Er nannte sich "l’autre", "der andere". Doch bei den anderen, den Deutschschweizern, ist der Schriftsteller aus der französischsprachigen Westschweiz heute fast vergessen. Das gilt auch für die anderen deutschsprachigen Länder. Im Gegensatz zu Frankreich, das ihn zwar spät ehrte, ihn aber zu den bedeutendsten modernen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt.
Fréderic Louis Sauser ist 1887 in La Chaux-de-Fonds auf die Welt gekommen und gelangte als Blaise Cendrars zu weltweitem Ruhm. Nach einer wilden Kindheit, die ihn von Neapel nach Basel und dazwischen an zahlreiche deutsche Internate brachte, setzt er sich in jungen Jahren von zu Hause ab. Erst nach Moskau und St. Petersburg, später nach Brüssel und London, bevor er mit seiner polnischen Frau in Paris landet, wo er 1912, nach ersten literarischen Versuchen, neu anfängt.
Aus den Worten Glut, französisch: braise, und Asche, cendres, formt er seinen Künstlernamen: Blaise Cendrars. Er entwickelt sich zu einem poetischen Anarchisten, gar zu einem spartenübergreifenden Modernisten, wird ein Abenteurer und Mystiker, der fasziniert ist vom Untergründigen und Berauschenden. Er entfaltet sich zu einem Freund des Unprätentiösen, des Nicht-Intellektualisierten, der Straße und des Bistros um die Ecke, „wo das Lachen der einfachen Leute von Herzen kommt und von ihren Lippen eine wunderbare Sprache fließt".
Blaise Cendrars war zeitlebens das Gegenteil von einem in der Stube schreibenden Autor. Er war ein völlig neuer Typ. War der Schriftsteller der Aktionist wird und der Aktionist, der sich die Zeit zum Schreiben nimmt. Keine Prügelei und kein Saufgelage, von denen er berichtet, speist sich nur aus seinem Gedächtnis, immer ist er mittendrin. Zumeist ist er gerade von einer Reise zurückgekehrt und greift dann zum Schreibblock. Sein Herz Städten, in denen das Leben tost. Wie z.B. Marseille: die „Stadt des Ankommens“, mit ihrer, wie Cendrars notiert, „wunderbaren Vitalität, ihrem Durcheinander, ihrer Ungezwungenheit“, großmäulig und sonor wie eine Mistral Böe. Er findet, dass sich die Poesie auf der Straße bewegt. Sie geht Arm in Arm mit dem Lachen der Leute. Sie geht mit ihm in die Bistros an der Straßenecke einen trinken, wo das Lachen der einfachen Leute von Herzen kommt, und von ihren Lippen fließt eine wunderbare Sprache.
Blaise Cendrars spielt seine Stärken immer dann aus, wenn er sich in einer verdichteten Atmosphäre weiß: im Ersten Weltkrieg an der Front (wo er gleichermaßen der Stille wie dem Kanonendonner lauscht und ihn die ganz besondere Mischung aus Heldentum, Angst, Überdruss und Sehnsucht fasziniert, wo er aber auch seinen rechten Arm verliert); in den Straßen, im Hafen und in den Bars, wo er alle Gerüche lustvoll in sich aufnimmt, sich mit „beherzten Frauen“ umgibt, „die auch einen tüchtigen Schluck vertragen“, und mit wilden Seefahrern, die insgeheim Poeten und Künstler sind. In dieser Welt ist offensichtlich für die zartbesaiteten Dichter kein Platz. Aber es gibt ja einen Blaise Cendrars.
Während die einen Dichter und Denker sich in höhere Sphären bewegen, um so dem Niedergang von Kultur und Moral etwas entgegenzusetzen, sucht Cendrars die Kumpanei, den Korpsgeist und die „Originale“ (mit ihrer „Tollkühnheit“ und ihrem „Säuferwahnsinn"), erzählt von dem Leben in der Fremdenlegion, wo alles imaginär und Lüge ist, von den Wettläufen mit der Zeit an der Front, zwischen Minen und Gegenminen oder in unterirdischen Gewölbegängen, auf denen sich Sprengladungen häufen: „Rette sich, wer kann!“ Man hat den Eindruck, dass ihn alles erregt, was spannungsgeladen ist – man kann ihn einen Vorläufer der Angstlust-Generation nennen, der Bungee Jumper, Freeclimber, Snowrafter und dass er kaum einen Unterschied macht zwischen dem Krieg und einer „wüsten Keilerei“.
Auf eine geradezu wundersame Weise ist aber dieser Autor (den seine Tochter und Biographin Miriam Cendrars und sein Freund und Verehrer Henry Miller den „Kontinent Cendrars“ und eine „Dynamitladung“ nannten und seine Werke als „tosend“ charakterisierten, der von sich selbst sagte, er wolle mit seiner Literatur „Taten“ vollbringen, „Wirbelstürme“ entfachen und lieber „roh“ als „empfindsam“ sein), ist dennoch ein sensibler, von der Sprache verzauberter Wortjongleur, der den Rhythmen, Vibrationen und Modulationen der Sätze lauscht.
„Man kann sich als kreativer Mensch niemals dem Schreiben entziehen. Ebenso wenig wie man nur selten den Bedingungen des Lebens entkommen kann.“
Und so hat er bewusst in seinen autobiographischen Aufzeichnungen kleine Poetologien eingefügt: Bekenntnisse seiner Leidenschaft für das Schreiben, das ihn verzehre: „Der Akt des Schreibens ist ein Brand, der ein großes Gedankengewühl in Flammen aufgehen lässt und Bilderassoziationen in Funkenlohen verwandelt, um sie dann in knisternde Glut und Asche sinken zu lassen“.
Fazit: Schreiben als ein Verbrennen am lebendigen Leib und eine Wiedergeburt aus der Asche. Und dennoch sei Schreiben auch an die Distanzierung von der Welt, vom Lebendigen geknüpft, müsse als „theoretische Wahrnehmung“ betrieben werden.
Am Anfang seines schriftstellerischen Wegs steht 1925 ein kurzer Roman über den vermeintlichen Schweizer Nationalhelden Johann August Suter, der im 19. Jahrhundert in Kalifornien, damals eine mexikanische Provinz, eine Kolonie gründet, die er Neu-Helvetien nennt. Er erwirtschaftet ein großes Vermögen, das allerdings auf der Ausbeutung seiner Bauern und Handwerker und übervorteilenden Verträgen mit Lieferanten und Abnehmern beruht. Als auf seinen Ländereien Gold gefunden wird, löst das einen Rausch aus. Suter, der durch Gier nach oben kam, wird zum Opfer anderer Glücksritter.
1926 erscheint der Roman „Moravagine“, an dem er von 1912 – 1926 geschrieben hat.
In der Schweizer Irrenanstalt »Sanatorium Waldsee« erweckt der Patient Nr. 1731 das besondere Interesse des jungen Mediziners Raymond la Science, der hier nach eben bestandenem Examen seine erste Stellung antritt. Bei dem Kranken handelt es sich um Moravagine, den letzten Sprössling der mächtigen Familie G...y, den einzigen authentischen Nachkommen des letzten Königs von Ungarn. Moravagine verbringt als Waise seine Kindheit im Schloss der Vorfahren, von den Österreichern streng bewacht. Der Sechsjährige wird mit der österreichischen Prinzessin Rita verheiratet, die ihn von Zeit zu Zeit besucht. In einem Anfall von Wahnsinn tötet er zwölf Jahre später (1884) das Mädchen auf bestialische Weise, wird ins Gefängnis gesperrt und schließlich in die geschlossene Psychiatrie abgeschoben. Raymond la Science beschließt - aus wissenschaftlichem Interesse - Moravagine zur Flucht zu verhelfen. »Was bedeutet mir ein Mord mehr oder weniger auf dieser Welt... Endlich sollte ich mit einer menschlichen Bestie zusammen sein, ihr Leben teilen, sie begleiten, beobachten.«
Kaum in Freiheit, schändet und tötet Moravagine ein kleines Mädchen. Auf Umwegen fliehen Raymond und sein »Freund« nach Berlin, wo Moravagine nicht erkannt wird und Musik studiert, »weil er hoffte, damit dem Urrhythmus näherzukommen und den Schlüssel zu seinem Wesen, eine Rechtfertigung für sein Dasein zu finden«. Doch er wird enttäuscht und tobt sich in einer Serie gräulicher Morde aus, die ihn als »Jack the Ripper« (Jack, der Bauchaufschlitzer) berüchtigt macht. Raymond und Moravagine fliehen nach Russland, wo »der Idiot« zu einem der führenden Köpfe der ersten Revolution wird. Nach deren Scheitern (1907) verlassen die beiden Russland, um nach Amerika Wurzeln zu schlagen. Sie durchstreifen den Kontinent. Bei einem Ureinwohnerstamm am Amazonas steht Moravagine im Zentrum eines religiösen Ritus, den er zu sexuellen Orgien und einem furchtbaren Blutbad unter den Frauen ausarten lässt. Seiner eigenen, vom Ritus bestimmten Opferung kann Moravagine nur durch die Flucht entgehen. Mit Raymond kehrt er nach Europa zurück, lernt das Fliegen und nimmt als Pilot am Ersten Weltkrieg teil. In den Wirren der Schlachten verliert Raymond Moravagine aus den Augen: »Warum ließ er sich nicht blicken ? Er hätte die Sache mit diesem Krieg im Handumdrehen und ein für alle Mal erledigt. Warum stand er nicht an der Spitze dieses allgemeinen Gemetzels...?«
Durch einen Zufall findet der verwundete Raymond Moravagine, der zum Morphinisten geworden ist, in der Irrenanstalt von Sainte-Marguerite wieder, wo »der Idiot« 1917 an einem Gehirntumor stirbt. Er hinterlässt ein riesiges Konvolut an Manuskripten, darunter ein Wörterbuch, das die zweihunderttausend wichtigsten Bedeutungen des einzigen Wortes der Marssprache (»ke-re-kö-kö-ko-kex = Es bedeutet alles, was man will«) verzeichnet. Raymond nimmt alles in seine Obhut und versteckt die Texte.
Wenige Jahre danach wird er als Rebell in Spanien verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.
In „Moravagine“ spiegelt sich Cendrars Entsetzen über den Ersten Weltkrieg, über die aus dem Ruder gelaufene russische Revolution und die um sich greifende Technikgläubigkeit. Er hat den Eindruck, dass ein destruktiver »Urrhythmus« die Menschheit, sei es auf einer primitiven, sei es auf einer höchst entwickelten Kulturstufe ständig in die gleiche Richtung zu treiben scheint.
Die literarische Form des Romans versucht dem zu entsprechen. Eine zerrissene, oft wie gehetzt wirkende Sprache wird rhythmisch geordnet, die chaotische, sprunghafte Erzählung einer strengen methodischen Gliederung unterworfen. So kommt unmittelbar etwas zum Ausdruck von jener eigenartigen Mischung aus Rausch und Methode, Mythos und Wissenschaft, in der Cendrars zugleich fasziniert und abgestoßen den »Geist einer Epoche« erblickt, für die sein Roman nun selbst typisch wird.
1946 veröffentlicht Cendrars den Roman „Dan Yack“. Sein Autor lässt in ihm die Utopien und Fehlschläge eines durch den Ersten Weltkrieg erschütterten Jahrhunderts Revue passieren und entflammt in seinem Protagonisten Dan Yack, einem Millionär, Lebemann, Abenteurer und Sinnsuchenden, das Feuer der Moderne, das Sinn und Unsinn sowie sämtliche Abgründe und Höhen des 20. Jahrhunderts als Widersprüche des Zeitalters in sich vereint.
Blaise Cendrars hat insgesamt 40 Bücher verfasst. Mehrere Romane und viele Geschichtensammlungen. Kurz nach seinem Tod 1961 erschien bei dtv eine deutschsprachige Sammlung seiner kürzeren Erzählungen unter dem Titel „Wind der Welt“. Vor allem durch dieses Taschenbuch machte die heranwachsende junge Generation in Deutschland Bekanntschaft mit diesem außergewöhnlichen Schriftsteller. Nach und nach erschienen auch die bekannteren Romane in neuen deutschen Übersetzungen.
In seiner vierbändigen Autobiografie berichtet Blaise Cendrars offen über seine Lebensstationen und die Ereignisse, die ihn prägten. Er nennt sie „Lebens-Roman in Stücken“. Sie heißen: „Die Signatur des Feuers", „Die rote Lilie", „Rhapsodie der Nacht" und „Auf allen Meeren".
© BRÜCKE unter dem MAIN. Klaus Philipp Mertens

