskandal um Cambridge Analytica. In dem Fall hatte der Entwickler einer Umfragen-App vor rund fünf Jahren Informationen von Dutzenden Millionen Facebook-Nutzern an die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica weitergegeben.

In dem Parlamentsbericht heißt es nun, Facebook sei bereit, sich über Datenschutzeinstellungen seiner Nutzer hinwegzusetzen, um Daten an App-Entwickler weiterzugeben. Die Parlamentarier fordern einen verbindlichen Verhaltenskodex, auf dessen Basis Technologieunternehmen gegen "schädliche und illegale Inhalte" auf ihren Seiten vorgehen müssten. Eine unabhängige Regulierungsbehörde sollte dies überwachen und hohe Bußgelder verhängen, wenn Unternehmen sich nicht daran hielten, heißt es in dem Bericht des Ausschusses für Digitales, Kultur, Medien und Sport.
Besonders in der Kritik steht Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Dieser zeige nicht das Verantwortungsbewusstsein, wie man es von einem Chef eines der größten Unternehmen der Welt erwarten sollte. Die Abgeordneten werfen Zuckerberg zudem eine Missachtung des britischen Parlaments vor, weil er sich geweigert hatte, dort zum Umgang mit Nutzerdaten auszusagen.

Facebook ging nicht im Detail auf die Vorwürfe ein, sondern teilte lediglich mit, das Unternehmen sei offen für sinnvolle Maßnahmen zur Regulierung. Ein Sprecher ergänzte, Facebook sei nicht mehr dasselbe Unternehmen wie vor einem Jahr und habe bereits substantielle Maßnahmen realisiert.

Dieser Artikel basiert auf einer Meldung von „tagesschau.de“ vom 18.02.2019.

Am 25.01.2019 berichtete „tagesschau.de“ Folgendes:

 

Bericht der "New York Times"
Zuckerberg will Chatdienste verschmelzen

Nach dem Kauf von WhatsApp und Instagram sicherte Facebook-Chef Zuckerberg den Diensten Autonomie zu. Das könnte sich nun ändern. Nach Medienberichten sollen die Chatdienste integriert werden - mit weitreichenden Konsequenzen.
 

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will offenbar WhatsApp, Instagram und Facebook-Messenger enger zusammenführen. Die Nutzer der drei bisher unabhängigen Programme sollen in Zukunft direkt miteinander kommunizieren können. Dies berichtet die "New York Times", die nach eigenen Angaben von vier Mitarbeitern des Konzerns darüber informiert wurde. Es ist anzunehmen, dass es innerhalb der Unternehmens darüber Streit gibt. Demnach haben bereits mehrere Mitarbeiter wegen der internen Ankündigung Zuckerbergs das Unternehmen verlassen oder haben dies angekündigt.

Die Neuausrichtung würde es ermöglichen, Nachrichten zwischen den Chatprogrammen auszutauschen - also zum Beispiel vom Facebook Messenger zu WhatsApp. Außerdem sollen dann alle drei Apps verschlüsselte Kommunikation ermöglichen.

Nach Informationen der "New York Times" sollen mehrere Tausend Beschäftigte die Änderungen umsetzen, die Ende dieses oder Anfang kommenden Jahres abgeschlossen sein sollen. Die Vereinheitlichung sei sehr aufwändig, weil die Funktionsweise grundlegend neu programmiert werden müsse.
 

Der IT-Konzern bestätigte die Pläne nur indirekt. Man arbeite immer an der Verbesserung der Chatfunktionalität und am Ausbau der Verschlüsselungsoptionen.

Die "NewYork TImes" vermutet, dass Zuckerberg sich höhere Werbeerlöse erhofft, indem er Nutzer länger in Programmen des Unternehmens verweilen lässt. Eine längere Verweildauer wiederum ließe sich dafür nutzen, mehr personalisierte Werbung anzeigen zu lassen.
 

Das IT-Unternehmen hat sich noch nicht dazu geäußert, ob die Integration auch Änderungen beim Datenschutz nach sich zieht. Der Datenskandal um Cambridge Analytica hatte Facebook im vergangenen Jahr eine schwere Krise beschert. Schon seit den US-Präsidentenwahlen 2016 steht das Soziale Netzwerk zunehmend in der Kritik, weil es einfach war, über die Plattform politische Propaganda und Lügen zu verbreiten.

Beide Berichte beleuchten einige der Aspekte, die PRO LESEN in der Veranstaltung am 21. März im Bibliothekszentrum Sachsenhausen zur Sprache bringen wird (Beginn 19:00 Uhr, der Eintritt ist frei). Der Titel der Lesung lautet:
 

Vom Leben als Digitalsklave
Literarische Zwischenrufe zum Ungeist der Zeit

Neben einer grundsätzlichen Erörterung des Themas lesen wir Abschnitte aus zwei Büchern. Zum einen aus „Götz Aly/Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung“ (erschienen 1984), zum andern aus „Andreas Eschbach: NSA“ (erschienen 2018).

Während der gesamten Woche vom 18. bis zum 23. März werden auf dem Büchertisch neue Veröffentlichungen zu diesem Komplex ausgestellt. Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten der Bibliothek zugänglich.