Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv Buchtipp

Hermann Sinsheimer: Gelebt im Paradies

Gestalten und Geschichten

(c) Quintus Verlag, Berlin

Einem belesenen Schneider ist es zu danken, dass der jüdische Theaterkritiker, Feuilletonist und Schriftsteller Hermann Sinsheimer, der u. a. Chefredakteur des „Simplicissimus“ war und in Mannheim, München und Berlin gewirkt hatte, nicht vergessen wurde.

Der Schneidermeister Gerd Weber aus der pfälzischen Kleinstadt Freinsheim stieß bereits in den 1960er Jahren auf die Schriften Sinsheimers, der 1883 ebenfalls in dieser Wein- und Obstanbaugemeinde geboren wurde, 1938 aus Nazi-Deutschland fliehen musste und 1950 im Londoner Exil starb. Durch einen intensiven Briefkontakt mit Sinsheimers Witwe Christobel verschaffte sich Weber detaillierte Kenntnisse vom hinterlassenen und noch nicht völlig geordneten Nachlass, initiierte eine erste Neuausgabe einzelner Schriften und begründete schließlich den „Hermann-Sinsheimer-Preis für Literatur und Publizistik“, der seit 1983 (dem Jahre des hundertsten Geburtstags des Namensgebers) alle zwei Jahre von der Stadt Freinsheim vergeben wird. Zu den prominenten Preisträgern zählen beispielsweise Rafik Schami, Dieter Hildebrandt, Ivan Nagel, Günther Rühle, Christa Wolf, Walter Kempowski, Siegfried Lenz, Marcel Reich-Ranicki oder Walter Jens. Seit dem Jahr 2000 wird in den „geraden Jahren“ die Hermann-Sinsheimer-Plakette verliehen. 2016 wurde sie dem Pfälzer Landeskundler Roland Paul zuerkannt, 2014 erhielt sie der Heidelberger Kabarettist und Musiker Arnim Töpel.

Die englische Literaturwissenschaftlerin Deborah Vietor-Engländer, die sich u. a. als Übersetzerin von Exilantenliteratur einen Namen machte und 2016 eine vielbeachtete Biografie Alfred Kerrs vorstellte, war von den Erben Sinsheimers zur Rechteinhaberin bestellt worden. 2013 gab sie den ersten Band einer auf drei Bände angelegten Werkausgabe Hermann Sinsheimers heraus, nämlich den Erinnerungsband „Gelebt im Paradies. Gestalten und Geschichten“. Seit Januar 2017 liegt auch Band 2 vor („Shylock und andere Schriften zu jüdischen Themen“). Ein dritter Band soll den umfangreichen Briefverkehr aufnehmen.

„Dies ist die Geschichte einer Reise aus dem neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert, aus dem Dorf in die Stadt, aus der Schule in den Beruf: Gestalten und Geschichten, Erfahrungen und Erkenntnisse aus dreißig Jahren, abschließend mit einem Krieg, der begonnen hat, das Gesicht der Welt zu verändern.“ So beginnt Sinsheimer seinen Erinnerungsband und ergänzt dieses Prolegomenon um den Hinweis: „Ort und Zeit der Niederschrift - London und die zweite Hälfte der vierziger Jahre - sichern dem Buch den Vorzug der Distanz seiner Aussage über das Deutschland der letzten Jahrhundertwende und der folgenden zwei Jahrzehnte.“

Damit ist der Spannungsbogen angedeutet, der in einem Dorf der Rheinpfalz seinen Ausgang nahm. Erste Ausbrüche aus der ländlichen Idylle boten der Besuch der Lateinschule im benachbarten Bad Dürkheim und die Vorbereitung zum Abitur am Humanistischen Gymnasium in Neustadt / Haardt (heute als Neustadt an der Weinstraße bekannt). 1902 folgte dann ein Einjähriger Militärdienst in München (die Pfalz gehörte seit dem Wiener Kongress zu Bayern), anschließend das Studium der Rechtswissenschaft in Würzburg, Berlin und Wien. 1910 ging es noch einmal zurück in die Pfalz, wo sich Sinsheimer als Rechtsanwalt in Ludwigshafen am Rhein niederließ. Doch es deutete sich bereits ein beruflicher Bruch an. Der Jurist erwarb sich Meriten vor allem als Theaterkritiker für die „Neue Badische Landeszeitung“ in Mannheim.

Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, wurde er Leiter der Münchener Kammerspiele. Nach dem Kriegsende blieb er in München, verfasste Theater- und Literaturkritiken für die „Münchener Neuesten Nachrichten“ und wurde zu einer bekannten Figur in der dortigen Kulturszene. Erich Mühsam, Frank Wedekind und andere Vertreter der Schwabinger Bohème zählten zu seinen Freunden. Ebenso der junge Bertolt Brecht, dessen Stück „Trommeln in der Nacht“ er hoch lobte und dem er eine große Zukunft am Theater vorhersagte. Im Juli 1924 avancierte er zum Chefredakteur des Satireblatts „Simplicissimus“, das auch in München erschien. Im Juli 1929 schied er jedoch im Streit aus; denn er konnte sich nicht mit dem Plan durchsetzen, Berlin zum Verlags- und Erscheinungsort der Zeitschrift zu machen.

Ab 1930 war er Redakteur beim „Berliner Tageblatt“, das von Theodor Wolff geleitet wurde. Sein hausinterner Konkurrent als Theaterkritiker war Alfred Kerr. Der Konflikt mit ihm setzte sich noch im Londoner Exil fort. Im Herbst 1933 wurde Sinsheimer wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen. Die meisten jüdischen Journalisten mussten bereits kurz nach der Machtergreifung der Nazis ihre Posten räumen. Ein vermeintlich positiver Kommentar zu Goebbels‘ Kulturpolitik verschaffte ihm eine Gnadenfrist und führte zum Bruch mit langjährigen Weggefährten, so mit Heinrich Mann. Hermann Sinsheimer konnte fortan nur noch unter Pseudonym publizieren.

Nachdem die 1935 erlassenen „Nürnberger Gesetze“ ihm eine Teilnahme am öffent­lichen Leben zunehmend verwehrten, verließ er Deutschland 1938. Sein erstes Ziel war Palästina; denn die Ereignisse in Deutschland hatten ihn der zionistischen Idee näher gebracht. Aus dem britischen Mandatsgebiet reiste er alsbald weiter nach England. Hier lernte er seine zweite Frau Christobel kennen, die später seinen literarischen Nachlass betreute. 1948 wurde er britischer Staatsbürger.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besuchte er noch mehrmals Deutschland, seine pfälzische Heimat sah er hingegen nicht mehr wieder. Er starb am 29. August 1950 in London.

Hermann Sinsheimers Erinnerungen lassen durch ihre präzise Darstellung und ihre sprachliche Meisterschaft einerseits ein Zeitalter neu auferstehen und stellen andererseits Fragen, mit deren Beantwortung sich die deutsche Gesellschaft nach wie vor besonders schwertut. Der politische Essay „Deutschland wie nie zuvor. Gedanken eines deutschen Flüchtlings“, den Sinsheimer 1942 im Krankenbett verfasste, wurde von der Herausgeberin bewusst als zusätzliches Kapitel in diese Biografie aufgenommen. Der Beitrag darf als die persönliche Quintessenz eines stets politischen Journalisten und Schriftstellers gelten.

Bibliografische Daten
Hermann Sinsheimer
Gelebt im Paradies
Gestalten und Geschichten
Berlin 2013
Quintus Verlag
Band 1 der auf drei Bände angelegten Werkausgabe
ISBN 978-3-943476-55-3
Ladenpreis 25,00 Euro