Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

SchreibWerkstatt – Neue Texte Frankfurter Autoren

Der Förderverein PRO LESEN bietet Autorinnen und Autoren aus der Region regelmäßig die Möglichkeit, neue Texte bei Lesungen vorzustellen oder solche im Rahmen der Netzzeitschrift »BRÜCKE unter dem MAIN« in Auszügen zu publizieren.

Verstrickt

Von Hanns Dorenkamp

 

Das elfte Kapitel aus dem Erinnerungsband über die 1950er bis 2000er Jahre
An der Straße zum Friedhof
von Hanns Dorenkamp

 

I

 

Als ich gegen 7:30 Uhr an diesem Freitag, dem 27. Juni 1986, das Hotel in Worms verließ, blendete mich bereits die Sonne. Ein herrlicher Sommertag kün­digte sich an. Das Wetter während der nun zu Ende gehenden Arbeitswoche hatte mich ver­wöhnt. Und es schien so, dass es mir erhalten bliebe, mindestens noch an diesem Wochenende. Rasch über­querte ich die Petersstraße, warf noch einen Blick zum Dom hinüber, ging quer über den Marktplatz, bog zwischen altem und neuem Rathaus in eine schmale Gasse ein und betrat das Parkhaus, in dem mein Wa­gen während der Nächte abgestellt war.
 

Um 9:00 Uhr war ich in Darmstadt ver­abredet. Für die Fahrt hatte ich maximal eine Stunde veranschlagt; den Geschäftstermin auf maximal zwei Stunden. Deshalb war ich zuver­sicht­lich, noch vor 12:00 Uhr die Heimfahrt nach Konstanz antre­ten zu können. Nach eineinhalb Wochen Au­ßendienst war es Zeit, wieder nach Hause zu kommen.
 

Ich kannte mich im Wormser Straßengewirr gut aus und war schnell auf der Nibelungenbrücke, die das rheinland-pfälzische und das hessische Rheinufer ver­bindet. Kaum hatte ich das wuchtige Tor aus der Gründer­zeit passiert, warf ich noch einen Sekundenblick zur Uferpromenade hinunter. Unweit des Hagen-Denkmals war das Café Fürst vertäut, eine echte Se­henswürdigkeit. Ursprünglich war es eine auf Pon­tons errichtete Bade­anstalt gewesen, die – mit Stahlseilen am Ufer fest verankert - auf dem Rhein schwamm und in­nerhalb eines rechteckigen Areals von 15 x 25 Metern ein Bad im Rhein ermöglichte. Es gab eine kleine Liegewiese auf hölzernen Planken, Umkleidekabinen und eine Etage höher einen Gastraum mit Balkon, wo Getränke und einfache Speisen gereicht wurden. Seit den 1970er Jahren wurde dieses Schwimmbad aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch als Gast­stätte genutzt und war vor allem an Wochenenden ein Publikumsmag­net. An manchem Mittag der letzten Tage hatte ich mich dort zu einer Mahlzeit nie­dergelassen und es genossen, wenn dieses Relikt aus vergangener Zeit durch die Wellenbewegungen des Flusses ins Schaukeln geriet und so das Gefühl hervorrief, man befände sich auf einem Schiff. Dabei hatte ich mich den Erinnerungen an die 50er und frühen 60er Jahre hingegeben, als ich während der Ferienaufenthalte bei den Großeltern in der Pfalz auch diese Attraktion kennengelernt hatte.
 

Die bevorstehende kurze Reiseroute hatte sich im Verlauf der letzten acht Jahre eingeprägt: Bundes­straße 45 zum Autobahnanschluss Lorsch, von dort auf der Autobahn 67 nach Darmstadt. Der morgendliche Berufsverkehr ins Rhein-Main-Gebiet war vermutlich wegen der Schulferien in einigen Bundesländern bereits ab­geflaut. Deswegen rechnete ich damit, mein Ziel voraussichtlich etwas früher erreichen zu können als ge­plant. Spontan ent­schloss ich mich, we­nige Kilometer vor Dar­mstadt eine Pause auf der Rast­stätte Pfungstadt ein­zulegen. Ich wollte mir die Akte des Kunden in Ruhe ansehen, was mir im Frühstücksraum des Hotels wegen der Hektik, die einige Gäste auslösten, nicht gelungen war. Außerdem bot sich die Gelegenheit, mir bereits Erfrischungsge­tränke für die Rückreise zu kaufen.
 

Mein Auto parkte ich unmittelbar vor dem Eingang zur Cafeteria. Dann nahm ich mir die Unterlagen vor. Nach einer knappen Viertelstunde stieg ich aus und betrat die Gaststätte. Vor dem Getränkekühlschrank des Lokals begegnete ich ei­nem Mann, den ich zunächst nicht genau wahrnahm. Dass er mich unverhohlen prüfend ansah, war mir allenfalls unbewusst klar. Nachdem ich die Getränke erstanden hatte, schlenderte ich zum Wagen zurück und wollte gerade einstei­gen, als ich angesprochen wurde.
 

„Hallo Preiß!“
 

Überrascht drehte ich mich um. Diesen Spitznamen, den mir meine pfälzische Urgroßmutter in den frühen 50er Jahren wegen meines angeblich preußischen Aussehens gegeben hatte, kannten nur noch wenige. Am Heck des Audis hatte sich der Mann pos­tiert, dem ich bislang keine Beachtung ge­schenkt hatte. Jetzt schaute ich ihn mir genauer an. Eine schlanke Gestalt, schätzungsweise 40 bis 45 Jahre alt, ein freundliches Gesicht, gelockte, nach hinten gekämmte dun­kelblonde Haare, das Hemd oben geöffnet, keine Krawatte, modi­scher heller Sommeranzug. Ich schaute noch einmal hin, assoziierte irgendetwas, das ich noch nicht benennen konnte, suchte das Ge­sicht des Gegenübers auf markante Punkte ab, die meine Erinnerung be­flügeln könnten. Der Mann lä­chelte.
 

„Die Aktion Ries, Frankenthal 1972 und 1973, vielleicht hilft dir das wei­ter.“
 

Ich rätselte noch einige Sekunden, dann war mir schlagartig klar, wer mir gegenüberstand.
 

„Heinz Denecke!?“
 

„Ja, genau der bin ich.“
 

„Hallo Heinz!“ Noch immer war ich ver­blüfft. „Was machst du in dieser Region? Nach dem vor­schnellen Ende unseres Pro­jekts hatte ich den Eindruck, du wolltest irgendwo untertauchen, mutmaßlich ganz weit weg von hier und nie mehr gefunden werden.“
 

„So ungefähr lief das auch. Aber seit einem Jahr lebe ich in Karlsruhe. Hast du et­was Zeit? Wir sollten die Gelegenheit nutzen. Erzählen, wohin uns das Schicksal verschlagen hat. Und wie es jedem von uns in den vergan­genen 13 Jahren ergangen ist.“
 

Ich fand Gefallen an dem Vorschlag, konnte und wollte aber meinen Termin in Darmstadt nicht verschieben.
 

„Ich muss heute Vormittag noch meinen Geschäften nach­gehen; bin immer noch im Verlagsgewerbe tätig und besuche in diesen Wochen wichtige Kooperationspartner und Autoren im Südwesten und Süden. Gegen 11:00 Uhr sollte ich in Darmstadt fertig sein. Wir können uns gern dort in einem Café in der Innenstadt treffen. Noch besser in Fran­kenthal. Dort könnte ich anschließend über die A 61 zurückfahren. Vor acht Jahren bin ich von Dortmund an den Bodensee gezogen, nach Konstanz. Das Ruhrgebiet ist mittlerweile Vergangenheit.“
 

„Frankenthal wäre mir sehr recht, immerhin verbindet uns die Stadt in mehrfacher Weise. Ich bin auf dem Weg nach Mainz, um beim ZDF ein Manuskript persönlich abzugeben und würde am Rhein ent­lang zurück­fahren; Frankenthal läge direkt am Weg. 12:00 Uhr in Fran­kenthal in dem Café auf dem Marktplatz  - wäre dir das recht?“
 

„Ja, machen wir es so.“
 

Noch immer war ich überrascht, aber andererseits ir­gendwie posi­tiv berührt von der Offenheit des alten Be­kannten, der vor fast 14 Jahren schlagartig für wenige Mo­nate in mein Leben getreten und genauso unvermittelt wie­der daraus verschwunden war. Ich verabschiedete mich mit Handschlag von Heinz Denecke und fuhr weiter nach Darmstadt.

 

 

II

 

Auf einer schattigen Bank des Parkfriedhofs hatte ich es mir bequem gemacht. Der Be­such bei dem Darmstädter Geschäftspartner hatte nur knapp eineinhalb Stunden gedauert. Bereits kurz nach 11:00 Uhr hatte ich Frankenthal erreicht.
 

Wie immer, wenn ich die Heimatstadt meiner Mutter gezielt oder zufällig besuchte, ging ich zunächst auf den Parkfriedhof. Der Grab­stein meiner Großeltern war schon sehr verwittert und die Inschrift kaum noch lesbar. Ich rechnete nach: In zwei Jah­ren würde die Belegungszeit abgelaufen sein und die Gruft eingeebnet werden. Dann blieben nur noch alte Fotos als Erinne­rungen an zwei mir sehr wichtige Men­schen. Obwohl das Bild des Großvaters sich eingetrübt hatte, nachdem ich von dessen Haltung im Dritten Reich erfahren hatte. Auch die eigenen Eltern, mit denen ich über ein­einhalb Jahrzehnte hinweg während der Sommerferien Fran­kenthal besucht hatte, waren bereits vor zehn Jahren allzu früh gestorben und konnten keine meiner vielen noch offenen Fragen zu diesem Zweig der Familie mehr beantworten.
 

Bis zum Treffen mit Heinz Denecke blieb noch fast eine Stunde Zeit. Gelegenheit, mir in Erinnerung zu rufen, was mich mit diesem ge­heimnisvollen Mann einmal verband. Auf der Fahrt hatte ich angestrengt nachgedacht und zu meiner Verwunderung kehrte die Vergangenheit nicht nur in Bruch­stücken zurück, sondern lief wie ein Kinofilm vor mei­nem geistigen Auge ab. Ich hatte gar Mühe, mich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren.
 

Es hatte in Bad Dürkheim begonnen, Anfang September 1972. Ich wollte Barbara, meiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau, die Pfalz zeigen. Wollte ihr an typischen Orten illustrieren, was mich während meiner Kinder- und Ju­gendjahre in ähnlichem Maße geprägt hatte wie meine eigent­liche Heimat, das Ruhrgebiet. Also hatten wir uns für eine Woche in Frankenthal ein preiswertes Hotelzimmer ge­nommen und waren von dort aus mit Auto und Bahn durch die Um­gebung gestreift. In Bad Dürkheim fand um diese Zeit im­mer der traditionelle Wurstmarkt statt, das größte Weinfest der Welt. Ursprünglich hatten wir uns einen langen Bummel durch die Bu­denstadt mit ihren Wein- und Imbiss­ständen vorgenommen. Doch nach wenig mehr als einer Stunde verloren wir das Interesse. Der Charakter dieses Volksfestes hatte sich verändert, es war austauschbar ge­worden. Man hätte es auch in Dortmund, Hannover oder Konstanz ze­lebrieren können, ohne dabei viele typische Merk­male auf­geben zu müssen. Des­wegen sonderten wir uns vom Jahr­marktstrei­ben ab und ließen uns mit der Kabinen­seilbahn, deren Tal­station sich am Rande des Festplatzes un­weit der Saline befand, auf den Teufelsstein hoch über der Stadt fah­ren, wo wir die einmalige Aussicht sowohl über das Wurstmarktgelände als auch über Teile der Rheinebene genossen. Übrigens musste diese Seilbahn nur wenige Jahre danach ihren Betrieb einstellen, weil sie ohne ausreichende Baugenehmigungen errichtet worden war.
 

„Man braucht Distanz, um so etwas wirklich genießen zu können“, beklagte ich meine mittlerweile gedämpfte Euphorie, doch statt meiner Freundin bestätigte ein mir unbekannter Mann, der neben mir am Geländer lehnte, diese Feststellung.
 

„Vor zwanzig Jahren“, erzählte der Fremde, „konnte ich vom Wurst­markt gar nicht genug bekommen. Aber damals war ich zehn Jahre alt und fand dort zwischen Buden und Karus­sells altersgemäße Abwechs­lung. Und für meine Eltern war es nach der entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegszeit so, als würden sie für einige Stunden in eine Welt ein­tauchen, die sie sich immer gewünscht hatten, aber nur selten reali­sieren konnten. Doch ich habe den Eindruck, auch Sie trau­ern dem Wurstmarkt vergangener Zeiten nach.“
 

So hatte ich Heinz Denecke kennengelernt und war mit ihm ins Ge­spräch gekommen. Bald stellte sich heraus, dass er in Frankenthal wohnte und so verabredeten wir uns für den nächsten frühen Abend in der „Adamslust“, damals noch kein Gourmet-Restaurant, sondern eine einfache Gaststätte in der Nähe des legendären Pilgerpfads.
 

Barbara mochte nicht mitkommen, sondern zog es vor, sich mit meiner Cousine Elke zu treffen, die aus Berlin, wo sie The­aterwissenschaften stu­dierte, zu einem Besuch ihrer Eltern angereist war.
 

Heinz Denecke war Jahrgang 1942 und somit fünf Jahre älter als ich. 1949 war er mit seinen Eltern, die kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Pommern geflüchtet waren und eine Odyssee durch die westdeutschen Besatzungszonen hinter sich hatten, nach Frankenthal gekommen. Die Familie hatte eine Wohnung im, wie es damals hieß, letzten Haus von Frankenthal an der Wormser Straße nördlich des Fried­hofs bezogen. Heinz hatte nach vier Jahren Volksschule die Friedrich-Schiller-Realschule in der Mörscher Straße besucht; das Schul­geld für das Gymnasium konnten die Eltern nicht aufbrin­gen. Nach der Mittleren Reife hatte er beim Maschinenhersteller KSB, wo sein Vater als Dreher arbei­tete, eine kaufmännische Lehre ab­solviert und noch wäh­rend der Ausbildung in Abendkursen das Abi­tur nachgeholt. Es war sein Traum gewesen, Journalist zu werden. In Heidelberg hatte er Poli­tologie studiert und Praktika bei verschiedenen Zei­tungen in Baden und der Pfalz gemacht. Damals im Sep­tember 1972 war er als »fester Freier« für mehrere Mo­nats- und Wochenschriften tätig und schien gut beschäftigt zu sein.
 

Schon nach dem ersten Wein waren wir zum Du übergan­gen. Aktuell wäre er an einer, wie er sagte, »brandheißen Sache« dran. Es ginge um einen Industriemagnaten aus Frankenthal, dem vorgeworfen würde, mit den Nazis ge­meinsame Sache gemacht zu haben.
 

„Sprichst du von Fritz Ries, dem Chef der PEGULAN-Werke?“, fragte ich.
 

„Genau von dem.“
 

„Ich habe ihn sogar mal kurz kennengelernt, aber das liegt schon viele Jahre zurück", erzählte ich. "Mein Groß­vater, der einen Hand­werksbetrieb, ein Maler- und Innendekorationsgeschäft, besaß, hat regel­mäßig für die „Gummi“, wie wir sie nannten, gearbeitet und auch die Ries-Villa renoviert. Das muss 1957 oder 1958 gewesen sein. Ein guter Freund aus den Jahren, als ich in Frankenthal meine Sommerferien verbrachte, Volker, hatte bereits als Oberstufenschüler über Fritz Ries recherchiert. Sein Artikel in der Schülerzeitung des Gymnasiums endete mit einem Schulverweis.“
 

Heinz Denecke zeigte sich sowohl überrascht als auch hocherfreut. Anschließend war er kaum zu bremsen, als er über seine Recherchen berichtete.
 

„Ich sammele seit Jahren Material über Ries. Ähnlich wie dein Freund Volker interessierte mich schon als Schüler die „Gummi“ und ich habe mich bereits in den 50er Jahren gefragt, warum eine chemische Fabrik in unmittelbarer Nähe eines Wohngebiets angesiedelt werden durfte. Hast du früher, wenn du in Frankenthal zu Besuch warst, nicht auch den stinkenden Qualm gesehen und gerochen, der aus dem hohen Schornstein quoll?“
 

Daran erinnerte ich mich nur zu gut. Wenn ich vom Wohnzimmer meiner Großeltern über die Gärten sah, hinüber zum Anwesen von Volkers Familie und zur Villa Ries, fiel mein Blick automatisch auf den hohen Schornstein der Pegulan, aus dem ständig eine dunkel-graue Wolke kräuselte. Aber die di­rekte Nachbar­schaft von Industrieanlagen und Wohn­gebie­ten war im Ruhrgebiet eher die Regel als die Aus­nahme. Frankenthal war nach meiner Wahrnehmung erheb­lich weni­ger von in­dustriellen Anlagen dominiert als meine Heimat­stadt Dortmund.
 

„Ein Jahr nach der Machtergreifung der Nazis, also etwa 1934, übernahm Ries einen Vulkanisierbetrieb in Leipzig. Ab dem Ende der 30er Jahre, die Nazis hatten den Zweite Weltkrieg bereits vom Zaun gebrochen, ließ er sich Gefangene aus Kon­zentrationslagern und polnische Zwangsarbeiter zutei­len. Aus dem ursprünglich mittelständischen Unternehmen wurde ein Großbetrieb. Zusätzlich eignete sich Ries die Oberschlesischen Gummiwerke sowie einige Walzwerke in Lodz an. Sein erfolgreiches Firmenimperium fußte im We­sentlichen auf Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit. Noch vor dem Einmarsch der Roten Armee 1945 transferierte Ries große Teile seines Geldvermögens in den Westen. Die Fabrik in Sachsen wurde von der sowjetischen Besatzungs­macht ent­eignet, später in einen DDR-Staatsbetrieb umge­wandelt. Nach der Gründung der Bundesrepublik bean­tragte Ries, der den Status eines Vertriebenen für sich in Anspruch nahm, obwohl er aus Saarbrücken stammte, Ent­schädigung für das Werk in Leipzig, die er auch erhielt. Das Geld floss in die PEGULAN-Werke in Frankenthal und in die „Badischen Plastic-Werke“ in Bötzingen am Kaiserstuhl.“
 

„Das war mir im Detail nicht bekannt“, gestand ich ein. „Aber ist das heute noch interessant, schließlich ist der Krieg mehr als 27 Jahre vorüber. Mich persönlich berühren die Ereignisse nach wie vor. Schließlich habe ich eine persönliche Beziehung zu Frankenthal und zu seinen Menschen. Und als Sozialist mit SPD-Parteibuch ohnehin. Aber ist meine Sicht typisch für die der breiten Bevölkerung?“
 

„Der Krieg ist vorbei, aber die Ereignisse sind noch längst nicht aufgear­beitet, es werden sogar wieder schönfärber­ische Legenden gewoben. Und in Frankenthal wird speziell das Thema Ries von einigen gern unter den Teppich ge­kehrt. Denn der Mann verfügt noch über einen erhebli­chen politischen Einfluss. Er ist mehr als gut bekannt mit Minis­terpräsi­dent Helmut Kohl, obwohl er ihn häufiger als nützli­chen Proleten be­zeichnet hat. Marianne Strauß, die Ehefrau von Franz Josef, hält Anteile an PEGULAN und der stellver­tretende Aufsichtsratsvorsitzende heißt Hans Martin Schleyer. Er war lange Zeit Mitglied des Daimler-Benz-Vorstands und wird vermutlich im nächsten Jahr zum Präsidenten des Arbeitgeberver­bands gewählt werden. Schleyer ist Studien­freund und Korpsbruder von Fritz Ries. Und war ebenso wie dieser Mit­glied der NSDAP. Außerdem war er in der SS.“
 

Ich unterbrach den Redeschwall meines neuen Be­kannten.
 

„Ich habe mich immer gewundert, warum mein Großvater, der Malermeister Philipp Hahn, regelmäßig Aufträge von der „Gummi“ erhielt. Warum beauftragt ein so großes Unter­nehmen einen kleinen Krauter? So um 1964 herum, als er bereits sehr krank war, habe ich ihn mal darauf angesprochen. Er hat das damit begründet, dass er und sein Sohn, der den Betrieb seit 1962 führt und ihn umstrukturiert hat, in Frankenthal als mehrfach ausge­zeichnete Sportschwimmer sehr bekannt gewesen wären. Das hätte ihnen manchen Auftrag beschert. Im Gegen­satz dazu sprach mein Vater vom „braune pälzer Lumbechores“, das eben auch nach dem Krieg zusammengehalten hätte. Trotz dieses un­geklärten Zwiespalts habe ich meinen Groß­vater als einen herzensguten Menschen erlebt.“
 

„Und das ist die Tragik“, Heinz Denecke nahm den Faden wieder auf. „Viele freundliche Familienväter haben in die Nazis große Hoffnungen gesetzt und später, als deren wirkli­che Absichten nicht mehr zu überse­hen waren, nicht den Mut besessen, zu widersprechen. Manch einer stimmte so­gar mit der faschistischen Ideologie von Anfang an völlig überein. Weißt du sonst noch etwas über die politischen Überzeugungen und Aktivitäten deines Großvaters?“
 

„Konkret nichts. Mein Vater, der im letzten Kriegsjahr als Soldat in der Umgebung Frankenthals stationiert war, er­zählte mir, dass ihm das gute Verhältnis meines Großvaters zum protestantischen Pfarrer aufgefallen wäre. Dieser Pfar­rer Eicher stand den Nazis sehr nahe. Er hat übrigens meine El­tern 1946 getraut.“
 

„Preiß, du verfügst über echte Insider-Kenntnisse. Ich lasse jetzt mal die Hosen runter und mache dir einen Vor­schlag.“
 

Heinz Denecke sprach jetzt leiser, obwohl es in der engen und überfüllten Kneipe ziemlich laut war und niemand von uns Notiz nahm. „Ich arbeite an einem Dossier über Ries und seinem gesellschaftliches Umfeld. Diese Dokumenta­tion wird in ein Sachbuch einfließen, das ein bedeutender Schriftsteller in spätestens zwei Jahren ver­öffentlichen will. Ein Vorabdruck erscheint in einer Zeit­schrift, für die ich arbeite. Falls du über Material verfügst und es mir zur Verfügung stellst, soll es nicht zu deinem Schaden sein.“
 

„Mein Großvater ist tot, er starb im März 1968. Meine Großmutter bereits 1962, doch sie war ab­solut unpolitisch. Meine Mutter hielt sich bis jetzt völlig be­deckt, aber ich habe den Eindruck, nicht, weil sie etwas zu verbergen hätte, sondern weil sie sich um ihren Vater sorgte. Und mein Vater, der noch am ehesten etwas Objek­tives beitra­gen könnte, ist schwer erkrankt und häufig ver­wirrt. Mein Onkel Philipp, der Bruder meiner Mutter, lässt sich auf nichts ein, was die Kriegs- und Vorkriegszeit betrifft, er mag davon nichts mehr hören. Und die Schwester meiner Mutter, Charlotte, die flotte Lotte, wie sie mein Vater nennt, die ich sehr mag, kokettiert wiederholt mit ihrer ge­schei­terten Entnazifizierung und mit dem angeblichen Streit, den sie mit dem französi­schen Offizier in der Spruchkammer geführt hätte. Dieser Offizier wäre ein Frankenthaler Jude gewesen, der Ende der 30er Jahre noch nach Frank­reich hätte fliehen können und sich dort dem Widerstand an­geschlossen habe. Aber ich kann versuchen, das, was ich herausbekomme, zusam­menzu­stellen. Als Medienfachmann weiß ich ja ungefähr, auf was es bei solchen Dossiers an­kommt.
Und ich stehe immer noch in Kontakt zu Volker, der unlängst das Studium der Politologie abgeschlossen hat und zurzeit bei der WAZ in Essen als Volontär arbeitet.“
 

Heinz Denecke war begeistert. Wir einigten uns auf einen ungefähren Terminplan für die Zulieferung von Dokumenten und verabredeten ein Treffen spätestens im Frühjahr 1973 in einer Stadt im zentralen Ruhrgebiet, in Essen oder Dort­mund. Danach ließen wir es gemütlich angehen und er­zählten uns Geschichten aus dem Frankenthal der 50er und 60er Jahre. Später stimmten wir gemeinsam mit anderen weinseligen Gästen das Fran­ken­thaler Lied vom „schäne Kaal“ an. Es war schon Mitter­nacht vorbei, als ich mich mit dem Taxi ins Hotel zurückfahren lassen musste. Ich war sowohl voller Zuversicht als auch voll des sprichwörtlichen süßen Weins, den in grö­ße­ren Mengen zu trinken ich nicht gewohnt war. Noch am gesamten nächs­ten Tag musste ich einen »Kater« ausku­rieren.
 

Als Barbara und ich einige Tage später nach Dortmund zurückfuhren, war der Stellenwert, den ich dem Projekt beimaß, jedoch schon ziemlich gesunken. Aber weil ich ein orden­tlicher, manchmal gar penibler Mensch bin, legte ich eine Akte an und verfasste auch eine kurze Projektbeschreibung.
 

Doch dabei blieb es zunächst. Erst im Januar 1973 raffte ich mich auf und besuchte, weil ich beruflich in Mannheim und Heidelberg zu tun hatte, mehrere Male die Frankenthaler Verwandt­schaft, um sie in der besagten Sache zu befragen. Auch mit Volker traf ich mich deswegen mehrere Male in Essen. Im Hinblick auf zu erwartende neue Erkenntnisse war er skeptisch, begrüßte aber Deneckes Initiative. Man könnte gar nicht genug unternehmen, um die Vergangenheit transparent zu machen. Lediglich einer Begegnung mit Heinz Denecke zu diesem Zeitpunkt stand er ablehnend gegenüber. „Journalisten sollten sich lieber aus dem Weg gehen, wenn sie in unterschiedlichen Kanälen einer Sache auf die Spur kommen wollen. Wenn die Recherchen abgeschlossen sind, können wir gern mal zusammenkommen. Am liebsten in Frankenthal.“

 

 

III

 

Ich sah auf die Uhr, es war 11:45 Uhr. Meine Gedanken und Erinnerungen hatten mich für eine halbe Stunde der Wirklichkeit entrissen. Ich erhob mich und spazierte langsam zum Seitenausgang des Friedhofs an der Mörscher Straße, direkt neben der Schiller-Schule. Als ich beim Denkmal für die bayerischen Kämpfer Napoleons an­gekommen war, blieb ich kurz stehen. Hier hatte ich als Junge während der Sommerferien wiederholt im Gras gesessen und immer wieder voller Bewunderung den Krie­gerhelm an­gestarrt, der den Steinquader krönte.
 

Nachdem ich den Friedhof verlassen hatte, wählte ich einen kurzen Umweg durch die Linden­straße, vorbei am Geburts­haus meiner Mutter, das noch genau so aussah wie in den 50er Jahren und in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erbaut worden war. Dann hielt ich mich auf dem Foltzring in Richtung Wormser Tor und ging gemüt­lich und Blicke in die Läden wer­fend über die Wormser Straße zum Markt­platz. Draußen vor dem Café waren noch mehrere Ti­sche frei, ich wählte einen, von dem ich einen besonders guten Blick hin­über zum Rat­haus hatte. Es war fünf Minuten vor 12 Uhr und obwohl Heinz Denecke noch nicht da war, be­stellte ich bereits et­was für mich: ein Kännchen Kaffee und ein Stück Herren­torte. Herrentorte und Kaffee gehörten für mich zu einem Café-Besuch dazu.
Interessiert verfolgte ich das Treiben auf dem Platz, den ich noch als eine ampelgeregelte belebte Straßenkreuzung kannte. Das war lange her, mehr als 25 Jahre.
 

Heinz Denecke schien sich zu verspäten, es war mittler­weile 12:15 Uhr. Wieder ging ich meinen Gedanken nach, war im April 1973 angelangt, als wir uns im Drehres­taurant des Dortmunder Fernsehturms getrof­fen hatten. Ich hatte eine Kanzleimappe mit engbeschriebenen Blättern mitgebracht, die Resultate von ausführlichen Interviews, die ich mit den Frankenthaler Verwandten, meinen Eltern und Volker während des letzten Vier­teljahrs geführt hatte.
 

Zur Person von Fritz Ries gab es tatsächlich keine neuen Erkenntnisse. Zu Men­schen, mit deren Arbeit er zufrieden war, pflegte er offensichtlich ein höfliches, aber distanziertes Verhält­nis, mit Nichtskönnern gab er sich erst gar nicht ab. Und auch nicht mit Leuten, die nicht in sein politisches Weltbild passten. In der CDU unterstützte er erkennbar die Reformer, die von Helmut Kohl, aber auch von dem jungen Bo­chumer Wirt­schaftsprofessor Kurt Biedenkopf repräsentiert wurden und die ein Gegengewicht zu dem einst von Adenauer begründeten katholisch-klerika­len Flügel bildeten. Allerdings wurde an den ordnungspolitischen Grundüberzeu­gungen, sprich an der kapitalistischen Ausrichtung der Bundesrepublik und ihrer Einbettung in den Westen, nicht gerüt­telt.
 

Mein Malermeister-Onkel, Philipp Hahn jun., hatte mich auf langes Bit­ten hin mit den oben erwähnten Informationen versorgt. Deren Quellen waren nicht nur seine geschäftlichen Beziehun­gen zur „Gummi“, sondern auch der Frankenthaler Stadtrat, dem er als FDP-Fraktionsmitglied angehörte.
 

Für mich aber waren noch ganz andere Vor­gänge im Verlauf der familieninternen Recherchen inte­ressant und erstmals bekannt geworden. Und die be­trafen die evangelische Kirche. Die schien sich in der Pfalz mit dem Wechsel zum demokra­tischen Staat sehr schwergetan zu haben, weil überdurch­schnittlich viele Pfarrer Mitglied der NSDAP gewesen waren und dies allem Anschein nicht nur aus opportunistischen Gründen. Nationalismus, theologischer Antijudaismus und schlichter Rassismus waren in dieser Berufsgruppe allem Anschein nach weit verbreitet. Pfarrer Eicher schien dafür ein typisches Beispiel gewesen zu sein.

Hier waren die Aussagen von Onkel, Tante, Mutter und Va­ter sehr auf­schlussreich gewesen und deckten sich im We­sentlichen.
Meine investigative Arbeit enthielt außerdem eine Liste mit lokalen Zeitzeu­gen, die gegebenenfalls noch von Jour­nalisten professionell zu befragen gewesen wä­ren.
 

Heinz Denecke hatte zu dem Treffen einen Kollegen na­mens Egon Eyermann mitgebracht, der wenig sagte, aber sehr genau zuhörte und immer wieder in meiner Mappe blätterte und Deneckes Rohmanu­skript mit meinen Texten verglich.
Das Arbeitsessen hatte fast vier Stunden gedauert und wir waren schließ­lich übereingekommen, uns spätestens Mitte Juli 1973 in Frankenthal wieder zu treffen, um dort letzte re­daktionelle Änderungen am gemein­samen Manuskript vor­zunehmen. Dann sollte auch ein Vorschuss für mich fließen, mindestens 1.000 DM. Über den politischen Schriftsteller, der sich schlussendlich des Themas annehmen wollte, be­wahrten die beiden Redakteure noch Stillschwei­gen.
 

Tatsächlich hatten wir uns am 18. Juli im Hotel gegenüber dem Bahnhof in Frankenthal getroffen, allerdings ohne Egon Eyermann, und ich erhielt eine vorläufige Ausfertigung der Dokumentation, die zumindest op­tisch allen Regeln der journalistischen und verlegeri­schen Zunft entsprach. Außerdem als Abschlagszahlung einen Verrechnungsscheck über 1.400 DM. Ich sollte das Manu­skript bis Mitte August prüfen und insbe­sondere auf die inhaltlich korrekte Wiedergabe der von mir eingebrachten Inter­views achten. Voraussichtlich würde das Buch im Frühjahr 1974 erschei­nen, ein Erscheinen zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 1973 sei nicht mehr zu realisieren, weil alle Fakten noch juristisch abge­klärt werden müssten. Fritz Ries galt als Prozess-Hansel und deswegen wäre Vorsicht angebracht.
 

Mit einem guten Gefühl und mit Stolz auf meinen eigenen Bei­trag verab­schiedeten wir uns. Bereits zwei Wochen später übersandte ich Heinz Denecke die Korrektur (der Scheck war wenige Tage nach der Einreichung gutgeschrieben worden) und wartete auf weitere Nachrichten. Doch die trafen nicht ein. Denecke meldete sich nicht mehr. Briefe, die ich ihm im September und Oktober an die Fran­kenthaler Ad­resse in der Elisabethstraße sandte, kamen als unzustellbar mit dem Vermerk "Empfänger unbekannt ver­zogen" zurück. Auch sein Telefonan­schluss war abgemeldet worden. Volker versuchte daraufhin auf meine Bitte, etwas in Erfahrung zu bringen. Doch außer einer Erwähnung im Vorjahres-Kalender des Deutschen Journalisten-Verbands samt einer Auswahl der Medien, für die er damals tätig gewesen war, fand er nichts heraus.
 

Im Jahr 1974 veröffentlichte Bernd Engelmann einen Doku­mentarroman mit dem Titel „Großes Bundesverdienstkreuz“, der heftig angefeindet wurde und gegen den Fritz Ries er­folglos vor Gericht zog. Ich be­sorgte mir ein Exemp­lar des Buches, dessen Fakten den gemeinsamen Recher­chen von Denecke und mir entsprachen, das aber keinerlei Ähnlichkeit mit der Diktion unserer Dokumenta­tion aufwies.
 

Ende Juli 1977, ich hatte die Episode mit Heinz Denecke schon fast vergessen, meldete die Frankfurter All­gemeine Zeitung den Tod von Fritz Ries, der sich am 20. Juli das Leben genommen hatte. Offenbar hatte ihn die schwie­rige wirtschaftliche Lage seines Unternehmens dazu veran­lasst. Die PEGULAN-Werke konnten mit Hilfe eines Investors sa­niert werden und firmieren seither unter dem Namen TARKETT.
 

Nachdem es mittlerweile 13:00 Uhr geworden war, wurde ich unruhig. Keine Spur von Heinz Denecke. Ich erkundigte mich bei der Kellnerin, ob möglicherweise eine telefonische Nachricht für mich hin­terlassen worden wäre. Aber es hatte niemand nach mir verlangt. Ich zahlte und spazierte über den Marktplatz, ging bis zur Zwölf-Apostel-Kirche, von dort bis zum Speyerer Tor und über die Speye­rer Straße wie­der zurück zu dem Pavillon, in dem sich das Café befand. Aber Denecke war weder erschienen noch hatte er telefonisch etwas ausrichten lassen.
 

Ich genehmigte mir noch einen Espresso, dann kehrte ich zu mei­nem Wagen zurück, den ich im Schlacht­hausweg neben dem Friedhof abgestellt hatte und machte sich auf den Rückweg nach Konstanz. Gegen 17:00 Uhr traf ich in unserer Wohnung ein, Barbara erwartete mich bereits. Aufgewühlt er­zählte ich ihr von den Ereignissen die­ses außer­gewöhnlichen Tags. Weder meine Frau noch ich konnten sich einen Reim auf Heinz Deneckes Verhalten machen. Es glich dem vom Spät­sommer 1973, als er plötzlich untergetaucht und unauffindbar ge­worden war.

 

 

IV

 

Am 8. Juli 1992, ich lebte bereits seit über fünf Jahren in Frankfurt am Main, erhielt ich einen Brief der Staatsanwalt­schaft Karlsruhe. Bei der hatte sich ein Mann namens Heinz Denecke, wohnhaft in Ettlingen bei Karlsruhe, selbst angezeigt und sich der Tätig­keit für den Staatssicherheitsdienst der früheren DDR bezichtigt. Zu den Personen, die er geschädigt haben wollte, gehöre auch ich.
In dem Schreiben wurde ich aufgefordert, einen beiliegenden Fra­gebo­gen ausgefüllt zurückzusenden. Darin wurde nach den Terminen gefragt, an denen es Kontakte zu Denecke ge­ge­ben hatte. Und zu den Inhalten der als privat, geschäftlich oder politisch einzustufenden Kontakte. Ich nannte die Treffen und die Anlässe, letztere bezeichnete ich als private Studien zur Familiengeschichte und verwies auf weitere Recherchen, die ich seither im Frankenthaler Stadtarchiv mit Wissen des Archivleiters angestellt hatte.
 

Etwa zur gleichen Zeit berichteten mehrere Zeitungen, dass ein ehemaliger hochrangiger Stasi-Offizier zugegeben hätte, dem Schriftsteller Bernt Engelmann Material für dessen zeit­kritische Romane und Dokumentationen übergeben zu ha­ben. Allerdings konnte ein Beweis für diese Behauptung nicht erbracht werden.
 

Das Verfahren gegen Heinz Denecke wurde eingestellt, nachdem dieser einen Strafbefehl in nicht genannter Höhe akzeptiert hatte. Bei dem Prozess spielten die journa­listi­schen Recherchen, die er über Ries, Schleyer, Kohl und evangelische Würdenträger angestellt hatte, keine Rolle; denn sie waren weder der Form noch dem Inhalt nach straf­bar gewesen. Stattdessen ging es um Deneckes Verbindung zur Abteilung „Agitation und Propaganda“ bei der FDJ-Be­zirksleitung Leip­zig. Volker, den ich eingeschaltet hatte, fand heraus, dass es dort von 1966 bis 1979 einen Egon Eyermann als hauptamtlichen Mitarbeiter gegeben hatte.
Volkers jour­nalistische Kollegen hatten denn auch gemutmaßt, dass Denecke mit seiner Selbstanzeige einer Enttarnung durch die Stasi-Unterlagen-Be­hörde zuvorkommen wollte. Man konnte ihm jedoch lediglich vorwerfen, für DDR-Behörden gearbeitet zu haben. Nachteile, die andere dadurch erfahren hätten, ließen sich nicht nachweisen.
 

Nach Auskunft der Zeitschriften, Sender und Agenturen, für die er jahrelang tätig gewesen war, soll er sich nach Abschluss des Prozesses nach Frankreich abge­setzt haben und in der Nähe von Dôle, in der Region Franche-Comté, ein kleines Hotel be­treiben.
 

Das schien das letzte Kapitel einer merk- und denkwürdigen Folge von Begegnungen gewesen zu sein. Eines Kapitels, durch das mir klar wurde, dass man immer und überall und auf irgend­eine Weise Teil der politischen Ver­hältnisse ist. Egal ob man sich beteiligt oder unge­fragt be­teiligt wird. Ob man Täter oder Opfer oder womöglich beides werden könnte oder geworden ist.