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Vom Geist der Zeit | Die Meinungsseiten

Die Zukunft der öffentlichen Bibliotheken

Die Erfahrungen des Fördervereins PRO LESEN

in Frankfurt-Sachsenhausen 2009 - 2025

 

I   Initiative zur Gründung eines Fördervereins für die Stadtbücherei in Frankfurt-Sachsenhausen

 

Zwischen März und August 2009 versammelten sich Literaturinteressierte aus dem Stadtteil, um die Gründung eines Fördervereins für das städtische Bibliothekszentrum Sachsenhausen vorzubereiten. Es gab 14 regelmäßige Teilnehmer. Davon waren drei Mitglieder des Ortsbeirats 5 (Oberrad – Sachsenhausen- Niederrad.
Die Gründung fand am 17. September 2009 statt. Zum Ersten Vorsitzenden wurde Peter Heinrich gewählt. 

Im Folgenden wird auf Aktennotizen, Materialien und Protokollauszüge aus dieser Zeit Bezug genommen. Eingeflossen sind auch Anmerkungen und fortführende Bearbeitung von 2010 bis 2025 von Klaus Philipp Mertens, der seit dem 5.10.2010 Erster Vorsitzender ist (Peter Heinrich war im Januar 2010 überraschend gestorben).,

 

 

II   Rahmenrichtlinien der Kultusministerkonferenz für das Angebot öffentlicher Büchereien

 

 

Die Arbeitsgruppe bediente sich bei der Erstellung der Vereinssatzung und des Grundsatzprogramms weiter Teile der dritten Empfehlung der Kultusministerkonferenz von 1994, die bis heute gültig ist. In dieser heißt es:

„Die Öffentlichen Bibliotheken sind Informations-, Bildungs- und Kultur­einrichtungen. Sie haben die Aufgabe, der Bevölkerung Bücher, Zeitun­gen und Zeitschriften, Bild- und Tonträger und andere Medien bereitzu­stellen sowie Daten und Informationen zu übermitteln und die Benutze­rinnen und Benutzer zu beraten. Sie sollen zur allgemeinen Orientierung und freien Meinungsäußerung beitragen, die Aus-,Fort- und Weiterbil­dung fördern, die tägliche Berufsarbeit unterstützen und Möglichkeiten für Begegnung und Meinungsaustausch und die Gestaltung der Freizeit anbieten. Sie stehen allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern offen, leisten für den Einzelnen Hilfen zu verantwortlichem Handeln und dienen zu­gleich der Gesellschaft im demokratischen und sozialen Rechtsstaat.

Über die traditionellen Bibliotheksangebote hinaus verstehen sich Öffent­liche Bibliotheken heute als Informationszentren und Begegnungsstät­ten, die gleichzeitig der Leseförderung dienen und kulturelle Aktivitäten ermöglichen.“

 

 

III   Das Selbstverständnis von Pro Lesen

 

Die Leitlinien des Bibliothekspapiers der Kultusministerkonferenz wurde zum Leitbild des Fördervereins:

„Literatur ist die Reflexion der Wirklichkeit, sie spiegelt Tatsachen und Träume, beschreibt menschliche Größe und moralisches Scheitern, han­delt von Gewissheiten, Irrtümern und von der Suche nach sich selbst. Und sie wird von der Hoffnung getragen, dass verantwortliches Tun und Lassen letztlich sinnvoll ist. Damit Literatur als Gedächtnis, Bestandsauf­nahme und Vision wirken kann, bedarf es der Fähigkeit zum abstrahie­renden Denken und der Kulturtechnik des verstehenden Lesens. Letz­tere scheinen in eine Krise geraten zu sein, weil die Komplexität mensch­licher Lebenszusammenhänge, insbesondere durch Veränderungen der Arbeitswelt sowie des gesamtgesellschaftlichen Diskurses unzulässiger­weise reduziert werden auf vermeintlich einfache, tatsächlich aber ba­nale Simplifizierungen. Auf den ersten Blick scheint die digitale Medien­welt dem Lesen eines gedruckten Buches oder einer Zeitschrift entge­genzustehen. Doch auch Digitalisierung setzt logisches Denken, verste­hendes Lesen und formvollendetes Schreiben voraus.

Vor diesem Hintergrund bricht der Förderverein Pro Lesen die literarische Welt herunter auf die kulturellen Bedürfnisse einer Stadt, konkret auf die des Frankfurter Stadtteils Sachsenhausen im Kontext seiner Bildungs­einrichtungen. In diesem Umfeld besitzt das städtische Bibliothekszent­rum einen besonderen Stellenwert. Vor allem bei der Nutzung dieser Chancen will Pro Lesen unterstützen.

Seine Zielgruppen sind junge Erwachsene und die nachfolgenden Gene­rationen. Für Kinder vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr halten wir die Erziehung in Elternhaus und Schule am besten geeignet für die Vermittlung des verstehenden Lesens sowie der Weckung des Interesses an Büchern. Vielmehr möchten wir Eltern und Lehrer an die gesamte Breite der Literatur heranführen.

Diese Strategie berücksichtigt auch die Entwicklung zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr. In dieser Zeit lässt die ursprüngliche Vertrautheit mit Büchern vielfach spürbar nach. Es entstehen sogar Brüche, sodass Literatur ihren Stellenwert verliert. Selbst dann, wenn in der Schule Bücher oder digitale Medien als Referenzen für den Lehrstoff zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Öffentliche Büchereien sollten diesem Interessenwechsel, der eine Be­gleiterscheinung des allmählichen Erwachsenwerdens ist, konstruktiv entgegenwirken. Indem Wege aufgezeichnet werden von der spannen­den Jugendlektüre hin zu Sachbüchern und zur Beschäftigung mit litera­rischen Themen. Der einfachste Weg zu diesem Ziel besteht in der akti­ven Begleitung der Jugendlichen durch ein transparentes umfangreiches Literaturangebot. Eine ständige fachkundige Beratung durch die Bibliotheksmitarbeiter ist dazu unerlässlich.

Pro Lesen unterstützt solche Maßnahmen durch Veranstaltungsthemen, die gesellschaftlich Relevantes, das sich in der Literatur niedergeschla­gen hat, zur Sprache bringen. Ereignisse und deren Reflexion sind seit jeher Elemente der Allgemeinbildung.

Mit den geplanten zehn Themenwochen im Jahr und einem jeweiligen Donnerstagabend-Studio mit Vorträgen und Lesungen werden seit März 2011 sämtliche erreichbaren Altersgruppe dazu motiviert, (wieder) zum Buch zu greifen. Sei es zur Information und Fortbildung, sei es zur anregenden Unterhaltung. Ob es sich dabei um gedruckte Bände oder digitale Medien handelt, ist zweitrangig. Denn der jeweils notwendige intellektuelle Transferprozess ist identisch. Wer das verstehende Lesen sowie das logisch strukturierte ausdrucksfähige Schreiben nicht gelernt hat, kann weder in der analogen noch der digitalen Welt Fuß fassen. 

 

 

IV   Verstehendes Lesen und Medienkompetenz:
Die Hauptzielgruppen sind Eltern und Lehrer

(Bewahrt die Eltern vor Dummheit und macht die Lehrer endlich klug.)

 

Der Literaturkritiker Denis Scheck wurde im Mai 2025 mit dem neugestif­teten „Friedrich Perthes Preises des deutschen Buchhandels“ ausge­zeichnet. In seiner Dankesrede im Juni äußerte sich Scheck über das, was nach seiner Feststellung der Literatur und dem verstehenden Lesen entgegensteht. Also über Lesewut, die Zerstörung von Bildungsbrücken, das Schleifen von Kultureinrichtungen, die neuen Hirnpest-Epidemien Romantasy und New Adult, sentimentalen Schmonzes und induzierte ideologische Legasthenie (Gendern).

Die Pro Lesen-Redaktion fand in Schecks Rede viele Übereinstimmungen zu ihren eigenen Wahrnehmungen aus mittlerweile 16 aktiven Jahren (Jahresende 2025). Ich gebe Schecks Thesen zunächst ohne Kommentierung wieder:

Lesen ist entgegen eines landläufigen Missverständnisses nicht Wellness. […]

»Nichts auf dem Teller und alles auf der Rechnung!« mit diesen wirkmächtigen Worten versetzte Paul Bocuse einst der Nouvelle Cuisine den Todesstoß. Ich wünschte, ich fände eine ähnlich potente Zauberformel für jene Hirnpest in Buchform, die unter dem Rubrum Romantasy und New Adult die Regale unserer Buchhandlungen und Bestsellerlisten verstopft und gewaltige Lesewut in mir auslöst.“

Ein Beispiel dafür ist Rebecca Yarros. Ihre „Fourth-Wing"-Romane sind strunzdumme militaristische Drachenpornos, die sich leider gut verkau­fen.

Ich bin alles andere als ein Verächter von gut gemachter Unterhaltungs­literatur. Wildwest, Krimis und Science Fiction waren die ersten Lieben meines Lebens als Leser. (Hier stimmt Klaus Philipp Mertens ausdrücklich zu.)

 Ich gönne Verlagen und Buchhandlungen von Herzen die Umsätze im New Adult Genre. Und ich glaube durchaus an die Evolution des Lesegeschmacks – man kann mit Perry Rhodan-Heftchen literarisch sozialisiert werden und nach einigen Jahren bei Stanislaw Lem landen.

Dennoch warne ich vor einer falschen Versöhnlichkeit in Sachen Litera­tur. Ebenso wenig wie sich Gastrokritik nach dem Motto "Hauptsache, es wird gegessen!" betreiben lässt, kann man Literaturkritik auf ein Funda­ment »Lesen, lesen, lesen - egal was!« stellen.

Es heißt dann immer, man solle doch froh sein, wenn die Jugend über­haupt lese. Mag sich darüber freuen, wer will. Ich verstehe mich als Lite­raturkritiker weder als Teil einer Alphabetisierungskampagne in einem Entwicklungsland noch als auf junge Wählerstimmen schielender Politi­ker. Angesichts des Vulgären, Dummen und Abgeschmackten hilft nur energisch vorangetriebene literaturkritische Abrissarbeit.

Drachenscheiße, wie sie beispielsweise Rebecca Yarros serviert, bleibt eben Drachenscheiße. Auf dem Schulhof meiner Grundschule kursierte zur Beschreibung solcher Sachverhalte die Abkürzung »Dbd-dhkP!«. Das bedeutete: Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen.

Für einen Literaturkritiker sind die größten Feinde der Kitsch und das Kli­schee. Ein Klischee ist die größte Verdichtung von Dummheit auf kleinstem Raum.Kitsch ist das anbiedernd Erwartbare. Ich möchte, dass Leserinnen und Leser, vor allem die jüngeren, unausrechenbar bleiben und eine unausrechenbare Literatur lesen.

Ich warne vor den Gemeinplätzen unserer Gegenwart, vor dem bis zum Erbrechen Wiedergekäute. Denn es handelt sich um die Themen jener, die mit dem Strom schwimmen.

Der in meinen Augen grandioseste Romanfang aller Zeiten lautet:

"Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit, es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens, es war die Saison des Lichts, es war die Saison der Dunkelheit, es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung, wir hatten alles vor uns, wir hatten nichts vor uns, wir gingen alle direkt in den Himmel, wir alle machten uns in die andere Richtung auf ...".

Auflösung am Schluss.

In einer pulitzerpreiswürdigen Reportage für das Magazin „The Atlantic" hat der amerikanische Journalist Alex Reisner minutiös beschrieben, wie Mark Zuckerbergs Konzern Meta sich zum Training seines jüngsten KI-Modells Llama 3 sage und schreibe 7,5 Millionen unter Copyright ste­hende Bücher und wissenschaftliche Aufsätze unter den Nagel gerissen hat – und dies auf ausdrückliche Anweisung Zuckerbergs selbst. Mark Zuckerberg ist damit zum größten Pick-up-artist in der Geschichte des Verlagsbuchhandels geworden.

 

 

V   Konfrontation mit der Wirklichkeit & Förderung von Multiplikatoren

 

Bereits 16 Jahre vor den beeindruckenden und wegweisenden Erkennt­nissen von Denis Scheck entschied sich Pro Lesen für eine besondere Art der Förderung. Nämlich für die Konfrontation mit der Wirklichkeit, der Wirklichkeit der Literatur und allem, was sie von der Welt und den Men­schen vermittelt. Statt der Reduktion von Komplexität, die von den Befürwortern einer „einfachen Sprache“ propagiert wird, stellen wir sprachliche (stilistische) und inhaltliche Herausforderungen in den Raum. Da alles in der Welt komplex angelegt ist, ein Zustand, den die Menschheit erst allmählich begreift, können wir weder einfach denken, noch einfach sprechen und also auch nicht einfach handeln. Denn alles griffe zu kurz. 

Wenn ein Informatiker (oder Mathematiker oder Programmierer) eine di­gitale Maschine mit Algorithmen füttert, die selbstständige Prozesse zur Erledigung definierter Aufgaben ermöglicht (künstliche bzw. digitale Intel­ligenz), muss er die größtmögliche Komplexität der Elemente und Ver­fahrensschritte in die mathematisch-logische Konstruktion einbauen. Die künstliche Intelligenz muss der Neuroanatomie des Menschen sehr nahe kommen. Wobei nur solche Menschen als Modelle taugen, die ihre biologischen Anlagen (Talente) erkennen und weiterentwickeln. Wer sich keine Gedanken macht, durchschaut nichts. Er macht sich abhängig von anderen. Eine einfache Sprache kann nur die Sprache von Sklaven und Untertanen sein. Denn die Sprache muss ein Abbild sein von allem, was ist. Einfach dürfte Sprache nur im Sinn von schnörkellos sein, dass sie eindeutig und genau ist, ohne verschleiernde Worthülsen. In der ambitionierten Literatur kann man dieser Art von Kommunikation begegnen. New Adult und New Romance hingegen sind Nebelkerzen, welche die Wirklichkeit verschleiern.

 

 

VI   Vorsicht vor Ideologien

 

Pro Lesen erhält regelmäßig Verlagsinformationen über neue Bücher. Vieles davon fließt in die Planung der Themenwochen ein, zu denen wir zehnmal im Jahr ins Bibliothekszentrum Sachsenhausen einladen.

Verärgert sind wir jedoch, wenn uns Literarisches, das vollständig in kor­rektem Hochdeutsch verfasst wurde, in einer ideologisch verstümmelten Sprache empfohlen wird. Wenn aus Autorinnen und Autoren, Schriftstel­lerinnen und Schriftstellern, Leserinnen und Lesern im Handstreich Au­tor*innen, Schriftsteller*innen und Leser*innen werden. 

Wer die Grammatik der deutschen Sprache inklusive ihrer Logik, beides Produkte einer genuinen Entwicklung, verinnerlicht hat, benötigt nicht das Instrumentarium von Bildungsfernen, um Geschlechtergerechtigkeit sichtbar zu machen. Eine induzierte ideologische Legasthenie ist weder modern noch fördert sie das zwischenmenschliche Verständnis.

Wer das Weibliche mittels eines Asterisks oder eines Doppelpunkts an vermeintlich männliche Formen anhängt, wünscht sich die Abhängigkeit der Angehängten. Das Angehängte (nennen wir es B) ist auf die Existenz des Vorangehenden (sein Name sei A) angewiesen. Das kann man be­reits beim Sprachlogiker Gottlob Frege nachlesen:

»Wenn A, dann B« und »B, falls A». 

Die Nestorin der feministischen Linguistik, Luise F. Pusch, warnte vor 40 Jahren vor solchen Versuchen und befürchtete eine Hierarchisierung zu Lasten von Frauen. Diese würden auf ein Anhängsel reduziert.

Pro Lesen ist durchaus diskussionsbereit, wenn es um das Thema Geschlechtergerechtigkeit geht. Aber wir verlangen Augenhöhe. Wer das sogenannte Gendern für eine legitime, aus der Sprachentwicklung in genuiner Weise abgeleitete Form hält, möge seine Meinung bitte anhand der vorliegenden zahlreichen Studien zum Epikoinon (sexusindifferentes generisches Maskulinum) begründen. Und sollte auch Stellung nehmen zur Entscheidung des Rats für deutsche Rechtschreibung, dass Sonderzeichen im Wortinneren wie Asterisk ("Gender-Stern"), Unterstrich ("Gender-Gap"), Doppelpunkt oder andere, die die Kennzeichnung aller Geschlechtsidentitäten vermitteln sollen, nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie gehören und nicht in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung aufgenommen werden können. Sie seien derzeit nicht wissenschaftlich eindeutig zu begründen.

Zwanzig Jahre nachdem der DUDEN-Rechtschreibung seine Rolle als Referenzwörterbuch verlor und vom Amtlichen Regelwerk des Rats für deutsche Rechtschreibung ersetzt wurde, befindet sich noch kein einzi­ges Exemplar dieses Handbuchs im Bestand der Frankfurter Stadtbü­cherei (Stand Dezember 2025). 

Gemäß der internationalen Übereinkunft zur Rechtschreibung in deutschsprachigen Ländern müssen die Regeln bis spätestens 2027 in den Schulen umgesetzt werden, in Hessen soll das im Lauf des Jahres 2026 abgeschlossen sein. 

Möglicherweise liegt das Fehlen des Nachschlagewerks an der Ange­botspolitik der „ekz Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken“ in Reut­lingen, die Literatur offensichtlich bevorzugt anhand des Werbesiegels „Spiegel-Bestseller“ auswählt. Doch das hilft den Schülern, deren Klas­sen- und Abschlussarbeiten nicht gewertet werden, nicht weiter. 

Es geht um Wissenschaft und nicht um Ideologie. Wer Euklids Beweise für die Richtigkeit der binomischen Formeln infrage stellt, muss sich zwangsläufig in Algebra und in höherer Mathematik allgemein sehr gut auskennen. Andernfalls gilt der 7. und letzte Satz von Ludwig Witt­gensteins „Tractatus logico-philosophicus“: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

 

Die Nazis haben Frauen bewusst die Rolle von „Müttern im Vaterland“ zugewiesen, sie rangierten nach den Vätern und den Männern. Im Kontext der Phrase von den „Arbeitern der Stirn und der Faust“ entstand das nicht minder schlimme Wort von den „Kulturschaffenden“. Es hat sich bis heute in manchen Feuilleton-Redaktionen eingenistet. 

Die Journalisten Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind haben wenige Monate nach dem 8. Mai 1945 mit dem „Wörterbuch des Unmenschen“ begonnen, einer kritischen Auseinandersetzung mit der Sprache des NS-Staats. Es erschien zunächst als Fortsetzung in der Zeitschrift „Die Wandlung“. 1957 folgte die erste Buchauflage.

 

Verstehendes Lesen und präzises Schreiben sind Voraussetzungen für den verstandesmäßigen Umgang mit den abstrahierenden Beschreibun­gen für die Elemente der Welt und des Lebens. Lesen ist – wie Denis Scheck konstatierte – kein Wellness, sondern Anstrengung.

 

 

VII   Erfahrungen aus der Stadtteilbücherei am Lokalbahnhof Sachsenhausen sowie im Bibliothekszentrum Sachsenhausen (Depot)

 

Ein Ehepaar, sie Sozialpädagogin, er Jurist, hatte sich vor dem Umzug der Stadtteilbücherei Sachsenhausen aus dem Gebäude am Lokalbahn­hof in das neue Domizil im ehemaligen Straßenbahndepot ein Bild ge­macht vom Bestand an Werken der Autoren, die zur „Gruppe 47“ gehör­ten. Deren Prosa und Lyrik war wegweisend für die Literatur der jungen Bundesrepublik und wird bis heute rezipiert. Dabei ging es nicht um sämtliche der ca. 360 Autorinnen und Autoren, die von Hans Werner Richter zu den Treffen eingeladen wurden. Doch alle, die sich in der Literaturgeschichte einen Namen gemachte hatten, sollten es schon sein.

 

Die Suchliste  umfasste folgende Namen:

Ilse Aichinger, Carl Amery, Alfred Andersch, Rudolf Augstein, Ernst Au­gustin, Ingeborg Bachmann, Wolfgang Bächler, Reinhard Baumgart, Ul­rich Becher, Rolf Becker, Hans Bender, Peter Bichsel, Horst Bienek, Ernst Bloch, Johannes Bobrowski, Heinrich Böll, Elisabeth Borchers, Nicolas Born, Helmut M Braem, Hans Christoph Buch, Paul Celan, Peter O. Chotjewitz, Friedrich Christian Delius, Milo Dor, Tankred Dorst, Heinz Dürrbeck, Günter Eich, Herbert Eisenreich, Gisela Elsner, Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Euler, Reinhard Federmann, Hubert Fichte, Paul Flora, Hans Frick, Erich Fried, Barbara Frischmuth, Walter Helmut Fritz, Franz Fühmann, Gerd Fuchs, Günter Grass, Sebastian Haffner, Rudolf Hagelstange, Peter Hamm, Peter Handke, Ludwig Harig, Peter Härtling, Rudolf Hartung, Rolf Haufs, Herbert Heckmann, Christoph Hein, Helmut Heißenbüttel, Günter Herburger, Stephan Hermlin, Wolfgang Hildeshei­mer, Walter Höllerer, Urs Jaeggi, Walter Jens, Uwe Johnson, Alfred Kan­torowicz, Yaak Karsunke, Helmuth Karasek, Erich Kästner, Daniel Keel, Walter Kempowski, Hermann Kesten, Wolfgang Koeppen, Rudolf Krä­mer-Badoni, Ernst Kreuder, Horst Krüger, Erich Kuby, Günter Kunert, Dieter Lattmann, Hermann Lenz, Siegfried Lenz, Rudolf Walter Leon­hardt, Reinhard Lettau, Jakov Lind, Thomas Münster, Wolfgang Neuss, Klaus Nonnenmann, Helga M. Novak, Hermann Peter Piwitt, Elisabeth Plessen, Fritz J. Raddatz, Ruth Rehmann, Marcel Reich-Ranicki, Christa Reinig, Gregor von Rezzori, Luise Rinser, Peter Rühmkorf, Hans Sahl, Hans Joachim Schädlich, Paul Schallück, Ernst Schnabel, Peter Schnei­der, Rolf Schneider, Wolfdietrich Schnurre, Rolf Schroers, Günter Seu­ren, Johannes Mario Simmel, Gerhard Szczesny, Albert Vigoleis Thelen, Guntram Vesper, Klaus Wagenbach, Martin Walser, Otto F. Walter, Peter Wapnewski, Günter Weisenborn, Peter Weiss, Dieter Wellershoff, Wolf­gang Weyrauch, Roland H. Wiegenstein, Gabriele Wohmann, Ror Wolf, Dieter E. Zimmer, Gerhard Zwerenz. 

Das Ergebnis der Recherche war unbefriedigend bis niederschmetternd. Manche Autoren fehlten vollständig, selbst bekannte waren nur unvollständig vertreten. Das galt auch für viele moderne Schriftsteller, die nicht zur Gruppe 47 zählen. Und auch Klassiker waren nur noch mit alten, sich in einem schlechten Zustand befindlichen Ausgaben im Katalog nachweis­bar.

Die Nachforscher haben Kontakte aufgenommen zu ehemaligen Auslei­hern der Stadtteilbibliothek Sachsenhausen und diese gefragt, warum sie das Angebot nicht mehr nutzten. Der größte Teil vermisste Literarisches, sowohl neues als auch altes. Nach Wahrnehmung der meisten ehemaligen Stammbesucher hätte im Lauf der Jahre die Bibliotheksatmosphäre gelitten. Insbesondere undisziplinierte Schüler hätten große Unruhe verursacht. 

Pro Lesen stößt bei der Zusammenstellung der Büchertische, die seit März 2011 jede Themenwoche begleiten, immer wieder auf die Schwierigkeit, relevante Titel im Bestand der Bibliothek zu finden.

Möglicherweise war im Lauf der Jahre einiges aussortiert und makuliert worden, was nicht mehr ausgeliehen wurde. Doch welche Aussagekraft besitzt eine Ausleihstatistik? Würde die Stadtbücherei eine kontinuierliche Informationswerbung für sämtliche Bereiche ihres Angebots machen und dabei Autoren bzw. Titel keine Resonanz finden, besäße eine Lister der meistgelesenen Bücher eine zumindest beschränkte Aussagekraft. Andererseits sind kommunale Bibliotheken keine verlängerten Arme der Bestsellerindustrie. Ja, die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz sind auch eine Aufforderung, das Literarische zu pflegen und dadurch zur Geschmacksbildung des Publikums beizutragen. 

Es hat den Anschein, dass das Selbstverständnis der Bibliotheken auch an diesem Punkt zu hinterfragen ist.

Ein anderer Punkt sind zusätzliche Funktionen, welche die Bibliothek ent­weder übernommen hat oder die sie selbst für relevant hält und anbietet. Wie objektiv wünschenswert sind Bereiche, die lediglich Anlaufstellen für Schüler sind und in keinem erkennbaren Bezug zur Allgemein- und Lesebildung stehen? Chill-Zonen locken zweifellos junge Besucher an. Aber sie stoßen Besucher, die andere Prioritäten setzen, ab. Und es lässt sich nicht nachweisen, dass aus den Chill-Gruppen stabile Leserinnen und Leser hervorgegangen sind. Pro Lesen hat das seit dem Ende der Corona-Zeit, die von Einschränkungen geprägt war, festgestellt. Interessierte, die sich während der Woche an den Büchertischen zur jeweiligen Themenwoche orientieren wollten, fühlten sich gestört, teilweise belästigt. Durch den Umzug in das Obergeschoss konnten derartige Zusammenstöße zwischen unterschiedlichen Besuchergruppen vermieden werden. 

An der neuen Stelle schlägt jedoch immer häufiger die Stunde der Wahrheit: Einerseits freuen sich Literaturfreunde über die Möglichkeit, die kleinen Buchausstellungen in Ruhe auf sich wirken lassen zu können. Andererseits sind sie enttäuscht, wenn sich zu einem Thema keinerlei Titel in der Bibliothek selbst finden und die ausgestellten Bücher ausschließlich aus dem Archiv des Fördervereins stammen. 

 

 

VIII   Die Leseförderung durch Buchhandlungen, Verlage und Verbände erweist sich als problematisch

 

Seit einer Reihe von Jahren versehen Verlage ihre Bücher mit dem Auf­druck „SPIEGEL-Bestseller. Diese Bände werden offenbar gut verkauft. Von wem, also welchen Lesergruppen, sie erworben werden, wird nicht gesagt. Es gibt auch keinen Hinweis auf die die Marketingstrategien von Filialisten wie Thalia und Hugendubel. Die liefern Buchauswahlen an private und kommerzielle Kunden, die sich entsprechend registriert haben. Die Aussendungen gelten als Verkäufe, Remittenden werden erst später berücksichtigt. Vielfach wird auf den Etiketten auch für Autoren geworben, die mindestens einen SPIEGEL-Bestseller geschrieben haben. 

Im Gegensatz zur SPIEGEL-Bestsellerliste sind die Verkäufe der Buchgroßhändler, der Barsortimente, viel aussagefähiger. 

Ein kritischer Buchhändler aus dem niederrheinischen Moers bezeichnet angesichts der nicht entschlüsselbaren Botschaft diese Aufkleber seit ei­nigen Monaten als „Arschgeweihe der Literatur“. Mittlerweile tun es ihm viele nach. Die vermeintliche Auszeichnung verliert an Wert. Dass sollte man wissen, wenn man einen SPIEGEL-Bestseller in der Hand hält. Er­kennbar versperren sie auch in öffentlichen Bibliotheken die Regale – zu Lasten der besseren Literatur.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der in Frankfurt am Main seinen Sitz hat, praktiziert seit dem Jahr 2005 eine besondere Marketing­aktion zur Förderung des Buches. Zur jeweiligen Buchmesse vergibt der Verband den „Deutschen Buchpreis“. Eine vorgeblich unabhängige und jeweils neu besetzte Jury stellt zunächst aus von den Verlagen einge­sandten Veröffentlichungen eine Longlist aus 20 Titeln zusammen, die nach eingehender Bewertung auf 5 Bücher schrumpft. Zum Schluss wird die Autorin bzw. der Autor zum Sieger erklärt, deren / dessen Roman die größte Zustimmung erhält. Nicht nur der Preisträger kann mit einem kom­merziellen Erfolg rechnen, auch die Werke, die es auf Long- und Shortlist geschafft haben, erzielen oft hohe Verkäufe.

Die literarische Qualität der Titel ist disparat. 2008 erhielt Uwe Tellkamp den Preis für „Der Turm“, obwohl dem Autor eine Nähe zur völkischen Ideologie nachgesagt wird. Von ganz anderem Gewicht war Ursula Krechels „Landgericht“, das 2012 ausgezeichnet wurde. Die Auszeich­nung von Kim de l’Horizon 2022 für „Blutbuch“ wurde als ideologische Verbeugung vor Nichtbinären verstanden, lässt sich jedoch nicht als literarisches Urteil aufrechterhalten. Antje Ravik Strubel zitierte in ihrem Roman „Blaue Frau“ Brechts „Seeräuber-Jenny“ ohne jeglichen Quellverweis. Auch die Lektüre des Buchs hat viele Leser nicht überzeugt. Sowohl die guten und die weniger guten als auch die literarisch minderwertigen Romane finden sich ohne erklärende Hintergrundinformationen im Bestand der Frankfurter Stadtbücherei. 

Vorläufige Schlussfolgerung: Es fehlt der Einrichtung an einer eigenen qualifizierten Entscheidungsstelle für Neuanschaffungen.

 

 

IX   Eine Bibliothek ist eine Bibliothek, weil sie eine Bibliothek ist

 

Eine Bibliothek ist perfekt, wenn Ihr Bestand an neuerer und bewährter Literatur einschließlich Kinder- und Jugendbüchern, an Sachbüchern und an Klassikern optimal ist und in einem transparenten Online-Katalog auch für Außenstehende sichtbar wird. Zur notwendigen Transparenz zählen eine detaillierte Präsentation entsprechend der Literatursachgruppen und Kurzkritiken zu jedem Titel. Wenn sie dieses Pflichtpensum erfüllt, kann eine Bibliothek über zusätzliche Angebote, die um die zentralen Bestandteile herum angeordnet werden, nachdenken. 

+ Auf sämtlichen Monitoren Einrichtung eines Links zum Verzeichnis liefer­barer Bücher, um das Gesamtangebot an Büchern in deutscher Sprache im Blick zu behalten.

+ Ebenso Zugriffe auf die Datenbänke von eingeführten Antiquariaten, um vergriffene Bücher aufspüren zu können. 

+ Eine permanente Ausstellung, die den Weg eines Buches vom Manu­skript über Verlagslektorat, Druckvorstufe, Druckerei, Buchbinderei bis in den Handel anschaulich macht.

+ Ein Infotisch mit Fachzeitschriften der Buchbranche: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, BuchMarkt, Buch-Journal und zwei bis drei literarische Zeitschriften (Merkur, die horen).

+ Um der die Literatur vernichtenden Bestsellerei zu entgehen, sollten die Geschäftsbeziehungen zur „Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken ekz“ auf Mobiliar und Chips für die Ausleihe reduziert werden.

 

 

LESEN-Redaktion . Klaus Philipp Mertens

Auflösung des Literaturrätsels von Denis Scheck: Charles Dickens, Eine Geschichte zweier Städte

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