Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Das kritische Tagebuch

Der Vorhang bleibt geschlossen

Und alle Fragen sind offen

Zuschauerraum des Schauspiels Frankfurt (c) Städtische Bühnen / Öffentlichkeitsarbeit

Die Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main werden erst im April wieder öffnen.Vorausgesetzt, das Infektionsgeschehen lässt das zu. Der Jahresbeginn 2021 habe nicht die erhoffte Entspannung gebracht, so Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Die Kulturinstitutionen bräuchten jedoch Planungssicherheit und könnten den Spielbetrieb nicht von Monat zu Monat anpassen. Schauspiel und Oper würden jedoch auch im Lockdown ein kostenloses Online-Angebot präsentieren.
 

Dem passionierten Theaterbesucher wird das nur ein schwacher Trost sein. Zumal sich seit dem Beginn der Corona-Pandemie weitere Fragen stellen. Nämlich nach umfassender Hygiene im Rahmen der notwendigen Schutzmaßnahmen – also „AHA plus L“. Schließlich wird die gesamte Anlage von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung als Ruine eingestuft, deren Sanierung fast so teuer wäre wie ein Neubau. Insbesondere der für Bausachen zuständige Stadtrat Jan Schneider (CDU) macht sich für die Neuerrichtung stark, allerdings auf einem Areal am Osthafen. Schneider, der politischen Beobachtern als Vertreter der Spekulantenszene im Magistrat gilt, erntet dafür relativ wenig Widerspruch von Kulturdezernentin und SPD. Wenn man vom Streit über den künftigen Standort des Theaters absieht.
 

Eine Kuriosität am Rande: Der Leiter der Stabsstelle für den Neubau war auch maßgeblich an der Planung der Neuen Altstadt beteiligt. Bei der Erarbeitung dieses Konzepts war jedoch eine Kleinigkeit vergessen worden. Nämlich der Bau öffentlicher Toiletten. Eigentlich unverzeihlich bei einem Gebäude-Ensemble, das als weiterer touristischer Magnet der Mainmetropole vorgesehen war und bis zum Ausbruch von Corona auch Massen anlockte.
 

Allein dieses Versehen legt nahe, nach einem Hygienekonzept in der vermeintlichen Theaterruine zu fragen. Vor allem hinsichtlich getrennter Be- und Entlüftung. Seit die Virologen dem Schutz vor Aerosolen, den Transporteuren von Covid-19-Viren, einen besonders hohen Stellenwert zumessen, ist das eine grundsätzliche Anfrage an sämtliche Veranstalter, die auf Zuschauerräume aller Art angewiesen sind. In Frankfurt sogar mit besonderem Nachdruck, denn die technische Infrastruktur von Schauspielhaus und Oper ist laut mehreren Gutachten in einem maroden Zustand. Und müsste von Grund auf erneuert werden. Bereits seit längerem wird improvisiert statt saniert. Sanierung ist jedoch nicht angesagt, weil ja abgerissen und neu gebaut werden soll. Bis zur Eröffnung der neuen Spielstätten soll den Zuschauern offensichtlich viel zugemutet werden. Durch Corona und die entsprechenden Schutzmaßnahmen spitzt sich die Situation weiter zu. Wie reagieren Intendanz und Dezernentin darauf?
 

Mitte Oktober des letzten Jahres hatte ich exakt diese Frage der Pressestelle des Schauspiels vorgelegt. Bereits nach wenigen Tagen, am 21.Oktober, erhielt ich diese Antwort:
 

„Zu Ihrer Frage nach der Belüftung können wir Ihnen mitteilen, dass ein Teil der Kälteanlage, die u.a. auch das Große Haus versorgt, letztes Jahr erneuert wurde, da ein Ausfall dieser Anlage Vorstellungsabsagen zur Folge gehabt hätte. Daher ist diese Anlage auf dem aktuellen Stand der Technik.
 

Aufgrund der Corona Pandemie wurde diese Anlage neu programmiert und versorgt den Zuschauerraum nun mit 100% Frischluft. Aus energetischen Gründen werden unsere Kälteanlagen üblicherweise mit einer Mischung aus Frischluft und Umluft (Wärmerückgewinnung durch verbrauchte Luft) in einem Verhältnis von 50/50 gefahren. Auf diese energetische Optimierung wird wie gesagt derzeit verzichtet, um einen 100% Frischluftaustausch zur ermöglichen.“
 

Am selben Tag berichtete die „Frankfurter Rundschau“ über die Mühen des technischen Leiters der Städtischen Bühnen und von seinem verzweifelten Kampf, das bald 60 Jahre alte Gebäude am Willy-Brandt-Platz betriebsbereit zu halten. „Ein Besuch bei ihm und seinem Team ist eine Reise in eine Welt des Mangels und Verfalls“ heißt es in der Reportage. Neben der Sorge um herabstürzende Fassadenplatten und defekte Rohrleitungen spricht der Hausingenieur noch ein anderes Sorgenkind an, nämlich die Lüftungsanlage. Auch hierfür gebe es längst keine Ersatzteile mehr.
 

Da frage ich mich, was denn im Jahr 2019 an der Be- und Entlüftungsanlage tatsächlich erneuert wurde. Es steht zu vermuten, dass lediglich im Rahmen von schlechten Möglichkeiten Lösungen auf Zeit gesucht wurden. Solange die Corona-Pandemie nicht völlig im Griff ist, dürfte die Theaterdoppelanlage in Frankfurt deshalb nicht mehr geöffnet werden.
 

Da die städtischen Kassen infolge von Corona ziemlich leer sind, dürften die ca. 900 Millionen Euro für den Neubau in absehbarer Zeit nicht zur Verfügung stehen. Und da der Etat für Wartungsarbeiten mit ca. 3,5 Millionen Euro pro Jahr extrem knapp bemessen ist, scheint dieser Komplex dem Verfall ausgeliefert zu sein. Seit seiner Neueröffnung 1963 ist er mit bildungsfernen politisch Verantwortlichen konfrontiert, findet in der Gesamtbevölkerung nicht die notwendige positive Resonanz und wurde folglich geplant vernachlässigt.

 

Das "Kritische Tagebuch" führt Klaus Philipp Mertens