Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Kalenderblatt vom 7. September 2020

Genderifizierung am Beispiel der „Frankfurter Rundschau“

Satirisches Weiterdenken. Die Frankfurter Rundschau ist nicht nur weiblich, sondern auch männlich © FR und Medien-RedaktionsGemeinschaft

Sprache muss bei richtiger Anwendung die Tatsachen wiedergeben. Und die sind in der Regel komplex. Folglich bedeuten sprachliche Verkürzungen und der Verzicht auf höchstmögliche Präzision eine unzulässige Vereinfachung und damit eine Reduktion der Wirklichkeit. Das ist von den Vereinfachern beabsichtigt. Vor allem dann, wenn es um die Rechtfertigung von Herrschaft über andere, um Geschichtsklitterung und um die Deutungshoheit von Ereignissen geht.
 

Das Besondere der Sprache ist, dass sie sich fortentwickelt durch gesellschaftlichen Wandel und die Übernahme von Worten und Begriffen aus anderen Sprachen. Letzteres vor allem dann, wenn hinreichend exakte Beschreibungen nicht aus der eigenen Sprachentwicklung ableitbar sind. Das schließt Willkürlichkeit aus. Der Maßstab ist die verbindlichen Berücksichtigung der sprachlichen und grammatikalischen Wurzeln und deren bisherige Entwicklung.
 

So ist beispielsweise die feministische Theologie daran gescheitert, dass sie eine Bibel in gerechter Sprache forderte. Ihre Verfechterinnen haben bewusst darüber hinweggesehen, dass eine Schriftensammlung, die innerhalb von ca. 3000 Jahren entstanden ist, nicht vereinheitlicht werden kann, weil sie andernfalls Substantielles verliert. Sämtliche Gottesbilder, alle Gleichnisse über das Verhältnis Götter/Gott – Mensch, die unterschiedlichen Erzählungen über den Ursprung der Welt und der Menschheit und nicht zuletzt die weit auseinandergehenden Vorstellungen von einem irdischen oder einem jenseitigen Paradies sind nur als zeitgebundene Sinnbilder zu verstehen. Die Aufeinanderfolge von nicht korrigierten Widersprüchen dokumentiert nach dem Willen der alttestamentlichen Redakteure den dynamischen Charakter dieser Glaubenszeugnisse. Die erste Phase dieser Redaktion setzte um 515 v. Chr. nach dem babylonischen Exil ein, die zweite bei der Festlegung des endgültigen Kanons auf der Synode in Jawne, 100 n. Chr.
 

Um die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit darzustellen, bedarf es keiner „gerechten“, sondern ausschließlich einer sehr genauen Sprache. Die beschriebenen Verhältnisse müssen ausdifferenziert sein, um Recht und Unrecht eindeutig und ohne Möglichkeit zur Einseitigkeit und Instrumentalisierung zur Sprache bringen zu können.
 

Der Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“ kündigt auf der Titelseite vom 5. September an, dass die Zeitung zu einer Gendersprache übergeht. Dabei lebt dieses Blatt, das im August sein 75-jähriges Bestehen feierte, vom Nimbus einer linksliberalen Gesinnung. Und sie muss alles daran setzen, dass dieser Nimbus nicht zur verklärten Vergangenheit verkommt, sondern täglich unter Beweis gestellt wird. Dazu bedarf es keiner so genannten gendergerechten Sprache, die sich zunehmend als weltanschauliches Instrument erweist. Denn bei jenen, die sie mit unterschiedlicher Akzentuierung anwenden, sind die Ziele deutlich feststellbar. Die Lebenswirklichkeit soll gezielt verwischt werden, um von den tatsächlichen Problemen und Herausforderungen abzulenken.
 

In der deutschen Sprache haben sich Oberbegriffe entwickelt, deren grammatisches Geschlecht teils männlich, teils weiblich, teils sächlich definiert ist. Es gibt den Staat, die Welt, die Zeitung, das Magazin oder den Alltag. Bei notwendiger Konkretion wird auf das Geschlecht des betroffenen Menschen abgeleitet. Beispielsweise auf den Staatsbürger, die Staatsbürgerin, den Weltbürger, die Weltbürgerin, auf den Kanzler oder die Kanzlerin. Wenn ich die Leser einer Publikation im Auge habe, weiß ich, das diese sich aus Männern, Frauen und auch Kindern zusammensetzen. Selbstverständlich kann ich von vornherein Leser und Leserin schreiben und sprechen. Hingegen vermag ich das synthetische Gebilde Leser:in (Leser*in) bereits nicht mehr sprechen, ohne dabei beim Zuhörer den Eindruck einer Sprechbehinderung oder einer legasthenischen Schwäche hervorzurufen.
 

Bezogen auf die „Frankfurter Rundschau“ sei an eine alte Journalistenweisheit erinnert: Ein Fehler muss konsequent begangen werden, dann besitzt er das Zeug zum besonderen Akzent. Will heißen: Wenn schon „gendern“, dann bitte richtig falsch. Also „Frankfurter Rundschau:schauer“. Und falls sich sämtliche Redakteure und Redakteurinnen künftig auf die wesentlichen Dinge bei Berichterstattung und Kommentierung konzentrieren, wird der Kasten „Sorry“ mit den nachträglichen Verbesserungen überflüssig. Und das „Gendern“ unterbleibt automatisch, weil es unproduktive Zeit kostet.

 

Das kritische Tagebuch
Geführt von Klaus Philipp Mertens
Eine Kolumne in www.weltexpresso.de
und www.bruecke-unter-dem-main.de