Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Themenwochen"

74. PRO LESEN-Themenwoche: Tränen, Träume, Abenteuer

Der Aufstieg des Trivialen. Vom Heftroman zum akzeptierten Thriller

Der Begriff Trivialliteratur intendiert, dass es Texte gibt, die sich auf einem niedrigen ästhetischen Niveau bewegen und folglich einer vermeintlichen Kitsch- gar Schundliteratur zuzuordnen sind. Diese Begriffe verbindet man vorrangig mit den so genannten Roman- oder Groschenheften, die von den frühen 50er bis in die 70er Jahre von breiten Schichten konsumiert wurden. Einige Reihen sind bis heute auf dem Zeitschriftenmarkt, vor allem Frauen-, Arzt- und Heimatromane sowie Krimi-, Geister/Gespenster- und – mit abnehmender Tendenz - Westernhefte.
Während der ersten 25 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik gehörten Western-Serien wie „Pete“, „Billy Jenkins“ oder „Tom Prox“ zur bekannten Unterhaltungsliteratur. Insbesondere von Jugendlichen wurden sie geschätzt. War man etwas älter geworden, las man vermeintlich realistischere Krimis wie „Jerry Cotton“ oder „Kommissar X“. Und ab 1961 gesellte sich ein Weltraumfahrer zu den Cowboys und Detektiven, der bis heute ähnlich erfolgreich ist wie der FBI-Agent aus New York, nämlich „Perry Rhodan“.
Auch die Helden von Bildergeschichten machten damals Karriere. „Akim“, der ähnlich wie der legendäre Tarzan durch den Dschungel streifte, mit einer Blondine sowie einem Affen an seiner Seite; „Sigurd“, der dem Siegfried des Nibelungenlieds nachempfunden war; der Indianerhäuptling „Silberpfeil“, Vertreter der „guten“ Rothäute, weil er sich stets im Kampf der Weißen gegen die Ureinwohner Amerikas instrumentalisieren ließ oder „Nick, der Weltraumfahrer“. Das formale Konzept dieser schmalen, querformatigen Hefte stammte aus Italien, dort hießen sie Piccolos. Ein deutscher Werbezeichner, Hansrudi Wäscher, orientierte sich ab 1950 an den italienischen Vorbildern und schuf Figuren wie Akim, Tibor, Sigurd, Falk und Nick.
Doch deren Erfolg hielt kaum mehr als ein Jahrzehnt an. Die einstigen Leser waren erwachsen geworden und legten, falls sie dem Genre treu blieben, mehr Wert auf zeichnerische Details und eine größere Nähe zur (historischen) Realität.
So wurde die bereits ab 1929 erschienene Serie des belgischen Zeichners Hergé in Deutschland neu entdeckt. Statt „Tintin“ hießen die Alben im deutschen Sprachraum „Tim und Struppi“. Auch die 1959 von René Goscinny und Albert Uderzo geschaffene Reihe „Asterix“ setzte neue Maßstäbe bei den Comics. Zwischen 1963 und 1990 erschien die Serie „Leutnant Blueberry“. Jean-Michel Carlier hatte sie entwickelt, Jean Giraud setzte sie fort. Das Gesicht des Westernhelden Blueberry war dem des französischen Schauspielers Jean Paul Belmondo nachempfunden. Ein Kind der unmittelbaren Nachkriegszeit ist „Lucky Luke“, jener Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten und von Morris und René Goscinny humorvoll und mit Bezügen zu historischen Ereignissen in Bild und Text gesetzt wurde. „Lucky Luke“ ist nach Asterix die erfolgreichste Comic-Alben-Serie.
Sowohl das attraktive Erscheinungsbild der Alben als auch ihr kommerzieller Erfolg trugen mit dazu bei, dass sie allmählich nicht mehr der Schundliteratur zugerechnet wurden. Das Etikett „trivial“ aber wurden sie nicht los.

Dies gibt Anlass, über das Typische der trivialen Literatur nachzudenken. In der Literaturwissenschaft gilt sie als Schemaliteratur. Ihre Merkmale sind schematischer Spannungsaufbau, melodramatische und sentimentale Handlungen, Schwarz-Weiß-Zeichnung bei Charakteren, Vermittlung eindeutiger moralischer Ansichten und Vortäuschung eines Weltbildes, das eindeutig der Rechtfertigung herrschender Zustände und nicht dem Wunsch nach Veränderung, gar nach einer Zukunft zugerechnet werden kann, die beispielweise durch soziale Gerechtigkeit geprägt sein würde.
Diese Schemata unterstützen ihre ständige Reproduzierbarkeit, was sich in der Erscheinungsweise als Fortsetzungsromane, Romanhefte oder Taschenbuchserien und Mainstream-Comics ausdrückt. Andererseits erfüllt diese Literatur kollektive Leserbedürfnisse, die durch ein starkes Verlangen nach identischen Grundmustern geprägt sind. Und die der Verdrängung des Alltags dienen soll.
Der Schemata-Literatur steht das Literarische gegenüber. Dieses Genre lässt Raum für veränderbare gesellschaftliche Normen, baut auf der Originalität des Geschilderten, vielfach auch auf dessen Einmaligkeit auf, schafft Querverbindungen zu den verschiedenen Handlungselementen der jeweiligen Erzählung und ist auf Innovation angelegt.
Legt man diesen Maßstab an jene Unterhaltungsliteratur an, die längst nicht mehr als Hefte oder billige Taschenbücher auf dem Markt ist und von so genannten Bestseller-Autoren verfasst wurde, kann man rasch den Eindruck gewinnen, dass der Unterschied zwischen den Autoren der Billy Jenkins-Hefte und (beispielsweise) dem Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein gar nicht so groß ist. Weder in der literarischen Form noch in der inhaltlichen Aussage. Eine ähnliche Konfektionsware sind die erfolgreichen Taunuskrimis von Nele Neuhaus oder die so genannten Frauenromane von Hera Lind.
Auf andere Akzente stößt man hingegen in den Thrillern von Andreas Eschbach (Eine Billion Dollar, Das Jesus-Video, Teufels Gold, Exponential Drift) und Dan Brown (Illuminati, Sakrileg, Origin). Sprachlich vermeiden sie das allzu Schlichte, auch wenn sie erkennbar Spannung aufbauen; inhaltlich greifen Sie Themen auf, die für die Menschheit von existenzieller Bedeutung sind. Nämlich die Humanisierung der technischen, insbesondere die der digitalen Entwicklung. Und die Verteilung der Güter in der jetzigen sowie in einer künftigen Gesellschaft.
Von gänzlich anderem schriftstellerischen Format sind die Romane von Umberto Eco (Der Name der Rose, Das Foucaultsche Pendel, Baudolino), die historische Themen aufgreifen. Dieser Autor vermag in vollendeter Weise zu fabulieren, versteht es aber auch, fachlich korrekte Informationen über historische Ereignisse und technische Konstruktionen in seine Erzählungen einzubauen. Dadurch kommt er Biografen gesellschaftlicher Epochen wie Balzac, Theodor Fontane, Thomas Mann oder Alfred Döblin sehr nahe.

Das schnelle und erfolgreiche Vordringen der Trivialliteratur knüpfte an eine technische und eine soziologische Errungenschaft an. Das Druckwesen entwickelte sich ab dem 18. Jahrhundert immens rasch, sodass Bücher immer schneller verfügbar waren. Zum anderen entwickelte sich das Lesen zu einer Freizeitbeschäftigung. Diese war anfangs dem Adel vorbehalten, später dem Bürgertum, aber auch die aufbegehrende und nach sozialer Gleichstellung strebende Arbeiterschaft verlangte nach Büchern, die für sie sowohl Kulturgüter als auch Unterhaltungsmedien waren.
Frauen stellten im 18. und 19. Jahrhundert den größten Teil des Lesepublikums, weil ihnen die Teilhabe an den Arbeitsprozessen verwehrt wurde. Ihrer gesellschaftlichen Rolle entsprachen auch die Inhalte der ihnen zugedachten Literatur, die von Frauenschicksalen und Liebesromanzen bestimmt waren. Trotz der erheblichen Veränderungen in der Arbeitswelt dominieren solche Stoffe die noch erscheinenden Heftromane, aber auch Taschenbücher und Hardcover-Ausgaben, die als Frauenliteratur angepriesen werden.
Die zu Beginn erwähnten Wildwestromane in Heftchen-Form basierten im Übrigen auf Vorbildern, die auch nach heutigen Kriterien als gut erzählte Literatur gelten. Hier sind beispielsweise die Romane des Amerikaners James Fenimore Cooper (Lederstrumpf-Geschichten) zu nennen. Aber auch der deutsche Autor Friedrich Gerstäcker (Die Flusspiraten des Mississippi, Die Regulatoren in Arkansas) und der Österreicher Charles Sealsfield, eigentlich Karl Anton Postl, (Das blutige Blockhaus, Die Grabesschuld), die Amerika besucht und als Thema entdeckt hatten. Nicht zu vergessen ist Karl May, der zwar die Länder, die er in seinen Abenteuerromanen beschrieb, persönlich nie gesehen hat, aber dennoch eindrucksvolle Heldenfiguren schuf.
Die Literatur in der jungen Bundesrepublik war neben den Heftromanen zunächst bestimmt von Autoren, die als „stille Emigranten“ in Nazi-Deutschland überlebt hatten. Werner Bergengruen, Georg Britting, Hans Carossa oder Albrecht Goes sind typische Vertreter. Formal bewegen sich ihre jeweiligen Schreibstile auf literarischem Niveau, inhaltlich idealisieren sie gesellschaftliche Zustände, die nie existierten.
Andere konnten im Dritten Reich Erfolge verzeichnen und versuchten, an diesen nach 1945 anzuknüpfen. Beispielsweise Karl Aloys Schenzinger. Er war nicht nur Autor des Nazi-Romans „Hitlerjunge Quex“, sondern hatte auch einen Roman über die Geschichte der Chemie („Anilin“) und der Technik („Metall“) verfasst, die in den 50er und 60er Jahre erneut hohe Verkaufsauflagen erzielten. Jüngere, die zwischen 1933 und 1945 ihr schriftstellerisches Handwerk erlernt hatten, aber in dieser Zeit noch nicht reüssieren konnten, betätigten sich danach als erfolgreiche Verdränger der historischen Wahrheit. Einer von ihnen war Heinz G. Konsalik, der mit Titeln wie „Der Arzt von Stalingrad“ oder „Das Herz der 6. Armee“ bekannt wurde. Sie entsprachen formal und inhaltlich den „Landser“-Heften und bestätigen die Erkenntnis, dass Triviales auch im Hochglanz-Umschlag daher kommen kann.

Klaus Philipp Mertens