Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

KulturNachrichten

Pfauenauge

Ein neues Gedicht von Ernst Hilmer

flattere ohne Ziel und ohne Schwere,
lass schaukeln dich im Sommerwind.
mit weichem Schlag der Flügel
lass dich nieder wie im Spiele
trunken in den Duft der Blütenmeere.

Leichtfuß, der du ohne Mundschutz fliegst,
trinkst in der Pest aus tausend Kelche
und kein Gebot des Abstands kümmert dich.
Zart und verletzlich wie du bist
Täuscht du den Feind mit Trug und List.

Erinnerst dich
wie`st früher
vege-tiert
im Wohlstand
nur geschwelgt
gehaust
geraupt
gefuttert
und verdaut
das Dunkle
nur gesucht
das Sonnenlicht
gescheut?

Bevor die Welt ward öd und kahl gefressen
sagst du stopp - und gingst in Quarantäne
drei Wochen Fasten, Sammlung, In-sich-gehen,
entpuppst, entfaltest und erschaffst dich neu
auf wunderbare Weise,  in ein göttlich Wesen.

Falter lieb, bedenk, dein wahrer Feind der liebt das Geld,
der Mensch, den schreckt dein Pfauenauge nicht,
und kein Mäzen bezahlt für deine Sonnenflügelkunst.
Im Anthropozän die stählern Raupen dulden nicht
deine Nesselbrut auf leerem unbestellten Feld.


© Ernst Hilmer, Mai 2020