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78. PRO LESEN – Themenwoche 21. - 26. 01.2019

Hetze

Rechte Publizisten und Schriftsteller contra Demokratie

 

(c) Medien-Redaktionsgemeinschaft

Bereits ihre Sprache ist entlarvend und erinnert wegen ihres fremdenfeindlichen und rassistischen Untertons mitunter an Julius Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“. Es scheint so, als täte die AfD-Bundestagsfraktion alles, um den Ressentiments ihrer Wähler ein medienwirksames Forum zu bieten. Zu den dringenden gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Sicherung des Sozialstaats, bezahlbaren Wohnungen für Normalverdiener, einem durchlässigen modernen Bildungswesen, zu Renten, die nicht in die Altersarmut führen oder einem Gesundheitssystem, das nicht in zwei und mehr Klassen zerfällt, fällt ihr hingegen außer Griffen in die Mottenkiste des Feudalstaats nichts ein.


Ihr Ko-Vorsitzender Alexander Gauland verharmloste sogar die Angriffskriege und Massenmorde des NS-Staats als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Und bei jeder parlamentarischen Gelegenheit wird das Thema „Ausländer“, sprich Flüchtlingskrise, Flüchtlingswelle, Bedrohung durch kriminelle Asylbewerber, in volksverhetzender Weise zu Gehör gebracht. Selbstverständlich fällt kein Wort über die Ursachen.
Denn Alice Weidel, der weibliche Teil des Fraktionsvorstands, müsste sonst über ihre Tätigkeit bei Goldman Sachs Auskunft geben. Also jenem Geldhaus, das an sämtlichen weltweiten Finanzkrisen beteiligt war und ist und als die Hausbank aller neoliberalen Ausbeuter gilt. Schließlich gehen die weltweiten Flüchtlingsströme nicht zuletzt auf globale Finanzspekulationen bei Energie- und Lebensmittelressourcen sowie Grundstücken und Wohnraum zurück.
 

Die AfD war 2013 von einer Gruppe sich selbst überschätzender Wirtschaftsfachleute gegründet worden, die das Hauptziel der Europäischen Union, nämlich die schrittweise politische Einigung, ablehnen und die einzelnen Stationen auf diesem Weg, insbesondere die Einführung einer gemeinsamen Währung, als Abkehr von der Marktwirtschaft missverstehen. Während ihr Gründungsvorsitzender Bernd Lucke als intellektueller Konservativer galt, haftet dem Rest des Führungspersonals bis heute eine erschreckende Eindimensionalität an. Ein typisches Beispiel dafür ist Jörg Meuthen, einer der zwei Bundessprecher. Dessen sozialpolitische Vorstellungen, beispielsweise die Abkehr von der gesetzlichen Rente, würde selbst Bismarck für rückwärtsgewandt halten. Folglich vermittelte die AfD zunächst das Bild von einer Partei für abgehängte Professoren mit Staatszielen von vorvorgestern. Ihre EU-Gegnerschaft und ihr Neo-Nationalismus ermöglichten jedoch bereits während der Gründungsphase den Zustrom von Aktivisten aus dem rechten und rechtsradikalen Milieu. Zumal deren bisheriges Sammelbecken, die NPD, unter wahlstrategischen Gesichtspunkten zunehmend als nicht gesellschaftsfähig galt.
 

Als Türöffner nach rechts erwiesen sich die PEGIDA-Aufmärsche, die seit Dezember 2014 montäglich in Dresden stattfinden. Nachdem die AfD in die Landtage von Sachsen, Brandenburg und Thüringen einziehen konnte, intensivierten sich die gegenseitigen Kontakte. Alexander Gauland äußerte bei seinem Besuch der PEGIDA-Kundgebung am 15. Dezember 2014, dass er alle Forderungen des Positionspapiers unterschreiben könnte. Die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“, die sich als Wegbereiter einer neuen „Konservativen Revolution“ versteht, wirkt mittlerweile als Transmissionsriemen einer arbeitsteiligen rechtsextremen Front und verbindet Organisationen wie PEGIDA, das aus der „Jungen Freiheit“ hervorgegangenen „Institut für Staatspolitik“, die „Identitäre Bewegung“, den „Dritten Weg“, die „Querfront“ samt deren Publizistik mit der tonangebenden AfD-Gruppe um Alexander Gauland, Alice Weidel, Beatrice von Storch, Björn Höcke und André Poggenburg.
 

Der Sprachwissenschaftler Heinrich Detering hat sich unlängst mit Semantik und Syntax der Sprache von Alexander Gauland und Bernd Höcke, also der sichtbaren Spitze jener faschistischen Verschwörung, die sich AfD nennt, beschäftigt. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die zwischen 1945 und 1948 erschienene Artikelserie „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind, die sich mit der Sprache der Nationalsozialisten befasste (Buchausgabe 1957). Ebenso erwähnt er Victor Klemperers „LTI (Lingua Tertii Imperii) – Notizbuch eines Philologen“, das 1947 veröffentlicht wurde. Ein Vergleich der Phrasen von Josef Goebbels mit denen von Alexander Gauland, Björn Höcke und Alice Weidel zeigt, dass sich im Zuge einer vermeintlichen Siegesgewissheit die „Führer“ einer faschistischen Bewegung schon bald derselben Sprache bedienen wie ihre Schlägertrupps auf der Straße. „Gaulands Sprache ist der Jargon von Gangstern.“

 

Zur weiteren Information über dieses Thema empfehlen wir das

Kleine ABC der Neuen Rechten, ihrer Ideologie, ihrer Wortführer und ihrer Publizistik

Diese lexilalische Übersicht  wird laufend aktualisiert und ergänzt. Sie basiert auf allgemein zugänglichen Materialien wie Presse- und Rundfunkbeiträgen, Sachbüchern, wissenschaftlichen Handbüchern und politischen Zeitschriften. Sie als Artikel in unserer Rubrik "Vom Geist der Zeit" erschienen.

 

 

Termine

78. PRO LESEN – Themenwoche 21. - 26. 01.2019 im Bibliothekszentrum Sachsenhausen

Hetze
Rechte Publizisten und Schriftsteller contra Demokratie

Donnerstagabendlesung mit Publikumsgespräch am 24. Januar, 19:00 - 20:30 Uhr:
Der Wutbürger Uwe Tellkamp und der Aufklärer Martin Walser
Eintritt frei