Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Kalenderblatt vom 12. September

Zusammenführen, was zusammen gehört

Ruinen des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos (c) hr2

So sehen Verlierer aus: Am Körper zerschlissene Kleidung aus der Altkleidersammlung. In einem Beutel die letzten verbliebenen Habseligkeiten. Drumherum verbrannte Erde, verkohlte Gerüste von Zelten und Hütten, Baumstämme, die aus Aschehügeln hervorragen. Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos wurde niedergebrannt. Ob von Flüchtlingen oder Einheimischen bleibt letztlich unerheblich. Wer ins Elend gepresst wird, sinnt nach Befreiung, nach einem Befreiungsschlag. Auch der Anblick fremden Elends, das Tag um Tag näher an die eigene bescheidene Existenz heranrückt und bedrohlich anmutet, u.a. auch wegen Corona, vermag irrationales Handeln auszulösen. Die Geflüchteten haben ihr Schicksal so wenig selbst verursacht wie die, denen sie vor die Haustüren gesetzt wurden. Hier, an einem der schwächsten Flanken der Europäischen Union, entstand ein Ort des Verderbens und der Hoffnungslosigkeit.
 

Die eigentlichen Brandstifter sitzen mehr oder weniger weit entfernt. Für den türkischen Diktator Erdogan, der die Schleusen aus Kalkül oder unter dem Druck der übervollen Lager in seinem Land geöffnet hatte, sind die Unglücklichen so etwas wie Verfügungsmasse im Poker mit der EU. Im Krieg bezeichnet man die solcherart verheizten Soldaten und Zivilisten als Kanonenfutter. Aber offenbar befindet man sich im Krieg. Mit Warlords wie Assad in Syrien, mit der Herrscherclique in Saudi-Arabien, mit den Erben Gaddafis in Libyen, mit den Hinrichtungsfanatikern im Iran, mit Taliban-Schergen in Afghanistan und mit islamistischen Banden. Und nicht zuletzt mit deren Hintermännern. In den arabischen Emiraten werden Gedankenspiele über eine Neuordnung der Region angestellt und gezielt solche Kommandeure unterstützt, von deren Erfolgen (sprich: Grad an Menschenvernichtung) man profitieren könnte. Vor allem in Moskau und Washington werden im geopolitischen Selbstermächtigungssandkasten Fähnchen gesteckt, Opfer aussortiert, Eroberungen markiert und die Fäden neu gezogen.
 

Die Zuschauer dieses Kontinente übergreifenden Monopolys sitzen in Berlin, Paris, Warschau, Wien, Budapest und Brüssel. Sie verhalten sich nicht teilnahmslos, sondern verfolgen Eigeninteressen. Nichteingreifen und Duldung gehören gleichermaßen zu ihrer Strategie. Die Staaten an der westlichen Grenze Russlands hängen Überfremdungsängsten an und befürchten außerdem, ein Opfer der neuen russischen Zaren zu werden. Die Regierungen in Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden fürchten sich vor einer weiteren Stärkung der rechtsextremen Parteien, hervorgerufen durch neue Flüchtlinge, die ins Land gelassen werden. Die Europäische Kommission hingegen hat sich noch nicht entschieden, ob die Gemeinschaft lediglich auf wirtschaftspolitischen Fundamenten steht oder zumindest im gleichen Maß auch auf ethischen Grundüberzeugungen fußt.
 

In Frankfurt am Main, dort, wo ich lebe, haben sich erschreckend viele der Kriegsgewinner niedergelassen, haben das Vermögen, was sie ihren Völkern gestohlen haben, investiert. Bevorzugt in Luxusimmobilien. Ihre Nachbarn kommen häufig aus dem Geldwäschermilieu. Gleich und gleich gesellt sich erfahrungsgemäß gern. Die Luxuswohnungen stehen zum Teil sogar leer, schließlich besitzt man noch in anderen Metropolen der Welt entsprechende Räumlichkeiten und kann wechseln.
 

Da wäre es doch naheliegend, Verlierer und Gewinner zusammenzuführen. Damit sie sich die Wohnungen teilen, welche die einen im Überfluss besitzen und die anderen in diesem Leben sonst nie beziehen könnten. Eine entsprechende PR-Kampagne zur Mobilisierung der öffentlichen Meinung, an der sich der Frankfurter Oberbürgermeister und sein Planungsdezernent beteiligten, erscheint mir als der beste Weg zum Erfolg.

 

Das „Kritische Tagebuch“ wird geführt von Klaus Philipp Mertens