Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Buchtipp

Viren, Waffen, Potentaten

Zum Erscheinen des dritten Bands von Lutz Büges „VIRENKRIEG“-Zyklus

(c) Ybersinn Verlag, Offenbach

Der auf fünf Bände angelegte Virenkrieg-Zyklus von Lutz Büge zählt zu jenen Reality-Thrillern, die tatsächliche historische Ereignisse im Sinn einer virtuellen Geschichtsschreibung schlüssig weiterdenken und fiktiv weitererzählen. Seit September 2019 liegt der dritte Teil als Buchausgabe vor. Sein Titel: „Incubus“. Er setzt die Vorgänge um den deutschen Genetiker Jan Metzner fort, der gegen seinen Willen in den globalen Konflikt zwischen westlichen Staaten und der islamischen Welt hineingezogen wird.
 

Die Rahmenhandlung

Von der illegalen US-Organisation FAD (Foreign Affairs Division, einer Einsatztruppe der Geheimorganisation SCOUT) entführt, wird Metzner zum Köder für seinen amerikanischen Freund Michael Schwartz, der im Labor Al-Isra der Islamischen Allianz, einer unterirdischen Festungsanlage in der libyschen Wüste, an der Dechiffrierung der Zwei-Komponenten-Biowaffe Skylla & Charybdis forscht. An diesem Gift starb Schwartz‘ Vater, der US-Senator Phil Schwartz. Auch gegen andere Politiker, die als vehemente Kritiker des militärisch-industriellen Komplexes der USA gelten, werden Attentate vorbereitet. Ebenso stehen die Führungspersönlichkeiten der liberalen Islamischen Allianz auf der Todesliste der Rüstungslobby, die sich ihre eigene Definition von Globalisierung nicht von Demokraten streitig machen lassen will.
 

Die Begegnung der Freunde Jan Metzner und Michael Schwartz endet für letzteren tödlich. Doch Metzner gelingt es, obwohl selbst vom Killervirus infiziert, die Elemente dieser Biowaffe zu entschlüsseln. Al-Isra, das ihm Asyl gewährt, entlässt ihn jedoch nicht in die Freiheit, sondern verlangt von ihm, eine weitere Biowaffe zu enträtseln. Dieses Swat Valley Virus, benannt nach einer Region in Pakistan, wo ihm bereits Millionen Menschen zum Opfer fielen, soll unschädlich gemacht werden. Bisherige Indizien legen die Vermutung nahe, dass es sich um einen ursprünglich harmlosen Pilz handelt, der in US-amerikanischen Geheimlabors zur Mutation gebracht wurde. Und einer der bedeutendsten US-Wissenschaftler, der Genetiker und Mikrobiologe sowie Nobelpreisträger Samuel McWeir, soll daran beteiligt gewesen sein. Er war der Doktorvater von Michael Schwartz und starb auf rätselhafte Weise in Seattle, wo er zuletzt als Hochschullehrer tätig war.
 

Die inhaltliche Folie der Romane wird gebildet von im Hinter- und Untergrund operierenden US-Geheimdiensten, die teils legal, teils illegal sind. Sie haben entweder im Auftrag autoritärer Präsidenten wie Lyndon B. Johnson oder George W. Bush oder auf Veranlassung des militärisch-industriellen Komplexes die Rüstungsspirale weiter nach oben gedreht und ein Arsenal an bio-chemischen Waffen entwickeln lassen, die auch gegen politische Gegner im Innern eingesetzt werden. Lutz Büge subsummiert das Geflecht der mit- und gegeneinander arbeitenden Dienste in der fiktiven Geheimorganisation SCOUT. Sie verkörpert sowohl in ihrer Struktur als auch in ihren Zielen den intransparenten und extrem aggressiven militärisch-industriellen Komplex.
 

 

Immer im Hintergrund: Der militärisch-industrielle Komplex

Bereits US-Präsident Dwight D. Eisenhower warnte anlässlich seiner Verabschiedung im Januar 1959 vor dessen Einfluss. Dieser sei in der Lage, die demokratischen Prozesse zu gefährden. Doch allem Anschein nach warnte er vergeblich.

Denn die wegen gigantischer Fehleinschätzungen missglückte Invasion in Kuba 1961, die in der Schweinebucht ihr Ende fand, offenbarte die Strukturen des Geheimdienstes CIA, der sich unter seinem Leiter Allen Welsh Dulles (dem jüngsten Bruder des langjährigen Außenministers John Foster Dulles) demokratischer Kontrolle entzogen hatte und zum Instrument von Kalten Kriegern und Rüstungsindustrie geworden war. Präziser geplant von Geheimdienst und militärischer Abwehr war die Ausweitung des Vietnamkriegs auf Nordvietnam 1964. Diese Eskalation wurde gegenüber der Öffentlichkeit als Vergeltungsmaßnahme eines Angriffs vietnamesischer Torpedoboote auf US-Kriegsschiffe im Golf von Tonkin bezeichnet. Allerdings hatte es eine solche nordvietnamesische Attacke nie gegeben. Auch der Irak-Krieg von 2003, für den gefälschte Beweise über den Besitz Iraks an biologischen, chemischen und atomaren Waffen herhalten musste, ist das Ergebnis des Zusammenspiels von wirtschaftlichen und militärischen Interessen unter Umgehung von Parlamenten und parlamentarischen Kontrollgremien.
 

Diese Vorgänge müssen allein wegen ihrer Opfer beunruhigen. In Vietnam waren insgesamt ca. 1,3 Millionen tote Soldaten des Südens und des Nordens sowie ca. 65.000 Soldaten der USA und ihrer Verbündeten und über 3 Millionen Zivilisten zu beklagen. Unzählige Menschen wurden Opfer des toxischen Entlaubungsmittels „Agent Orange“, das von den US-Firmen „Dow Chemical“ und „Mobay“ (Anteilseigner Monsanto und Bayer!) bereitgestellt wurde. Das Herbizid war mit einem Giftstoff aus der chemischen Familie der Dioxine verunreinigt, der sich im Produktionsprozess automatisch bildete.
Der Kampf der USA um wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Indochina ließ sich weder damals noch lässt er sich heute rechtfertigen. Und er schafft kein Vertrauen in eine Weltmacht, die von sich behauptet, eine Bastion der Freiheit zu sein.
 

Und immer wieder spielen dabei Geheimdienste, die international operieren, eine fragwürdige Rolle. So baute der CIA unter dem Decknamen „Operation Zipper“ in der Bundesrepublik die „Organisation Gehlen“ auf, den Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Und die Amerikaner störten sich nicht an der Nazi-Vergangenheit vieler Mitarbeiter.
Ebenso gehen Aufbau und Unterhalt paramilitärischer Organisationen in Westeuropa auf ihr Konto. Diese Gruppierungen wurden Stay-behind-Organisationen genannt und sie sollten im Fall einer Krise in den Ostblockstaaten eingreifen, quasi als Vorstufe zu einer endgültigen militärischen Auseinandersetzung.
 

1953 war die CIA am Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh beteiligt, der die Erdölindustrie verstaatlichen wollte. Erfolgreich war man auch mit der Ermordung von Patrice Lumumba, dem Anführer der kongolesischen Unabhängigkeitsbewegung. An der Verfolgung und Ermordung Che Guevaras 1967 in Bolivien war der Dienst entscheidend beteiligt. Ebenso wird ihm der Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Allende von 1973 angelastet.
 

Der bis heute rätselhafte Mord an Präsident Kennedy 1963 wurde immer wieder mit dem seit der fehlgeschlagenen Kuba-Invasion gestörten Vertrauensverhältnis zwischen Kennedy und der CIA in Verbindung gebracht, handfeste Beweise dafür gibt es jedoch nicht. Allerdings fällt auf, dass ausgerechnet der langjährige CIA-Direktor Allen W. Dulles, der von Kennedy nach dem Schweinebucht-Desaster entlassen wurde, zum Mitglied der Warren-Kommission berufen worden war, die das Attentat aufklären sollte. Die Warren-Kommission hielt die Einzeltäterschaft von Lee Harvey Oswald für eindeutig nachgewiesen und berücksichtigte andere Ermittlungsansätze nicht. Vor allem nicht jene, die auf zwei oder drei Täter hindeuteten.
 

Im Reality-Thriller VIRENKRIEG geht es um Geheimdienste und geheimdienstähnliche Organisationen, die Strukturen aufweisen, die den US-amerikanischen Auslandsgeheimdiensten CIA (Central Intelligence Agency) und NSA (National Security Agency) ähnlich sind. Letztere überwacht weltweit die Überzeugungen und Aktivitäten von Staaten, Politikern und Bürgern. Im Rahmen der „Intelligence Community“, des Zusammenschlusses aller 17 US-Nachrichtendienste, arbeitet sie intensiv mit dem „Department of Homeland Security“ zusammen und ist faktisch auch als Inlandsgeheimdienst tätig, der international und national erhobene Daten zusammenführt und auswertet. CIA und NSA bedienen sich beim Ausspähen ziviler Personen und Objekte insbesondere kommerzieller Netzwerke wie Facebook, WhatsApp, YouTube oder Internetsuchmaschinen wie Google und Bing.
 

Da die USA keinen Datenschutz kennen, der den Standards der Europäischen Union entspricht, andererseits aber ein intensiver Datenverkehr zwischen der EU und den USA herrscht, hat die Europäische Kommission im Jahr 2000 das Safe-Harbor-Abkommen geschlossen, das eine Mindestsicherung europäischer Bürger und Unternehmen garantieren soll. Dieses verstößt jedoch gegen ein US-Gesetz, den Patriot Act von 2001, der nach den Anschlägen vom 11. September verabschiedet wurde. Deswegen hat der Europäische Gerichtshof 2015 das Safe Harbor-Abkommen für unvereinbar mit den EU-Gesetzen erklärt. Jedoch verstößt auch das Nachfolgeabkommen, Privacy Shield genannt, mutmaßlich gegen europäisches Recht. Der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs geht derzeit den erhobenen Bedenken nach.
 

Mit anderen Worten: Hinsichtlich des Schutzes persönlicher Daten und der Privatsphäre fehlt eine gegenüber den USA durchsetzungsfähige Regelung. Vor allem, wer sich den erwähnten kommerziellen Netzen anvertraut, ist faktisch vogelfrei. Edward Snowden, der ehemalige CIA-Mitarbeiter, dessen Indiskretionen (Whistle Blowing) die NSA-Affäre auslöste, hat das in seinem jüngst erschienenen Buch („Permanent Record“) im Detail nachgewiesen.
Auch in den VIRENKRIEG-Romanen gibt es einen Whistleblower, nämlich Evan, der sich allem Anschein nach aus dem Zentrum von SCOUT meldet und die Guten, die um Aufklärung und Demokratie Bemühten, mit Insiderinformationen versorgt.

 

 

Incubus

Der dritte Teil des Virenkrieg-Zyklus vereinigt vier Handlungsstränge. Im ersten geht es um die Pläne des Führungsstabs der US Air Force, Al-Isra mittels Laserpeilungen zu lokalisieren und diese unterirdische, in meterdicken Beton eingehüllte Festung samt ihrer Labors zu vernichten. Bomber, die vom Flugzeugträger „USS George W. Bush“ aus starten, der vor der libyschen Küste Kurs hält, sollen eine bunkerbrechende Waffe namens Incubus abwerfen. Denn der militärisch-industrielle Komplex duldet keinen Widerstand. Schließlich steht die neoliberale Hegemonie der USA auf dem Spiel.
 

Im zweiten Erzählstrang werden die diversen Versuche Jan Metzners in Al-Isra geschildert, das Swat Valley Virus zu decodieren und ein sofort wirkendes Gegenmittel zu entwickeln. Hierbei stößt er bei seinen wissenschaftlichen Kollegen und bei der militärischen Kommandoebene nicht nur auf Beifall. Stellenweise begegnet man ihm mit offenem Widerstand. Doch warum? Verbindet nicht alle ein gemeinsames Ziel, nämlich der Kampf gegen das Virus. Und steht die gesamte Besatzung nicht unter dem Damoklesschwert der Incubus-Bombe?
 

Im dritten Strang kämpft der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joey Calderon sowohl gegen interne Gegner als auch gegen den republikanischen Bewerber, der den reaktionären Teil Amerikas in entlarvender Weise verkörpert. Der Autor vermittelt Einblicke in politische Kampagnen, die als realistisch gelten dürfen, und überrascht mit besonderen Intrigen und sogar Anschlägen auf Politiker. Mitarbeiter in Calderons Kampagne ist der Bruder des ermordeten Michael Schwartz und jüngster Sohn des toten Senators Phil Schwartz.
 

In diese Handlungsebene hinein greift eine weitere, die sich als Enthüllungsszenario versteht und die einzelnen Bestandteile des Buches unterschwellig miteinander verbindet. Denn in Seattle versucht Polizei-Detektiv Marc Johnson Licht in die rätselhaften Todesfälle an Wissenschaftlern zu bringen, unter anderem auch an dem Tod von Professor Samuel McWeir. Bereits seine Vorgängerin Hillary Landsdale hatte daran gearbeitet - bis sie ermordet wurde (siehe VIRENKRIEG-Teil 2 SKYLLA). Sein investigativer Spürsinn gefällt nicht allen im Police Department Seattle. Vor allem nicht einer verdeckt ermittelnden Abteilung, die es offiziell gar nicht gibt und Marc Johnson in Lebensgefahr bringt.
In dieser vermeintlich aussichtslosen Situation erhält er eine Botschaft von Evan, dem SCOUT-Doppelagenten, der ihm rät, nach Kanada zu flüchten und sich auf die Suche nach einem acht Jahre zuvor dort untergetauchten Archivar zu begeben, der seinerzeit die kompletten Akten der Warren-Kommission verwaltet und eine Kopie an sich genommen hatte. Also jener Kommission, die den Mord an Präsident John F. Kennedy aufklären sollte und die Einzeltäterschaft des Lee Harvey Oswald trotz vieler gegenteiliger Beweise aufrecht erhielt.
Doch seit sechs Jahrzehnten halten sich Gerüchte, denen zufolge der Kennedy-Mord eine Verschwörung des militärisch-industriellen Komplexes gewesen sein soll, an dem die offiziellen und inoffiziellen Geheimdienste der USA beteiligt waren. Eine Entmythologisierung des Attentats auf Kennedy könnte dazu führen, das Interessensgeflecht aus Rüstung, Finanzspekulation und Großmachtpolitik, das vor kriminellen Aktionen nicht zurückschreckt, aufzudecken. Marc Johnson gelingt es, sich nach Kanada abzusetzen und seine Spuren in Seattle zu löschen. Doch das Entrinnen aus einer Verschwörung bedeutet in diesem Fall auch, in Saskatchewan vor einer schier unlösbaren Aufgabe zu stehen.

 

 

Lutz Büges „Incubus“ ist ähnlich wie die bereits vorliegenden VIRENKRIEG-Teile eins und zwei (Skylla) ein extrem spannender Roman. Er vermittelt tiefe Einblicke in die US-amerikanische Politik, angefangen von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Jetztzeit. Ebenfalls Spurensuchen im politisch-wirtschaftliche Machtgeflecht dieses Landes, das nach wie vor die wesentlichen politischen Ziele bestimmt.

Das Konzept der Buchreihe, nämlich virtuelle Geschichte zu schreiben und dabei politische Aufklärung zu betreiben, ist vollständig gelungen. Ganz abgesehen vom immensen Unterhaltungswert dieses Buches, dessen Lektüre man rasch als gar nicht spekulativ empfindet. Vielmehr erweist sich das fiktive Weiterdenken politischer Vorgänge als sehr, sehr plausibel und der Realität bedenklich nahe. Wer die ca. 500 Sei­ten, vermutlich überwiegend pausenlos, bewältigt hat, dürstet gera­dezu nach der Fortsetzung.
Für März 2020 ist diese als Buchausgabe angekündigt; im Dezember 2019 gibt es bereits die E-Book-Version. Der dritte Teil trägt den Titel „Evan“.

 

 

 

Bibliografische Daten

Lutz Büge
INCUBUS
VIRENKRIEG III
496 Seiten. Paperback
Ybersinn Verlag, Offenbach
ISBN 978-3-9820887-0-9
Ladenpreis 18,00 Euro

 

Klaus Philipp Mertens