Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv "Vom Geist der Zeit" | Philosophie und Theologie

Nicht auf Erden, nicht im Himmel, aber wo

Der Evangelischen Kirche gehen die Mitglieder verloren.

Ein Beispiel aus der Aktion von 2002 (c) EKD

Die Gründe sind bekannt, aber man will sie nicht wahrnehmen.

„Woran denken Sie bei Ostern?“ fragte die Evangelische Kirche im Frühjahr 2002 auf einem Großplakat im Rahmen einer bundesweiten Werbekampagne.
Bereits damals hielten die Nachdenklichen in den Gemeinden derart schlichte Slogans für völlig ungeeignet, um eine so komplexe Sache wie den Glauben zur Sprache zu bringen. 16 Jahre später und angesichts nicht nachlassender Austritte (200.000 waren es in 2017) könnte man vermuten, dass die heimliche Antwort vieler Mitglieder damals wie heute schlicht lautet: An den Kirchenaustritt!
Auch die anderen Werbesprüche waren nicht dazu geeignet, das Vertrauen in eine Institution zu erhalten oder solches überhaupt erst zu schaffen, deren Inhalte zunehmend als irrelevant und deren öffentliche Äußerungen zu existenziellen Problemen der Menschen als oberflächlich bis unglaubwürdig gelten. Auch die Fragen „Wie gewinnt man eigentlich Freunde?“ und „Sind Fußballer unsere wahren Götter?“ wirkten unaufrichtig und jenseits aller Lebenswirklichkeit. Die meisten derer, die sich angesprochen fühlen sollten, hatten darauf längst eigene Antworten gegeben und die hatten mit der Kirche nichts zu tun. Wären die Erfinder und Befürworter solcher Unsäglichkeiten tatsächlich im unmittelbaren Kontakt zu den anvisierten Zielgruppen gestanden, hätten sie den Protest gegen eine Kirche, der die Inhalte verloren gegangen waren, bemerken können.
Es lässt sich nachweisen, dass die Anstöße zur damaligen Kampagne von Männern und Frauen aus der höheren Hierarchie (Kirchenräte, Oberkirchenräte) von Landeskirchen und dem Kirchenamt der EKD kamen. Sie schienen längst die Themen vergessen zu haben, über welche die evangelische Theologie seit Beginn des  20. Jahrhunderts gerungen hatte. Nämlich um jene „Sache mit Gott“ (Heinz Zahrnt), die der Masse der unfreiwillig Getauften nahegebracht werden musste, falls die Kirche ihre Bedeutung in einer säkularen Welt nicht verlieren sollte. Stattdessen verwechselten die Herrschaften ihre Ämter mit denen von Vorständen der Wirtschaft.
Ein Referent der „Medien Dienstleistung GmbH (MDG)“ der katholischen Kirche hatte 1999 eine Anleitung für die Öffentlichkeitsarbeit von Gemeinden verfasst, die den Titel trug „Kirche vermarkten“ und im Verlag der Lutherischen Landeskirche Hannovers erschienen war. Religiöse Überzeugungen waren nach Einschätzung der Verantwortlichen offenbar der Warenwelt vergleichbar. Wer sich so anpreist, muss zwangsläufig damit rechnen, dass er für seine Angebote keine Käufer mehr findet.

Parallel zum gesteuerten Verlust an theologischen Aussagen, der auf einem falschen Verständnis von Pluralismus beruht, bahnte sich bereits seit dem Beginn der 1990er Jahre eine ähnliche Entwicklung bei der evangelischen Publizistik an. Im „Publizistische Gesamtplan“ der EKD aus dem Jahr 1979 wurde noch die Überzeugung ausgedrückt, dass kirchliche Publizistik etwas gegen die Ohnmachtsgefühle der Menschen bewirken könnte und sie deswegen in der Lage sei auszusprechen, was andere verschwiegen. Dieses Selbstverständnis mündete in der Überzeugung, dass das publizistische Handeln der Kirche stellvertretendes Handeln sei, das sich im Namen jener äußerte, die keinen Weg in die Öffentlichkeit fänden. Es gehöre zur Eigenart der Kirche, dass in ihr die legitime eigene Interessensvertretung immer wieder durch die notwendige Stellvertretung überboten würde. Wörtlich heißt es: „Getreu ihrem Selbstverständnis muss die Evangelische Kirche für Minderheiten und Benachteiligte einstehen und dafür sorgen, dass planvoll unterdrückte oder absichtslos vernachlässigte Informationen und Meinungen im Interesse der Gerechtigkeit und Wahrheit veröffentlicht werden. Eine Kirche, die sich als Kirche für andere begreift, die Fürsprache leistet steht für Unterprivilegierte und Entrechtete ein und stützt das Eigenrecht von Personen oder Gruppen, deren legitime Anliegen im öffentlichen Gespräch nicht angemessen zu Wort kommen oder nicht verstanden werden.“

Doch Anspruch und Wirklichkeit klafften zunehmend auseinander. Ein erstes Signal für eine Kehrtwende gab es bereits am Jahresende 1986. Damals wurde die Zeitschrift „Korrespondenz die Frau“ nicht weitergeführt, die von der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik herausgegeben wurde. Das geschah ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als das Thema Frauenemanzipation mit erheblicher Verspätung auch die Kirche erreicht hatte. Zeitgleich wurde die Fachzeitschrift „medium“, die ebenfalls im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) erschien, von der bislang monatlichen auf eine vierteljährliche Erscheinungsweise umgestellt. Mutmaßlich hatte die Redaktion ihren Auftrag, „die Massenmedien kritisch und medienübergreifend zu beobachten“, zu gut ausgeführt. Vor allem die Programmbeteiligung der Kirche am privaten Rundfunk war ein regelmäßiges Thema gewesen, das Verärgerung bei jenen Amtsträgern auslöste, welche die kommerziellen Medien trotz deren zweifelhaftem Ruf für eine Ergänzung der öffentlich-rechtlichen Sender hielten. Es ist nicht abwegig, dahinter ein parteipolitisches Interesse, nämlich eines zu Gunsten der CDU, zu vermuten. Mitte der 90er Jahre war es dann mit „medium“ endgültig vorbei. Die Reduktion auf vier Nummern im Jahr hatte die Hälfte der Abonnenten gekostet und folglich einen Erlöseinbruch bedeutet, was von den üblichen Bedenkenträgern in den kirchlichen Gremien nunmehr als Argument für die Einstellung benutzt wurde.
 

Im bereits erwähnten „Publizistischen Gesamtplan“ wurde auch die Bedeutung der großen Wochenzeitungen hervorgehoben: „Ein wesentlicher Teil des geistigen, politischen und gesellschaftlichen Gesprächs wird heute auf der Ebene der großen Wochenzeitungen geführt. Von dort gehen wichtige Impulse aus, die im Vorfeld der Diskussion über die zu fällenden gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen diese selbst nicht selten mitbestimmen. In diesem Vorfeld besitzt die evangelische Kirche im »Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt« eine eigene Wochenzeitung, die mit ihrer umfassenden Informations- und Meinungspolitik und ihrem aktuellen theologischen und kirchlichen Angebot eine vielbeachtete protestantische Position artikuliert.“ Tatsächlich zählte das »Sonntagsblatt“ viele Jahre zu den großen Blättern am Markt, verzeichnete zeitweilig sogar eine größere Verkaufsauflage als »Die Zeit« und wurde als eine linksliberale Alternative zum konservativen Konkurrenzblatt »Christ und Welt“ wahrgenommen. Doch die Zeitungskrise machte auch vor dem »Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“ nicht halt. Die Krämerseelen bei der EKD und in der EKD-Synode waren nicht dazu in der Lage, eine strategische Entscheidung zu treffen, die auf den Erhalt einer qualifizierten protestantischen Stimme ungeachtet des finanziellen Zuschussbedarfs setzte. Im Jahr 2000 strandete dann das Flaggschiff der protestantischen Publizistik an der Klippe Geld. Das Ersatzblättchen, das seither als Beilage einigen überregionalen Zeitungen beigefügt wird und den Namen „Chrismon“ trägt, wirkt auf den kritischen Leser evangelischer Provenienz wie die permanente Klage Gottes über so viel unreflektierten Unglauben und so wenig publizistisches Talent.
 

Eher zur Information der evangelischen Binnenstrukturen diente die Monatszeitschrift „Evangelische Kommentare“, deren Träger ein Verein war, der von der EKD bezuschusst wurde. Auf hohem Niveau wurden theologische, politische und Themen der Gemeindepraxis behandelt. Die Autoren zählen zu jenen Theologen und Geisteswissenschaftlern, die für die Kirche Relevantes artikulierten. Doch bekanntlich gilt der Prophet nichts im eigenen Land. Zwar schmückte sich die kirchliche Prominenz mit dem Intelligenzblatt, aber gelesen, geschweige denn verstanden haben dürfte sie es nie. Als das Geld immer knapper wurde, vereinigte man die »Kommentare« mit der »Reformieren Kirchenzeitung« und den »Lutherischen Monatsheften«. Letztere waren bereits vorher mit den ostdeutschen »Die Zeichen der Zeit“ zusammengelegt worden. Seit Ende 2000 gibt es die »Zeitzeichen«, die sich mit monatlich 13.000 verkauften Exemplaren durch das Angebot an Kulturblättern quälen und nur einen Bruchteil der einstigen Gesamtleserschaft erreichen.
 

Als Quintessenz aus dieser Aufstellung, die längst nicht vollständig ist, könnte die These aufgestellt werden, dass die Evangelische Kirche ihr Gläubigen und den ernst zu nehmenden Teil ihrer Verächter intellektuell verhungern lässt. „Nichts Neues unter der Sonne“ könnte man mit dem alttestamentlichen Kohelet feststellen.
In seinem Buch „Die Sache mit Gott“ zitierte der Theologe und Journalist Heinz Zahrnt den Baseler Kirchenhistoriker Franz Overbeck, einen engen Freund Nietzsches. „Anders als durch Verwegenheit ist Theologie nicht wieder zu gründen“ meinte dieser am Ende des 19. Jahrhunderts. Die darauf folgende protestantische Theologie hat diese Herausforderung zu einem wesentlichen Teil angenommen. Paul Tillich, Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann oder Herbert Braun sind typische Vertreter eines neuen Denkens. Aber die Kirche hat sich davon nicht im notwendigen Umfang beeinflussen lassen. Und sie hat anscheinend auch nicht vor, das zu ändern. Folglich werden ihr Jahr um Jahr weiterhin die Mitglieder verloren gehen. Darunter auch solche, auf welche sie um ihrer Zukunft willen angewiesen ist.

 

Klaus Philipp Mertens