Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Bahnfahrt 1957

Von Hanns Dorenkamp

I

Fahrgeräusche: das Zusammenspiel von Rädern, Gleisen, Wind und Wetter. Roll, roll, roll, klack; roll, roll, roll, klack. Ich kannte sie. Von der letzten Reise und von der vorletzten. Hatte ein ganzes Jahr nicht mehr an sie gedacht. Jetzt waren sie wieder da. Und kamen mir sehr vertraut vor.
 

Der Schnellzug fuhr pünktlich ab. Um 7:40 Uhr pfiff draußen auf dem Bahnsteig der Mann mit der roten Mütze und hielt eine grüne Kelle hoch. Daraufhin setze sich der D 144 von Dortmund Hbf. nach Basel Bad. in Bewegung. Durch das geöffnete Fenster drang etwas Qualm ins Abteil. Ich hörte das Fauchen und Zischen der Dampflok und spürte den Fahrtwind, roch den Kohlenruß. Sobald der Rauch wieder nach draußen entwichen war, schob ich das Fenster hoch. Keine Laute mehr von der Lok. Aber dafür roll, roll, roll, klack.
 

Im letzten Jahr hatte ein Herr im Abteil gesessen, der meine Frage nach den Klacks beantworten konnte. Schienen würden aus einzelnen Stücken, bis zu 30 Metern Länge, zusammengesetzt, erklärte mir der Mann. Da sich Stahl bei Hitze ausdehne, könne man sie nicht direkt aneinander stoßen lassen, sondern müsse sie mit einem Abstand verschweißen. Die Lücken seien jedoch nur wenige Millimeter groß. Beim schnellen Fahren erhielten die Räder dadurch einen leichten Stoß, es mache klack.
 

Von meinem Fensterplatz aus beobachtete ich aufmerksam die Gegend, durch welche der Zug brauste. Die Sonne hatte die letzten Regenwolken der Nacht verdrängt, es schien wieder sommerlich trocken und warm zu werden.
 

Unmittelbar nach dem Hauptbahnhof reihten sich Industriehallen aneinander, schmutzig-rote Backsteingebäude mit hohen unterteilten Fenstern. Drinnen Männer, die an Werkbänken arbeiteten, hier und da auch an Feuerstellen. Im Anschluss Gärten und Wiesen, im Hintergrund Getreidefelder. Urplötzlich eine Straße, die bislang vom Gras der Wiesen verdeckt gewesen war. Als langgestreckte Kurve lief sie auf den Bahndamm zu. Dann parallel zu ihm, kilometerlang. Der D-Zug war schneller als die wenigen Autos und Lastwagen. Ich erkannte zwei graue Volkswagen und einen hellblauen DKW mit cremefarbenem Dach. Weiter vorn einen schwarzen LKW mit leerer Ladefläche, Marke Magirus Deutz.
 

Der Zug wurde langsamer, Häuserreihen flankierten den Schienenweg zu beiden Seiten. Ich konnte in einige Wohnungen hineinsehen, Einzelheiten aber nicht erkennen. Wir ratterten über Weichen, aus zwei parallel verlaufenden Gleisen waren vier geworden, dann tauchten zwei (oder waren es drei?) überdachte Bahnsteige auf. Darauf drängten sich wartende Menschen, anscheinend auf dem Weg zur Arbeit. Ohne Halt passierten wir mit mäßiger Geschwindigkeit den Bahnhof. „Bochum-Langendreer Bf.“ war auf den Schildern zu lesen. Der Ort sagte mir nichts. Warum hatte ich ihn im vergangenen Jahr nicht notiert? Und auch nicht im August davor? Seit dem Jahresende 1954 führte ich Tagebuch. Denn nach neun Monaten Grundschule beherrschte ich das Lesen und Schreiben. Die Ferienreise 1955 war das erste größere Ereignis, das ich festgehalten hatte. Penibel waren sämtliche Zwischenstationen erfasst worden. Auch solche ohne Halt. Hauptsache, sie erschienen mir irgendwie bemerkenswert. Doch Bochum-Langendreer fehlte. Obwohl der Bahnhof auffiel. Ich blätterte in meiner Kladde und grübelte. Der Zug beschleunigte wieder, erreichte schnell sein normales Tempo.

 

Abermals Häuser, mal auf meiner Seite, mal auf der anderen. Vereinzelt oder in enger Folge. Manche von ihnen mit nur provisorisch behobenen Kriegsschäden: Dachgiebel, mit Teerpappe abgedeckt; ausgebessertes Mauerwerk, unverputzt; Eingangstreppen mit Behelfsgeländern aus verwittertem Holz; verwilderte Vorgärten und ungepflasterte Höfe, die als Abstellplätze für alles dienten. Solche Gebäude kannte ich. Auch in Dortmund gab es sie. Einige würden bald abgerissen, hatte mein Vater erzählt. Neu zu bauen sei billiger als zu reparieren.
 

Der Zug reduzierte seine Geschwindigkeit. Die Bebauung wurde rundum dichter, wir näherten uns einer Stadt. Gleise mündeten in die Hauptstrecke ein. Liefen zu von Brücken oder von bislang verborgenen höher und tiefer liegenden Bahndämmen. Bildeten zusammen ein verwirrendes Schienenfeld. Vor mir zeichnete sich die Silhouette eines großen Bahnhofs ab, auf den wir direkt zuhielten. Wir rollten immer langsamer. Bahnsteige näherten sich, wurden breiter und länger. Parallel zum Abteilfenster entfaltete sich einer. Schlanke Säulen trugen ein abgerundetes Dach. Ein Warteraum, ein Kiosk, Treppen von und nach unten, noch ein Warteraum. Langsames Auslaufen, quietschende Bremsen, dann Stopp. Sämtliche Bauten auf dem Bahnsteig waren blau gefliest mit weißen Fugen. Sie erinnerten mich an ein Hallenbad. Menschen mit Gepäck eilten in beide Richtungen. Ich hörte eine Lautsprecherdurchsage: „Bochum Hauptbahnhof, Bochum Hauptbahnhof. Der eingefahrene Schnellzug fährt um 8:05 Uhr weiter nach Basel Bad. über Essen, Duisburg, Düsseldorf, Köln, Bonn, Koblenz, Mainz, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg. Dieser Zug ist zuschlagpflichtig. Bitte Vorsicht bei der Abfahrt.“
Den Zwischenhalt Bochum Hbf. hatte ich mir vor einem Jahr notiert. Und auch vor zwei Jahren. Wir waren also richtig.
 

Zwei Damen betraten kurz hintereinander unser Abteil. Ihr Alter schätzte ich auf Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Sie hatten Platzkarten für die sich gegenüberliegenden Sitze am Gang. Die Plätze in der Mitte blieben noch frei. Meine Mutter kam mit den Zugestiegenen schnell ins Gespräch, was vermutlich am gemeinsamen Dialekt lag. „Pfälzer Mädchen“, hätte mein Vater vermutlich gesagt. Der kannte sich mit Frauen gut aus. Die eine fuhr mit bis Mainz, die andere bis Mannheim.
 

Der Zug fuhr wieder an, wurde schneller, noch schneller. Der Hauptbahnhof lag hinter uns, draußen kaum noch Häuser, dafür Felder und Wiesen. Mir war langweilig. Um mir die Zeit zu vertreiben, fragte ich meine Mutter: „Was bedeutet Basel Bad.?“ Sie wusste es nicht. Auch die anderen Pfälzer Mädchen waren ahnungslos. Die Frau, die nach Mannheim wollte, tippte auf eine schweizerische Besonderheit. Denn Basel läge in der Schweiz, nicht weit hinter der deutschen Grenze. Ich schlug vor, den Schaffner zu fragen. Aber das wollte meine Mutter nicht. Das Zugpersonal sollte nicht mit unnötigen Fragen belästigt werden. Die Mainzerin hielt es für möglich, dass Basel Kurort sein könnte, also ein Bad. Das leuchtete mir ein.
 

Die Wahrheit habe ich erst 23 Jahre später und nach unzähligen weiteren Fahrten auf der Rheinstrecke erfahren. Im Mai 1980 hatte ich Basel anlässlich der Gartenausstellung „Grün 80“ besucht. Der Verlag, für den ich damals tätig war, hatte den offiziellen Fotoband produziert. Nach diversen Vergleichen zwischen abgedruckten Bildern und der aktuellen Vegetation gab es noch Gelegenheit zu einer Stadtrundfahrt. Dabei ließ sich das alte Geheimnis auflösen. Bad bedeutet Badischer Bahnhof; die korrekte Abkürzung lautet Bad. Bf.; er ist der Bahnhof der Deutschen Bahn, vormals Deutsche Bundesbahn. Es gibt noch einen weiteren großen, nämlich Basel SBB, den Bahnhof der Schweizerischen Bundesbahnen.
 

Editorische Notiz
Diese Ausschnitte sind der vorläufigen Fassung eines Romans entnommen, in dem Hanns Dorenkamp seine Kinder- und Jugendjahre im Ruhrgebiet der 1950er und 1960er Jahre einschließlich der alljährlichen Reisen in die südwestdeutsche Heimat seiner Mutter beschreibt. Das Manuskript soll im Herbst 2019 abgeschlossen werden. Unter dem Titel »An der Straße zum Friedhof« soll es dann als Buch erscheinen.