Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Themenwochen"

75. PRO LESEN-Themenwoche: Literarische Brückenschläge nach Lothringen und ins Elsass

Neubegegnung mit René Schickele, Otto Flake und anderen Autoren der Region

Die Kenntnis der Weltliteratur trage zur Achtung anderer Völker bei, meinte Johann Wolfgang Goethe. Sie wirke aufklärend und vertrauensbildend auf die Nationen. Die Menschen würden lernen, „duldender und nachsichtiger" miteinander umzugehen. Ob und in welchem Umfang solche Hoffnungen sich tatsächlich erfüllen lassen, kann am Mikrokosmos benachbarter Länder untersucht werden. Beispielsweise am Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich, in den Regionen Saar und Südbaden diesseits sowie Lothringen und Elsass jenseits der Grenze. Dort begegnen sich nicht nur die deutsche und die französische Sprache, dort haben sich im Verlauf von Jahrhunderten aus beiden Hochsprachen sowie aus dem Alemannischen und dem Saar-Fränkischen auch Dialekte entwickelt, die selbst zu eigenständigen Sprachen wurden, nämlich das Elsässische und das Lothringische. Durch die Kriege von 1870/71, 1914/18 und 1939/45 wurden diese kulturellen Symbiosen durch staatliche Verordnungen zwar erheblich infrage gestellt, aber sie erleben in jeder Generation eine mal kleinere, mal größere Wiedergeburt. Hinzu kommt, dass im Elsass und in Lothringen, aber auch in Luxemburg, Erzählungen auf Deutsch verfasst werden.

Wer zwischen der Aneignung von Elsass und Lothringen nach dem Preußisch-Französischen Krieg 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dort geboren wurde, war Deutscher oder Deutsche. Ab 1919 erhielt man die französische Staatsbürgerschaft und der öffentliche Gebrauch der deutschen Sprache wurde verboten. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1940 wurden sie zu Bürgern des Großdeutschen Reichs erklärt. 1945 hatte es dann mit diesem raschen Auswechseln der nationalen Zugehörigkeiten ein Ende. Im Zuge der deutsch-französischen Aussöhnung blickte man zudem nach Europa.

Für viele Einwohner der Grenzgebiete gehört der Gang über die Grenze zu den Normalitäten des Alltags. Man eignet sich einen Grundwortschatz Französisch bzw. Deutsch an und dazwischen blühen, wenn auch mit wechselnder Intensität, die alten Dialekte wieder auf, die sich auch in der Literatur spiegeln.

So finden sich hier immer wieder Schriftsteller, die das Grenzerlebnis zu überzeugten Europäern und damit auch zu Avantgardisten eines völkerverständigenden Brückenschlags werden ließ. Diese neuen und vielfach erfolgreichen Versuche, Staatsgrenzen intellektuell zu überwinden und sich zu Mehrsprachigkeit und Doppelkultur zu bekennen, fußen auf historischen Vorbildern. Bereits kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert formierte sich die Bewegung „Das jüngste Elsass" mit ihrer - allerdings nur kurzleben - Zeitschrift „Der Stürmer“ (diese ist nicht zu verwechseln mit Julius Streichers gleichnamigen Nazi-Kampfblatt). Ihr gehörten Autoren an wie René Schickele, Otto Flake, Salomon Grumbach, Bernd Isemann, Hans Koch, René Prévot, Ernst Stadler, Hermann Wendel oder Hans Arp.

Neben dem Sturm und Drang, der avantgardistischen Literateneigen ist, einigte sie das Bewusstsein über eine elsässische Sonderexistenz, die völlig neue menschheitliche und europäische Perspektiven eröffnen könnte. Am Gedanken eines geographisch nicht fixierten „geistigen Elsässertums" als dem „Bewusstsein einer Tradition und kulturellen Aufgabe" hat Schickele lebenslang festgehalten und in Deutschland sowie in Frankreich dafür mit missionarischem Eifer geworben. Ähnliches gilt für den Lothringer Hermann Wendel, der später als Abgeordneter in den Deutschen Reichstag einziehen sollte. Selbst als der Erste Weltkrieg die Träume dieser jungen Europäer zunächst zerschlug, blieb Wendel seiner humanitären Zielsetzung treu und veröffentlichte 1916, mitten im Weltkrieg, eine Heinrich Heine-Biographie mit einem geradezu sensationellen Vorwort:

„Aber letzten Endes ist die Darstellung von Heines Wesen mehr noch Gegenwartsarbeit als Gegenwartsflucht. Denn was er nie müde ward, seinen Zeitgenossen zu verkünden, die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen, den beiden auserwählten Völkern der Humanität, das reicht als zu lösende Aufgabe über die Blutjahre 1914/16 weit hinaus. […] Aber so sicher dieser selige Landstrich einst wieder dem Ackermann und dem Winzer gehören wird, so sicher bedarf Heines ernstester und letzter Wille der Erfüllung, wenn Europa zum dauernden Frieden gelangen soll. Es lebe Deutschland! Vive la France! Es lebe die deutsch-französische Verständigung!"

Europäische Gesinnung zeigte auch der in Metz geborene und in Colmar aufgewachsene Schriftsteller Otto Flake. Am Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, nahm er von seiner ehemaligen Heimat Abschied. In bitterer Enttäuschung über den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung, jedoch ohne einen Gedanken an Revanche, appellierte er an seine Landsleute, sich künftig der Gewaltlosigkeit zu verschreiben:

„Wie schön war das Elsass. Berge in Granit, Hügel in Sandstein, Landschaft in Wasser und Grün, Städtchen im Duft des Mosts, Straßburg, dessen Münster im Morgenrot dolomitenhaft erglühte. Kolmar, das Schlettstadt der Humanisten, die Reichsstadt Kaysersberg, uns war es deutsch, uns, den paar elsässischen Dichtern. Aber andere lebten dort, die es deutsch nannten und aus der Benennung erwuchs all das Tragische, die Herausforderung, der Hochmut, die Unduldsamkeit, der Beweis und das Bekehren. Die Oberlehrer, die Kommersredner, der Vogesenklub, die Kriegervereine, die Zeitungsschreiber waren stärker als wir. [...] Das Reich war stark, aber es war lieblos. Fünfundvierzig Jahre Zeit und unfähig, Neigung zu gewinnen - in einem Land, das so deutsche Anlagen hatte, nur als deutscher Stamm seinen Charakter zurückgewinnen konnte! Aber weil die Liebe fehlte, ist jetzt Erinnerung der Elsässer an die deutsche Herrschaft nur Erinnerung an das Dröhnen des Kommissstiefels, werfen sie sich Frankreich in die Arme, dessen Sprache ihnen Mühe macht, das ihnen nicht erlauben wird, eigenwilliger Stamm mit Zügen zu sein, in denen sich Gottfried von Straßburg, Geiler von Kaysersberg, Martin Schongauer, Johannes Fischart fortgesetzt hätten. Tragisches, bitteres, grausames Zuspät! [...] Was bleibt uns? Die Reue, die Entschlossenheit, moralische Bilanz zu ziehen, die Lehre - einziger Gewinn, furchtbar teuer erkauft. Schwur, nichts so unerbittlich zu hassen als Gewalt, nichts so inbrünstig zu suchen als Geist, Menschlichkeit, Gerechtigkeit."

Otto Flake stand dieses Urteil durchaus zu. Denn er gehörte auch schon vor dem Krieg zu denjenigen Autoren, die es an kritischen Ermahnungen an die Adresse beider Großmächte nicht hatte fehlen lassen und stets einer friedlichen Synthese beider Kulturen das Wort geredet hatte. Nicht zuletzt Rene Schickele setzte trotz aller politischen Rückschläge weiter auf Verständigung statt auf Konfrontation. In seiner Rede vom 28. Juni 1928 auf der Tagung der Rheinischen Dichter führte er aus:

„Wer den Willen und die Ausdauer hat, die Grenze zu erleben, wird sie in sich überwinden wollen. [...] Überwindung der Grenze bedeutet Überwindung der nationalen Eitelkeiten und Gewaltansprüche. Allen an der Grenze, dem Einheimischen wie dem Fremden, stellt sich dieselbe Aufgabe, ja gerade dem Fremden, der es darin natürlich schwerer hat als der Einheimische, von dem es aber auch hauptsächlich abhängt, ob Friede werden oder der Krieg ewig weitergehen soll."

Auch Schickele war ein anerkannter Verfechter des Anti-Nationalismus und Gegner der herbeigeredeten deutsch-französischen Erbfeindschaft. Denn selbst im Krieg, als alles zur Parteinahme drängte, hatte er sich seine ausgleichende und versöhnende Haltung bewahrt und von der Schweiz aus pazifistische Ziele vertreten. Es kam deshalb auch zum Bruch mit seinem engen Freund Norbert Jacques, einem in Deutsch schreibenden Luxemburger und Autor des „Dr. Mabuse“, nachdem dieser die polemische Reisereportage „London und Paris im Krieg" (1915) verfasst hatte, in der er die Positionen des deutschen Kaiserreiches übernahm. Schickele, entsetzt, erlaubte Arnold Zweig in seinen „Weißen Blättern" eine vernichtende Rezension. Auf Jacques' Beschwerde reagierte er im Oktober 1916 mit einem bemerkenswerten Bekenntnis zur Stellung des Intellektuellen „au-dessus de la mêlée":

„Wenn die Meute losgelassen wird, dürfen wir uns nicht hineinwerfen! Wozu wären wir denn da, wozu hätte man uns nötig, wenn wir jedem tierischen Ausbruch unterlägen. Ich weiß nicht, ob Sie die „Weißen Blätter" verfolgt haben - ich habe mich ebenso heftig gegen Barrès und France gewandt, wie gegen Thomas Mann, dieses Erzschwein, und den nun ganz verblödeten Hauptmann und gegen Dehmel, der mein Freund war (und der es mir heute schon nicht mehr übelnimmt, daß ich und daß ich so gegen ihn auftrat)."

Jacques war unter den Schriftstellern seiner Zeit durchaus keine Ausnahme. Das Gros der Schriftsteller in ganz Europa fühlte sich während der kriegerischen Konfrontationen ihrer Staaten sowie in mancher Phase davor und danach weniger den Idealen der Menschheit als denjenigen ihrer Nation verpflichtet. Aus dieser Haltung ging eine erschreckende Fülle an Literatur hervor, in der Nachbarländer und ihre Bewohner vornehmlich als zu bekämpfende Feinde wahrgenommen wurden. Zwischen 1871 und 1955 entstand an dieser Grenze, durch die jeweiligen Gebietsverschiebungen bedingt, eine massenhaft produzierte patriotische Kampfliteratur.

Solche wechselseitigen Chauvinismen gehören inzwischen weitgehend einer finsteren, aber überwundenen Vergangenheit an. Die heute lebenden Autoren diesseits und jenseits der Grenzen einigt mehrheitlich das Bewusstsein eines gemeinsamen europäischen Wegs.

Als herausragende Beispiele für das literarische Schaffen in Lothringen sind die Schriftsteller Roger Bichelberger, Pierre Fritsch, Lucien Schmitthäusler oder Jean-Louis Kieffer zu nennen. Ihre Themen kreisen häufig um das Phänomen Grenze in all seinen Ausgestaltungen. Hierzu haben auch Autorinnen und Autoren aus dem Saarland Stellung genommen. Beispielsweise Maria Croon, Petra Michaely oder Alfred Gulden. Direkte Grenzgänger waren bzw. sind Lisa Stromszky, die in Forbach wohnte, und Klaus Bernarding, der zwischen Saarbrücken und in Lothringen pendelt.

In der Tradition René Schickeles haben sich auch neuere elsässische Schriftsteller mit ihren Werken um die deutsch- französische Verständigung verdient gemacht, allen voran Andre Weckmann. Sein bedeutender Roman „Wie die Würfel fallen" enthüllt in literarisch gekonnter Weise die Leidensgeschichte einer Provinz in Form kritisch recherchierender Geschichtsarbeit. Ähnliches praktiziert Adrien Finck in zahlreichen Gedichten, Vorträgen, Sachtexten oder dem Roman „Der Sprachlose". Martin Graff, Roger Siffer oder Tomi Ungerer repräsentieren das kritisch-satirische Genre. Nicht vergessen werden soll Jean Egen, langjähriger Mitarbeiter des „Canard Enchaîné" und französischsprachiger Romancier, der einmal bekannte: „Nach etwa zehnjähriger Vertrautheit bildeten die französische und die deutsche Kultur in meiner elsässischen Seele das harmonischste Paar.“

Der internationale Literaturmarkt, der sich vorwiegend aus anglo-amerikanischen Veröffentlichungen mit Bestsellerpotential kreist, spart den Literaturtransfer im Raum Saar-Lor-Lux-Elsaß weitestgehend aus, was letzterem durchaus gut bekommt. Denn dort werden von allen Beteiligten weder kulturelle Hegemonie noch Alleinvertretungsansprüche angestrebt. Nichts soll kulturell eingeebnet, nivellierend ausgeschaltet, aus dem Bewusstsein verdrängt, hintangestellt oder dominiert werden. Man begrüßt die Vielfalt der Wurzeln, erinnert sich zum Wohle aktuellen Zusammenlebens gemeinsamer Traditionen oder befolgt Klaus Bernardings Empfehlung, „nicht gleich alle Gegensätze überwinden zu wollen".

Vor allem betrachtet man Sprache und Literatur des jeweiligen Nachbarn gerade nicht als Quantité négligeable, sondern als besondere Herausforderung oder bereichernde Chance. In diesem Sinne haben z.B. elsässische und lothringische Autoren den variierenden Gebrauch von Hochdeutsch, Französisch und Mundart in einem Text zum poetischen Prinzip erhoben, allen voran Adrien Finck. In seiner Rede für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wertete er solche „Triphonie" als elsässischen Beitrag zur „Europhonie".

Und die belletristischen Erträge, wie sie etwa in Fincks Lyrikband „Hammerklavier" vorliegen, können sich sehen lassen. Ähnliches gilt für Gedichte von Weckmann oder Jean-Louis Kieffer. Schon vor Jahrzehnten nutzte der St. Ingberter Heinrich Kraus das heteroge­ne Sprachmaterial an der Grenze mit literarischem Gewinn zugunsten einer gestärkten Milieutreue. Sein Funkspiel „Jiwwe und driwwe" verknüpft dabei Hochdeutsch und Hochfranzösisch mit Dialekten aus dem saarpfälzischen bzw. lothringischen Raum.

Ähnliches praktizierten Andre Weckmann und Emma Guntz in ihrer vierteiligen Drehbuchfolge „Das Land dazwischen. Une saga Alsacienne" (1997), die als badisch-elsässische Koproduktion entstand. Eine der erfreulichsten grenzüberschreitenden Signale war schließlich 1999 die Verleihung des ersten Gustav-Regler-Preises der Stadt Merzig, in deren Jury übrigens stets je ein Vertreter aus Frankreich und Luxemburg sitzt, an Andre Weckmann. Wenn es einer verdient hatte, dann gewiss dieser große Europäer, der mit seiner (auf höchster staatlicher Ebene diskutierten) Charta einer deutsch-französischen Bilingua-Zone eine praktikable Politvision entworfen hat als Beitrag zu einer neuen Kultur des Zusammenlebens.

Das Projekt Europa sei noch „dünnes Eis", heißt es in Guldens „De Grenz"; der erste, der fest drauftritt, breche ein. Doch gebe es keine Alternative. „Sonscht fend du Dommhätt kääme Änn". Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen.

Klaus Philipp Mertens

 

Im Einzelnen widmet sich PRO LESEN diesen Autoren:

Otto Flake
* 29.10.1882 in Metz, † 10.11.1963 in Baden-Baden

Nach seiner Schulzeit, die er in Colmar verbrachte, studierte er in Straßburg Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Danach war er zunächst Hauslehrer in St. Petersburg, später lebte er als freier Schriftsteller und Redakteur.  Mit den elsässischen Schriftstellern René Schickele und Ernst Stadler gründete er 1903 die Zeitschrift „Der Stürmer“, die ein Jahr später in „Der Merker“ umbenannt wurde. Die besondere politische Situation Elsass-Lothringens ließ ihn zum „guten Europäer“ heranreifen, so der Titel einer Essay-Sammlung. In Berlin war er seit 1911 regelmäßiger Mitarbeiter der bedeutenden Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ (S. Fischer Verlag).
Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Otto Flake als Theaterzensor im vom kaiserlichen Deutschland besetzten Brüssel. Gegen Kriegsende ließ er sich in Zürich nieder und schloss sich dem Kreis der Dadaisten an, der dort 1916 u.a. von Hugo Ball und Hans Arp gegründet worden war und der sich als Ablehnung konventioneller Kunstrichtungen verstand. Er distanzierte sich jedoch bald wieder von der experimentellen Prosa und fand zum linearen Erzählen, seiner großen Stärke, zurück.
In der Zeit der Weimarer Republik zählte Otto Flake zu den auflagenstärksten Autoren. Er verfasste historische Biografien und Romane, die er als Biografien fiktiver Persönlichkeiten anlegte.

Auf Bitte seines Verlegers Samuel Fischer unterschrieb er 1933 mit weiteren 87 Autoren eine „Loyalitätserklärung deutscher Schriftsteller“ an Adolf Hitler. Fischer hatte sich davon Schutz für sich und seinen Verlag versprochen; denn er galt nach den Kategorien der Nazis als Jude. Dafür wurde er von Schriftstellerkollegen heftig kritisiert, u.a. von Thomas Mann. Das Regime selbst hat ihm diese Geste nicht honoriert; der NS-Staat verweigerte dem linksbürgerlichen Autor häufig das Papier zum Druck seiner Werke.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den er unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen und in zunehmender Isolation überlebte, wurde er unter dem Einfluss von Alfred Döblin Mitglied des antifaschistischen Kulturrats. Die französische Besatzungsmacht berief ihn 1945 in den Kulturrat von Baden-Baden und betraute ihn mit der Durchführung von Ausstellungen und Vorträgen. Seinen Lebensunterhalt sicherte er mit Übersetzungen (Balzac, Montaigne, Dumas, Gobineau u.a.) und Rundfunkbeiträgen.

1954 erhielt er den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg, 1955 das Große Bundesverdienstkreuz.

Als gebürtiger Lothringer setzte er sich entschieden und nachhaltig für die Aussöhnung von Deutschen und Franzosen ein. Durch die Initiative des Verlagslektors und späteren Dramatikers Rolf Hochhuth kam es ab 1958 zu einer Neuauflage eines größeren Teils seiner Werke, die rasch erneut ein Millio­nenpublikum fanden. Baden-Baden, das ihm zur zweiten Heimat wurde, würdigte ihn 1960 mit der Verleihung des Heimatpreises der Stadt. Dort starb er 1963.

Von den Werken Otto Flakes wurden besonders bekannt:
Die Stadt des Hirns (Roman, 1919)
Das kleine Logbuch (Erinnerungen, 1921)
Ruland (Roman, 1922)
Die Simona (Roman, 1922)
Der gute Weg (Roman, 1924)
Hortense oder Die Rückkehr nach Baden-Baden (Roman, 1933)
Fortunat (1946)
Die Monthiver-Mädchen (1952 / 1959 Mohn)

 

René Schickele
* 4.8.1883 Oberehnheim (Elsass), † 31.1.1940 Vence (Südfrankreich)

Der Sohn eines alemannischen Vaters und einer französischen Mutter studierte Philosophie und Naturwissenschaften zunächst in Straßburg, dann in München, Paris und Berlin. 1902 gab er mit Otto Flake und Ernst Stadler die Zeitschrift „Der Stürmer“ heraus. Nach journalistischer Tätigkeit in Berlin ging er 1909 als Korrespondent nach Paris (Schreie auf dem Boulevard) und war dann Chefredakteur der „Straßburger Neuen Zeitung“. Zeitlebens ein Kämpfer gegen nationale Vorurteile und den Krieg, gab Schickele während des Ersten Weltkriegs in Zürich die expressionistischen „Weißen Blätter“ heraus. Später lebte er in Badenweiler, seit 1932 als Emigrant an der französischen Riviera.

Das Zentralerlebnis Schickeles, der mit Ernst Stadler und Kasimir Edschmid zu den Wortführern des Expressionismus gehörte, war die „Grenze“; so ist das Drama „Hans im Schnakenloch“ die Tragödie des elsässischen Grenzländers. In seinem später zunehmend realistischen Erzählwerk zeichnete er atmosphärisch dichte und farbige Bilder des Elsass, der Provence und ebenso von Paris. Am bezeichnendsten für seine epische Darstellensweise sind die Trilogie „Das Erbe am Rhein“, in welcher er an der Geschichte der Familie von Breuschheim die menschliche und politische Problematik der Elsässer darstellte, und der tragikomische, farbenreiche Provence-Roman „Die Witwe Bosca“.

1956 wurden Schickeles sterbliche Überreste auf den Friedhof Badenweiler-Lipburg überführt. Man findet das Grab in der Nähe der Friedhofskapelle unter der Grabnummer 159/160. Der Ort der letzten Ruhestätte spiegelt das, wofür René Schickele gelebt hat: Vom außerhalb des Ortes hoch gelegenen Friedhof hat man einen weiten Blick über die deutsche und französische Landschaft am Oberrhein. Im Lipburger Gasthof „Schwanen“ war René Schickele häufig eingekehrt.

Auswahl aus seinen Veröffentlichungen:
Sommernächte. Straßburg 1902
Voltaire und seine Zeit. Berlin, Leipzig 1905
Weiß und Rot. Berlin 1910
Schreie auf dem Boulevard. Berlin 1913
Benkal der Frauentröster. Leipzig 1914
Mein Herz mein Land. Leipzig 1915
Hans im Schnakenloch. Leipzig 1915 (Uraufführung am 16. Dezember 1916 im Neuen Theater, Frankfurt a.M.)
Die Genfer Reise. Berlin 1919
Der neunte November. Berlin 1919
Wir wollen nicht sterben! München 1922.
Ein Erbe am Rhein. München 1925. (Späterer Titel: Maria Capponi; Band 1 von Das Erbe am Rhein)
Blick auf die Vogesen. Berlin 1927. (Band 2 von Das Erbe am Rhein)
Der Wolf in der Hürde. Berlin 1931. (Band 3 von Das Erbe am Rhein)
Die Witwe Bosca. S. Fischer, Berlin 1933
Überwindung der Grenze. Essays zur deutsch-französischen Verständigung. Herausgegeben von Adrien Finck, Kehl 1987

 

André Weckmann
* 30. November 1924 in Steinbourg, Elsass; † 29. Juli 2012 in Straßburg

Er war ein elsässischer Schriftsteller und lebte überwiegend in Straßburg, hielt sich jedoch auch häufig in Zabern/Saverne in der Nähe seines Heimatorts auf. Er zählt zu den wichtigsten und fortschrittlichsten elsässischen Dialektdichtern, er bediente sich jedoch ebenfalls des Hochdeutschen und Französischen.

Weckmann wuchs als Sohn einer Wirtsfamilie auf, die eine Dorfwirtschaft im Unterelsass bei Zabern betrieb. 1943 wurde er als einer von ca. 100.000 weiteren elsässischen so genannten Malgré-nous („Wider unseren Willen“) von der deutschen Wehrmacht zwangsrekrutiert. Er wurde in Russland verwundet und desertierte während eines Genesungsurlaubes, um in die „Forces françaises de l’intérieur“, der Dachorganisation der französischen Widerstandsbewegungen, einzutreten. Nach dem Krieg studierte Weckmann Germanistik und wurde Deutschlehrer. Bis 1989 war er als Studienrat an einem Lycée in Straßburg angestellt. Schriftstellerisch orientierte er sich vor allem an Günter Grass, Wolfgang Borchert, Wolfdietrich Schnurre, Albert Camus, André Malraux und Jean-Paul Sartre.
Seit 1970 war er in der alternativen elsässischen Kulturpolitik aktiv und trat für eine Neubelebung des elsässischen Dialekts ein. Er engagierte sich auch bei den Umweltschützern, beispielsweise bei Aktionen gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl in Baden.

In einem Nachwort zu André Weckmanns Gedichtband „Elsassischi Grammatik oder Ein Versuch, die Sprache auszuloten“ hat der Luxemburger Dialektforscher Fernand Hoffmann Folgendes geschrieben: „Was ich eben gelesen habe, das ist Lyrik in höchster Potenz. Aus dem Schweigen geboren. Dem Schweigen überantwortet. Dem Schweigen abgerungen. Innere Schreie. Zum Flüstern, gedämpft von tapfer hinuntergerungenen Tränen. Verlorene Worte, aufgesammelt am Abgrund des Verstummens. Elsässisches Schicksal, elsässisches Leid in lyrischen Kürzeln.“

Hier eine Auswahl aus seinen Veröffentlichungen:

1969: Sechs Briefe aus Berlin
1973: Geschichten aus Soranien, ein elsässisches Anti-Epos
1977: Die Fahrt nach Wyhl, eine elsässische Irrfahrt
1986: Odile oder das magische Dreieck
2001: Elsass, ein literarischer Reisebegleiter, herausgegeben zusammen mit Emma Guntz
2003: Tamie Heimat – Roman
2005: Schwarze Hornissen. Erzählungen aus dem sonderbaren Land, das Elsass heißt
2012: Zeitenwende – Elsässische Erzählungen

Andre Weckmann erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. 1976 den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg, 1978 den „Grand prix Georges Holderith de l’Institut des arts et traditions populaires“, Straßburg und 2002 den „Prix Européen de Langue Régionale“ Im Jahr 1998 war er Turmschreiber in Deidesheim.

 

Lucien Schmitthäusler

* 1935 in Saargemünd/Sarreguemines. Er lebt im französischen Saarinsming.
Lucien Schmitthäusler war bis zu seiner Pensionierung als Sonderpädagoge tätig. Er schreibt seit vielen Jahren Gedichte und Prosa auf Rheinfränkisch, Deutsch und Französisch („Franzeesch unn Hochdeytsch sinn mine liebschte Frimdsprooche“).

Eine Auswahl aus seinen zahlreichen Veröffentlichungen:

Platt redde, nit plattmache
Zieratnoos von Lembergerak (Parodie auf Cyrano de Bergerac)
Mudder Essig
Das Wutzebuch (zusammen mit der „Saarbrigger Schniss“ Hans Jager)
Übertragung der berühmten Erzählung von Alphonse Daudet „La chèvre de Monsieur Seguin“ ins Rheinfränkische
Porträts odder Bruschtbiller me’m Herz
Von himmelbloe Schlecke

Lucien Schmitthäusler
Lothringer Urnenspruch

Do leyj ich in dem Dippe do
als Äsch vom’e lothringer Buu
Ich war nit deytsch unn nit franzeesch
unn doch dezwiche e Gemich
E »Malgré nous« von beede Site.
Ich kann se allezwei nit lidde
Diss Eene lääd, dis annre mied,
Wehm wääs was mir im Himmel blieht
Lothringer stell dir mol die Froo:
»Mennsch du es kummt was Bessres noh?“
Wann ebbes Guddes an mir ischt
lob_Gott unn de Herr Jesseskrischt.
Amen

 

Jean-Louis Kieffer

Geboren am  25.05.1948 in Busendorf (Bouzonville); er lebt in Filstroff nahe der Grenze zu Deutschland, schreibt seit 1985  und pflegt die moselfränkische Mundart mit dem Akzent seiner Heimat  Busendorf (Bouzonville). Jean Louis Kieffer ist ein leidenschaftlicher Anhänger und Verteidiger seiner Muttersprache, als Gründungsmitglied des Vereins "Gau un Griis", deren Präsident er zur Zeit ist.

Veröffentlichungen

Wou de Nitt brellat, Gedichte und Geschichten, Moselfränkisch, Gau un Griis Verlag, Bouzonville 1988
Wierter for de Wolken, Gedichte und Geschichten, Moselfränkisch, Logos Verlag, Saarbrücken 1994
De Nittnix un anner Zählcher, Sagen, Märchen und Legenden aus Lothringen in Moselfränkisch, Editions Serpenoises, Metz 1994

Auszeichnungen

Grand Prix de la Société des Ecrivains d'Alsace et la Lorraine (1989)
Goldener Schnawwel (Mundartpreis des Saarländischen Rundfunks) (1992)
Hans Bernhard Schiff Preis (1999)

Jean-Louis Kieffer
Groo...mei Sprooch

Am Himmel rutschen de Wolken
Iwwer mei bockelich Land
Em Nowember ganz groo
En mei Gedanken spielen
De Wierter
Schockelich Wierter
Duerch mein armselich Sprooch
Bé aan de Wolken ganz groo
En meiner Häämelichkeet
Séngen de Wierter
De Sprooch von de Stroos
De Sprooch von der Mamma
Zart én mir
Ganz groo
Mei Sprooch ém Nowember
Groo
Mei Sprooch for de Wolken
Mei Sprooch ohne Fréijohr
Mei Sprooch for métzehollen bés én den Wénter
Mei Sprooch né meh for deich
Nur noch for meich
Mei Nowembersprooch
Ganz groo...