Frankfurter Netzzeitschrift für Kultur, Literatur & gesellschaftlichen Diskurs

Archiv Buchtipp

Gert Loschütz: Ein schönes Paar

Roman

(c) Schöffling Verlag

Wenn Eltern getrennte Wege gehen, ist dies für Kinder ein schwerer Schlag. Manches Scheidungskind träumt ein Leben lang davon, die Eltern mögen wieder zusammen kommen. So ergeht es jedenfalls dem Fotografen Philipp Karst, obwohl er inzwischen Mitte 60 ist. Er war noch keine zehn, als sich Herta und Georg Karst trennten. Nun sind sie tot, waren kurz nacheinander gestorben.

Beim Ausräumen des Elternhauses stößt Philipp auf einen Gegenstand, der in der Geschichte seiner Eltern anscheinend eine entscheidende Rolle gespielt hat. Immer mehr verliert er sich in den Erinnerungstücken ihrer Lebensgeschichten. Wie sie sich 1939 kennenlernten und Georg sich heimlich aus der Kaserne fortstahl, nur um sie zu sehen. Nach dem Krieg richten sie sich in Plothow, DDR, ein. Sohn Philipp wird geboren.
Beide erscheinen ihm nachträglich als ein schönes Paar. Er erinnert sich an ihr junges Liebesglück, ihre Hoffnungen und an die Gefahren, denen sie sich aussetzten, nicht zuletzt an die überstürzte Flucht seines Vaters aus der DDR in den Westen. Die hätte, da ihm die Mutter und der Junge ein paar Tage später folgten, der Beginn eines neuen und erfüllten Lebens sein können, tatsächlich aber begann bereits mit der Flucht das nachfolgende Unglück.

Erst begeht Georg aus Liebe zu seiner Frau einen Diebstahl in seiner Firma, für den er ins Gefängnis muss. Dann betrügt Herta ihren Mann, um Georg wieder aus dem Gefängnis freizubekommen. Doch ein weiteres Zusammenleben scheint fortan unmöglich. Der Sohn versteht die Welt nicht mehr.

Erinnerungen aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Gegenwartsbeobachtungen vermischen sich bei der Beschäftigung mit den hinterlassenen Fotos, Briefen und Aufzeichnungen. Einige der Ereignisse, die lebensprägend gewesen sein müssen, werden sehr ausführlich geschildert und belegen den Einfallsreichtum des Autors und seine sprachliche Meisterschaft.

Nach und nach geht Philipp das Paradoxe der elterlichen Beziehung auf. Er ist davon überzeugt, dass es die Liebe war, die ihre Liebe zerstörte. Damit aber ist die Geschichte, die auch sein Leben überschattet, nicht vorbei. Am Ende ist er sich sicher, dass Herta und Georg all die Jahre über miteinander verbunden waren, auf eine Weise, die sie niemandem, nicht einmal sich selbst, eingestehen konnten. So jedenfalls malt es sich der Sohn Jahrzehnte später aus. Beweisen kann er seine Annahmen nicht.


Gert Loschütz, 1946 in Genthin (Sachsen-Anhalt) geboren, hat Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke und Filmdrehbücher geschrieben.  Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, u. a. den Ernst Reuter Preis und den Rheingau Literaturpreis. Mit seinem Roman 'Dunkle Gesellschaft' stand er 2005 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Mit dem Roman 'Ein schönes Paar' (2018) wurde er ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Autor lebt mit seiner Familie in Berlin.


Bibliografische Angaben

Gert Loschütz
Ein schönes Paar

Roman

240 Seiten, Hardcover
2. Auflage 2018

Schöffling Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 9783895611568

Ladenpreis 22,00 Euro