Das kritische Tagebuch

Die Regierung hat Corona im Griff

Oder doch nicht?

Vector, danach mRNA (c) BR

Am letzten Sonntag hatte ich mich hinsichtlich Covid-19 deutlich sicherer gefühlt. Doch vier Tage nach meiner zweiten Impfung mit AstraZeneca empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Kreuzimpfung, von deren Unbedenklichkeit und Wirksamkeit sie bislang nicht überzeugt war. Aber die DELTA-Variante des Virus macht offensichtlich geänderte Maßnahmen notwendig. Das löst Verunsicherung bei den vollständig Geimpften aus, die überwiegend keine andere Wahl als AstraZeneca hatten. Und sie scheint Hausarztpraxen und Impfzentren vor große Organisationsprobleme zu stellen. Einschließlich der tatsächlichen Verfügbarkeit der Vakzine.
 

Nun befindet sich wissenschaftliche Erkenntnis ständig im Fluss. Was gestern allgemein anerkannt war, kann bereits heute zumindest nicht mehr der letzte Stand der Dinge sein. Wobei ich bei der Stiko den Eindruck gewonnen habe, dass sie sich ständig in einem selbstgewählten Labyrinth verirrt und dabei nicht den Ausgang zur Öffentlichkeit findet.
 

Richtig verärgert bin jedoch über den gesamten gesundheitspolitischen Kontext. Trotz DELTA und zunehmender Zweifel an der Wirksamkeit des Vektor-Impfstoffs bei besonders aggressiven Virusmutanten floriert der Tourismus. Nicht nur der in die EM-Stadien. In den Touristenzentren der beliebten Urlaubsländer steigen die Chancen, sich mit eingewanderten Viren aus aller Herren Länder anzustecken. Und diese Urlaubssouvenirs danach in die Heimat mitzubringen. Wer sich hingegen in Deutschland an die Impfreihengefolge gehalten hat, könnte der Dumme und möglicherweise bald ein Opfer sein.
 

Die Ministerpräsidenten der Bundesländer streiten sich derweil über Kontrollen an Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen und kommen mehrheitlich nicht zu Ergebnissen, die der Lage gerecht werden. Was qualifiziert eigentlich für dieses Amt? Etwa fünf vergebliche Versuche, den Hauptschulabschluss zu schaffen? Und anschließend ein Funktionärskurs beim DBG oder ein Praktikum in einem CDU-Kegelklub?
 

Christian Lindner, der der Lobbyistenvereinigung FDP vorsteht, beschwört in jeder Talkshow, die ihm mangels Alternativen Einlass gewährt, die Freiheit des Menschen, darunter auch jene, gegen die eigenen objektiven Lebensinteressen zu handeln. Er und seine Freunde wären glaubwürdiger, falls sie jedem, der ausschließlich mit AstraZeneca geimpft wurde, pauschal 100.000 Euro als symbolische Wiedergutmachung überweisen würden.
Man muss eben den herrschenden Verhältnissen ihre eigene Melodie vorspielen. Wo ich das abgeschrieben habe? Nicht bei Annalena Baerbock! Der grünen Kanzlerkandidatin ist das Problem noch nicht bekannt.
 

Das "Kritische Tagebuch" führt Klaus Philipp Mertens