Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv Buchtipp

Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit

Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit

(c) Westend Verlag, Frankfurt a.M.

Wer in Deutschland öffentlich einen „kleinen Holocaust“ gegen politisch Missliebige fordert, muss die Justiz nicht fürchten. So wie das ein Finanzmakler aus Limburg an der Lahn tat, als er den staatlichen Massenmord sowohl an gewaltbereiten als auch an nichtgewaltbereiten Demonstranten beim G20-Gipfel 2017 in Hamburg propagierte. Die Staatsanwaltschaft in Limburg und auch die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main verwarfen mehrere Strafanträge gegen den Unternehmer (einem Mitglied der CDU) wegen des Verdachts der Verharmlosung des NS-Staats und der Volksverhetzung. Die Äußerung sei zwar geschmacklos, würde aber noch vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt.

Doch wer hierzulande öffentlich Kritik an Entscheidungen der israelischen Regierung zu Lasten der Palästinenser im Westjordanland äußert, wird zwar nicht vor den Kadi zitiert, muss sich aber häufig nachsagen lassen, ein Antisemit zu sein. Auch dann, wenn er selbst jüdischen Glaubens ist wie der Verleger Abraham Melzer. Oder sich seit Jahren, gar Jahrzehnten für eine Aussöhnung zwischen Juden und anderen Religionen und ebenso zwischen Israel und Deutschland engagiert.
Derartige Instrumentalisierungen des eigentlich eindeutigen Begriffs veranlassten vor sechs Jahren den (im August 2018 verstorbenen) israelischen Schriftsteller Uri Avnery, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, im Zusammenhang mit der Kontroverse um ein israelkritisches Gedicht von Günter Grass zu der Bemerkung, dass es antisemitisch sei, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden dürfe.

Ähnliche Erfahrungen hat auch der Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann gemacht. Er wurde 1949 in Israel geboren. Seine Eltern waren polnische Juden, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatten. In der Familie wurde Jiddisch gesprochen und über die Shoah wurde häufig gesprochen. Als er zehn Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland. Das war zu dieser Zeit noch sehr ungewöhnlich. Rückblickend äußert er: „Für meine Eltern und auch für meine Generation war immer klar, dass man auf den Koffern sitzt und dass Deutschland nicht das Zukunftsland sein kann.“
In Frankfurt am Main besuchte er ein humanistisches Gymnasium und begeisterte sich zunächst für Musik und Malerei. Neben der Kunst beschäftigte er sich mit den Geisteswissenschaften. Während seines Studiums in Frankfurt entdeckte er Adorno und Horkheimer. Deren Schriften veranlassten ihn, zunächst alles vermeintlich Selbstverständliche in Frage zu stellen und stets seinen Verstand kritisch zu gebrauchen.

Mit 20 Jahren kehrte er nach Tel Aviv zurück und hoffte auf eine friedliche Entwicklung des Staates. „Der Zionismus war humanistisch ausgerichtet“, erzählt er. „Im Gegensatz zu vielen Juden präferiere ich nicht die Religion. Ich habe mich immer am Menschen orientiert. Darum auch später die Soziologie, die Psychologie, die Philosophie.“ Nach seinem Studium ging er als Soziologe zur israelischen Luftwaffe, weil ihn die Kommunikation der Soldaten untereinander, vor allem in Stresssituationen, interessierte. Schließlich wechselte er als Hochschullehrer zur Universität, die ihm größere Möglichkeiten für seine Arbeit bot. So lehrte er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel Aviv. Von 2000 bis 2005 leitete er dort das Institut für Deutsche Geschichte. 2006 und 2007 war er Gastprofessor am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern.
Im Zentrum seiner Forschungen stehen die schmerzlichsten Punkte im kollektiven Bewusstsein Israels und Deutschlands. Er organisierte die erste internationale wissenschaftliche Konferenz zu Richard Wagner in Israel, veröffentlichte unter dem Titel „Wider den Zeitgeist“ Aufsätze und Gespräche über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und den Antisemitismus. Und er erkannte, dass der Antisemitismus-Vorwurf auch ein Herrschaftsinstrument sein kann, das diversen politischen Zwecken dienen kann, aber nicht der Aufarbeitung der Historie und dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Im September 2018 ist sein Buch „Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“ erschienen. Zuckermanns Thesen könnten kaum provokanter sein:

Ein Ungeist gehe um in Deutschland - in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus würden wahllos Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Nicht-Juden des Antisemitismus bezichtigt. Die Debattenkultur in Deutschland sei vergiftet und die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses geraten. Deutsche solidarisierten sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wer das kritisiere, werde schnell des Antisemitismus bezichtigt. Moshe Zuckermann nimmt in seinem Buch den aktuellen Diskurs schonungslos in den Blick und spricht sich für eine ehrliche Auseinandersetzung mit der deutsch-israelischen Geschichte aus.

Bereits wenige Wochen nach seiner Veröffentlichung hat das Buch heftige Kontroversen ausgelöst und Zuckermann wird darin hart angegriffen. Jetzt wiederfährt ihm, was bereits andere einstecken mussten: Ihm, dem Sohn von Überlebenden des Holocausts, wird Antisemitismus vorgeworfen. Weil er die Politik seines Heimatlandes Israel schonungslos kritisiert. Aber auch, weil er den Umgang der Deutschen mit dem Antisemitismus in entlarvender Weise analysiert. Dabei betont er ausdrücklich, dass der Antisemitismus „soweit es ihn in Deutschland als Bodensatz gibt, natürlich bekämpft gehört, genauso wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie“. Doch ihm gehe es in seinem Buch vielmehr um die „manipulative Verwendung des Vorwurfs des Antisemitismus gegenüber weltoffenen Menschen, die nicht antisemitisch sind.“ Sie würden diskreditiert, um sie von Diskussionen über den Holocaust, den Staat Israel und den wirklichen Antisemitismus auszuschließen. Vor allem in Deutschland hätten sich solche Strategien etabliert.
In einem Interview mit dem DEUTSCHLANDFUNK KULTUR gestand er ein, dass ihm das große Sorgen bereite, „nicht nur wegen der persönlichen Erfahrung, sondern weil ich meine, dass mit diesem Phänomen im Grunde alles unterwandert wird, was als Antithese zum allzu schlichten Denken auf den Tisch gehört.“
Sein Hauptanliegen sei es, zu differenzieren. So seien Juden, Israel und Zionismus drei Paar Schuhe und Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik ebenfalls. „Und das aus einem ganz einfachen Grund, weil nicht alle Juden Zionisten sind. Nicht alle Zionisten Israelis sind und nicht alle Israelis Juden sind.“

In dem Interview berichtet er, dass gegen ihn und seinen Verlag bei der Suche nach Lokalitäten für Lesungen 80 „Raumverbote“ ausgesprochen worden wären. Das treffe ihn sehr und er ergänzt: Dass mittlerweile Raumverbote ausgesprochen würden, sollte die Deutschen dazu veranlassen, sich bei der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit der richtigen Fragen zu bedienen.
Auf die Nachfrage des DEUTSCHLANDFUNKS, ob er als scharfer Kritiker seines Landes nicht fürchte, „Beifall von der falschen Seite zu bekommen“, antwortete er: „Es gibt keine falsche Seite mehr, denn mittlerweile zeigt sich die AfD nach außen als israelfreundlich und judenfreundlich. Und wenn mir von dieser Seite nicht mehr vorgehalten wird, was ich früher von der NPD noch zu hören bekam, dann haben sich die Koordinaten von Grund auf verschoben.“
Sein Zorn, der sich nicht nur in seinen Büchern Bahn bricht, gründet in seiner tiefen Enttäuschung über das Scheitern seiner Idee vom Zionismus. Doch völlig gestorben sei seine Hoffnung auf einen friedlichen Staat Israel noch nicht, versichert er: „Für mich wäre die Kohabitation zwischen Juden und Arabern wie es sie in Haifa gibt, ein Modell und eine Zuversicht, dass sich alles noch zum Besseren wendet.“

 

Klaus Philipp Mertens

 

 

Bibliografische Daten:
Moshe Zuckermann
Der allgegenwärtige Antisemit
oder
Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit
224 Seiten. Paperback
Erschienen am 04.09.2018
Westend Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 9783864892271
Ladenpreis 20 Euro