Einzelartikel aus „https://bruecke-unter-dem-main.de - Frankfurter Netzzeitschrift“

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Social Media dient der Manipulation, nicht der Information

Naive Positionen helfen nicht weiter

Die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main lehnt ein Social-Media-Verbot ab und bedient sich dabei keiner wissenschaftlich fundierten Argumente. Allem Anschein nach ist ihre Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten gestört, mutmaßlich sogar ideologisch überlagert. Das zeigt sich bereits an ihrer Sprache, die von einer sogenannten Gerechtigkeitssemantik durchdrungen ist und entscheidend vom Hochdeutschen abweicht.

 

So wird z.B. der nicht vorhandene direkte Zusammenhang zwischen Personen und Sachen einerseits sowie den Wörtern andererseits, mit denen diese bezeichnet werden, geleugnet. Diese Divergenz beruht auf der langen Entwicklungsgeschichte der deutschen Sprache. Folglich ist bei einem Großteil der Wörter das grammatische Geschlecht anders als das natürliche. Damit konnte man über Jahrhunderte gut leben, die Präzision des Deutschen hat darunter nicht gelitten. Im Gegenteil: Denn das ließ Abstraktionen zu. Die Gebildeten kannten und kennen das Epikoinon (altgriechisch epikoinos = gemeinsam = Genus und Sexus übergreifend). Erst mit den Versuchen, die Sprache zu moralisieren (anstatt Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu beseitigen), also die Grammatik faktisch zu sexualisieren, änderte sich das.

 

Da ich mich bereits vor neun Jahren in den Verteiler der Bildungsstätte eingetragen habe, erhalte ich die monatlichen Newsletter und werde mit „Liebe Leser*innen“ angesprochen. Als Publizist und Sprachanalytiker lege ich jedoch Wert auf eine korrekte Anrede. Denn ich verstehe mich nicht als Trägerobjekt eines Anhängsels. Wobei Letzteres gar nicht gefragt wurde, ob es deklassiert werden will (70 Prozent der Frauen wollen es nicht). Falls die Anwendung des amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung der Bildungsstätte nicht möglich sei, möge man mich aus dem Verteiler streichen. Doch mein eindeutig geäußerter Wille wurde nicht beachtet. Selbst eine anwaltliche Abmahnung blieb erfolglos. Daraus folgere ich, dass die Verantwortlichen in der Bildungsstätte neben der Grammatik auch die Kulturtechnik des verstehenden Lesens nicht beherrschen.

 

Wobei die Moral, welche die Bildungsstätte Anne Frank für sich in Anspruch nimmt, offensichtlich sehr fragwürdig und mindestens gespalten ist. Als vor einem Jahr US-Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchener Sicherheitskonferenz die AfD als demokratische Partei bezeichnete, die zu Unrecht als rechtsextremistisch diskreditiert würde, regte sich in der Bildungsstätte kein Widerspruch. Mit keinem Wort wurde in den Newslettern darauf eingegangen. Kein Wort auch zu den über 400.000 US-Soldaten, die im Kampf gegen Nazi-Deutschland fielen. Die Weltanschauung der Nazis und die der AfD liegen in wesentlichen Punkten dicht beieinander. Wer sich auf Anne Frank bezieht, sollte das wissen.

 

In der Auseinandersetzung um kommerzielle Internetforen macht sich diese Bewusstlosigkeit ebenfalls bemerkbar. Meta, Byte Dance und Alphabet finanzieren ihre Plattformen durch Werbeeinnahmen. Je anspruchsloser, ja, je primitiver die inhaltlichen Angebote sind, umso mehr werden sie von Menschen ohne oder mit nur geringen Kultur-, Medien- und Politikkenntnissen angeklickt. Der „eindimensionale Mensch“ (Herbert Marcuse) ist der ideale Nutzer und Werbeadressat. Social Media ist keine Alternative zu klassischen Nachrichtenmedien, wie die Bildungsstätte meint. Tatsächlich ist sie die Abkehr von seriöser Information und die Hinwendung zur Manipulation. Und nicht zuletzt ist sie ein Einfallstor für sexuellen Missbrauch und demokratiefeindliche Ideologien. Wer das verinnerlicht hat, wird die Finger davon lassen. Eine erste Stufe zur Distanzwahrung wäre das Verbot für bestimmte Altersgruppen. Falls diese Erkenntnis gegen Grundüberzeugungen der Bildungsstätte Anne Frank verstößt, sollte sich die Einrichtung selbst infrage stellen.

 

 

Klaus Philipp Mertens